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Ich bin ja 'bei #shice Müllermilch denk ich immer an die Republikaner' alt. blog.soziologie.de/2013/04/unternehmen-die-... /via #sozblog #TheoMueller #fckafd #flashback #transparenzpost

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Rassismus kritisieren – aber wie? Seit der _Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte_ ist die Ablehnung von Rassismus auch Bestandteil der normativen Selbstbeschreibung moderner Gesellschaften. Für die Überzeugung, dass Rassismus eine unzeitgemäße, wissenschaftlich widerlegte, moralisch abzulehnende und politisch zu bekämpfende Ideologie ist, kann inzwischen mit breiter Zustimmung gerechnet werden. Gleichwohl wirft die Frage einige Schwierigkeiten auf, wie es gelingen kann, nicht rassistisch zu sein und Rassismen nicht nur abzulehnen, sondern in überzeugender und wirksamer Weise zu kritisieren sowie zu vermeiden, dass die Kritik eine differenzierte Analyse durch Moralisierung ersetzt. Stuart Hall hat bereits 1980 akzentuiert, dass von unterschiedlichen Formen von Rassismus und damit von Rassismen im Plural auszugehen ist, die dynamisch und kontextabhängig sind (Hall 1980: 305–345). Daran anschließend haben Annita Kalpaka und Nora Räthzel Anfang der 1990er Jahre in ihrer damals einflussreichen Publikation „Die Schwierigkeit, nicht rassistisch zu sein“ darauf hingewiesen, dass rassistische Denkweisen und Praktiken keineswegs allein als Bestandteil traditioneller rassistischer Ideologien wirksam sind, sondern modernisierte Varianten in den Blick zu nehmen und eigene Verstrickungen in rassistische Hierarchien zu reflektieren sind (Kalpaka/Räthzel 1990). Pierre-André Taguieff hat in seiner zuerst 1988 erschienenen umfangreichen Studie „Die Macht des Vorurteils“ argumentiert, dass bestimmte Formen der Rassismuskritik selbst auf vorurteilsgeleiteten Annahmen über diejenigen basieren, die von ihren Gegnern als Rassisten imaginiert werden und die Logik antirassistischer Kritik dann deutliche Ähnlichkeiten zu den von ihm kritisierten rassistischen Denkweisen aufweist (Taguieff 2000). In der neueren Rassismusdiskussion hat Loïc Wacquant dezidiert für eine wissenschaftliche Analytik rassistischer Herrschaft plädiert, die Distanz zu common-sense Annahmen einnimmt sowie sozialwissenschaftliche Analysen nicht durch ein moralisches Schema der vereindeutigenden Unterscheidung in Täter und Opfer ersetzt (Wacquant 2023). Wiederkehrend problematisiert wurde eine übergeneralisierende Verwendung des Rassismusbegriffs. Kennzeichnend dafür ist der Verzicht auf eine differenzierte, empirisch fundierte Analyse der Ursachen, Formen und Folgen sowie der Reichweite unterschiedlicher Formen von biologischem und kulturellem Rassismus sowie anderer Formen ethnischer, religionsbezogener oder nationalistischer Diskriminierung sowie der Verdacht, Rassismus sei eine alle gesellschaftlichen Sphären durchdringende Herrschaftsform. Die damit angesprochenen Problematiken weisen auf einen theoretischen Klärungsbedarf hin, der nicht allein die Fragen betrifft, was die historischen und gesellschaftlichen Ursachen und Gründe von Rassismus waren bzw. sind, sondern auch, welche Widerstände und Kritik rassistische Denkweisen und Praktiken in den jeweiligen Kontexten haben. Sozialwissenschaftlich erklärungsbedürftig ist also nicht nur die Entstehung und Etablierung von Rassismus, sondern auch die Artikulationen von heterogenen Formen der Rassismuskritik. Damit stellt sich die Frage, was die gesellschaftlichen Ermöglichungsbedingungen von Rassismuskritik waren und sind. Darauf ausgerichtete Klärungen sind insbesondere deshalb relevant, weil es zweifellos nicht tragfähig ist, gegenwärtige Rassismuskritik als eine externe Kritik zu verstehen, die von außen an eine rassistische Gesellschaft herangetragen wird. Vielmehr handelt es sich um eine gesellschaftlich situierte Kritik, deren Voraussetzungen, Formen und Folgen sozialwissenschaftlich zu analysieren sind. Die gesellschaftliche Situierung auch von _Rassismuskritik_ wird exemplarisch in der Selbstverständlichkeit deutlich, mit der Immanuel Kant über die Frage nachdenkt, wie viele Rassen es gibt und was diese unterscheidet, während er zugleich die Einheit der Menschengattung als Vernunftwesen betont sowie das Prinzip der jedem Individuum zukommenden Würde begründet (Kant 1964 [1775]: 11–30; Kant 1964 [1785]: 65–82). Gesellschaftlich situierte Zusammenhänge von jeweiligen Rassismen und den Formen ihrer Kritik zeigen sich auch bereits in den Zusammenhängen von Sklaverei, Rassismus und Abolitionismus: Historisch älteren Formen der Sklaverei liegen noch keine rassistischen Einteilungen zugrunde, sie operieren als gewaltgestützte Macht, die nicht auf ideologische Rechtfertigungen angewiesen ist (Eckert 2021: 36ff.). Dagegen waren sowohl die Entstehung des transatlantischen Sklavenhandels im Kontext der Plantagenökonomie und seine nunmehr rassistische Ausprägung ebenso eng mit dem europäischen Expansions- und Modernisierungsprozess verschränkt wie später dann die formelle Abschaffung der Sklaverei (ebd.: 74ff.). Im Folgenden werden unterschiedliche Konstellationen von Rassismen und Rassismuskritik in der Absicht aufgezeigt, für problematische Vereinfachungen und Verkürzungen zu sensibilisieren, die aus einem ahistorischen und die eigene gesellschaftliche Situierung ausblendenden Selbstmissverständnis von Rassismuskritik resultieren können. In der Perspektive einer reflexiven Soziologie werden unterschiedliche Problematisierungsweisen von Rassismus skizziert sowie aufgezeigt, was dabei jeweils als Rassismus in den Blick genommen wird und was die Grundlagen und Implikationen der Kritik sind (Scherr 2020: Scherr/Müller 2025). ### Situierungen von Rassismus und Rassismuskritik Historische und gegenwärtige Rassismen versuchen in unterschiedlicher Weise rassistische Einteilungen und Hierarchien zu begründen und zu rechtfertigen. Dies ist immer dann erforderlich, wenn das Postulat der Existenz ungleicher und ungleichwertiger „Rassen“ gesellschaftlich nicht als vermeintlich unstrittige Tatsache betrachtet wird, also ein Bedarf an Begründung und Rechtfertigung besteht. Bereits im historischen Kontext der europäischen Eroberung Mittel- und Nordamerikas waren Sklaverei und Rassismus keineswegs unumstritten. Vielmehr wurde von Bartholomé de Las Casas, dem damaligen Bischof von Chiapas in Mexiko, eine religiös begründete Kritik artikuliert, die zu Kontroversen und religiösen Rechtfertigungsversuchen geführt hat (Frederickson 2011: 53ff.). Die Auseinandersetzung über Rassismus wurde dabei im Rahmen eines christlich-religiösen Weltbildes geführt. Im Unterschied dazu kommen gegenwärtiger Rassismus und gegenwärtige Rassismuskritik gewöhnlich ohne eine religiöse Begründung aus. Gleichwohl kann das Argument der gleichen Würde aller Individuen auch gegenwärtig durchaus noch theologisch begründet werden. Dies war etwa bei Papst Franziskus der Fall, der mit dem Verweis auf das Prinzip einer universellen Geschwisterlichkeit aller Menschen Rassismus als Verstoß gegen die Menschenwürde und als „ein Virus, das leicht mutiert, und, anstatt zu verschwinden, im Verborgenen weiter lauert“ problematisiert.[1] Dies hat bei ihm auch zu einer deutlichen Kritik der Migrationspolitik der Trump-Administration geführt.[2] Eine solche Positionierung des Papstes kann innerhalb der katholischen Kirche und von gläubigen Katholik:innen nicht ignoriert werden, entfaltet ihre Relevanz aber nur dort und von diesen – außerhalb dieser Sphären ist die Geltung gesellschaftlich anders situiert. Damit soll exemplarisch verdeutlicht werden, dass Rassismen und jeweilige Formen der Rassismuskritik kontextabhängig sind, d.h. auf Hintergrundüberzeugungen verweisen, die für jeweilige (religiöse, politische, wissenschaftliche) Weltbilder spezifisch sind. Das führt zu der Frage, welche Ansatzpunkte für Rassismus und für Rassismuskritik in den jeweiligen Kontexten gegeben sind. Dies ist politisch (und auch pädagogisch) folgenreich, denn eine Rassismuskritik, die auf Argumente (statt auf Verbote, Sanktionen oder moralische Beschämung) setzt, ist darauf verwiesen, an entgegenkommende Hintergrundüberzeugungen ihrer jeweiligen Adressat:innen anknüpfen zu können, um diese davon zu überzeugen, dass Rassismus auch von ihnen und _im Rahmen ihres Weltbildes_ abzulehnen ist. ### Problematisierungsweisen von Rassismus Rassistische Klassifikationen entwickelten sich in Europa seit dem 16. Jahrhundert im Kontext der europäischen Expansion und damit in Verbindung mit Sklavenhandel und Kolonialismus (Frederickson 2011: 46ff.). Rassismus entstand dabei als Ideologie, die ein auf körperliche Unterschiede (Hautfarbe, Physiognomie) bezogenes Einteilungsschema sowie ein Erklärungsschema für Unterschiede des gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungsniveaus herstellt. Die Existenz unterschiedlicher „Rassen“ wurde auch in der damaligen religiösen Kritik des Rassismus (s.o.) als unstrittige Tatsache vorausgesetzt. Dennoch ging man davon aus, dass die Menschen aller „Rassen“ vernunftbegabte Wesen sind und als solche anerkannt werden sollen, also nicht versklavt werden dürfen (ebd.: 54ff). Eine Rassismuskritik, welche die Existenz unterscheidbarer „Rassen“ annimmt, ist noch Mitte des 20. Jahrhunderts gängig. In der Zusammenfassung des damaligen Diskussionstandes durch die UNESCO wurde 1950 argumentiert, dass von einer Einheit der Gattung Mensch auszugehen ist, also davon „that all men belong to the same species“ (UNESCO 1950: 6). Deshalb sei es bei der Thematisierung von Unterschieden zwar angemessener, „to drop the term ‚race‘ altogether and speak of ethnic groups“ (ebd.: 5). Gleichwohl wird dort noch an der Vorstellung einer Zulässigkeit rassialisierender Einteilungen zur Erklärung körperlicher Unterschiede – aber ausschließlich dafür – festgehalten. Demgegenüber wird inzwischen davon ausgegangen, dass selbst körperliche Unterschiede keine klare Abgrenzung zwischen nach Kriterien der „Rasse“ unterscheidbaren Kollektiven begründen können, sondern auch bezogen auf die bloße Körperlichkeit von fließenden Übergängen und Vermischungen auszugehen ist. Rassen, so der sozialwissenschaftliche Konsens, existieren nur in der Vorstellungswelt von Rassist:innen. Folglich können zunächst zwei basale Problematisierungsweisen von Rassismus unterschieden werden: Zum einen die historisch länger zurückreichenden Kritikstrategien, welche die Existenz von „Rassen“ als Sachverhalt voraussetzen und mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen bestimmte soziale Verhältnisse kritisieren, die durch Rassismus legitimiert werden. Zum anderen jüngere Kritikstrategien, die die rassische Klassifikation selbst in Frage stellen und als Teil des Problemzusammenhangs begreifen. Diese beiden Problematisierungsweisen haben jeweils unterschiedliche Ausprägungen, die im Folgenden skizziert werden. ### Problematisierungen von Rassismus, welche die Existenz von „Rassen“ als Sachverhalt voraussetzen _a. Kritik von Rassismus als Legitimation von extremen Formen der Ausbeutung und gewaltgestützten Herrschaft_ , so bereits 1552 bei Bartolomé de Las Casas mit einer christlich religiösen Begründung und im Kontext der Haitianischen Revolution 1791 mit explizitem Bezug auf die französische Erklärung der Bürger- und Menschenrechte bei Toussaint Louverture (Frederickson 2011: 53ff.). _Modus der Kritik_ : Aufgrund der Gleichheit aller Menschen ist die offenkundige Außerkraftsetzung elementarer moralischer Prinzipien nicht rechtfertigbar. _b. Kritik von Rassismus als Legitimation sozialer Ungleichheiten_ in Verbindung mit der Forderung nach ökonomischer und politischer Gleichstellung, so klassisch bei W.E.B. Du Bois, dem ersten afroamerikanischen Soziologen, der eine soziologische Rassismuskritik begründet hat (Du Bois 2005 [1903]), sowie im Kontext des _First Universal Races Congress_ (1911). Im Weiteren dann in einflussreicher Weise bei Martin Luther King, dort in Verbindung mit einem christlich begründeten moralischen Universalismus (Scharenberg 2011). _Modus der Kritik_ : Kollektive Benachteiligung aufgrund rassistischer Diskriminierung steht in Widerspruch zur Idee gleicher Rechte und Freiheiten aller Individuen. _c. Kritik von rassistischen Klassifikationen als wissenschaftlich nicht tragfähige biologistische Erklärung sozialer Phänomene_ , so bei Max Weber, der sich beim ersten Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) – mit Verweis auf seine Kontakte zu Du Bois – gegen die Etablierung des Rassebegriffs als soziologische Grundkategorie wendet (Müller 2020). _Modus der Kritik_ : Die Erklärung sozialer Verhältnisse durch biologische Gegebenheiten ist wissenschaftlich nicht belegbar; die gängigen Behauptungen über die vermeintlichen Eigenschaften der rassistisch Klassifizierten stehen in Widerspruch zu relevanten empirischen Sachverhalten. _d. Kritik von Rassismus als weiße, westliche Herrschaft gegenüber „Schwarzen“, People of Colour (PoC) bzw. Black, Indigenous, and other People of Color (BIPOC)_ , klassisch bei Malcolm X, dann in Varianten der gegenwärtigen identitätspolitischen und postkolonialen Ansätze. _Modus der Kritik:_ Selbstermächtigung für antirassistischen Kampf gegen weiße Vorherrschaft in Verbindung mit einer Distanzierung vom universalistischen Modus der Kritik. ### Problematisierungen der rassischen Klassifikation e. Kritik der biologischen Rassekonstruktion als ideologisches Klassifikationsschema, das rational nicht begründbar ist, so etwa bei Claude Levi-Strauss (Lévi-Strauss 2019). _Modus der Kritik_ : Die Idee biologisch klar unterscheidbarer Rassen ist naturwissenschaftlich nicht tragfähig sowie auch keine tragfähige Erklärung kultureller Unterschiede und sozialer Hierarchien. f. Kritik des Kulturrassismus als funktionales Äquivalent des biologischen Rassismus nach der erfolgreichen Delegitimation des biologischen Rassismus (Miles 1989; Taguieff 2000; zur Diskussion in Deutschland s. u.a. Rommelspacher 1995 und die Beiträge Melter/Mecheril 2009). _Modus der Kritik:_ Ideologiekritische Analyse der Verwendung des Kulturbegriffs als funktional äquivalentes Substitut für „Rasse“; Zurückweisung kulturdeterministischer Erklärungen individuellen und kollektiven Handelns und von Annahmen über unüberwindbare Differenzen zwischen Kulturen. Ob, und wenn ja, in welcher Weise Unterscheidungen zwischen Kulturen und klassifikatorische Einteilungen in Ethnien als wissenschaftlich begründbar gelten können und welche Erklärungskraft sie für Identitätsbildung, Wertvorstellungen und Verhaltensweisen haben, wird anhaltend kontrovers diskutiert (s. etwa Scherr 2000; Wieviorka 2003; Brubaker 2007; Mende 2015; Appiah 2019). Kulturdeterministische Konzepte und die Vorstellung vermeintlich klar abgrenzbarer und in sich widerspruchsfreier Kulturen sind dabei begründet kritisiert worden, was aber nicht heißt, dass die Annahme kultureller Unterschiede grundsätzlich obsolet ist. ### Herausforderungen einer reflexiven Rassismuskritik heute Jede sozialwissenschaftliche Beobachtung und Beschreibung geht mit spezifischen Ein- und Ausschlüssen einher, was auch für die Reichweite und die Grenzen der jeweiligen Problematisierungsweisen von Rassismus folgenreich ist. Die Perspektive einer reflexiven Kritik (vgl. dazu Müller/Scaramuzza 2024) ist deswegen darauf verwiesen, nicht ‚nur‘ die Entstehung der Begründungen und Legitimierungen von Rassismus, sondern auch die der Rassismuskritik in den Blick zu nehmen. Es geht demnach darum, die Gleichursprünglichkeit von Rassismus und Rassismuskritik zu analysieren. Zugespitzt formuliert: Wo Rassismus existiert, existiert auch seine Kritik, historisch und empirisch. Theoretisch zeichnen sich derzeit aus einer reflexiven Perspektive vor allem vier Herausforderungen ab: ___Erstens_ besteht dringender Klärungsbedarf in Bezugnahmen auf den Begriff „ _struktureller Rassismus_ “, der inzwischen nicht mehr nur in wissenschaftlichen Kontexten (s. dazu u. a. Biskamp 2023: 156ff.; El-Mafaalani 2021: 39ff.: Gomolla 2023: 172ff.) verwendet wird, sondern auch in der medialen[3] und politischen[4] Kommunikation. In einer einschlägigen repräsentativen Befragung stimmen auch 48,9 % der Aussage zu „Wir leben in einer rassistischen Gesellschaft“ (DEZIM 2022: 56). Während in wissenschaftlichen Texten akzentuiert wird, dass es klärungsbedürftig ist, ob, und wenn ja, in welcher Weise Rassismus strukturell bedingt und verankert ist, wird in der medialen und politischen Kommunikation sowie in Kreisen des antirassistischen Aktivismus wiederkehrend unterstellt, dass die Gesellschaft insgesamt rassistisch strukturiert sei. Rassismus im engeren Sinne ist heute jedoch _nicht_ konstitutiv für die ökonomische, rechtliche und die politische Ordnung, wie dies zu Zeiten der Rassentrennung in den USA oder der Apartheid in Südafrika der Fall war. Ganz im Gegenteil: Explizit rassistisches Handeln ist justiziabel und wird in der Gesellschaft von einer überwiegenden Mehrheit abgelehnt. Dass rassistische Ressentiments, Stereotype und Praktiken gleichwohl weiterhin existieren und ggf. auch in die Strukturen von Organisationen eingeschrieben sind sowie politische Entscheidungen beeinflussen, soll damit nicht bestritten werden. Inzwischen liegen zahlreiche wissenschaftliche Studien vor, die hervorheben, dass rassistische Diskriminierung nicht hinreichend als Folge vorurteilsgeleiteten Handelns verstanden werden kann, sondern auch aus Entscheidungsverfahren, Regeln, Konventionen und Routinen von Institutionen und Organisationen resultieren kann (s. etwa Gomolla 2023 und Scherr 2023 sowie die Beiträge in Scherr/Reinhardt/El-Mafaalani 2023, Teil II und III). Ein diffus verwendeter Strukturbegriff, bei dem Annahmen über _rassistische Strukturen_ vage und unbestimmt bleiben, ist für eine sozialwissenschaftliche Analyse solcher Sachverhalte jedoch kaum hilfreich. Erforderlich ist es vielmehr, empirisch und theoretisch fundiert zu betrachten, ob und ggf. wie z. B. ökonomische, politische, organisationale oder rechtliche Praktiken rassistisch begründet oder legitimiert werden sowie etablierte Gewissheiten und Routinen zu Benachteiligung und Ausgrenzung führen, obwohl eine rassistische Zielsetzung resp. eine explizite ideologische Überformung nicht gegeben ist. Sichtbar wird dann auch genauer, wo, wie und inwiefern der Abbau und die Kritik jeweiliger vorhandener rassistischer Praktiken und Legitimationen nach wie vor dringlich und erforderlich sind. Die _zweite_ Herausforderung besteht darin, dass die skizzierten Problematisierungsweisen von Rassismus in aktivistischen Diskursen gelegentlich in ein binäres _Schwarz-Weiß-Schema_ übersetzt werden, in dem ganz generell „Weiße“ als Unterdrücker:innen und „Schwarze“ bzw. People of Colour als Opfer von Ausbeutung und Unterdrückung imaginiert werden. Folgenreich werden die problematischen Konsequenzen einer solchen binären Dichotomie regelmäßig, wenn dieses Schema auf Jüdinnen und Juden angewendet wird und diese dabei als ‚Weiße‘ etikettiert werden. Islamistische Repression und Gewalt können dann als Kampf gegen weiße Vorherrschaft und der moderne israelbezogene Antisemitismus mit einer antirassistischen Haltung legitimiert werden (vgl. dazu auch Scherr 2021; Müller 2025). _Drittens_ ist es diskussionsbedürftig, ob und wie Rassismuskritik gegenwärtig Bestandteil von Tendenzen in Richtung auf eine post-rassistische Transformation von Macht- und Ungleichheitsverhältnissen im globalisierten Kapitalismus sind, die mit einer meritokratischen Ideologie einhergehen, für die tradierte rassistische Einteilungen ein zu überwindender Störfaktor sind (Scherr 2017). Die _vierte_ Herausforderung besteht unseres Erachtens in der _Tendenz zur Ersetzung von Analyse durch Moral_. Die verschiedenen Modi der Kritik können durch moralische Haltungen so stark überlagert und überformt werden, dass die für sozialwissenschaftlich reflexive Zugänge unhintergehbare Differenz von Empirie und Analyse einerseits, moralischen Überzeugungen und moralisch motivierten Haltungen andererseits nicht mehr aufrechterhalten, sondern in unzulässiger Art und Weise vermischt wird. Moralische Eindeutigkeit tritt dann an die Stelle empirischer Analysen und theoretischer Beschreibungen. Im Extremfall werden diese auch nicht benötigt, sie scheinen überflüssig zu sein oder werden abgewehrt. Aussichtsreiche Rassismuskritik wird auf eine Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Formen und Legitimationen von Rassismus angewiesen sein. Eine abstrakte, kontextunabhängige Rassismuskritik kann moralisch befriedigend sein; Rassismuskritik kann jedoch nicht voraussetzen, dass alle dasselbe moralische Verständnis teilen, dass die Idee der gleichen Würde und der gleichen Rechte jedes Individuums und die Ablehnung aller Formen von Diskriminierung für sie fraglos selbstverständlich ist. Praktiker:innen der politischen Bildung können ein leidiges Lied davon singen: Es gibt keine voraussetzungslose, kontextfreie und deshalb überall zustimmungsfähige Rassismuskritik. Reine Moralisierung und/oder Sanktionierung mag zwar attraktiv und hilfreich erscheinen, scheitert jedoch an den Überzeugungen der Adressat:innen (Haug 1992). Diese verstehen, was ‚man nicht sagen darf‘, jedoch nicht, warum. Eine überzeugende Kritik muss an die Überzeugungen der Adressat:innen anschließen, für diese überzeugend sein. Für angemessene politische, rechtliche und pädagogische Strategien gegen Rassismus ist es erforderlich, sozialwissenschaftliche Analysen fortzuführen, die nicht ‚nur‘ befähigen zu verstehen, wie und warum welche Rassismen bestehen und andauern, sondern auch, wie sich antirassistische Überzeugungen und Praktiken in denselben Strukturen nachhaltig und zukunftsweisend formieren können. Eine Ersetzung von Analyse durch Moral ist dafür nicht hilfreich. ### Literatur Appiah, Anthony. 2019. Identitäten. Die Fiktionen der Zugehörigkeit. Berlin: Hanser. Brubaker, Rogers. 2007. Ethnizität ohne Gruppen. Hamburg: Hamburger Edition. Biskamp, Floris. 2023. Rassismustheorie und Diskriminierungskritik. In Handbuch Diskriminierung, hrsg. Albert Scherr, Anna Cornelia Reinhardt, und Aladin El-Mafaalani, 147–171. 2. Auflage. Wiesbaden: Springer VS. Du Bois, W.E.B. 1903/2005. The Souls of Black Folks. New York: Barnes & Noble. Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM). 2022. Rassistische Realitäten: Wie setzt sich Deutschland mit Rassismus auseinander? Auftaktstudie zum Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitor (NaDiRa). Berlin: DEZIM. https://www.rassismusmonitor.de/fileadmin/user_upload/NaDiRa/CATI_Studie_Rassistische_Realitäten/DeZIM-Rassismusmonitor-Studie_Rassistische-Realitäten_Wie-setzt-sich-Deutschland-mit-Rassismus-auseinander.pdf? Eckert, Andreas. 2021. Geschichte der Sklaverei. Von der Antike bis ins 21. Jahrhundert. München: C.H. Beck. El-Mafaalani, Aladin 2021. Wozu Rassismus? Köln: Kiepenheuer &Witsch. Fredrickson, George M. 2011. Rassismus. Ein historischer Abriß. Stuttgart: Reclam. Gomolla, Mechtild. 2023. Direkte und indirekte, strukturelle und institutionelle Diskriminierung. In: Handbuch Diskriminierung, hrsg. Albert Scherr, Anna Cornelia Reinhardt, und Aladin El-Mafaalani, 172–194. 2. Auflage. Wiesbaden: Springer VS. Hall, Stuart.1980. Race, Articulation and Societies Structured in Dominance. In: Sociological Theories. Race and Colonialism, hrsg. von United Nations Educational Scientific and Cultural Organisation, Paris: 305–345. Haug, Wolfgang Fritz. 1992. Zur Dialektik des Anti-Rassismus. Erkundungen auf einem Feld voller Fallstricke. In: Das Argument, Jg. 34, Nr. 191: 27–52. Kalpaka, Annita und Nora Räthzel. 1990. Die Schwierigkeit, nicht rassistisch zu sein. Leer: Mundo Verlag. Kant, Immanuel. 1775/1964. Von den verschiedenen Rassen der Menschen (1775). In Schriften zur Anthropologie, Geschichtsphilosophie, Politik und Pädagogik., hrsg. Wilhelm Weischedel, 11–30. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Kant, Immanuel. 1785/1964. Bestimmung des Begriffs einer Menschenrasse (1785). In Schriften zur Anthropologie, Geschichtsphilosophie, Politik und Pädagogik., hrsg. Wilhelm Weischedel, 65–82. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Lévi-Strauss, Claude. 2019. Das Nahe und das Ferne. Eine Autobiographie in Gesprächen mit Didier Eribon. Zürich: Kampa. Mediendienst Integration. 2020. Was ist struktureller Rassismus? https://mediendienst-integration.de/artikel/was-ist-struktureller-rassismus.html Melter, Claus, und Paul Mecheril, Hrsg. 2009. Rassismuskritik, Band 1: Rassismustheorie und -forschung. Bad Schwalbach: Wochenschau Verlag. Mende, Janne. 2015. Kultur als Menschenrecht? Ambivalenzen kollektiver Rechtsforderungen. Frankfurt am Main: Campus. Miles, Robert. 1989. Bedeutungskonstitution und der Begriff des Rassismus. Das Argument, Jg. 31, Nr. 175: 353–368. Müller, Hans-Peter. 2020. „Rasse“ und „Nation“ – Max Weber als politischer Denker. In: Leviathan 48(4): 548– 571. Müller, Stefan. 2025. Antisemitismus und Rassismus. In Soziologische Basics. Eine Einführung für pädagogische und soziale Berufe, hrsg. Albert Scherr und Stefan Müller. Wiesbaden: Springer VS. Müller, Stefan und Elia Scaramuzza. 2023. Mündigkeit in der politischen Bildung. Frankfurt am Main: Wochenschau Verlag, https://www.wochenschau-verlag.de/media/13/e5/1c/1702284121/9783756616121.pdf?ts=1702284121 Papst Franziskus (2020): Enzyklika Fratelli tutti über die Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft. https://www.vatican.va/content/francesco/de/encyclicals/documents/papa-francesco_20201003_enciclica-fratelli-tutti.html Rommelspacher, Birgit. 1995. Dominanzkultur. Texte zu Fremdheit und Macht. Berlin: Orlanda-Frauenverlag. Sander, Wolfgang. 2021. Identität statt Diskurs? Diskursivität in der politischen Bildung und ihre Gefährdungen. Pädagogische Rundschau 75 (3): 293–306, Online: https://www.ingentaconnect.com/contentone/plg/pr/2021/00000075/00000003/art00004# Scharenberg, Albert. 2011. Martin Luther King: Ein biografisches Porträt. Freiburg: Herder. Scherr, Albert. 2020. Diskriminierung und Diskriminierungskritik. Eine problemsoziologische Analyse. Soziale Probleme. Zeitschrift für soziale Probleme und soziale Kontrolle 31 (1-2): 83–102. Scherr, Albert. 2021. Rassismuskritik als Identitätspolitik? Anfragen an ein allzu einfaches Weltbild und seine Kritik. Sozial Extra 45 (5): 354–360. https://link.springer.com/content/pdf/10.1007/s12054-021-00416-5.pdf Scherr, Albert. 2023. Soziologische Diskriminierungsforschung. In Handbuch Diskriminierung, hrsg. Albert Scherr, Anna Cornelia Reinhardt, und Aladin El-Mafaalani, 17–42. 2. Auflage. Wiesbaden: Springer VS. Scherr, Albert und Stefan Müller. 2025. Rassismus. In Handbuch Soziale Probleme, hrsg. Martina Althoff, Mechthild Bereswill, und Anke Neuber. Wiesbaden: Springer VS. Scherr, Albert/Reinhardt, Anna/El-Mafaalani, Aladin 2023. Handbuch Diskriminierung. 2. Auflage. Wiesbaden: Springer VS. Taguieff, Pierre-André. 2000. Die Macht des Vorurteils. Kritik der antirassistischen Vernunft. Hamburg: Hamburger Edition. UNESCO. 1950. The race question. https://unesdoc.unesco.org/ark:/48223/pf0000128291 Wacquant, Loïc. Immer Ärger mit „race“. Eine Agenda für den Umgang mit einer heiklen Kategorie, in: Berliner Journal für Soziologie (2023), H. 33, S 9–32. Wieviorka, Michel. 2003. Kulturelle Differenzen und kollektive Identitäten. Hamburg: Hamburger Edition. ### Über die Autoren Stefan Müller Professor für Bildung und Sozialisation unter Bedingungen sozialer Ungleichheiten an der Frankfurt University of Applied Sciences, Forschungsbereich ‚Gesellschaftliches Erbe des Nationalsozialismus‘. Albert Scherr war Professor am Institut für Soziologie der Pädagogischen Hochschule Freiburg und ist Research Fellow an der University of the Free State, QuaQua Campus, South Africa. [1] Papst Franziskus, Enzyklika Fratelli tutti über die Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft, 2020, https://www.vatican.va/content/francesco/de/encyclicals/documents/papa-francesco_20201003_enciclica-fratelli-tutti.html, hier Art. 96. [2] Siehe dazu das Schreiben an die US-amerikanischen Bischöfe, das auch eine explizite Kritik der politischen Moral des Vizepräsidenten J.D. Vance enthält: https://www.domradio.de/glossar/schreiben-von-papst-franziskus-die-us-bischoefe-zur-migrationspolitik-der-regierung-unter [3] Siehe etwa https://mediendienst-integration.de/news/was-ist-struktureller-rassismus/ oder https://www.deutschlandfunkkultur.de/der-tag-mit-teresa-koloma-beck-wie-viel-strukturellen-100.html [4] Siehe etwa https://www.antidiskriminierungsstelle.de/SharedDocs/faqs/DE/ethnische_herkunft_rassismus/04_institutioneller_struktureller_rassismus.html oder https://www.youtube.com/watch?v=r6rIjA00U5E. * teilen * teilen * teilen * teilen * teilen * teilen

Neu im #SozBlog: Rassismus kritisieren – aber wie? blog.soziologie.de/2025/12/rassismus-kritis...

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Die Große Transformation reloaded? Polanyis Erbe und die Krisen des 21. Jahrhunderts ### Warum das 21. Jahrhundert mehr als eine grüne Wende braucht Transformation ist zum Modewort geworden: grün, digital, gesellschaftlich, politisch. Es klingt nach Aufbruch, nach dem Schmetterling, der der Raupe entschlüpft. Doch Transformation bedeutet nicht zwangsläufig Fortschritt – sie kann auch Verlust, Machtverschiebung und Krisenerfahrung heißen. Schon der Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi beschrieb Mitte des 20. Jahrhunderts die „Große Transformation“, die mit der Durchsetzung der kapitalistischen Marktordnung einherging. Heute erleben wir erneut einen umfassenden Wandel: die Umwälzungen durch Digitalisierung und Klimawandel, die Erosion der liberalen Demokratie und die Dysfunktionalität des Finanzsystems. Die zentrale These: Die aktuelle Transformation folgt nicht einem sozial-ökologischen Pfad, sondern zeigt jene Muster, die Polanyi einst freilegte. ### Einleitung Grüne Transformation, digitale Transformation, gesellschaftliche Transformation, die Transformation der Arbeitswelt, der Energie- und Produktionssysteme: Der Transformationsbegriff hat Hochkonjunktur und könnte das Buzzword des 21. Jahrhunderts werden. 2015 griffen die Vereinten Nationen den Begriff mit der Formulierung der _Sustainable Development Goals_ (SDGs) prominent auf. Es war die Reaktion der UN auf die unübersehbaren Herausforderungen unserer Zeit: Eine globale Agenda zur nachhaltigen Transformation der menschlichen Gesellschaften. Zuvor hatte der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen 2011 in Deutschland einen „Gesellschaftsvertrag für eine große, sozial-ökologische Transformation“ vorgeschlagen. Gemeint war im Wesentlichen der Umbau von Energie- und Wirtschaftssystemen sowie ein Wertewandel hin zu nachhaltigeren Gesellschaften. Den Begriff der „Große Transformation“ prägte ursprünglich der Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi mit seinem 1944 veröffentlichten Hauptwerk _The Great Transformation._ Hierin untersuchte Polanyi die sozialen und wirtschaftlichen Prozesse, die mit der Etablierung der Marktwirtschaft im 19. Jahrhundert verbunden waren – und die Auswirkungen, die damit für Mensch und Natur einhergingen. Mit seinem Werk trug Polanyi wesentlich dazu bei, die Mechanismen kapitalistischer Vergesellschaftung zu verstehen, insbesondere im Hinblick auf die Einbettung der Gesellschaft in den Markt und der Rolle des Staates bei der Regulierung des Marktes. Die Lektüre von _The Great Transformation_ schärft unseren Blick für die Auswirkungen fundamentaler Systemveränderungen und die treibenden Akteure des Transformationsprozesses. Bevor das Thema Nachhaltigkeit in den Vordergrund rückte, war „Transformation“ in den Sozialwissenschaften vor allem auf politische Systeme bezogen. So formulierte Wolfgang Merkel (2010) drei Leitfragen zur Untersuchung von Transformationsprozesse: _Was_ wird transformiert (Regierung, Staat, System)? _Wie_ verläuft der Wandel (Form, Geschwindigkeit, Etappen)? _Wer_ sind die prägenden Akteure? Diese Perspektive ist auch für aktuelle Debatten fruchtbar, wie noch zu lesen sein wird. Transformation meint soweit mehr als ein „positives“ Bild des Wandels, wie es die Metapher der Raupe und des Schmetterlings nahelegt. In Anlehnung an die Definition von Karl-Heinz Hillmann lässt sich Transformation verstehen, als die – oft mit Konflikten und Krisen verbundene – tiefgreifende Umwandlung einer Gesellschaft und Kultur in ein neues soziokulturelles Gesamtsystem. Insofern bedeutet Transformation eine soziokulturelle Zäsur, die oft eine neue Epoche einläutet (Hillmann 2007: 906f.). Mit Blick auf die gegenwärtige Situation im 21. Jahrhundert ergeben sich zwei Thesen: 1. Die Gesellschaften des Globalen Nordens befinden sich in einem Transformationsprozess, der sich mit hoher Geschwindigkeit über mehrere Dekaden entfaltet. 2. Dieser Transformationsprozess, der vielfach als sozial-ökologische Wende etikettiert wird, zeigt vielfach eine andere Dynamik, als den nachhaltigen Umbau der Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme: eine fortgesetzte Kommodifizierung ökologischer und sozialer Belange unter den Bedingungen einer rasant fortschreitenden sozial-ökologischen Krise. ### Die Große Transformation nach Karl Polanyi Polanyi beschrieb die Große Transformation als ein Desaster, das mit dem Scheitern des freien Marktes begann und in die Barbarei des Zweiten Weltkrieges mündete. Polanyi verdeutlicht dies am Zusammenbruch der (vier) „Grundpfeiler der Zivilisation des 19./20. Jahrhunderts“ (Polanyi 2021 [1944]: 19ff.). (1) Die Einführung freier Märkte als grundlegendes Prinzip der Wirtschaft bedeutete eine fundamentale Veränderung. Mit ihr einher ging die _Kommodifizierung_ , also dem „zur Ware werden“, von Gütern die nur auf einer Fiktion beruhen, wie Arbeit, Boden und Geld (ebd. 70, 102-112, 164). Ein Menschenleben wurde fortan unterteilt in produktive Arbeitsstunden, für die ein Lohn bezahlt wurde – egal, wie spärlich dieser auch ausfiel – und unproduktive Untätigkeit. Natur und Umwelt waren nicht mehr bloß Lebensraum für Wesen und Pflanzen, sondern konnte hieraus ein Ertrag, die sogenannte Bodenrente, über Verkauf, Vermietung oder Verpachtung gewonnen werden (ebd. 243-250). Geld wurde schließlich zum allgemeinen Symbol für die Kaufkraft. Wer Geld hatte, konnte Zinsen, also einen Ertrag für seine Kaufkraft, und damit mehr Geld erzielen. Die Kommodifizierung bedeutete, dass Menschen und Natur in die Logik der Marktwirtschaft integriert wurden. Damit transformierte sich fundamental ihre Bedeutung (ebd. 145, 224-226). Am Ende entstand für Polanyi ein neuer Typus Mensch, ein Individuum, eingebettet in eine „Marktgesellschaft“ (ebd. 180f.). Im Laufe dieses Prozesses wurden die bis dato vorherrschenden Handlungsprinzipien _Reziprozität_ , _Redistribution_ und _Subsistenz_ vom Leitmotiv des Gewinnstrebens abgelöst (ebd. 70-87). Die sozialen Beziehungen wurden verstärkt in Wirtschaftsbeziehungen eingebettet und die Gesellschaft selbst ein Anhängsel des Marktes. Diese Veränderung, begleitet von Industrialisierung und Urbanisierung, stellte für einen erheblichen Teil der Bevölkerung eine soziale und kulturelle Entwurzelung dar (ebd. 67f., 145f.). Die Transformation beinhaltete die zunehmende Umstellung der Produktionsstruktur von ländlicher Feudalwirtschaft auf urbane Industrie. In kurzer Zeit zogen die Menschen auf der Suche nach Arbeit in die Städte, was die zwischenmenschlichen Beziehungen, die dörflichen, großfamiliären und nachbarschaftlichen Strukturen, fundamental veränderte. Begleitet von Rezession und Inflation entstand eine neue Klasse von ökonomisch „Überflüssigen“ (ebd. 123, 147-155) – also Menschen, die unter den veränderten Produktionsbedingungen nicht gebraucht wurden. (2) Die sozialen und politischen Systeme des beginnenden 20. Jahrhunderts waren dem Tempo der Veränderung, die immerhin über einige Jahrzehnte ablief, nicht gewachsen (ebd. 65, 128, 142, 323). Dies führte die jungen liberalen Staaten schrittweise in die Krise, was im Erstarken der demokratiefeindlichen Bewegungen Ausdruck fand (ebd. 51-55). Die Reaktion bezeichnete Polanyi als Gegenbewegung, beziehungsweise Selbstschutzmechanismen der Gesellschaft. So interpretierte Polanyi Sozialismus und Faschismus als Antwort auf die entfesselten Kräfte des Marktes (ebd. 182-187, 289-293, 314-322). Das Gefühl existentieller nationaler Bedrohung ließ in Europa die Säbel rasseln. (3) Im Bereich der internationalen Beziehungen geriet das Kräftegleichgewicht zwischen den tonangebenden Großmächten in Europa ins Wanken (ebd. 38-43). (4) Im Zuge des militärischen Wettrüstens mussten die Staaten die Geldumlaufmenge erhöhen und lösten sich vom Goldstandart und damit jener ökonomischen Ordnung, die zu dieser Zeit das Bindeglied zwischen den Nationalstaaten darstellte (ebd. 41-51, 323). ### Dimensionen der Großen Transformationen im 21. Jahrhundert Polanyi analysierte die industrielle Revolution als technische Grundlage der _Great Transformation_. Heute zeigt sich ein wesentlich schnellerer, globaler technischer Wandel, der ebenfalls zentrale Lebens- und Arbeitsbereiche transformiert und neue soziale Ungleichheiten erzeugt. So steht die technische Transformation im 21. Jahrhundert zwar im Zeichen der Umstellung auf nachhaltigere Energiesysteme und Produktionsweisen. Zugleich ist die technische Dimension gekennzeichnet durch die umfassende Digitalisierung der industriellen Produktion. Industrie 4.0 und KI-Systeme ersetzen nicht nur Routinearbeiten, sondern zunehmend komplexe Tätigkeiten wie Übersetzung, Kalkulation, Korrespondenz oder kreative Arbeit. Ein Beispiel soll die enorme Dynamik veranschaulichen: Bei der Einführung von Chat-GPT 1 im Juni 2018 bestand das Sprachmodell aus 117 Millionen Parametern und war das Arbeitsergebnis von 30 Jahren Forschung und Entwicklung. Die Version Chat-GPT 3 verfügte nur zwei Jahre später bereits über 175 Milliarden Parameter, der Version GPT 5 verfügt aktuell über 635 Milliarden Parameter. Laut Open AI ist die Zahl der Nutzer:innen in nur drei Jahren auf rund 700 Millionen gestiegen. In der digitalen Transformation liegt zweifellos enormes Potential, um den globalen Herausforderungen der Zeit zu begegnen. Gleichzeitig trifft diese technische Umwälzung – wie so viele vor ihr – auf eine Welt mit ungleichen Ausgangsbedingungen. Diese technischen Innovationen verändern nicht nur die Arbeitswelt, sondern perpetuiert Machtverhältnisse. Der Zugang zu den neuen Werkzeugen, wie Datenbanken und den leistungsstärksten Sprachmodellen, ist entscheidend bei der Frage, wer Märkte und Arbeitsprozesse am effektivsten gestalten kann. Welche Auswirkungen verspricht die digitale Transformation für den technisch und ökonomisch führenden Globalen Norden und welche für den strukturell benachteiligten Globalen Süden? 6 der 10 größten transnationalen Konzerne, die die digitale Transformation wesentlich gestalten, sitzen in den USA, dazu jeweils einmal in China, in Südkorea, in Taiwan und in Japan. Auch wenn sich das globale Machtgefüge ein Stück weit verschoben hat, ist die Gefahr hoch, dass den Ländern Afrikas und Lateinamerikas ein neues Kapitel der Abhängigkeit droht. Was bei Polanyi in der Form noch keine Rolle spielte, waren die ökologischen Grenzen der planetaren Belastung. Die globale Dimension der Umweltauswirkungen und die Geschwindigkeit der ökologischen Veränderungen sind beispiellos in der Menschheitsgeschichte. In etwas mehr als einem Jahrhundert ist die globale Lufttemperatur um mehr als 1,2 Grad angestiegen. Der deutlichste Anstieg war dabei, laut Umweltbundesamt, in den vergangenen 40 Jahren zu verzeichnen. In dem Zeitraum hat sich der Passagierflugverkehr mehr als verfünffacht (Forschungs-Informations-System 2018) und die CO2-Emissionen haben sich seither nahezu verdoppelt (Statista 2024). 2024 war bis dato das heißeste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnung. Die globale Durchschnittstemperatur lag 1,5 Grad über dem vorindustriellen Referenzzeitraum. Klimaexpert:innen warnten jüngst vor eine globalen Erderwärmung um drei Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau bis 2050. Demnach könnte der Anstieg in den kommenden 25 Jahren genauso stark ausfallen, wie in den vergangenen 150 Jahren (DLF 2025) Der Klimawandel befeuert das Artensterben, Ernteausfälle in Folge von Trockenheit und Bodenerosion und damit Hungerkrisen. Dadurch drohen steigende Armut und Konflikte um knapper werdende Ressourcen, wie sauberes Trinkwasser, bewohnbaren Boden, Lebensraum und -chancen (Umweltbundesamt 2014; United Nations 2024). Der Klimawandel ist auch eine Klassenfrage, denn die Auswirkungen sind ungleich verteilt: Das oberste Prozent der Bevölkerung verursacht 16 Prozent der Emissionen (Oxfam International 2023), während sozial schwächere Gruppen, vor allem im Global Süden, am stärksten von den Folgen betroffen sind. Der Kontinent, der sich am schnellsten erwärmt ist Europa. Der Klimawandel bedroht die Nahrungsmittel- und Wassersicherheit sowie die Gesundheits- und Öko- und Wirtschaftssysteme (tagesschau 29.09.2025). Auch in Europa werden sich sozial schwächere am schlechtesten gegen die Folgen absichern können. Mit der Agenda 2030 strebten die Vereinten Nationen einen grünen Umbau der Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme an. 187 der 193 UN-Mitgliedsstaaten haben sich der Umsetzung der SDGs verpflichtet. Allein in Deutschland wurden über 200 kommunale Nachhaltigkeitsstrategien zur lokalen Umsetzung der sozial-ökologischen Transformation erarbeitet (Agenda 2030). In der Folge hat sich beispielsweise in der EU der Anteil der Erneuerbaren Energien seit 2005 verdoppelt (tagesschau 29.09.25). Trotz des Engagements und einiger Erfolge fällt die Bilanz jedoch bisher ernüchternd aus. Demnach ist die Weltgemeinschaft weit davon entfernt, die 17 selbstgesteckten Ziele bis 2030 zu erreichen (BMZ 2023). In der Praxis werden vor allem die Zielkonflikte zwischen Klimaschutz und Wirtschaftswachstum sichtbar. Auch ist die globale Verantwortung ungleich verteilt. Passend dazu lehnen die USA, der Staat mit den weltweit zweithöchsten Kohlenstoffemissionen, unter der Regierung Trump die Ziele für eine sozio-ökologische Transformation ab. Die UN-Agenda macht eine globale politische Steuerung erforderlich, doch nationale Interessen und die fehlende Verständigung innerhalb der Weltgemeinschaft hemmen die Umsetzung sozial-ökologischer Transformationsprojekte. Politisch ist das 21. Jahrhundert bisher vor allem durch Instabilität und Machtverschiebungen geprägt. Die Vereinten Nationen wirken angesichts der globalen Kriege und Krisen überfordert. Der Handlungsspielraum der Weltorganisation wird derzeit zudem durch eine tiefe Vertrauenskrise eingeschränkt. Was wir seit einigen Jahren auf der Ebene der internationalen Beziehungen erleben, deutet auf die schleichende Ablösung der liberalen Weltordnung nach 1989 hin (Lucarelli 2022). Die USA, die Supermacht des 20. Jahrhunderts und Schutzmacht des Westens, haben – wesentlich durch das unberechenbare Handeln der Trump-Administration – außenpolitisch das Vertrauen verloren und sind selbst innenpolitisch instabil geworden. Gleichzeitig steckt das liberale Demokratiemodell westlicher Prägung in der Krise. Autoritäre Regime und Weltanschauungen sind auf dem Vormarsch. Neben den äußeren Herausforderungen durch autoritäre Systeme werden die liberalen Staaten von innen heraus durch demokratiefeindliche Massenbewegungen und eine rechtspopulistische Kultur bedroht – angeführt von einem transnationalen Netzwerk nationalistischer und oligarchischer Kräfte. Der Kulturkampf der transnationalen Neuen Rechten richtet sich (auch) gegen das Projekt einer sozial-ökologischen Transformation und den liberalen Staat als Regulationsinstanz. Die Probleme des liberalen Staates reichen in das 20. Jahrhundert zurück und liegen begründet in dem unzureichend eingelösten Versprechen des demokratischen Wohlfahrtskapitalismus von sozialer Gerechtigkeit. Die Verheißungen der Globalisierung von Demokratie, Fortschritt und Wohlstand haben sich bislang nur für einen Teil der Weltbevölkerung erfüllt. Trotz beachtlicher Erfolge in der Armutsbekämpfung waren 2024 weltweit 1,1 Milliarden Menschen von extremer Armut betroffen (UNDP 2024: 1). Ausgerechnet in den Staaten des Globalen Norden und damit jenen Ländern, in denen überwiegend die Gewinner:innen der Globalisierung leben, sind die neuen Rechten auf dem Vormarsch. Ein anhaltendes und sogar noch zunehmendes Problem bleibt die Verteilung des wachsenden materiellen Reichtums. Laut Oxfam haben die fünf reichsten Männer der Welt ihr Vermögen seit 2020 verdoppelt. Gleichzeitig sind fast fünf Milliarden Menschen ärmer geworden (Oxfam Deutschland 2024). Über die vergangenen fünf Jahre konnten Superreiche ihre Vermögen, ungeachtet von Pandemie, Inflation und Krieg, weiter enorm vermehren. Die SDGs setzen auf Gerechtigkeit und Armutsbekämpfung, doch die Marktlogik unterminiert diese Ziele häufig. So bewegen wir uns heute auf eine globale Vermögensverteilung zu, die in etwa jener zum Vorabend des ersten Weltkrieges ähnelt (Chancel/Piketty 2021: 3025). Im Unterschied zu der von Polanyi herausgestellten _Great Transformationen_ ist der gegenwärtige Prozess geprägt durch die Allgegenwärtigkeit digitaler Märkte und eine enorme Geschwindigkeit des Waren- und Finanzhandels. Ein Beispiel, Mitte September 2025 stieg das Vermögen des _Oracle_ -Gründers Larry Ellison für wenige Stunden um über 100 Milliarden US-Dollar. Grund hierfür war der sprunghafte Anstieg der IT-Aktie der. Für kurzen Zeit verdrängte Ellison dadurch Tesla-Chef Elon Musk von Thron der Superreichen (tagesschau 2025). Die Transformation hat schließlich eine sozio-kulturelle Ebene durch die Kommodifizierung immer weiterer Lebensbereiche und gesellschaftlicher wie ökologischer Schlüsselinstanzen. Nach dem Zusammenbruch der bipolaren Weltordnung und der damit verbundenen wirtschaftlichen Öffnung ist der Kapitalismus bis nahezu jeden Winkel des Planeten vorgedrungen. Private und staatliche Investitionen aus den Industrie- und Schwellenländern, allen voran aus den USA und China, sicherten sich im großen Stil strategische Agrarflächen vorzugsweise im Globalen Süden, aber auch Osteuropa war hiervon betroffen (Bommert 2017). Vor dem Hintergrund der faktischen Endlichkeit vieler Rohstoffvorkommen (v.a. Boden, Wasser und fossiler Energien) ist die Verschiebung der extraktivistischen Grenzen zu beobachten, also der Räume, in denen im großen Stil natürliche Ressourcen abgebaut werden. Das Interesse an der Erdölförderung bedroht die letzten unberührter Schutzgebiete aktuell etwa im ecuadorianischen Amazonasregenwald oder dem Meeresboden vor der Küste Brasiliens. In den vergangenen Jahrzehnten gerieten weltweit lebensnotwendige Stoffe, wie Wasser, ins Visier von Privatinteressen. Unter der vermeintlichen Absicht des Umweltschutzes werden Kohlenstoffemissionen gehandelt und damit Umweltverschmutzung zur Ware gemacht. Die „Landnahme“ (Dörre 2016) von nichtkapitalisiertem Terrain ist aber nicht nur extern, auf bisher unerschlossene Räume, sondern auch intern, auf das menschliche Innere auszumachen. Die Expansion betraf daher auch zwischenmenschliche Intimbeziehungen und das Innenleben (Illouz 2007). Die Plattformisierung von Liebesbeziehungen und das Outsourcing sozialer Interaktionen, wie der Pflege, illustrieren dies. Im Zuge der Neoliberalisierung von gesellschaftlichen Belangen wurde die Logik der Allgemeinheit durch das Prinzip der Singularität ersetzt (Reckwitz 2017: 11). Traditionelle Parteien und Gewerkschaften erlebten, als Institutionen gesellschaftlichen Zusammenschlusses, einen massiven Bedeutungsverlust, während die Zurschaustellung vermeintlich individueller Lebensentwürfe boomt. Bereits Polanyi zeigte, wie die Marktlogik soziale, kulturelle und ökologische Strukturen durchdringt. Diese Dynamik ist im Grund ungebrochen, zeichnet sich jedoch in der gegenwärtigen Transformation durch die digitale Dimension und den globalen Charakter der Kommodifizierung aus. ### Fazit Wie also ist die (Große) Transformation im 21. Jahrhunderts zu bewerten? Die eingangs vorgestellten Leitfragen von Wolfgang Merkel helfen, die Thesen zu reflektieren und den Prozess einzuordnen: _Was transformiert sich?_ Wir erleben derzeit weniger die erfolgreiche Umsetzung einer sozial-ökologischen Agenda als vielmehr eine Blockade und teilweise Umkehrung der Nachhaltigkeitstransformation. Die Halbzeitbilanz der SDGs fiel bereits ambivalent aus. Schwer wiegt zudem der Austritt der USA aus dem Pariser-Klimaabkommen und die Absage der Trump-Regierung an die UN-Agenda 2030. Aber auch der im September 2025 angekündigte Kurswechsel in der Energiepolitik der Schwarz-Roten-Bundesregierung droht die Klimaziele auszubremsen. Digitalisierung und Künstliche Intelligenz führen zu einer rasanten Veränderung von Arbeit und Arbeitsbeziehungen. Rund 60 Prozent der Arbeitsplätze im Globalen Norden werden sich verbessern oder verschwinden sagte jüngst die IWF-Chefin Kristalina Georgieva (tagesschau 14.10.2025). Wächst im Zuge der neuen technologischen Revolution, wie einst von Polanyi in der ersten Großen Transformation beschrieben, die Klasse der ökonomisch „Überflüssigen“? Hinzu kommt eine wachsende Ungleichheit der globalen Einkommens- und Vermögensverteilung. Immer deutlicher werden hierbei die Spannungen zwischen sozialen und ökologischen Nachhaltigkeitszielen (Dörre et al. 2022: 319ff.). Zugleich deutet der Aufstieg autoritärer Regime und Bewegungen auf eine politische Transformation, die liberale Demokratien unter Druck setzt. Aus Sicht des Globalen Norden transformiert sich die bestehende Weltordnung und die Kräfteverhältnisse nach 1989, was fundamental mit dem Aufstieg der BRICS-Staaten, allen voran China zusammenhängt. _Wer treibt die Transformation?_ Transformation ist kein naturwüchsiger Prozess, sondern wird wesentlich durch herrschende Kräfteverhältnisse vorangetrieben. Die Dynamik der neoliberalen Globalisierung verdeutlicht, wie sehr Klassenstrukturen, Kapitalmacht und ungleiche globale Verflechtungen den Charakter des Wandels bestimmen. Hervorzuheben ist dabei die Rolle von Tec-Oligarchen, wie Peter Thiel, die an der transnationalen Vernetzung rechtskonservativer Kräfte arbeiten und gleichzeitig das ideologische Gerüst für die MAGA-Bewegung in den USA bilden. Der Schulterschluss zwischen den Tec-Oligarchen wie Elon Musk, Jeff Bezos, Mark Zuckerberg – drei der zehn reichsten Männer des Planeten – und der Trump-Regierung ist nicht zufällig. Für ihre Gefolgschaft beim Umbau der US-Demokratie garantiert Ihnen Trump weitgehend ungehinderte Einkommenskonzentration und Deregulierung. Die Absage der Trump-Regierung an den Klimaschutz erklärt sich auch aus dem enormen Energiebedarf der IT-Unternehmen, die damit wiederum ein Treiber der Klimakrise sind. So verbrauchen Google und Microsoft im Jahr 2023 (jeweils über 24 TWh) mehr Energie als Staaten wie Jordanien (20 TWh) mit seinen 11 Millionen Einwohner:innen oder Ghana (20 TWh) mit 33 Millionen Menschen (EIA 2025; Statista 2025). _Wie vollzieht sich die Transformation?_ Der Transformationsprozess entfaltet seit Mitte der 1970er Jahre eine beschleunigte Dynamik der Veränderung. Mit der neoliberalen Phase der Globalisierung haben sich Waren- und Finanzhandel enorm beschleunigt und damit auch der Co2-Ausstoß. Der Siegeszug des Neoliberalismus hat einen neuen Menschentypus hervorgebracht, mit dem die Singularität und Einzigartigkeit zur Mode geworden ist – mit einem entsprechenden konsumintensiven Lebensstil (Brand/Wissen 2017). Das Ende der polyzentrischen Weltordnung läutete eine neue Etappe ein. Der Aufstieg der BRICS-Staaten, allen voran Chinas und die Ambitionen der Volksrepublik als Supermacht des 21. Jahrhunderts, illustrieren die Verschiebung der internationalen Kräfteverhältnisse. Der Bedeutungsverlust der internationalen Institutionen der liberalen Weltordnung (nach 1945 bzw. 1989) deuten ebenfalls eine Neuordnung an. Aus Sicht des Globalen Nordens erscheint die Transformation im 21. Jahrhundert im Gewand einer multiplen Krise: Die Digitalisierung verändert den Charakter von Arbeit und Lebensweise radikal. Gleichzeitig spitzt sich die Klimakrise rasant zu, soziale Ungleichheiten verschärfen sich und die Grenzen des Wachstumsmodells, das bislang eine Art Gesellschaftsvertrag in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts darstellte, scheinen erreicht. Auch über 80 Jahre nach der Veröffentlichung von Karl Polanyis _Great Transformation_ erlaubt ein analytischer Blick durch die Brillengläser Polanyis, die multiplen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts als Teil eines langfristigen und umfassenden Veränderungsprozesses zu verstehen. Vielleicht liegt hierin die besondere Relevanz des Werks, indem der Autor die Dynamiken und Kräfte hinter den umfassenden Umwälzungen im 19. und 20. Jahrhundert herausarbeitet und einzelne Entwicklungen, wie die Sozialgesetzgebung in England im ausgehenden 18. Jahrhundert, in einen größeren Zusammenhang verortet. Auch wenn sich gewisse Parallelen zur _Great Transformation_ von Polanyi erkennen lassen, so zeichnet sich der gegenwärtige Transformationsprozess durch seinen eigenständigen Charakter aus. Neben der Gleichzeitigkeit der Prozesse sticht vor allem die globale Dimension und das rasante Tempo der Veränderung heraus. Dabei ist zu betonen, dass es sich um keinen abgeschlossenen Prozess handelt. Mit Polanyi gesprochen, befinden wir uns inmitten von Bewegung und Gegenbewegung. Der Aufstieg des Rechtspopulismus kann mit Polanyi, in Anlehnung an den Faschismus des frühen 20. Jahrhunderts, als ein Aspekt im Großen Transformationsprozess erklärt werden (Gorski 2019: 506). Die linke Gegenbewegung, in Anlehnung an den frühen Sozialismus, ist hingegen noch nicht eindeutig auszumachen, wenn sie auch in Teilen der Gewerkschafts- und Klima- und LGBTQ-Bewegungen schemenhaft zu erkennen ist. Noch ist offen, in welches Wirtschafts- und Gesellschaftssystem die Transformation mündet. Damit die aktuellen Transformationsprozesse als sozial-ökologische Wende gelten können, bedarf es einer Umkehrung der bisherigen marktwirtschaftlichen Logik, wie sie Polanyi in _The Great Transformation_ analysierte. Gerade deshalb kommt es darauf an, Transformation nicht allein den Dynamiken von Märkten und Machteliten zu überlassen. Ein normativer und praktischer Fluchtpunkt ist der Ansatz der _Just Transition_ : Er verbindet ökologische Verantwortung mit sozialer Gerechtigkeit und fordert politische Gestaltung, die auch Fragen der Teilhabe und Anerkennung einbezieht. Hierin liegt das Potential die sozial-ökologischen Krise zu entschärfen. Wenn die „Große Transformation“ unserer Zeit nicht zu einer autoritären oder rein marktgetriebenen Entwicklung führen soll, dann muss _Just Transition_ zum Maßstab werden, an dem sich politische Projekte und gesellschaftliche Gestaltung messen lassen. _Grundlage des Essays war ein Vortrag, den der Autor am 30. Juni 2025 auf der Fachtagung „Transformationssoziologie konkret“, ausgerichtet von der Schader Stiftung und der RWTH Aachen, gehalten hat. Für Anmerkungen zum Text danke ich Uta Karstein und Hans-Jürgen Burchardt. Der Essay wird in leicht gekürzter Form ebenfalls im Jahrbuch der Schader Stiftung veröffentlicht._ ### Quellen Agenda 2030 (2023): Halbzeitbilanz der Agenda 2030. Online: https://www.2030agenda.de/sites/default/files/2023-08/Halbzeitbilanz_Teil_I.pdf [Zugriff 26.09.2025]. Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung [BMZ] (2023): Ernüchternde Halbzeitbilanz. Online: https://www.bmz.de/de/agenda-2030/halbzeitbilanz [Zugriff: 26.09.2025]. 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Über Staatsräson, Verfassungspatriotismus und die Menschenwürde Dass die Sicherheit Israels zu unserer Staatsräson gehört, ist ein Satz, der sich seit dem Terroranschlag der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 durch die politischen und medialen Debatten in Deutschland zieht. Die im Begriff der Staatsräson zusammengezogene Interpretation der historischen Verantwortung Deutschlands zeichnet sich aktuell dadurch aus, dass sie eher an Sicherheitsfragen als an ein gründliches Durcharbeiten der Vergangenheit gebunden ist. Indem komplexe politische, rechtliche und moralische Erwägungen auf diesen Generalnenner gebracht werden, wird Widerspruch tabuisiert. So kommentierte Nikolaus Busse die jüngst angekündigte Beschränkung von Waffenlieferungen an Israel mit dem Verweis darauf, dass man dann von Staatsräson auch nicht mehr reden solle (FAZ, 8.8.2025). https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/weniger-waffen-fuer-israel-von-staatsraeson-sollte-man-nicht-mehr-reden-110629359.html Als Soziologin, die sich seit Jahrzehnten mit Transitional Justice, Versöhnung, kollektiver Erinnerung und Prozessen der Aufarbeitung von Massengewalt beschäftigt, treibt mich – wie viele andere – die Schräglage und Verengung der öffentlichen Debatte um. Es ist vielleicht hilfreich, die Bedeutungsschichten der Staatsräson freizulegen und mit dem Holocaust in seiner historischen Einmaligkeit und Unvergleichbarkeit in Zusammenhang zu bringen. ### Was Bundeskanzlerin Merkel und Botschafter Dreßler über die Staatsräson sagten Die meisten aktuellen Debatten über die Staatsräson verweisen auf die Rede, die die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel am 18.März 2008 in Jerusalem vor der Knesset gehalten hat. https://www.bundesregierung.de/breg-de/service/newsletter-und-abos/bulletin/rede-von-bundeskanzlerin-dr-angela-merkel-796170 Am Ende der Rede diskutierte sie sowohl die Terrorstrategie der Hamas als auch die Bedrohung durch das Atomprogramm des Iran. Dazu betonte sie: „Jede Bundesregierung und jeder Bundeskanzler vor mir waren der besonderen historischen Verantwortung Deutschlands für die Sicherheit Israels verpflichtet. Diese historische Verantwortung Deutschlands ist Teil der Staatsräson meines Landes. Das heißt, die Sicherheit Israels ist für mich als deutsche Bundeskanzlerin niemals verhandelbar“. Diese historische Verantwortung wird daraus abgeleitet, dass Deutschland und Israel für immer „auf besondere Weise durch die Erinnerung an die Shoah verbunden“ seien. Es geht hier also um die Verantwortung für den Massenmord an den europäischen Jüdinnen und Juden, aber auch – und dies wird in den aktuellen Debatten zumeist übersehen – um eine spezifische Lehre, die sich daraus für das ›Land der Täter‹ ableitet: „Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit dürfen in Deutschland und in Europa nie wieder Fuß fassen, und zwar weil alles andere uns insgesamt – die deutsche Gesellschaft, das europäische Gemeinwesen, die demokratische Grundordnung unserer Länder – gefährden würde“. Sie verweist ferner auf die von Deutschland und Israel geteilten Werte der „Freiheit, Demokratie und der Achtung der Menschenwürde. Sie ist das kostbarste Gut, das wir haben: die unveräußerliche und unteilbare Würde jedes einzelnen Menschen – ungeachtet seines Geschlechts, seiner Abstammung, seiner Sprache, seines Glaubens, seiner Heimat und Herkunft“. Ein paar Jahre vor der Rede der Bundeskanzlerin hatte bereits Rudolf Dreßler (SPD), der von 2000 bis 2005 Botschafter in Israel war, die gesicherte Existenz Israels als deutsche Staatsräson benannt. In einem Beitrag in „Aus Politik und Zeitgeschichte“ beschrieb er 2005 die Opferzahlen der zweiten Intifada auf palästinensischer und israelischer Seite sowie die tägliche Bedrohung und Aberkennung der Existenzberechtigung, der Israelis permanent ausgesetzt seien https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/29118/gesicherte-existenz-israels-teil-der-deutschen-staatsraeson-essay/ . Die gesicherte Existenz Israels sei Teil der deutschen Staatsräson (Dreßler 2005:8) und wirtschaftliche Beziehungen, Jugendaustausch, Kultur und Sport wichtige Instrumente, um die deutsch-israelischen Beziehungen zu stärken. Auch hier wird ein grundlegendes Argument vorgebracht: „Wenn die Lehre aus den Verbrechen Deutschlands ab 1933 eindeutig ist und sie im Imperativ unserer Verfassung, in Artikel 1, ihren Niederschlag gefunden hat, ist sie Auftrag zugleich: ‚Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.‘“ (Dreßler 2005: 3) ### Erinnerungspolitik und Geschichtsbewusstsein in der Berliner Republik Die Äußerungen Dreßlers und Merkels verweisen auf einen Deutungskonsens, der sich nach der deutschen Wiedervereinigung allmählich herausbildete und seinen materiellen Ausdruck in der Erinnerungslandschaft in Berlin fand. In dem Jahr, in dem Dreßler seinen Text veröffentlichte, war im politischen Zentrum der Berliner Republik das Denkmal für die ermordeten Juden Europas feierlich eingeweiht worden. Und im Jahr der Merkelschen Rede vor der Knesset folgte auf der anderen Straßenseite die Eröffnung des Denkmals für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen (2008). Die Errichtung der Berliner Denkmäler markierte eine Wende in der staatlichen Erinnerungspolitik, die sich nun auf das ritualisierte Gedenken an den Holocaust auszurichten begann. In Berlin-Mitte entstand eine Erinnerungslandschaft um verschiedene Opfergruppen herum. Es folgten das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas (2012), der Gedenkort für die Opfer der NS-›Euthanasie‹-Morde (2014) und schließlich das (noch provisorische) Denkmal für die polnischen Opfer der deutschen Besatzung (2025). Es ist im Kontext der aktuellen Verweise auf die historische Verantwortung Deutschlands vielleicht hilfreich, noch einmal daran zu erinnern, dass die Entstehungsgeschichte dieser Denkmäler von harten Deutungskämpfen und Auseinandersetzungen um die Interpretation der NS-Geschichte begleitet war. Der Bundestag hatte 1999 einen Beschluss zur Errichtung des Stelenfeldes nach dem Entwurf von Peter Eisenman gefällt, dem eine langjährige Debatte vorangegangen war, ausgelöst durch eine Initiative der Publizistin Lea Rosh im Jahr 1988. ### Debatten und Bruchlinien Durch die erinnerungspolitischen und geschichtswissenschaftlichen Debatten zogen sich zwei wesentliche Diskursstränge. Zum einen geriet immer mehr das „miteinander verflochtene, sich wechselseitig radikalisierende Gewaltgeschehen“ (Wildt 2022: 138) der ›Lebensraum‹- und Vernichtungspolitik in seiner ganzen Komplexität in den Blick. Es wurde deutlich, dass die Ermordung der als jüdisch kategorisierten Menschen den Kern ausmachte, aber auch die Vernichtung anderer als ›minderwertig‹ oder ›gefährlich‹ eingestuften Gruppen zum Neuordnungsprojekt des Projekts des ›Tausendjährigen Reiches‹ gehörte. Neben der mit der nationalsozialistischen Besatzungs- und Vernichtungspolitik verbundenen Entgrenzung der Gewalt wurde nun – und dies ist der zweite zentrale Diskursstrang in den ersten Jahren der Berliner Republik – die Rolle der konkret Beteiligten sowie das alltägliche Handeln, Unterstützen und Wegsehen verstärkt diskutiert. Der Film „Schindlers Liste“ (1993), das Buch „Hitlers willige Vollstrecker“ des US-amerikanischen Sozialwissenschaftlers Daniel Goldhagen und die Wanderausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“ des Hamburger Instituts für Sozialforschung (1995-1999) waren zentrale Bezugspunkte einer Debatte um die Rolle von ›ganz gewöhnlichen‹ Deutschen im Nationalsozialismus. Wenige Jahre später veröffentlichten Harald Welzer, Sabine Moller und Karoline Tschuggnall den Band „Opa war kein Nazi“ (2002), der auf Mehrgenerationeninterviews beruht und danach fragt, ob und wie Geschichtsbewusstsein innerhalb von Familien tradiert wird. Die Ergebnisse waren ernüchternd. Zwei Drittel der Mehrgenerationeninterviews beinhalteten vor allem Opfererzählungen oder Anekdoten über Heldentaten und persönlichen Mut. Diese Studie ist auch aus heutiger Sicht noch wichtig, weil sie zeigte, dass die ritualisierte Erinnerung an den Holocaust zu einem Zeitpunkt zur Grundlage der Staatsräson wurde, als die Enkelgeneration ein Geschichtswissen erlernte, das von der tradierten und kommunikativen Erinnerung abgekoppelt war. Und es ist dieses Auseinanderdriften von Geschichtsbewusstsein und offiziellem Erinnerungsdiskurs, das auch den Verweis auf die Staatsräson so schal macht. ### Die Singularität des Holocaust Im Kontext dieser erinnerungspolitischen und geschichtswissenschaftlichen Debatten habe ich die Formel von der Singularität des Holocaust immer auf die Monstrosität des gesamten Gewaltgeschehens bezogen, sowohl auf den fabrikmäßigen Massenmord in den Konzentrationslagern als auch auf die systematische und entgrenzte Gewalt im Zuge der ›Lebensraum‹-, Besatzungs- und Vernichtungspolitik, in dessen Kern die antisemitisch motivierte Vernichtung der als jüdisch klassifizierten Menschen stand und der weitere als ›minderwertig‹ oder ›gefährlich‹ charakterisierte soziale Gruppen zum Opfer fielen. Es geht dabei sowohl um die professionelle Organisation der Vernichtung als auch um die Haltungen und Handlungen von Millionen von Mitläufer:innen, Denunziant:innen und Wegseher:innen, die die Dehumanisierung, Entrechtlichung und Vernichtung von Jüdinnen und Juden, Homosexuellen, ›Asozialen‹, Menschen mit Behinderung, Sinti und Roma und anderen ›minderwertigen‹ oder ›gefährlichen‹ Menschen mitgetragen haben. Der Holocaust „symbolisiert den Höhepunkt der von Menschen über Menschen in Gang gesetzten Repression, er verkörpert die permanente Möglichkeit totaler Zertretung des menschlichen Antlitzes und der menschlichen Würde, die Entmenschlichung durch den Menschen“ (Zuckermann 1998, 34). Aus dieser Monstrosität erwächst die historische Verantwortung. ### Wie die Menschenwürde in die Verfassung kam Wie Dreßler und Merkel in ihren Beträgen betonten, leitet sich die Staatsräson aus dieser historischen Erfahrung ab und ist unmittelbar mit der Anerkennung der Würde des Menschen verbunden. Der Parlamentarische Rat, der eine vorläufige Verfassung für die von den Westalliierten kontrollierten Gebiete ausarbeiten sollte, hat in seinen Debatten keine detaillierte Aufarbeitung der deutschen Schuld – und insbesondere des Holocaust – vorgenommen, aber doch ein neues Gerüst entworfen, an dem sich die spätere Politik ausrichten sollte. In der vierten Sitzung des Ausschusses für Grundsatzfragen des Parlamentarischen Rates vom 23. September 1948 wurde ein erster Entwurf des ersten Artikels des Grundgesetzes diskutiert. Ludwig Bergsträsser (SPD) erklärte zu Beginn der Sitzung knapp, man habe „absichtlich erklärt, daß das deutsche Volk sich nach den bitteren Erfahrungen in der Nazi-Zeit erneut zu ihnen [den vorstaatlichen Grundrechten] als der Grundlage aller menschlichen Gemeinschaft bekennt. Wir wollen damit den Gegensatz gegen die zwölf Jahre Willkürherrschaft deutlich herausstellen“ (Deutscher Bundestag und Bundesarchiv 1993: 63). In den Diskussionen um die Formulierung des Art. 1 ging es in der Folge u.a. um die Frage, ob die Menschenwürde naturrechtlich oder „von Gott gegeben sei“. Letzteres war noch Thema auf der zweiten Lesung des Abschnitts auf der 42. Sitzung des Hauptausschusses am 18.1.1949 (Deutscher Bundestag und Bundesarchiv 2009: 1289), bei der dritten Lesung des Hauptausschusses am 8.2.1949 wurde der finale Text ohne Diskussion angenommen (Deutscher Bundestag und Bundesarchiv 2009: 1485) In Art.1(1) ist nun der Grundsatz verankert: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“. Dass eine „in Überzeugungen verankerte Bindung an universalistische Verfassungsprinzipien“ von fundamentaler Bedeutung ist, machte auch Habermas im berühmten Historikerstreit (S.77) der 1980er Jahre deutlich. Im revisionistischen geschichtswissenschaftlichen Klima der Ära Kohl betonte er: „Der einzige Patriotismus, der uns dem Westen nicht entfremdet, ist ein Verfassungspatriotismus“ (ebda). Die Gegenwart scheint jedoch eher von der Gewöhnung an moralische Indifferenz, neue Konstruktionen des inneren Feindes und unterschiedliche Standards der Betrauerbarkeit geprägt zu sein. Es täte uns gut, eine neue Bindung an die Verfassung Art 1 Abs. 2 herzustellen: „Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt“. ### Literatur Deutscher Bundestag und Bundesarchiv (Hrsg.) (1993). Der Parlamentarische Rat 1948-1949. Akten und Protokolle. Bd. 5 Ausschuss für Grundsatzfragen. Boppard am Rhein: Boldt Deutscher Bundestag und Bundesarchiv (Hrsg.) (2009). Der Parlamentarische Rat 1948-1949. Akten und Protokolle. Bd. 14/I Hauptausschuss. München: Oldenbourg. Habermas, Jürgen (1987). Eine Art Schadensabwicklung. Die apologetischen Tendenzen in der deutschen Zeitgeschichtsschreibung, in: Historikerstreit. Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung, München: Piper, 62-76 Welzer, Harald; Moller, Sabine; Tschuggnall, Karoline (2002). „Opa war kein Nazi“. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis, Frankfurt am Main: Fischer. Wildt, Michael (2022). Was heißt: Singularität des Holocaust?, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, 19 (1), 128-147. ### Über die Autorin Prof. Dr. Anika Oettler ist Professorin für Soziologie (gesellschaftliche Entwicklung und vergleichende Sozialstrukturanalyse) an der Philipps-Universität Marburg. * teilen * teilen * teilen * teilen * teilen * teilen ## Autor: Anika Oettler Prof. Dr. Anika Oettler ist Professorin für Soziologie (gesellschaftliche Entwicklung und vergleichende Sozialstrukturanalyse) an der Philipps-Universität Marburg. Alle Beiträge von Anika Oettler anzeigen

Neu im #SozBlog: Über Staatsräson, Verfassungspatriotismus und die Menschenwürde blog.soziologie.de/2025/08/ueber-staatsraes...

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Kriege, Kriegsgesellschaft, Zeitenwende **Beitrag 13: Zivilgesellschaft im Krieg (III) – Zur Politik der BR Deutschland 2022-2025** _von Volker Kruse_ **10.04./ 21.04.2025** _Zeitenwende in einem gesellschaftstheoretischen, gesamtgesellschaftlich bezogenen Verständnis bedeutet hier den Übergang von einer reinen Zivilgesellschaft („von Freunden umzingelt“) zu einer Zivilgesellschaft im Krieg. Die Lage einer solchen ist gekennzeichnet durch äußere Bedrohung und durch Verwicklung in einen „großen“ Krieg, ohne selbst in einen solchen mit eigenen Streitkräften einzutreten. Dem Typus einer Zivilgesellschaft im Krieg sind die USA 1940/41 zuzuordnen, als sie Großbritannien und die Sowjetunion gegen den deutschen Aggressionskrieg mit Waffen und Munition und anderen kriegswichtigen Materialien unterstützten, bevor sie durch den japanischen Angriff auf den Marinestützpunkt Pearl Harbour am 07. Dezember 1941 selbst zur Kriegsgesellschaft wurden (vgl. Beitrag 11). Aktuell ist es neben anderen europäischen Staaten die Bundesrepublik Deutschland, die den Bedingungen einer Zivilgesellschaft im Krieg unterliegt, indem sie die angegriffene Ukraine gegen Russland unterstützt und folgerichtig von Russland als Feind wahrgenommen wird._ _Im vorangegangenen Blogbeitrag (12) wurde thematisiert, wie sich eine Zivilgesellschaft im Krieg theoretisch gesehen bedrohungsadäquat verhält. Die Politik muss vor allem für ein kriegstüchtiges Militär und für eine resiliente Gesellschaft sorgen, welche den mit äußerer Bedrohung verbunden Stress aushält. In diesem Beitrag wollen wir die Zivilgesellschaft im Krieg historisch-empirisch betrachten. Dafür bietet Deutschland unter der „Ampel“-Regierung und danach lehrreiches Anschauungsmaterial. Wir wollen analysieren, inwieweit ihre Politik bedrohungsadäquat, also bedrohungsvermindernd, bzw. nicht bedrohungsadäquat, also bedrohungsverstärkend agiert (hat). Die Prämissen dabei sind, dass (a) eine Bedrohung durch aggressive Imperien tatsächlich besteht und (b) dass eine Unterwerfung unter diese keine akzeptable Option darstellt._ 1. **Der Bundeskanzler ruft die Zeitenwende aus** 2. **Die „Ampel“-Regierung meistert die Gaskrise** 3. **Die „Ampel“-Regierung scheitert an ihrem eigenen Erfolg und der Obstruktion von drei Oppositionen** 4. **Nach der Wahl: Lockerung der Schuldenbremse und Sondervermögen – Rückkehr der deutschen Politik in die Wirklichkeit?** 5. **Was ist zu tun? – Politik für eine Zivilgesellschaft im Krieg** 6. **Ausblick** ### 1. Der Bundeskanzler ruft die Zeitenwende aus „Wir erleben eine Zeitenwende. Und das bedeutet: Die Welt danach ist nicht mehr dieselbe wie die Welt davor“ (zit. nach: Chr. Schweppe, Zeiten ohne Wende, München 2024, S. 21). Das sind die Kernsätze von Bundeskanzler Olaf Scholz‘ berühmter Zeitenwende-Rede vom 27. Februar 2022, nur drei Tage nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine, in einer Sondersitzung des deutschen Bundestages. Sie interpretieren Russlands völkerrechtswidrigen Überfall als epochale Zäsur in der europäischen Geschichte. Der Bundeskanzler übt sich nicht in diplomatischer Zurückhaltung: „Die himmelschreiende Ungerechtigkeit, der Schmerz der Ukrainerinnen und Ukrainer, sie geht uns allen sehr nahe“ (Schweppe 2024, S. 19). Er nennt Russland ein „Unterdrückungsregime“. Er lässt keinen Zweifel, dass Deutschland an der Seite der Ukraine steht. Das ist, historisch betrachtet, keine Selbstverständlichkeit. Deutschland war seit dem 18. Jahrhundert wiederholt Partner russischer Imperialpolitik. So Preußen und Österreich bei den polnischen Teilungen von 1772, 1793 (ohne Österreich) und 1795, oder bei den polnischen Aufständen von 1830/31 und 1863 oder bei dem Hitler/Stalin-Pakt von 1939. Selbst die neue Ostpolitik der Bundesrepublik ab 1969 kann man als einen _partiellen_ deutschen Sonderweg interpretieren. Wenn Putin hoffen konnte, einen Staat aus der Phalanx des Westens herauszubrechen, dann Deutschland. Die Rede des Bundeskanzlers ist eine unzweideutige Absage an einen deutschen Sonderweg. Deutschland bleibt Teil des Westens und seiner Bündnissysteme. Der Bundeskanzler kündigt sogar ein Sondervermögen von 100 Mrd. Euro an, um die „kaputt gesparte“ Bundeswehr wehrfähig zu machen. Deutschland wird über eine Mio. ukrainischer Flüchtlinge aufnehmen, und, bei allen Unzulänglichkeiten, die Ukraine militärisch effektiv unterstützen. Der Bundeskanzler präsentiert sich in seiner Zeitenwende-Rede mustergültig als deutsche, ja europäische Führungspersönlichkeit. Er füllt an diesem Tag seine Führungsrolle perfekt aus. Auch die CDU/CSU-Opposition applaudiert. Es manifestiert sich so etwas wie eine „patriotische Einheitsfront“ der demokratischen Parteien. Die Rede des Bundeskanzlers diagnostiziert einen epochalen Bruch, etikettiert diesen treffend („Zeitenwende“), positioniert Deutschland auf der Seite der angegriffenen Ukraine und „des Westens“, schlägt Abhilfe vor (Sondervermögen Bundeswehr) und erzeugt oder repräsentiert einen breiten demokratischen Konsens. Sie kann als voll adäquate Reaktion auf die Bedrohung durch die russische Aggression gelten. Später wird sich allerdings herausstellen, dass der Bundeskanzler den Erwartungen, die seine fulminante Zeitenwende-Rede vom 27. 02. 2022 weckt, nicht wirklich genügen kann. Bemängelt werden seine Führungsschwäche in der deutschen Regierung und in Europa. Er habe sich bei unbequemen Entscheidungen zu Russlands Krieg gegen die Ukraine hinter dem amerikanischen Präsidenten Biden versteckt und schwimme, anstatt sich an die Spitze zu setzen, nur im Konvoi der europäischen Unterstützer mit. Die deutsche Unterstützung der Ukraine sei unzureichend und zögerlich gewesen. Inzwischen haben Großbritannien und Frankreich die Führung Europas in der Krise übernommen. Bemerkenswert gut gelingt es hingegen der Bundesregierung, auf die Einstellung der russischen Gaslieferungen im Sommer 2022 zu reagieren. ### 2. Die „Ampel“-Regierung meistert die Gaskrise Indem Deutschland beschließt, die Ukraine gegen die russische Aggression zu unterstützen, vor allem mit Waffen- und Munitionslieferungen und mit Sanktionen, wird es vom Aggressor als _Feind_ wahrgenommen. Entsprechend wird es zum Objekt einer feindlichen Politik, die darauf abzielt, Deutschland durch Stopp der Gaslieferungen ökonomisch und politisch zu destabilisieren. Die deutsche Regierung hatte einen Sonderweg in der wirtschaftlichen Kooperation mit Russland beschritten. Gegen den Willen der westlichen Führungsmacht und den Rat europäischer Partner setzte sie unbeirrt auf den Bau einer Pipeline durch die Ostsee, welche die deutschen Gasimporte weiter steigern sollte. Bereits vor dem Krieg lag die deutsche Versorgungsquote mit russischem Gas bei über 50%. Erst einen Tag vor Russlands Angriff auf die Ukraine stoppte die Bundesregierung Nord Stream 2. Die Frage nach dem Beginn der russischen Voll-Invasion ist: Soll die Bundesrepublik weiterhin Erdgas aus Russland beziehen? Dann würde sie immer noch die russische Kriegskasse füllen. 2021 zahlte Deutschland für Öl und Gas fast 20 Milliarden Euro an Russland. Einige Oppositionspolitiker und Wirtschaftswissenschaftler plädieren für eine Einstellung der Lieferungen aus Solidarität mit der Ukraine. Der Bundeskanzler und der Wirtschaftsminister lehnen jedoch ein Sofort-Embargo ab. Der Wirtschaftsminister erklärt, er könne nur Maßnahmen verantworten, die Deutschland auch in der Lage sei durchzuhalten. Ein Gasverzicht hätte schwerste wirtschaftliche und damit auch gesellschaftliche Folgen – eine richtige Einschätzung, wie sich bald herausstellen wird. Die Bundesregierung verfolgt die Strategie, vorerst weiterhin russisches Gas beziehen und gleichzeitig zu versuchen, sich möglichst bald aus der bisherigen Abhängigkeit zu befreien. Doch die russische Führung denkt nicht daran, dabei zuzuschauen, sondern setzt Gasentzug als Waffe gegen Deutschland ein. Zunächst nimmt sie Deutschlands größten Gasspeicher im niedersächsischen Rehden in Visier. Dieser ist von einer Vorgängerregierung an Gazprom Germania, der deutschen Tochter des bekannten russischen Gaskonzern verkauft worden. Gazprom hat ihn bis auf eine geringe Restmenge leerlaufen lassen. Der Wirtschaftsminister entzieht Gazprom Germania dem Zugriff Moskaus und stellt das Unternehmen unter die Treuhandschaft der Bundesnetzagentur. Die russische Regierung verringert die Gasexporte nach Deutschland zunächst auf 40%, dann auf 20% und schließt am 30. August Nord Stream 1 komplett. Die Frage ist nun: Wie kommt Deutschland durch den nächsten Winter? Modellrechnungen z. B. der Deutschen Bank sehen eine Gasmangellage im ausgehenden Winter als das wahrscheinlichste Szenario. Die Bundesregierung entwickelt eine Fünf-Säulen-Strategie, mit der ein Notstand vermieden werden soll: (1) Senkung des Verbrauchs um mindestens 20 %; (2) Mehr Einfuhren von Pipelinegas aus Norwegen; (3) Mehr Einfuhren von Flüssiggas (LNG) über Belgien und die Niederlande; (4) Bau eigener LNG-Terminals an Nord- und Ostsee, die noch im Winter in Betrieb genommen werden sollen; (5) Verringerung der Gasexporte im europäischen Gasverbund. Es gelingt, ungewöhnlich rasch LNG-Terminals zu bauen („Deutschland-Tempo“) und Gasexporte aus anderen Ländern zu steigern. Deutschland kauft zu Höchstpreisen Gas auf dem Weltmarkt, denn noch ist unsicher, ob die Vorräte für den Winter reichen. Der Energiekonzern Uniper gerät aufgrund der extrem hohen Gaspreise auf dem Weltmarkt in eine schwere finanzielle Schieflage und wird durch staatliche Beihilfen von 13,5 Mrd. Euro gerettet. Die Gaspreise steigen rapide, und damit auch die Inflation. Beobachter befürchten einen „heißen Herbst“. Dagegen setzt die Bundesregierung den „Doppelwumms“ (Bundeskanzler Scholz). Er beinhaltet eine Energiepreisbremse für Strom und Gas, für die 200 Mrd. Euro bereitgestellt werden, eine Energiepreispauschale von 300 Euro für Arbeitnehmer und Rentner, 200 Euro für Studierende. Wo Unternehmen und Gewerkschaften zusätzliche Zahlungen vereinbaren, bleiben bis 3.000 Euro steuerfrei. Bürgergeldempfänger werden mit einer Erhöhung um ca. 50 Euro monatlich bedacht. Eine Wohngeldreform, die auch Heizkosten berücksichtigt, hebt die Zuwendungen für sozial schwache Mieter erheblich an. Diese Maßnahmen stärken die Resilienz der deutschen Gesellschaft. Stillgelegte Kohlekraftwerke werden reaktiviert, um Ausfälle von russischem Gas teilweise zu kompensieren. Der Gasverbrauch in der zweiten Hälfte 2022 sinkt um ein Viertel gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres. Die „Ampel“-Regierung ist es gelungen, Putins Kalkül, durch totalen Stopp der Gaslieferungen ein wirtschaftliches und politisches Chaos anzurichten, zu vereiteln. Sie hat die Souveränität des deutschen Staates über die Gasspeicher hergestellt. Mit einer Kombination verschiedener Maßnahmen – neue Lieferanten, neue Terminals, Energiesparmaßnahmen, Wiederinbetriebnahme von Kohlekraftwerkend u. a. m. – schafft sie es, eine schwerwiegende Mangellage zu vermeiden. Durch massive Subventionen hat sie sichergestellt, dass Unternehmen und private Verbraucher Energie zu erschwinglichen Preisen beziehen konnten. Ein Zusammenbruch der Wirtschaft, besonders ihrer energieintensiven Wirtschaftszweige, bleibt aus. Ebenso der befürchtete „heiße Herbst“. Im Januar 2023 verkündete Bundesnetzagentur-Chef Klaus Müller: „Wir sind sehr optimistisch, dass wir in diesem Winter keine Gasmangellage mehr zu befürchten haben“. Die erste Runde im Wirtschaftskrieg mit dem russischen Aggressor um die Gasversorgung ging also an die Bundesrepublik Deutschland. Dies war nur möglich, weil die Regierung sachgerechtes, pragmatisches, rasches Krisenmanagement betrieb, begleitet von einer in sicherheitsrelevanten Fragen konstruktiven Opposition. Die Politik der Bundesregierung in der Gasmangelkrise kann also als voll bedrohungsadäquat gelten. ### 3. Die „Ampel“-Regierung scheitert an ihrem eigenen Erfolg und der Obstruktion von drei Oppositionen Zum Wendepunkt in der Geschichte der „Ampel“ – Regierung gerät das geplante Gebäudeenergiegesetz („Heizungsgesetz“), von dem ein Entwurf im Februar 2023 an die Bild-Zeitung „durchgestochen“ wird. Bereits die Vorgängerregierung hatte 2020 in ihrem „Klimaschutzprogramm 2030“ nach vier Jahren Beratung ein „Gebäudeenergiegesetz“ beschlossen. Es setzte für fossile Heizungen ein Verfallsdatum von 30 Jahren an, allerdings mit vielen Ausnahmen. Nach 2026 sollten keine neuen Ölheizungen mehr eingebaut werden. Die „Ampel“-Parteien einigen sich Ende 2021 (also noch vor der russischen Invasion) in ihrem Koalitionsvertrag darauf, dass ab 01. Januar 2025 jede neu eingebaute Heizanlage auf der Basis von 65% erneuerbarer Energie betrieben werden solle. Unter dem Eindruck einer drohenden Gasmangel-Krise beschließt die neue Regierung im März 2022, den Termin von 2025 auf 2024 vorzuziehen. Der Sinn des geplanten Gesetzes ist nun, möglichst rasch die Abhängigkeit vom russischen Gas zu beenden. Doch im Februar 2023 ist die akute Gasmangellage vorbei. Sie entschwindet rasch der öffentlichen Aufmerksamkeit – beinahe so, als hätte sie es nie gegeben. Nachdem ein Entwurf des geplanten Gebäudeenergiegesetzes bekannt worden ist, entspinnt sich ein ganz anderer Diskurs. Es geht nicht mehr um energetische Unabhängigkeit, um Energieversorgung, um Einsparung von Gas, sondern um Freiheit im Heizungskeller, gegen die Bevormundung durch einen übergriffigen, ideologisch geleiteten Staat, der nicht entscheiden dürfe, welche Heizungen eingebaut werden und welche nicht. Die Politik des ersten Regierungsjahres wird, bevor im Februar 2023 der Streit über das Heizungsgesetz beginnt, bei Wahlen und Umfragen durchaus goutiert, aber unterschiedlich zugemessen. Der Wirtschaftsminister erscheint als Gesicht des erfolgreichen Krisenmanagements. Seine Beliebtheitswerte in Umfragen erreichen einsame Höhen und übertreffen bei weitem die des amtierenden Kanzlers. „Die Grünen“ steigen in Umfragen auf über 20% und sind auch bei Landtagswahlen erfolgreich (z. B. NRW und Schleswig-Holstein), anders als die SPD, anders als die FDP, deren Werte um 5% dümpeln. Die liberale Partei schließt aus diesen Ergebnissen, dass sie ihren Markenkern, Freiheit und Markt, in der Regierung mit ungeliebten Koalitionspartnern vernachlässigt habe. Jetzt sei „FDP pur“ gefragt. Sie versteht sich fortan erklärtermaßen als Opposition in der Regierung, um eine in ihrem Verständnis linksideologisch motivierte Politik zu verhindern. Auch andere Parteien beteiligen sich an einer Kampagne gegen den Wirtschaftsminister und sein Ministerium. Die Wohnungsbauministerin, für das Gebäudeenergiegesetz ebenso verantwortlich wie der Wirtschaftsminister, taucht ab. Der Bundeskanzler lässt den ungeliebten Rivalen im Regen stehen. Nun handeln Akteure nicht mehr aus staatspolitischer Verantwortung, sondern getrieben von innenpolitischem, parteiegoistisch motiviertem Kalkül. Man kann sagen: Mit dem Beginn des Streits um das Gebäudeenergiegesetz wechselt die deutsche Politik vom Modus einer Zivilgesellschaft im Krieg in den Modus einer reinen Zivilgesellschaft. Denn der Blick für die äußere Bedrohung geht weitgehend verloren. Gewiss, da ist immer noch der Diskurs von Konfliktforschern, Politikwissenschaftlern, Fachpolitikern, Militärs und Geheimdienstlern. Das von Ihnen relativ einheitlich vertretene Narrativ besagt: Russland, Nachfolgestaat der untergegangenen Sowjetunion, sei zu einer aggressiven imperialen Macht geworden. Es habe einen Krieg vom Zaun gebrochen, um die Ukraine zu unterwerfen. Seine imperialen Ambitionen gingen über die Ukraine hinaus. Sie zielten letztendlich auf die politische Hegemonie Russlands in Europa ab. Schon gegen Ende des Jahrzehnts könne Russland NATO-Territorium angreifen. Aber dieser Diskurs wird im innenpolitischen Alltag weitgehend ignoriert. Dort betreibt man Politik, als gäbe es keinen russischen Angriff auf die Ukraine und keine Bedrohung Deutschlands und Europas. In einer Zeit, in der gesellschaftlicher und politischer Zusammenhalt gefragt ist, leistet sich die Bundesrepublik Deutschland drei Oppositionen: eine „normale“ demokratische Opposition (CDU/CSU), eine Systemopposition (AfD) und eine Opposition in der Regierung (FDP). (Von der Partei „Die Linke“ wird hier aufgrund ihrer damaligen Marginalität abgesehen). Die CDU/CSU-Opposition erwirkt durch eine Klage beim Bundesverfassungsgericht ein Verbot, die Mittel eines Sondervermögens zur Bekämpfung der Corona-Folgen für andere Zwecke umzuwidmen. 2022 hatte sie das 100-Mrd.-Sondervermögen für die Bundeswehr mitgetragen und überhaupt erst ermöglicht. Die Regierungsparteien SPD und Grüne plädieren für eine Aufhebung oder Lockerung der Schuldenbremse, um in die Aufrüstung der Bundeswehr und die Sanierung der maroden Infrastruktur investieren zu können. Die drei Oppositionen sperren sich gegen jede Reform der Schuldenbremse. Genau wie Privatpersonen müsse der Staat mit dem Geld zurechtkommen, das er einnehme. Nun, wo massive Investitionen in eine erklärtermaßen kriegsuntaugliche Bundeswehr und in eine marode Infrastruktur dringend gefordert sind, gerät die Schuldenbremse zum heiligen Gral der deutschen Politik. Von „staatspolitischer Verantwortung“ keine Spur. Stattdessen ein übles Schauspiel der Selbstzerfleischung der sog. demokratischen Mitte. Ohne Neuverschuldung in großem Stil ist die Regierung gegenüber der Bedrohung von außen nicht handlungsfähig. Am Ende scheitert die „Ampel“-Regierung an drei Mrd. Euro zur Unterstützung der Ukraine – das sind drei Promille im Vergleich zu den gigantischen Summen, die wenige Monate später im Raum stehen werden. Zwei wertvolle Jahre, in denen man sich auf absehbare Bedrohungslagen hätte vorbereiten können, werden fahrlässig verschenkt. Für Defizite bei der Unterstützung der Ukraine sowie bei der Aufrüstung und Ertüchtigung der Bundeswehr ist allerdings die „Ampel“-Regierung selbst verantwortlich, vornehmlich der Bundeskanzler persönlich. Beispiel: Um dem Personalmangel zu begegnen, schlägt der populäre Verteidigungsminister vor, die Wehrpflicht nach dem sogenannten „Schwedischen Modell“ einzuführen. Alle 18jährigen Frauen und Männer sollen angeschrieben werden, und aus den Wehrtauglichen wird die Zahl eingezogen, welche die Bundeswehr benötigt. Diese Initiative blockt der Bundeskanzler im Sommer 2024 mit der Begründung ab, die Bundeswehr habe kein Personalproblem. Obwohl ihr Personal weit unter der Sollstärke liegt. Die deutsche Politik der Jahre 2023/24 war also realitätsfern und bedrohungsinadäquat. Wie konnte es zu diesem Desaster kommen? Abgesehen von persönlichen Eigenheiten der beteiligten Akteure gab es einen strukturellen Grund: Sobald die akute Bedrohung durch Gasmangel gebannt war, fielen viele politische Akteure in die vertrauten Muster einer reinen Zivilgesellschaft zurück. Äußere Bedrohungslagen erfordern innere Geschlossenheit, die Befindlichkeiten einer Zivilgesellschaft ohne äußere Bedrohung jedoch nicht. Anders als in der Kriegsgesellschaft ist es in der Zivilgesellschaft im Krieg relativ leicht, äußere Bedrohungen zu übersehen, zu ignorieren, zu verdrängen. Denn in ihr ist der Krieg lebensweltlich kaum wahrnehmbar. ### 4. Lockerung der Schuldenbremse und Sondervermögen für Infrastruktur – Rückkehr der deutschen Politik in die Wirklichkeit? Oppositionsführer Merz ist sich der Bedrohungslage bewusst und scheint auch eher als der amtierende Bundeskanzler bereit, der Bedrohung entgegenzutreten und die Ukraine stärker zu unterstützen. Aber er hält an der Schuldenbremse fest. Die Aufrüstung und die Sanierung der Infrastruktur, so der Kanzlerkandidat im Wahlkampf, solle aus Sparmaßnahmen insbesondere beim Bürgergeld finanziert werden. Außerdem verspricht er Steuererleichterungen im hohen zweistelligen Milliardenbereich, die vornehmlich den Beziehern hoher Einkommen zugutekommen würden. Wenige Tage nach den Wahlen folgt die Wende um 180 Grad. Nun befürwortet er eine Lockerung der Schuldenbremse und ein schuldenfinanziertes Sondervermögen zur Sanierung der maroden Infrastruktur. Insgesamt geht es um eine Verschuldung von einer Billion Euro. Merz begründet seine Kehrtwende mit der disruptiven amerikanischen Politik nach der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA. Denn inzwischen hat sich die Trump-Administration die russische Sichtweise zum Krieg in der Ukraine weitgehend zu Eigen gemacht. Sie übt Druck auf die ukrainische Regierung aus, einem De-facto-Diktatfrieden zuzustimmen. Sie verhandelt mit Russland über ein Ende des Krieges, die angegriffene Ukraine und Europa bleiben außen vor. Verteidigungsminister Hegseth erklärt, die Europäer müssten in Zukunft für ihre eigene Sicherheit sorgen. Vizepräsident Vance kündigt auf der Münchener Sicherheitskonferenz die Wertegemeinschaft des Westens auf. Bei einem Treffen in Washington, das zu einer Unterzeichnung eines Vertrages zur Ausbeutung ukrainischer Rohstoffe angesetzt worden ist, wird Präsident Selensky öffentlich gedemütigt. Als wenige Tage später europäische Politiker Vorschläge zu einem Teil-Waffenstillstand in der Ukraine vorlegen, ist aus Moskau zu hören, was aus Europa komme, interessiere nicht. Der einzige relevante Gesprächspartner seien die USA. Dies alles und anderes mehr lässt die Politik in Deutschland (und Europa) endlich aufwachen. Was die Regierungsparteien SPD und Grüne zwei Jahre lang nicht gegen die drei Oppositionen durchsetzen konnten, ein schuldenfinanziertes Aufrüstungs- und Infrastrukturprogramm, wird nun von der bisher größten Oppositionspartei in den Sondierungen für eine neue Regierung akzeptiert. Das eine Billion schwere Finanzpaket kann als die adäquate Reaktion auf die aktuelle äußere Bedrohungslage gelten. Es verschafft der Bundesrepublik die unerlässlichen Finanzmittel für die notwendige Aufrüstung und die Unterstützung der Ukraine. Die Herstellung einer voll funktionsfähigen Infrastruktur kommt dem zivilen Leben und der Kriegstüchtigkeit gleichermaßen zugute. Es ist ein Signal nach außen, dass Deutschland und Europa willens sind, sich gegen eine mögliche Aggression zu verteidigen, und nicht bereit sind, auf Mitsprache in Europa betreffenden internationalen Entscheidungen (Krieg Russlands gegen die Ukraine) zu verzichten. Ein großer Wurf also, geeignet, der äußeren Bedrohung entgegenzuwirken – vorausgesetzt, es gelingt, durch notwendige, europäisch abgestimmte Strukturreformen im Beschaffungswesen mit den bereitgestellten Mitteln eine kriegstüchtige Bundeswehr zu formen. Das ist die Perspektive der Außen- und Sicherheitspolitiker, der Militärs und derjenigen, die sich in staatspolitischer Verantwortung sehen. Aber es gibt auch eine andere Perspektive auf die Koalitionsverhandlungen, die der „gewöhnlichen“ Parteipolitiker, die _nicht_ Sicherheitsexperten sind. Für sie ist es wichtig, wieviel vom eigenen Programm durchgesetzt werden kann, für das sie im Wahlkampf geworben haben. Eine gute Politik ist aus ihrer Sicht diejenige, die ein Maximum ihres Parteiprogramms durchsetzt – und umgekehrt. Parteiprogramme orientieren sich aber nicht an Imperativen äußerer Bedrohung, sondern eher an dem, was ein möglichst hohes Wahlergebnis erwarten lässt. Im Fall der CDU/CSU (und nicht nur bei ihr) gibt es eine krasse Differenz zwischen Wahlprogramm und den Imperativen äußerer Bedrohung. Entsprechend groß ist der Unmut in Reihen der CDU/CSU, nachdem die Ergebnisse zum großen Finanzpaket bekannt geworden sind. Man sei von der SPD über den Tisch gezogen worden. CDU/CSU-Politiker fordern Kompensationen im weiteren Verhandlungsverlauf. Hier wird immer noch parteitaktisch gedacht: Welche Partei setzt ihre Positionen durch? Und nicht: Welche Politik ist am ehesten der äußeren Bedrohung angemessen? Die (designierte) neue Regierung scheint nur partiell bedrohungsadäquat zu handeln. Sie übersieht, was man in den Weltkriegen „Heimatfront“ nannte: die notwendige Resilienz des zivilen, nichtmilitärischen Teils der Gesellschaft. Es scheint bei den Koalitionsverhandlungen nicht um die Frage zu gehen: Wie machen wir die deutsche Gesellschaft resilient gegen äußere Bedrohungen? Sondern: Wie bringen wir möglichst viele Positionen der eigenen Partei durch? Entsprechende Erwartungen werden jedenfalls von unteren Parteigliederungen geäußert. Dass Koalitionäre in spe zumindest noch partiell im alten Denken der reinen Zivilgesellschaft verhaftet sind, zeigen Geschenke an die eigene Wählerklientel wie Agrardiesel, Pendlerpauschale, Mütterrente, Steuersenkung für die Gastronomie wie überhaupt der Ruf nach Steuersenkungen. Steuererhöhungen zur Finanzierung für außergewöhnliche Aufwendungen werden, anders als der Solidaritätszuschlag der Regierung Kohl für die Kosten der nationalen Einheit, nicht in Erwägung gezogen. Die Frage der gesellschaftlichen Resilienz, die ebenso wichtig ist wie die einer wehrfähigen Bundeswehr, stellt sich in den Koalitionsverhandlungen anscheinend nicht. ### 5. Was ist zu tun? – Politik für eine Zivilgesellschaft im Krieg Ein kriegstüchtiges Militär und eine resiliente (zivile) Gesellschaft bilden die beiden unverzichtbaren Fundamente einer Zivilgesellschaft im Krieg. Politik in ihr muss sich daran messen lassen, ob und wie sie beide Fundamente stärkt. **Deutschland und Europa im Schraubstock zwischen russischer und US-amerikanischer Imperialpolitik:** Es zeichnet sich eine neue Weltordnung ab, in der drei expansive Imperien (also Russland, China, USA), die sich immer weniger an internationales Recht gebunden fühlen, bereit sind, Krieg und Gewalt als Mittel der Politik einzusetzen. In dieser neuen Welt stehen Deutschland und Europa vor folgender Alternative: Entweder sie machen sich kriegstüchtig, um ihre staatliche Souveränität und Freiheit ihrer Bürger zu bewahren. Sie müssten also den Imperien militärisch einigermaßen ebenbürtig werden. Oder sie degradieren sich selbst zu deren Verfügungsmasse. Was das bedeutet, kann man aktuell am Schicksal der Ukraine sehen. Zwei Imperien beanspruchen, über das Schicksal der Ukraine zu entscheiden – ohne die ukrainische Regierung, ohne die Europäer. Sie teilen die Ukraine in Interessensphären auf, wobei – so sieht es derzeit aus – die russische Sphäre direkt annektiert wird, die amerikanische Sphäre „nur“ ökonomisch ausgebeutet wird. Was der Ukraine widerfährt, kann man als Menetekel für Europa verstehen. **Deutschland und Europa müssen kriegstüchtig werden:** Eine Zivilgesellschaft im Krieg muss kriegstüchtig werden, denn auch sie (und nicht nur die unterstützte Kriegsgesellschaft) durch den Aggressor bedroht – zumindest indirekt. Das gilt aktuell für Deutschland und Europa, die nun ohne den vertrauten Schutz der USA dastehen. Kriegstüchtig werden heißt: a) Ausbildung einer kampffähigen Truppe; b) Aufrüstung mit Waffen und Munition; c) Abstimmung und Standardisierung europäischer Waffensysteme; d) Bedrohungsadäquater Mindset. Denn die beste Ausrüstung nützt wenig, wenn in der Gesellschaft nicht genügend Bereitschaft da ist, diese auch zur eigenen Verteidigung einzusetzen. Zweck des Strebens nach Kriegstüchtigkeit ist aber auch, in einer zunehmend imperial bestimmten Welt Deutschland und Europa ein stärkeres Gewicht in der internationalen Politik zu eröffnen – zugunsten von Demokratie, Völkerrecht und Menschenrechten. Anders als im Fall aggressiver Imperien bedeutet Kriegstüchtigkeit für die Zivilgesellschaft im Krieg _nicht_ , Krieg als Mittel der Politik zu akzeptieren. Zweck der Ertüchtigung für den Krieg ist es vielmehr, einen Krieg zu vermeiden – durch Abschreckung potenzieller Aggressoren. Abschreckung erfolgt, indem eine Zivilgesellschaft im Krieg glaubwürdig signalisiert, dass sie sich gegen Aggressionen verteidigen kann und will. Aggressoren beobachten die Welt nach dem Schema stark/schwach. Eine Politik der Schwäche verstärkt die Bedrohung durch Aggressoren. Eine Politik, die darauf ausgerichtet ist, Kriegstüchtigkeit zu maximieren, minimiert die Bedrohung durch Aggressoren. **Der Primat der Politik muss sich auf die äußere Bedrohung beziehen:** Grundsätzlich gilt für eine Zivilgesellschaft im Krieg, dass ihr primärer Fokus darauf liegen muss, die äußere Bedrohung abzuwehren. M. a. W.: Sie muss kriegstüchtig werden. Kann sich eine Gesellschaft _nicht_ gegen äußere Bedrohung schützen, gerät sie unter die Hegemonie einer imperialen Macht. Sicherung gegen imperiale Bedrohung ist nicht alles, aber ohne sie ist alles nichts. Alle anderen Belange, z. B. die Wirtschaft, müssen sich dem Primat der äußeren Sicherheit unterordnen. So muss man die Wirtschaftspolitik von der Sicherheitspolitik her denken und nicht umgekehrt. Ein Nebeneffekt der Aufrüstung ist: Diese Investitionen stimulieren die Wirtschaft und schaffen neue Arbeitsplätze. So z. B. im nationalsozialistischen Deutschland der 1930er Jahre und den USA im Zweiten Weltkrieg, als Millionenheere von Arbeitslosen von der Bildfläche verschwanden. Die Koalitionäre haben die Verbesserung von Deutschlands internationaler Wettbewerbsfähigkeit zu einem zentralen Ziel ihrer Politik erklärt. Aber was bedeutet in einer Welt imperialer Großräume, die zu einem guten Teil politisch-militärisch bestimmt werden, internationale Wettbewerbsfähigkeit? Primat der äußeren Bedrohung bedeutet auch, dass keinesfalls Leistungen für die zu unterstützende Kriegsgesellschaft (hier: Ukraine) nach innenpolitischen Gesichtspunkten diskutiert und entschieden werden dürfen – z. B. für eine Selbstinszenierung als „Friedenskanzler“. **Die Resilienz einer Zivilgesellschaft im Krieg muss gestärkt werden:** Ebenso wichtig wie die Aufrüstung ist die Resilienz einer Zivilgesellschaft im Krieg. Eine Kriegsgesellschaft und mit Abstrichen eine Zivilgesellschaft im Krieg sind auf die Minimierung interner Konflikte angewiesen. Kriegsgesellschaften können an der äußeren Front scheitern, aber auch an der sogenannten „Heimatfront“. Sie scheitern an der Heimatfront, wenn die Grundbedürfnisse der einkommensschwachen Schichten (Ernährung, Wohnen) nicht gesichert sind und wenn die Verteilung der kriegsbedingten Lasten als ungerecht empfunden wird. Solidarität ist in der Zivilgesellschaft im Krieg „funktional“ und hat einen höheren Wert als in der reinen Zivilgesellschaft. In puncto individuelle Freiheit verhält es sich umgekehrt. Kriege werden in der Regel durch Verschuldung und durch höhere Besteuerung wohlhabender Bevölkerungsschichten finanziert. Wenn die einkommensstarken Schichten nicht höher besteuert oder sogar steuerlich entlastet werden, gefährdet das den sozialen Frieden und damit die Resilienz der Gesellschaft _. Je stärker die soziale Ungleichheit, desto geringer die Resilienz einer Zivilgesellschaft im Krieg._ Beachtet die Regierung das nicht, muss sie damit rechnen, dass die einkommensschwachen Schichten sich gegen eine militärische Unterstützung der Ukraine, Sanktionen gegen Russland und die teure Aufrüstung wenden werden. Anders als in Kriegsgesellschaften, in denen in der Regel nicht gewählt wird, können sie in der Zivilgesellschaft im Krieg bei Wahlen ihre Stimme ins Gewicht werfen. Es ist denkbar, dass eine russische Hegemonie über Deutschland nicht unmittelbar durch Krieg, sondern durch eine demokratische Wahl zustande kommt. **Regierung und Opposition in der Zivilgesellschaft im Krieg:** Die AfD ist anders als demokratische Oppositionsparteien Systemopposition, welche die Grundwerte, Traditionen und Regeln der Bundesrepublik in Frage stellt und mit den bedrohenden imperialen Mächten Russland und USA kollaboriert. Darin, und nicht eigentlich in ihrer Weltanschauung, liegt die Gefahr der AfD für ein demokratisches und souveränes Deutschland. Sie ist eine Art trojanisches Pferd der externen Bedrohung, ebenso wie das Bündnis Sarah Wagenknecht. Was bedeutet diese Konstellation für die demokratische Opposition? Sie muss _konstruktive_ Opposition betreiben und in Fragen, welche die äußere Bedrohung bzw. die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland betreffen, die Regierung unterstützen. Die Regierung muss in sicherheitsrelevanten Fragen von Anfang an die demokratische Opposition einbeziehen. Gefragt ist eine politische Kultur, welche Konflikte zwischen demokratischen Parteien minimiert und ein effektives und geräuscharmes Regieren ermöglicht. Also: Kein Bashing, keine „roten Linien“, Verzicht auf Verabsolutierung eigener Parteiprogramme („FDP pur“, „CDU pur“, „Grüne pur“), weil eine solche den für eine Zivilgesellschaft im Krieg leitenden Prinzipien des Konsenses und des Kompromisses widerspricht. **Ehrliche Kommunikation der Regierung:**_Die Regierung muss führen und darf nicht Stimmungen und Meinungsumfragen hinterherlaufen._ Sie muss ehrlich kommunizieren und den Mut haben, unbequeme Wahrheiten auszusprechen und zu erklären, insbesondere zur aktuellen Bedrohungslage. Aus Ehrlichkeit erwächst Glaubwürdigkeit, aus Glaubwürdigkeit Vertrauen. Und Vertrauen ist der unentbehrliche Kitt für eine resiliente Gesellschaft. Was geschieht, wenn Politik _nicht_ ehrlich kommuniziert? Das lässt sich am Fall des bisherigen Oppositionsführers Friedrich Merz ersehen. Man darf aufgrund einschlägiger medialer Äußerungen annehmen, dass Merz die „objektive“ Bedrohungslage voll erkannt hat. Man darf ihm auch unterstellen, dass er erkannte, dass die Politik dieser Bedrohungslage nur mit gigantischen Investitionen begegnen kann. Als Oppositionsführer erweckte er jedoch den Eindruck, man könne die Schuldenbremse aufrechterhalten und mit Sparmaßnahmen im sozialen Bereich die notwendigen Investitionen stemmen. Eine klare Mehrheit der Bevölkerung war für die Schuldenbremse. Also plädierte Merz, vermutlich aus wahltaktischen Erwägungen, vermutlich gegen besseres Wissen, im Wahlkampf _für_ die Schuldenbremse. Dann, wenige Tage nach den Wahlen, die Wende um 180 Grad. Vertrauen in die Führung ist in Kriegsgesellschaften unverzichtbar, und wohl auch in Zivilgesellschaften im Krieg. Obwohl er _nach_ der Wahl die richtigen, weil bedrohungsadäquaten Entscheidungen getroffen hat, erscheint das Vertrauen in der Bevölkerung jedenfalls vorerst verspielt. Die Alternative vor der Wahl wäre gewesen, ehrlich zu kommunizieren. Das hätte ein Plädoyer für eine wahltaktisch vielleicht unvorteilhafte, aber bedrohungsadäquate Politik bedeutet. Die Alternative nach der Wahl wäre gewesen, sich an die Wahlversprechen zu halten. Das hätte aber eine _nicht_ bedrohungsadäquate Politik bedeutet. Der Wortbruch gibt der AfD erkennbar weiteren Aufwind und schwächt die Resilienz der Gesellschaft gegen die Bedrohung durch imperiale Mächte. ### 6. Ausblick Wir wissen nicht, was die Zukunft bringt, und die Hoffnung stirbt zuletzt. Betrachtet man die Performance der deutschen Gesellschaft, insbesondere der Politik in den letzten Jahren, erscheint folgendes Szenario nicht unrealistisch. Deutschland wird, da die USA als verlässliche Schutzmacht ausfallen und an Europa zunehmend desinteressiert sind, unter russische Hegemonie geraten. In den Worten des Militärhistorikers Sönke Neitzel: „Wenn wir auch innenpolitisch schwach sind, werden wir in fünf Jahren unter einer von Russland dominierten Ordnung leben, in der wir Nord Stream 2 wieder eröffnen müssen, in der wir das Baltikum wehrlos machen, in der Russland sich Estland wieder einverleiben kann, wir bestimmte Medien abschalten müssten, die zu russlandkritisch sind“ (in: Stern Nr. 14, 27. 03. 2025, S. 45). Es könnte womöglich eine durch Wahl herbeigeführte Hegemonie werden, mit der AfD als „Statthalterin“. Das Joch für Deutschland wird zunächst eher leicht sein. Doch das Joch wird mit der Zeit schwerer werden. Die Imperien, insbesondere die USA und Russland, werden bestrebt sein, politisch-militärische Potenz in wirtschaftliche Vorteile zu konvertieren (wie z. B. jetzt die USA in der Ukraine oder in Grönland). Das russische Imperium wird versuchen, seine militärische Überlegenheit in wirtschaftliche Tribute, in welcher Form auch immer, umzumünzen. Vieles ist denkbar. Z. B. dass Deutschland für den „Schutz“ durch den russischen Atomschirm bezahlt, allmählich immer etwas mehr, „Boiling the Frog“. Oder Handelsverträge nach dem Prinzip des ungleichen Tauschs, bei denen Deutschland z. B. Öl oder Gas zu überhöhten Preisen und überhöhten Mengen abnehmen muss. Die Atombombe wird der neuen Hegemonialmacht als probates Mittel für die Erpressung zum ungleichen Tausch dienen. Denn wir haben ja „gelernt“: Mit einer Atommacht legt man sich besser nicht an. Und wenn Deutschland wider Erwarten nicht mitspielt, schlägt vielleicht irgendwann, irgendwo die eine oder andere Überschallrakete ein. Oder es fallen politisch missliebige Menschen aus Fenstern. So etwa könnte der „Frieden“ aussehen, den wir uns durch Unterwerfung erkaufen. Wie auch immer: Krieg ist in Europa eine unbestreitbare Realität unserer Tage. Eine soziologische Gesellschaftstheorie sollte sich dieser nicht nur moralisch, sondern auch mit analytischen Anstrengungen stellen. Eine Zivilgesellschaft im Krieg, also mit äußerer Bedrohung und Kriegsverwicklung (ohne eigene Streitkräfte) ist mit zwei existenziellen Aufgaben konfrontiert: Sie muss militärisch und ökonomisch für eine kriegstüchtige Streitmacht mobilisieren, und sie muss die Resilienz der Gesellschaft stärken. Letzteres kann wissenschaftlich als originäre Aufgabe der Soziologie gelten. Daran kann sich folgende, vage formulierte Frage anschließen: Was würde es für die deutsche und europäische Gesellschaft bedeuten, wenn aus einer Bedrohungslage ein hegemoniales Verhältnis entsteht? Soziologische Gesellschaftstheorie sollte für diesen Fall Szenarien möglicher zukünftiger Realität entwerfen. ### Literatur Anne Applebaum: Die Achse der Autokraten. Korruption, Kontrolle, Propaganda: Wie Diktatoren sich gegenseitig an der Macht halten, 6. Auflage (zuerst amerik. 2024). Siedler Verlag: München 2024. Joschka Fischer: Die Kriege der Gegenwart und der Beginn einer neuen Weltordnung. Kiepenheuer & Witsch: Köln 2025. Robert Habeck: Den Bach rauf. Eine Kursbestimmung. Kiepenheuer & Witsch: Köln 2025. Timo Lochocki: Deutsche Interessen. Wie wir zur stärksten Demokratie der Welt werden – und damit den liberalen Westen retten. Herder: Freiburg 2025. Carlo Masala: Wenn Russland gewinnt. Ein Szenario. C. H. Beck: München 2025. Herfried Münkler: Macht im Umbruch. Deutschlands Rolle in Europa und die Herausforderungen des 21. Jahrhundert. Rowohlt: Hamburg 2025. Sönke Neitzel: Die Bundeswehr. Von der Wiederbewaffnung bis zur Zeitenwende. C.H. Beck: München 2025. Romanus Otte: Vor 3 Jahren stürzte Russland Deutschland in eine tiefe Gaskrise. Heute will die AfD zu Putins Gas zurück – es lohnt ein Rückblick, in: Business Insider, 19. 02. 2025 Christian Schweppe, Zeiten ohne Wende. Anatomie eines Scheiterns. C.H. Beck: München 2024. * teilen * teilen * teilen * teilen * teilen * teilen

Neu im #SozBlog: Kriege, Kriegsgesellschaft, Zeitenwende blog.soziologie.de/2025/04/kriege-kriegsges...

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Erinnerung an die Psychoanalyse Die Überschrift ist doppeldeutig und das ist auch so gemeint. Da war mal was – eine relativ intensive Zusammenarbeit zwischen Soziologie und Psychoanalyse. Das ist nicht mehr so. In der Soziologie ist die Psychoanalyse inzwischen weitgehend unbekannt. Ich möchte hier daran erinnern, dass es mal anders war; dass psychoanalytische Konzepte in der Soziologie zumindest in bestimmten Bereichen intensiv – und mit bedeutenden Resultaten – genutzt wurden und dass diese Kooperation gute Gründe hatte. Damit stellt sich allerdings auch die Frage, warum dem nicht mehr so ist und ob es Sinn macht, die Kooperation wieder zu intensivieren. Um bei der letzten Frage anzufangen: Ja, zweifellos. Der wichtigste Grund: Die Soziologie kann allein mit Eigenmitteln nicht das gesamte Spektrum von Handlungsmöglichkeiten in seiner komplexen Logik sinnvoll thematisieren. Seit über Gesellschaft nachgedacht wird, gilt als selbstverständlich, dass Menschen ihre Welt nicht ‚richtig‘ sehen und (daher) affektiv und/oder ‚irrational‘ handeln. Schon im Gilgamesch-Epos geht es im Grunde darum, dass da jemand ‚unvernünftige‘ Erwartungen hat (und mühsam belehrt werden muss). In der gesamten Geschichte der Sozialphilosophie von Aristoteles bis Spinoza basieren die Interpretationen des gesellschaftlichen Geschehens auf der fraglosen empirischen Annahme, dass mit jeder Menge unvernünftigem, anti-sozialem, egoistischem und destruktivem Handeln gerechnet werden muss, wobei diese Möglichkeiten naturalisiert, also der Natur der Menschen zugeschrieben werden. Die Soziologie hat seit ihrem Beginn im Rahmen des Durkheim-Programms hier einen wichtigen Schritt darüber hinaus gemacht, indem sie auch ‚irrationales‘ Handeln als Resultat von sozialen Bedingungen interpretierte. Durkheim argumentierte: Mag die individuelle Psychologie sein wie sie will – aggregiert (als „Kollektivpsyche“) handelt es sich um ein soziales Phänomen, welches sozial erklärt werden kann und muss. – So sinnvoll dieser Zugang ist – wenn es dabei bleibt, tendiert er zur Soziologisierung, weil sich so nicht erschließt, was warum und wie sozial aufgerufen wird und werden kann und erst Recht nicht, welche Eigendynamik dabei importiert wird. Hinzu kommt, dass ein auf Eigenmittel beschränkter soziologischer Zugang im Umgang mit Handeln häufig selektiv ist. Die in Theorien verwendeten Subjektbilder (Utilitarismus, Funktionalismus, Interaktionismus, Systemtheorie) beschreiben meist in bestimmter Hinsicht kompetente Akteure – sie sind jedoch so gut wie nie gierig, neidisch, zänkisch usw. usw. Sie sehen reichlich blass aus und so kommen die Konzepte an Vieles nicht heran. Hier kann die Psychoanalyse weiterhelfen, weil sie (als eine der ganz wenigen Theorien) auch und gerade diese Themen ernst nimmt und versucht, die ihnen zugrunde liegende Logik zu entschlüsseln (statt sie als irrational und unverständlich auszugrenzen). Sie fragt buchstäblich: Was treibt Handeln und hat dazu eine komplexe Theorie der Psycho _dynamik_ entwickelt. Insofern lag es für die Soziologie nahe, ihre Angebote zu nutzen. Allerdings verliefen die ersten Kontakte durchwachsen. Beigetragen hat dazu, dass sich hier zwei Paradigmen begegneten, die noch mehr oder weniger in den Kinderschuhen steckten. Gravierender waren aber dann wohl die methodologischen Differenzen: Wo die Soziologie zunächst von den Akteuren abstrahiert, um soziale Realität zu erfassen, geht die Psychoanalyse genau umgekehrt vor: Um Psychodynamik zu erfassen, werden zunächst alle externen Faktoren ausgeblendet. Dazu kam noch der schräge Ruf der Psychoanalyse, der sich irgendwo zwischen Scharlatanerie und Sektierertum bewegte. Dieser wiederum hing nicht zuletzt mit dem sozialen Status der psychoanalytischen Praxis zusammen. Um zu verstehen, was hinter dem steckte, was aus rationaler Sicht als „irrational“ oder aus normativer Sicht als „störend“ und „falsch“ etikettiert wurde, ging sie ungehemmt in Tabuzonen, überschritt Schamschwellen und Intimitätsgrenzen – dahin, wo es psychisch wie sozial weh tut. Das war unerhört und sorgte auch in der Soziologie für Irritationen. Eine ganze Reihe von Autoren wollte damit nichts zu tun haben. So sah etwa Werner Sombart (1936/1956, 13) keinen Sinn darin, sich in die „Katakomben und Kloaken der menschlichen Seele“, „ins Fabelreich des Unbewussten“ hinabzubegeben, wo nichts mehr verstehbar sei. Und Othmar Spann (1933; zit. nach Brauns 1981, 58) freute sich, als 1933 die „Schriften des Unholdentums“, wie er sich ausdrückte, dem Feuer übergeben wurden. Andere Autoren reagierten interessierter: Karl Mannheim betonte ihre Relevanz für sozialwissenschaftliche Fragestellungen (1936, 210); Max Weber zweifelte (in einem Brief an E. Jaffé) nicht daran, dass Freuds „Gedankenreihen […] von sehr großer Bedeutung werden _können_.“ (1990, 394) Davon überzeugt waren von Anfang an die Exponenten der „Kritischen Theorie“, die die Psychoanalyse als Schlüssel zum Verständnis dessen sahen, was aus rationalistischer Perspektive als „irrational“ erschien. Die Schriften von Fromm, Adorno, Marcuse zeugen von intensiven Auseinandersetzungen mit Freud und kritischer Nutzung seiner Theorien. Sie sind heute noch lesenswert – genau wie das monumentale Werk von Norbert Elias über den „Prozeß der Zivilisation“ (1936/1969), das von einer intelligenten Nutzung und Erweiterung der Freud’schen Kategorien getragen ist. Im Übrigen erstickte der Nationalsozialismus jede Weiterentwicklung des Diskurses im deutschsprachigen Raum. In den USA, wo man Innovationen schon immer neugierig aufgriff, entwickelten sich die Dinge anders. Es entwickelten sich eine ganze Reihe von Versuchen, sozialwissenschaftliche Diskurse mit psychoanalytischen Konzepten anzureichern. Das glich zwar häufig nicht mehr so ganz dem, was Freud vertreten hatte, sorgte aber für eine intensive und innovative Entwicklung. So wurde etwa die gesamte „Cultural Anthropology“ von Malinowski bis R. Benedict vom psychoanalytischen Denken angeregt. Aber auch in der soziologischen Theorie wurde aktiv auf psychoanalytisches Denken zugegriffen. Beispielsweise bei Parsons, der die Psychoanalyse als einzig relevante und ebenbürtige Psychologie behandelte. Aber auch viele Arbeiten von Riesman, von Burgess oder Smelser kamen mit ihrer Hilfe zustande. Nach 1945 ließ das Interesse an der Psychoanalyse in den USA langsam nach. Hinkle sah 1957 noch einen blühenden Diskurs und vielversprechende Perspektiven. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Kritik an der Psychoanalyse jedoch schon erheblich zugenommen. Poppers Verdikt, sie sei keine Wissenschaft, wurde vor allem von behavioristischer Seite heftig instrumentiert. Tatsächlich erlahmte der Diskurs. Es erschienen zwar immer wieder einzelne interdisziplinäre Studien – auch solche, die öffentlich intensiv diskutiert wurden, wie die von Lasch oder Sennett, aber im Herzen der Soziologie habe die Psychoanalyse – so etwa Inkeles – keine dauerhaften Spuren hinterlassen. 2015 verkündeten Chancer und Andrews schließlich „The Unhappy Divorce of Sociology and Psychoanalysis“. Beides ist vielleicht übertrieben, aber beschreibt die Situation einigermaßen realistisch. Im deutschsprachigen Raum begann zu dieser Zeit (verspätet) eine etwas zögernde, aber durchaus respektvolle Rezeption sowohl in (bestimmten Kreisen der) Soziologie als auch in der Öffentlichkeit. So wurden beispielsweise Bücher von A. und M. Mitscherlich über die (ausgebliebene) Verarbeitung des Nationalsozialismus und die sozialpsychologische Dynamik der Nachkriegsgesellschaft (1963, 1967) echte Bestseller und breit diskutiert. Die nächste Etappe in der Entwicklung der Beziehung von Soziologie und Psychoanalyse war eher ambivalent. Nach 1968 ff versuchte eine ganze Reihe von mehr oder weniger qualifizierten Experten mit einem Elixier aus Marxismus und Psychoanalyse die bürgerliche Soziologie oder gleich die bürgerliche Gesellschaft insgesamt aus den Angeln zu heben. Das kam in beiden Zünften nicht gut an – die Psychoanalyse war in der Soziologie danach verbrannt und reagierte ihrerseits mit Irritation und Rückzug. Allerdings kann keine Rede davon sein, dass der Diskurs damit erloschen ist. Im Gegenteil: Nachdem sich der Rauch verzogen hatte, machte sich eine ganze Reihe von Gruppen und Akteuren daran, Soziologie und Psychoanalyse auf seriöse Weise zusammen zu bringen – nachzulesen beispielsweise in den Publikationen von Klaus Horn oder Rolf Haubl (z.B. 2001). Und diese Aktivitäten gibt es bis heute. Dabei handelt es sich um vitale Diskurse, die allerdings – bis auf Ausnahmen (z.B. Vera King und Hartmut Rosa 2021) – weitgehend marginal bleiben, also in der Soziologie kaum wahrgenommen werden. Es gibt sie also nach wie vor, die soziologische Verwendung von psychoanalytischen Mitteln, aber sie wird in der Zunft nicht recht wahrgenommen, obwohl sie zu einer Fülle von Themen (Populismus! Verschwörungstheorien!) Wichtiges beitragen (kann). Dabei spielen sicher Wahrnehmungsgewohnheiten (wo sucht man?) eine Rolle. Problematischer ist, dass die Psychoanalyse in der Zunft weitgehend unbekannt ist. Man kennt den Namen Freud und vielleicht auch den schlechten Ruf der Psychoanalyse, der sich besser gehalten hat als das Wissen um die wichtigen Publikationen, die sich auf die Psychoanalyse stützen. Eine genauere Kenntnis der Psychoanalyse findet sich selten und bis auf ganz wenige Ausnahmen (Giddens, Honneth) erst recht keine Kenntnis der modernen Psychoanalyse. Freud war ein Pionier und wie alle Pioniere hat er mit relativ einfachen (und in gewisser Weise unzulänglichen) Mitteln ein unbekanntes Terrain kartiert. Seit der Publikation der „Traumdeutung“ sind jedoch 125 Jahre vergangen. In dieser Zeit haben etliche Generationen von hochqualifizierten Experten und Expertinnen (meist mit doppelter Ausbildung) Freuds Vorgaben weiterentwickelt – häufig in Form von klinischer Arbeit, aber immer wieder auch weit darüber hinaus. Innerhalb der Psychoanalyse wird Freud nach wie vor verehrt und zitiert, aber die meisten seiner Überlegungen waren eben nur vorläufig und werden so nicht mehr verwendet. Um nur einige wichtige Punkte anzusprechen: * Freud ging davon aus, dass seine Arbeit die Fortsetzung von Naturwissenschaft mit anderen Mitteln sei. Inzwischen ist dieses „szientistische Selbstmissverständnis“ (so Habermas) überwunden; Theorie und Praxis der Psychoanalyse werden inzwischen – oft mit Bezug auf Hermeneutik – differenzierter begründet. Besonders intensiv untersucht wurde naturgemäß die psychoanalytische Praxis, wobei sich mit den Konzepten des „Szenischen Verstehens“ und der „Übertragungs-/Gegenübertragungsanalyse“ ein gewisser commonground der meisten Schulen entwickelt hat. Beides sind Konzepte, die zum Beispiel für Handlungs- und Interaktionstheorien ziemlich interessant sind. * Nach wie vor zentral ist das Verständnis des biopsychischen Antriebpotenzials („Trieb“) und „unbewussten“ psychischen Vorgängen. Allerdings hat sich hier eine deutliche Verschiebung ergeben; Während anfangs (substantivisch) von dem Trieb und dem Unbewusstem die Rede war, dominiert heute ein adjektivisches Verständnis: „triebhaft“ und „unbewusst“ werden als Prozesseigenschaften (und nicht als Entitäten) gesehen. Damit wird die Verdinglichung der frühen Vorstellungen überwunden und die Interferenz unterschiedlicher Prozesstypen geöffnet. * Freud hatte eine vergleichsweise „mechanische“ Vorstellung von psychischen Konflikten (ein „störender“ – unerträglicher – Impuls wird „verdrängt“!). Außerdem sah er im Ödipuskomplex das Urmodell und den Kern aller neurotischen Konflikte. Diese Vorstellungen sind ergänzt und erweitert worden. An die Stelle von Freuds (zeitbedingter) Überbetonung eines spezifischen Vater-Sohn-Konflikts ist ein allgemeineres Verständnis von Triangulierung (der Tatsache, dass die Bezugspersonen untereinander in einer eigenen Beziehung stehen) getreten. Zudem gilt er (nur) als einer von vielen Entwicklungsaufgaben. * Auch die psychoanalytische Praxis hat sich erheblich weiterentwickelt. Geblieben ist die asymmetrische Rollenverteilung in einem hoch spezifischen Setting – modern würde man vielleicht sagen: in einem „safe space“. Aber anstelle der bei Freud autoritativ angelegten Arzt-Patient-Beziehung ist ein stärker kooperativ angelegtes Modell getreten, in dem – mit verteilten Rollen – gemeinsam gearbeitet wird. Damit haben sich auch die psychoanalytische Entwicklungspsychologie und das Funktionsmodell der Psyche erheblich verändert. Beides ist naturgemäß zu komplex, als dass es hier mal eben dargestellt werden könnte. Die Entwicklungspsychologie ist soziologisch interessant, weil vor allem auch zum Thema hat, welche sozialen Erfahrungen wie dazu beitragen, dass soziale Realität in psychische transformiert wird, oder besser: wie sich die Autopoiesis der Psyche mit externer Unterstützung entwickelt und soziale Erfahrungen verarbeitet. Mit Hilfe psychoanalytischer Konzepte lassen sich dabei unterschiedliche Entwicklungsstufen unterscheiden. In Stichworten: * _Introjektion_ bezeichnet frühe Formen des Austauschs, in denen eine noch nicht formierte Psyche von basalen Modalitäten der Beziehung direkt imprägniert wird, d.h. sie werden unmittelbar zu formierenden Prinzipien. Daher sind/werden Introjekte keine „Fremdkörper“, sondern Teile der Psyche. * _Internalisierung_ bedeutet, dass eine bereits funktionierende Psyche externe Objekte und Beziehungsmuster importiert, wobei hier noch der externe Druck dominiert. Auf diese Weise kommt Heteronomie in die Psyche; die innere Objektwelt wird jedoch zugleich wichtiger Bezugspunkt des inneren Prozessierens. * _Identifikation_ ist dagegen vorrangig eine aktive (nicht unbedingt bewusste) Leistung der Psyche, die externe Objekte nach inneren Kriterien als starke Bezugspunkte aussucht und nutzt. Sie dienen als externer Halt und werden als externe Hilfsmittel in interne Operationen eingebaut. Mit der Reflexion dieser Formen der Gesellschaft-in-der-Psyche öffnet die Psychoanalyse zugleich einen Blick auf die Art und Weise, wie dieser Import sozial gebahnt und organisiert wird, auf die internen Effekte und auf die unterschiedlichen Funktionsniveaus, auf denen die Beziehung zustande kommt und operiert. Umgekehrt bietet sie auch Konzepte für die Psyche-in-der-Gesellschaft: * _Projektion_ beschreibt einen frühen, physiologisch verankerten (und evolutiv entwickelten) Mechanismus der Krisenbewältigung: Unerträgliches Innerpsychisches wird externalisiert, was die Psyche unmittelbar entlastet und zudem die Möglichkeit bietet, es als Außenweltobjekt zu manipulieren. * _Übertragung_ ist ein generalisierter Modus der Kontaktaufnahme zur Außenwelt: Intrapsychisches (von kognitiven Mustern über Phantasien bis zu Affekten) wird zur Erschließung von externer Wirklichkeit genutzt. Dabei reicht das Spektrum von realistischen Einschätzungen bis zur vollständigen Rekonstruktion der Außenwelt mit inneren Mitteln (und entsprechenden Folgen für Handlungen). Zudem bietet sie Konzepte, die den Austausch selbst betreffen. So kann sie ausführlich darstellen, welche (komplexe, widersprüchliche) _intrapsychische Resonanz_ Impulse auslösen können, wie diese Resonanz verarbeitet und in Reaktionen umgesetzt wird. Zudem kann beispielsweise mit einem erweiterten Verständnis des von Wilfred Bion (1962) entwickelten _„Containment“_ -Konzepts untersucht werden, in welcher Form beide Seiten das, womit sie konfrontiert sind, aufnehmen, verarbeiten und in verarbeiteter Form zurückgeben. Damit kann zudem untersucht werden, wie mit Zumutungen und Überforderungen umgegangen wird (werden muss) und welche Auswirkungen mangelndes Containment zur Folge hat. Die Psychoanalyse untersucht jedoch nicht nur die Mechanik des psychischen Prozessierens, sie nutzt sie, um die Dynamik der relevanten psychischen (und damit sozialen) Themen zu verstehen – das, was die Akteure treibt. Dabei geht es vor allem um Bedürfnisse und deren Schicksal, um Konflikte und deren Management, um intrapsychische Balance um die innere Objektwelt und die Beziehung zur Außenwelt. -Damit bietet die psychoanalytische Theorie insgesamt ein Instrumentarium, mit dessen Hilfe der diachrone und synchrone Austausch zwischen sozialer und psychischer Realität inklusive latenter Programme und nichtintentionaler Aktivitäten differenziert analysiert werden kann. – Alles in Allem: Die moderne Psychoanalyse erlaubt ein wesentlich genaueres Verständnis des Austauschs und der Verschränkung von sozialen und psychischen Prozessen – individual- wie sozialpsychologisch. Das ersetzt in keiner Weise soziologische Perspektiven und Argumente, kann sie aber bereichern und dort fortsetzen, wo sie nicht hinreichen. Insofern lohnt es sich der – nicht ganz mühelose – Kontakt mit ihr. ### Literatur Bion, Wilfred (1962): Lernen durch Erfahrung, Frankfurt: Suhrkamp 1992. Chancer, Lynn/John Andrews, Hg, (2015): The Unhappy Divorce of Sociology and Psychoanalysis, London: Palgrave Macmillan. Brauns, Hans-Dieter (1981): Die Rezeption der Psychoanalyse in der Soziologie, in: J. Cremerius, Hg., Die Rezeption der Psychoanalyse, Frankfurt: Suhrkamp. Elias, Norbert (1936): Der Prozeß der Zivilisation, Bern/München: Francke. Haubl, Rolf (2001): Neidisch sind immer nur die anderen, München: Beck. Hinkle, G. (1957): Sociology ans Psychoanalysis, in: H. Becker, Hg., Modern Sociological Theory, New York: Holt, Rinehart and Winston. Horn, Klaus (1996ff): Schriften zur kritischen Theorie des Subjekts, Bd. 1-5, Gießen: Psychosozial-Verlag. King, Vera/Hartmut Rosa, Hg. (2021): Lost in Perfection, Berlin: Suhrkamp. Mannheim, Karl (1935): Mensch und Gesellschaft im Zeitalter des Umbruchs, Leiden: A.W. Sijthoff. https://mek.oszk.hu/18000/18061/18061.pdf (13.3.2025) Mitscherlich, A. (1963): Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft, München: Piper. Mitscherlich, A. und M. (1967) Die Unfähigkeit zu trauern, München: Piper. Sombart, Werner (1936): Der Bourgeois, München: Duncker & Humboldt. Weber, Max (1990): Gesamtausgabe II/5, Tübingen: Mohr. * teilen * teilen * teilen * teilen * teilen * teilen

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Kriege, Kriegsgesellschaft, Zeitenwende <h3>Beitrag 12: Zivilgesellschaft im Krieg (II) – Theoretische Überlegungen</h3> <p><strong> </strong><em>Theoretischer Ausgangspunkt unserer Überlegungen war Herbert Spencers Lehre vom „Industrial Type of Society“ und „Militant Type of Society“ aus dem späten 19. Jahrhundert.  Spencer, der Sozialdarwinist, hatte die Frage aufgeworfen, wie sich eine (Staats-)Gesellschaft aufstellen müsse, um für den „Kampf ums Dasein“ optimal gewappnet zu sein. Seine Antwort: Wir müssen zwischen Frieden und Krieg als äußeren Bedingungen gesellschaftlicher Entwicklungen unterscheiden. Unter (absolut) friedlichen Bedingungen ist die Gesellschaft am leistungsfähigsten, welche den Individuen weitreichende Freiheit lasse und den Staat darauf beschränke, Regeln für das Zusammenleben der Individuen zu setzen und ihre Durchführung zu garantieren. So sei z. B. Fürsorge für die Armen nicht Sache des Staates, sondern des karitativen Engagements freier Bürger. Ganz anders hingegen in (großen) Kriegen. Um das Überleben einer Gesellschaft unter Kriegsbedingungen zu gewährleisten, sei ihre Transformation in Richtung starker Staat, zentrale Steuerung insbesondere der Wirtschaft und eine diktatorische Herrschaft notwendig. Denn nur diese Bedingungen ermöglichten eine optimale Allokation der personellen und materiellen Ressourcen (insbesondere Soldaten, Waffen, Munition) für den Krieg (vgl. Beitrag 4).</em></p> <p><span id="more-6147"></span></p> <p><em>In diesem Sinne können wir zwei polar entgegengesetzte Idealtypen unterscheiden: eine (reine) Zivilgesellschaft unter absolut friedlichen Bedingungen, und eine Kriegsgesellschaft, die sich unter den Bedingungen eines großen, langdauernden, tendenziell totalen Krieges herausbildet. Als Prototypen einer solchen Transformation wurden die Gesellschaften des Ersten Weltkriegs beschrieben (vgl. Beiträge 7-10).</em></p> <p><em>Die Bundesrepublik der 1990er Jahre und danach, damals „von Freunden umzingelt“ (so der damalige Verteidigungsminister Rühe), entsprach weitgehend dem Typus einer reinen Zivilgesellschaft, ohne (ernsthafte) Verwicklung in Kriege, ohne äußere Bedrohung. Doch spätestens mit dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 sieht sich Deutschland wieder mit Krieg konfrontiert. Nicht in dem Sinne, dass es unmittelbar militärisch angegriffen wird und mit eigenen Streitkräften kämpft. Sondern es unterstützt die angegriffene Ukraine mit Waffenlieferungen, Sanktionen gegen den Aggressor und finanziellen Zuwendungen. Deutschland ist nun keine reine Zivilgesellschaft mehr, aber auch keine Kriegsgesellschaft nach Art des Ersten Weltkriegs. Man kann diese Konstellation als eigenen Typus begreifen. Ich nenne ihn „Zivilgesellschaft im Krieg“. Als einen historischen Fall dieses Typus haben wir die USA 1940/41 vorgestellt (vgl. Beitrag 11). </em></p> <p><em>Man kann nun analog zu Spencer fragen: Wie muss eine Zivilgesellschaft institutionell beschaffen sein, welche Politik muss sie betreiben, um sich in einer kriegerischen Welt zu behaupten, ohne an ihr mit eigenen Streitkräften teilzunehmen? Wir bedienen uns dabei zu heuristischen Zwecken der Kategorien, die wir für die Analyse der Kriegsgesellschaften verwendet haben: Mobilisierung(swettlauf), Zentrale Steuerung/Kriegswirtschaft, Tendenziell diktatorische Spitze, Patriotische Vergemeinschaftung und Kriegsgesellschaftliches Dilemma (vgl. die Beiträge 6-10), und beziehen sie auf die Zivilgesellschaft im Krieg.</em></p> <ol> <li><strong>Mobilisierung – Eine Zivilgesellschaft im Krieg muss aufrüsten</strong></li> <li><strong>Zentrale Steuerung/ Kriegswirtschaft – Keine Planwirtschaft, aber mehr Staat</strong></li> <li><strong>Keine diktatorische Spitze – Führung durch Kommunikation</strong></li> <li><strong>Keine patriotische Vergemeinschaftung – aber gesellschaftlicher Konsens zur Unterstützung der angegriffenen Kriegsgesellschaft</strong></li> <li><strong>Kein Kriegsgesellschaftliches Dilemma – aber prekärer Unterstützungs-Konsens </strong></li> <li><strong>Fazit</strong></li> </ol> <h3><strong> </strong>1.      Mobilisierung – Eine Zivilgesellschaft im Krieg muss aufrüsten</h3> <p>Große, langdauernde, tendenziell totale Kriege führen zu einem <em>Mobilisierungswettlauf</em>. Die Kriegspartei, die ceteris paribus die meisten Soldaten, Arbeitskräfte, Waffen und motivationellen Ressourcen mobilisiert, gewinnt den Krieg. Der Mobilisierungswettlauf wiederum führt zu einer <em>gesellschaftlichen Transformation</em>. Deren Ergebnis ist eine <em>Kriegsgesellschaft</em>.</p> <p><strong>Die Zivilgesellschaft im Krieg steht mit der verbündeten Kriegsgesellschaft in einer symbiotischen Beziehung</strong>. Indem sie die verbündete Kriegsgesellschaft mit Waffen beliefert und mit anderen Leistungen unterstützt (z. B. Sanktionen gegen den Angreifer, Aufklärung, Geheimdienstinformationen, humanitäre Hilfe, finanzielle Hilfe), wird sie mit den Imperativen, denen eine Kriegsgesellschaft unterliegt (vor allem zentrale Steuerung, patriotische Vergemeinschaftung), quasi funktional verzahnt. Diese Verzahnung vollzieht sich über den <em>Mobilisierungswettlauf.</em> Die Zivilgesellschaft im Krieg erhöht die Chancen der verbündeten Kriegsgesellschaft, den Krieg militärisch zu führen, dem Aggressor standzuhalten und den Krieg erfolgreich zu beenden. „Erfolgreich“ heißt in diesem Fall, den Aggressor vom eigenen rechtmäßigen Territorium abzuhalten oder zu vertreiben oder bei ungünstigen Kräfteverhältnissen zumindest die eigene staatliche Existenz/Souveränität zu behaupten, wie z. B. Finnland gegen die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg 1939/40 und 1944/45. Umgekehrt schützt die angegriffene Kriegsgesellschaft die unterstützende Zivilgesellschaft gegen einen potentiellen Aggressor, indem sie im Krieg gegen ihn steht.</p> <p><strong>Liefert die unterstützende Zivilgesellschaft sachgerecht, steigt die Chance der angegriffenen Kriegsgesellschaft auf eine erfolgreiche Verteidigung</strong>. Liefert die unterstützende Zivilgesellschaft  <em>nicht </em>sachgerecht, so drohen militärische Krisen und letztendlich die Niederlage. Eine sachgerechte Unterstützung betrifft erstens die <em>Qualität </em>der Waffen. Es sind die Waffen zu liefern, die am nötigsten gebraucht werden. So waren z. B. die 5.000 Helme, welche die Bundesrepublik zu Anfang von Russlands Krieg an die Ukraine lieferte, eher keine bedarfsgerechte Unterstützung. Zweitens die <em>Quantität </em>der Waffen. Dabei ist zu bedenken, dass aufgrund des Mobilisierungswettlaufs in der Regel im Zeitverlauf immer mehr benötigt werden. Drittens die <em>Zeitdimension</em> der Lieferungen: Es ist zum „richtigen“ Zeitpunkt zu liefern. So verzögerte sich die angekündigte Frühjahrsoffensive der Ukraine 2023 um Monate, weil versprochene Lieferungen nicht oder verspätet eintrafen. Dies ermöglichte der russischen Seite, ein kaum zu durchdringendes Minenfeld anzulegen. Viertens die <em>Kontinuität</em> der Unterstützung. Es war z. B. nicht sachgerecht, dass die USA als wichtigster Unterstützungsstaat der Ukraine  seine Waffenlieferung aufgrund innenpolitischer Grabenkämpfe für sechs Monate aussetzte.</p> <p><strong>Die Wahrnehmung des Kriegsgeschehens erfolgt in der angegriffenen Kriegsgesellschaft unmittelbar, in der unterstützenden Zivilgesellschaft mittelbar.</strong> Die angegriffene Kriegsgesellschaft ist unmittelbar bedroht; eine Niederlage im Krieg kann den Verlust ihrer staatlichen Existenz bedeuten. Die unterstützende Zivilgesellschaft ist von Kriegshandlungen nicht unmittelbar betroffen. Wohl aber kann langfristig die Niederlage einer unterstützten Kriegsgesellschaft einen Angriff des Aggressors auf die unterstützende Zivilgesellschaft erleichtern/ wahrscheinlicher machen oder deren Souveränität gegenüber dem Aggressor einschränken. Da die Bedrohung der unterstützenden Zivilgesellschaft nur indirekt ist, kann sie leichter übersehen, verdrängt oder in Abrede gestellt werden.</p> <p><strong>Eine Zivilgesellschaft im Krieg muss aufrüsten.</strong> Indem z. B. die Bundesrepublik sich entscheidet, die angegriffene Ukraine zu unterstützen, wird sie von einer reinen Zivilgesellschaft zu einer Zivilgesellschaft im Krieg. Indem sie versucht, in einem Krieg die Balance zugunsten einer Kriegspartei (Ukraine) zu verändern, ist sie nicht mehr neutral. Entsprechend wird sie von der anderen Kriegspartei als <em>Feind</em> wahrgenommen. Es besteht dann ein doppelter Zwang zur Aufrüstung. Zum einen muss die Kriegsgesellschaft der Ukraine <em>effektiv</em> unterstützt werden, andernfalls wäre die Unterstützung sinnlos. (Im Fall einer Niederlage wäre das Ergebnis <em>mit</em> Unterstützung das gleiche wie <em>ohne</em> Unterstützung, nur mit vermutlich höheren Verlusten). Zum anderen muss die Zivilgesellschaft im Krieg sich selbst gegen einen möglichen Angriff wappnen.</p> <p><strong>In einer reinen Zivilgesellschaft wird das Militär leicht vernachlässigt</strong>. Das ist durchaus adäquat und rational, denn warum sollte eine Gesellschaft in das Militär investieren, wenn sie frei von äußerer Bedrohung ist? So schrumpft bei einer reinen Zivilgesellschaft, wie im Fall der Bundesrepublik Deutschland seit den 1990er Jahren, typischerweise der Anteil der Militärausgaben am BIP. Es werden (zu) wenig neue Waffen und Munition angeschafft. Ein Teil der vorhandenen Waffen verrottet und ist nicht mehr einsatzfähig. Schutzbunker für die Zivilbevölkerung werden vernachlässigt oder aufgegeben. Kurz: Die „Kriegstauglichkeit“ ist nicht mehr gegeben. So wurde wiederholt beklagt, dass die Bundeswehr nur für zwei Tage Krieg führen könnte. Wenn eine äußere Bedrohung besteht, dann muss auch eine Zivilgesellschaft kriegstauglich sein oder werden. Und um kriegstauglich zu werden, muss sie aufrüsten.</p> <p><strong>Die Zivilgesellschaft im Krieg muss also aufrüsten, um der zu unterstützenden Kriegsgesellschaft effektiv zu helfen, und um die eigene Sicherheit angesichts äußerer Bedrohung zu gewährleisten („Abschreckung“). Denn eine Zivilgesellschaft im Krieg ist, indem sie einer (angegriffenen) Kriegspartei Unterstützung leistet, immer (latenter) äußerer Bedrohung ausgesetzt.</strong></p> <h2>2.      Zentrale Steuerung/ Kriegswirtschaft – Keine Planwirtschaft, aber mehr Staat</h2> <p>In der <em>Kriegsgesellschaft</em> ist eine zentrale Steuerung insbesondere in der Wirtschaft notwendig, um die vorhandenen Ressourcen weitestmöglich in den Dienst der Kriegsführung zu stellen. Die Märkte sind ungeeignet für eine totale Mobilisierung. Vielmehr entwickelt sich in beiden Weltkriegen in den großen kriegführenden Staaten eine zentrale Steuerung insbesondere der Wirtschaft. Die  Geschichts- und Sozialwissenschaften sprechen von <em>Kriegswirtschaft.</em> Voraussetzung einer zentralen Steuerung ist die Machtkonzentration an der Spitze der Gesellschaft.</p> <p>Eine Zivilgesellschaft im Krieg, die eine kriegführende Gesellschaft unterstützt, ohne sich mit eigenen Streitkräften zu beteiligen, ist von einem totalen Krieg wie z. B. das nationalsozialistische Deutsche Reich im Herbst 1944 („Volkssturm“) weit entfernt<strong>. Die Unterstützung kann dennoch mit gravierenden Kosten verbunden sein. Die Mittel zu ihrer Deckung können durch Steuererhöhungen und/oder Verschuldung aufgebracht werden </strong>(nicht aber mit Sparmaßnahmen auf Kosten einkommensschwacher Schichten, s.u.)<strong>.</strong> <strong>Die Funktionsfähigkeit des Marktes bleibt bestehen</strong>, (anders als in der Kriegsgesellschaft). Man mag hier an die Aufrüstung zur Zeit des „Kalten Krieges“ denken, als die Bundesrepublik 3-4% und mehr des Bruttoinlandsprodukts in die Verteidigung investierte.</p> <p><strong>Die Unterstützung der verbündeten Kriegsgesellschaft führt somit nicht zu einer gesellschaftlichen Transformation</strong>. Ungeachtet der Kriegsbeteiligung durch Lieferung von Waffen und Munition, durch Sanktionen oder finanzielle Zuwendungen bleibt die Zivilgesellschaft im Krieg Zivilgesellschaft, mit den zentralen Strukturen Markt und Demokratie. Die Märkte unterliegen allerdings, anders als typischerweise in der reinen Zivilgesellschaft, staatlichen Interventionen.</p> <p><strong>Der Staat muss die Unterstützung der verbündeten Kriegsgesellschaft und die Sicherheit der eigenen Gesellschaft organisieren</strong>. <strong>Er wird zum Interventionsstaat</strong>. Er muss die Rüstungsproduktion organisieren, sei es privat oder staatlich. (Letzteres würde noch einmal zusätzlich das funktionelle Gewicht des Staates verstärken). Er muss aber auch eine Antwort auf feindliche Aktivitäten wie hybride Kriegsführung finden. Er muss beabsichtigte und unbeabsichtigte externe ökonomische Schocks des Krieges abfedern, z. B. die Energieversorgung sichern oder Preissprünge eindämmen. Außerdem muss der Staat darauf hinwirken, dass keine Polarisierung der Gesellschaft eintritt. Er muss interne Konflikte moderieren und auf eine patriotische Einheit hinwirken. Und er muss Sorge tragen, dass die patriotische Einheit nicht zerbricht.  Das wird im Zeitverlauf schwieriger (s.u.). <strong>Zivilgesellschaft im Krieg bedeutet also im Vergleich zur reinen Zivilgesellschaft mehr Staat und weniger Markt, nicht umgekehrt.</strong></p> <h3>3.      Keine diktatorische Spitze – Führung durch Kommunikation</h3> <p>Große, langdauernde, tendenziell totale Kriege führen zu einer gesellschaftlichen Transformation. Die Mobilisierung für derartige Kriege kann nur zentral gesteuert werden. Zentrale Steuerung setzt wiederum Machtkonzentration an der Spitze voraus. In den Kriegsgesellschaften des Ersten und Zweiten Weltkriegs finden wir daher eine Struktur vor, die wir (tendenziell) diktatorische Spitze genannt haben. Beispiele dafür sind Diktatoren wie Hitler, Stalin, Mussolini oder Staatschefs demokratischer Staaten mit Sondervollmachten für die Kriegszeit, z. B. Lloyd George, Winston Churchill, Franklin D. Roosevelt. Eine derartige Spitze ist funktional notwendig, um eine adäquate Konzentration der gesellschaftlichen Ressourcen für die Kriegsführung zu gewährleisten.</p> <p><strong>Eine solche funktionale Notwendigkeit besteht für die Zivilgesellschaft im Krieg nicht. Sie mobilisiert nicht für den totalen Krieg, sondern lediglich zur Unterstützung der verbündeten Kriegsgesellschaft und für den eigenen Schutz</strong>. Dennoch benötigt auch eine Zivilgesellschaft im Krieg eine Spitze. Schließlich ist dieser Typus von Zivilgesellschaft in einen Krieg verwickelt und damit zumindest latent einer äußeren Bedrohung ausgesetzt, mit der politisch umzugehen ist. Es ist eine Spitze, die nach innen und nach außen die Einheit der Gesellschaft repräsentiert. Aber es ist eine Spitze <em>ohne diktatorische Vollmachten</em>. <strong>Was dieser gegenüber einer diktatorischen Spitze an institutionalisierter Macht fehlt, muss sie durch Kommunikation ersetzen.</strong></p> <p>Eine Zivilgesellschaft im Krieg (bzw. ihre Führung) muss sich im Klaren sein, dass die Unterstützung einer verbündeten Kriegsgesellschaft für sie selbst mit Belastungen verbunden ist. <strong>Aufrüstung bedeutet höhere Staatsausgaben, weniger Konsum und mehr wirtschaftliche und politische Risiken. Die Führung der Zivilgesellschaft muss diese Belastungen ehrlich kommunizieren. </strong></p> <p>Was muss politische Kommunikation in der Zivilgesellschaft im Krieg leisten?</p> <ul> <li>Sie muss Vertrauen zur Spitze generieren, vor allem durch sachgerechte Analyse, durch transparente, verständliche Sprache, durch Ehrlichkeit, durch Verzicht auf „Wording“, welches unbequeme Tatsachen beschönigt.</li> <li>Sie muss Akzeptanz für die Unterstützung der verbündeten Kriegsgesellschaft schaffen.</li> <li>Sie muss die gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken und innergesellschaftliche Konflikte minimieren.</li> <li>Sie muss interne (partei-)politische und gesellschaftliche Konflikte moderieren.</li> </ul> <p>Als klassische Beispiele erfolgreicher politischer Kommunikation durch die Führung, welche die Gesellschaft im Krieg zusammenhält, können Präsident Roosevelt und Premierminister Churchill im Zweiten Weltkrieg gelten. Dass ehrliche Kommunikation, so schwierig sie in Zeiten sozialer Medien sein mag, in kriegsbetroffenen Gesellschaften durchaus goutiert werden kann, zeigt das Beispiel von Verteidigungsminister Pistorius, der trotz unpopulärer Ansagen („Kriegstüchtigkeit“) als mit Abstand beliebtester Politiker im Land gilt.</p> <h3>4.      Keine Patriotische Vergemeinschaftung – aber gesellschaftlicher Konsens zur Unterstützung der angegriffenen Kriegsgesellschaft</h3> <p>Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs verschwinden (scheinbar) Klassenkonflikte,  Geschlechterkonflikte, Nationalitätenkonflikte, partiell auch koloniale Konflikte. Diskriminierte Gruppen wie Proletarier, Frauen, ethnische Minderheiten, partiell auch kolonial Beherrschte ordnen sich freiwillig staatlicher Autorität unter, die sie zuvor bekämpft hatten. Im politischen System wird die Differenz zwischen Regierung und Opposition aufgehoben. Kriegskabinette werden gebildet, denen auch Vertreter der (bisherigen) Opposition angehören. Wir haben diese Phänomene unter den Begriff <em>patriotische Vergemeinschaftung</em> gefasst (vgl. Beitrag 9). Eine solche ist funktional notwendig, denn interne Konflikte gefährden den Kriegserfolg, mit möglicherweise katastrophalen Konsequenzen.</p> <p><strong>Je weniger interne Konflikte in einer Kriegsgesellschaft, desto größer die Chancen auf den Kriegserfolg. Dieser Satz gilt grundsätzlich auch für die Zivilgesellschaft im Krieg.</strong> Auch sie sollte interne Konflikte tendenziell minimieren. Aber der Imperativ dazu ist nicht so stark wie in der Kriegsgesellschaft. Eine Zivilgesellschaft im Krieg hält unter bestimmten Voraussetzungen (s.u.) Konflikte aus. Zur historischen Veranschaulichung kann die Bundesrepublik Deutschland im „Kalten Krieg“ dienen. Denn auch sie kannte eine äußere Bedrohung, wenn auch keine kriegerische Verstrickung.</p> <p>Seit 1955, dem Jahr der Wiederherstellung der vollen inneren und äußeren Souveränität der Bundesrepublik Deutschland, bildete sich eine weitgehende Einheit zwischen Regierung und Opposition in den zentralen außenpolitischen Fragen heraus. Die Sowjetunion und ihre Verbündeten galten als potentieller Feind, vor dem man sich in Acht nehmen und schützen musste. Und die Schutzmächte waren die ehemaligen westlichen Gegner des Zweiten Weltkriegs, allen voran die USA. Das änderte sich nicht grundsätzlich durch die „neue Ostpolitik“ Willy Brandts, die wenige Jahre umstritten war, aber bald von der damaligen Opposition mitgetragen bzw. später in der Regierung fortgesetzt wurde. Es gab in Grundfragen der Außenpolitik also eine „patriotische Einheit“, die von allen im Parlament vertretenen Parteien getragen wurde.</p> <p>Im Konflikt zwischen Kapital und Arbeit konnte von einer „patriotischen Einheit“ weniger die Rede sein, wenn überhaupt. Aber die Konflikte fanden in einem gemeinsam geteilten konsensuellen Rahmen statt. Die Arbeiterschaft nahm nun von einer sozialistisch-kommunistische Utopie im Sinne von Karl Mannheim Abstand (Schwund der KPD, „Bad Godesberg“ 1959 der SPD), was Herbert Marcuse als „eindimensionales Denken“ brandmarkte. Die Unternehmerschaft verzichtete auf das „Herr im Haus-Prinzip“ und erkannte die Gewerkschaften als Tarifpartner an. Die Kämpfe zwischen Kapital und Arbeit spielten sich in einem geregelten Rahmen ab. Es kam z. B. kaum zu „wilden“ Streiks. Das kann man auf eine Zivilgesellschaft im Krieg übertragen.</p> <p>Also: Konflikte in der Zivilgesellschaft im Krieg ja, jedenfalls wenn sie folgende Voraussetzungen erfüllen:</p> <ul> <li>Es muss in der Gesellschaft einen gemeinsam geteilten normativen Grundkonsensus geben (z. B. Grundgesetz).</li> <li>Über partikularen Interessen müssen in einer Zivilgesellschaft im Krieg stets die gemeinsamen Sicherheitsinteressen stehen.</li> <li>Es muss Regeln der Konfliktaustragung geben, damit Konflikte nicht „aus dem Ruder laufen“.</li> <li>Die Konflikte sollten in einer Form ausgetragen werden, welche Kooperation auf lange Sicht nicht beeinträchtigt und Kompromisse nicht ausschließt.</li> </ul> <h3>5.      Kein Kriegsgesellschaftliches Dilemma – aber prekärer Unterstützungs-Konsens</h3> <p>In großen, langdauernden, tendenziell totalen Kriegen wie im Ersten Weltkrieg mündet der Mobilisierungswettlauf in das <em>kriegsgesellschaftliche Dilemma</em>. Entweder die äußere Front wird gestärkt und die Heimatfront geschwächt oder umgekehrt. Im ersten Fall ist die Konsequenz die militärische Niederlage, im zweiten Fall die Revolution. Das kriegsgesellschaftliche Dilemma kann man historisch beobachten anhand des Ersten Weltkriegs 1917/1918 (vgl. Beitrag 10).</p> <p>Unterliegt auch eine Zivilgesellschaft im Krieg dem kriegsgesellschaftlichen Dilemma? Immerhin sind ja die Zivilgesellschaft im Krieg und die unterstützte Kriegsgesellschaft funktional miteinander verzahnt. Ob und wie die angegriffene Kriegsgesellschaft ihre Verteidigung gegen eine Aggression organisieren kann, kann maßgeblich von der quantitativ angemessenen, qualitativ passenden Unterstützung mit Waffen und Munition seitens der Zivilgesellschaft im Krieg abhängen.</p> <p><strong>Dennoch stellt sich der Zivilgesellschaft im Krieg das kriegsgesellschaftliche Dilemma nicht, denn die Belastungen des Krieges sind im Vergleich zur Kriegsgesellschaft eher gering.</strong> <strong>Allerdings hat die Zivilgesellschaft im Krieg eine dem kriegsgesellschaftlichen Dilemma vergleichbare Schwachstelle</strong>.</p> <p>Die patriotische Vergemeinschaftung der Kriegsgesellschaft funktioniert oft über Jahre. In der Wahrnehmung ihrer Akteure werden Kriegsgesellschaften angegriffen und erscheinen in ihrer Existenz bedroht. Ein Ausstieg einer Kriegsgesellschaft aus dem Krieg ist schwer möglich; wenn doch, dann nur, wenn man ein entsprechendes Arrangement mit dem Feind treffen kann. Erst nach jahrelangen Entbehrungen, unter akuter Erschöpfung wird die patriotische Einheit quasi aufgekündigt, typischerweise seitens der unterprivilegierten Schichten.</p> <p>Die Zivilgesellschaft im Krieg unterscheidet sich davon in mehrfacher Hinsicht. Es gibt erstens <strong>keine patriotische Vergemeinschaftung, sondern eher einen gesellschaftlichen Konsens, dass man der angegriffenen Kriegsgesellschaft beistehen soll, auch mit Waffen und Munition</strong>. Dieser Konsens besteht vor allem am Anfang unter dem Eindruck einer Aggression (Beispiel: Russlands Angriff auf die Ukraine). Zweitens kann dieser gesellschaftliche Konsens leicht bröckeln. Der Zivilgesellschaft im Krieg steht es jederzeit frei, ihr Engagement zu beenden. Eine Beendigung des Engagements bringt ihr zumindest auf kürzere Sicht eindeutige Vorteile. Im aktuellen Fall könnte z. B. Deutschland wieder billiges russisches Gas beziehen. Die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft würde gestärkt. Drittens gibt es, anders als in der Kriegsgesellschaft, in der Zivilgesellschaft im Krieg weiterhin das Wechselspiel von Regierung und Opposition und weitgehend unbeschränkte mediale Freiheiten. Eine Opposition hat (zumindest vordergründig) gute Argumente, wenn sie für ein Ende des Krieges und für die Normalisierung der Beziehungen zu Russland agitiert. Sollte allerdings die unterstützte Kriegsgesellschaft dem Aggressor unterliegen, verschlechtert sich die Sicherheitslage der (bisher) unterstützenden Zivilgesellschaft.</p> <p><strong>Die Sollbruchstelle der Zivilgesellschaft im Krieg liegt also in der Aufkündigung des Konsenses über dies Unterstützung der angegriffenen Kriegsgesellschaft.</strong> Von den wirtschaftlichen Konsequenzen der Kriegsunterstützung, z. B. höherer Inflation insbesondere bei Lebensmitteln oder steigenden Energiekosten, sind einkommensschwache Schichten besonders betroffen. Die politische Führung muss, wie in Kriegsgesellschaften, versuchen, den Lebensstandard der einkommensschwachen Schichten zu erhalten. Das ist neben der Aufrüstung der zweite große Ausgabenposten. Die Kosten einer Zivilgesellschaft im Krieg für die Aufrüstung müssen von den einkommens- und vermögensstarken Schichten getragen werden. In den Weltkriegen werden die Kriegskosten vor allem durch höhere Besteuerung der einkommens- und vermögensstarken Schichten sowie mit Kriegsanleihen (Verschuldung) finanziert. Eine (restriktive) Schuldenbremse mag für eine reine Zivilgesellschaft ein geeigneter oder gangbarer Weg sein, für eine Zivilgesellschaft im Krieg ist sie kontraproduktiv. Sie gefährdet den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die notwendige Unterstützung der verbündeten Kriegsgesellschaft. Eine marktwirtschaftliche Gesinnungsethik ist nicht nur in Kriegsgesellschaften, sondern auch in Zivilgesellschaften im Krieg fehl am Platz.</p> <h3>6.      Fazit</h3> <ul> <li><strong> </strong>Eine Zivilgesellschaft im Krieg muss aufrüsten, erstens, um die angegriffene verbündete Kriegsgesellschaft adäquat unterstützen zu können, zweitens, um sich selbst zu schützen. Denn die unterstützende Zivilgesellschaft wird vom Aggressor als Feind betrachtet. „Adäquat unterstützen“ heißt: Der Bedarf der angegriffenen Kriegsgesellschaft muss Maßstab von Qualität und Quantität der Unterstützung sein. Nicht adäquat wäre eine Unterstützungspolitik, die sich an innenpolitischen, z. B. wahltaktischen Gesichtspunkten orientiert, also eine Unterstützung bzw. Nicht-Unterstützung innenpolitisch instrumentalisiert.</li> <li>Der Übergang von einer reinen Zivilgesellschaft zu einer Zivilgesellschaft im Krieg führt nicht zu einer der Kriegsgesellschaft vergleichbaren gesellschaftlichen Transformation. Markt und parlamentarische Demokratie bleiben erhalten. Wohl aber steigt das funktionale Gewicht des Staates in der Gesellschaft. Denn der Staat muss die Aufrüstung organisieren und den Lebensstandard der unteren Einkommensschichten sichern, um den inneren Zusammenhalt der Gesellschaft zu gewährleisten. Eine politische Strategie unter dem Motto „Mehr Markt“ ist für eine Zivilgesellschaft im Krieg kontraproduktiv.</li> <li>Auch die Zivilgesellschaft im Krieg benötigt eine politische Spitze, welche die Einheit nach innen und außen repräsentiert, weil sie in einen Krieg verwickelt ist und sich mit einer äußeren Bedrohung konfrontiert sieht. Allerdings kann sich die Spitze der Zivilgesellschaft im Krieg nicht auf diktatorische Vollmachten stützen. Die institutionelle Basis verändert sich im Vergleich zur reinen Zivilgesellschaft nicht erheblich. Dieses institutionelle Defizit muss die nichtdiktatorische Spitze durch eine Kommunikation kompensieren, die Vertrauen generiert, Transparenz schafft, Akzeptanz zur Unterstützung der angegriffenen Kriegsgesellschaft fördert und interne Konflikte moderiert.</li> <li>Während es für eine Kriegsgesellschaft von existenzieller Bedeutung ist, Konflikte zu minimieren, hält eine Zivilgesellschaft im Krieg Konflikte aus, soweit sie in einem gemeinsam geteilten normativen Rahmen stattfinden (Grundgesetz) und reguliert werden (z. B. Tarifrecht). Dabei ist es wichtig, dass sie sich auf der Ebene eines Sachkonflikts abspielen. Hinsichtlich der Unterstützung der angegriffenen Kriegsgesellschaft ist hingegen ein Konsens zwischen (demokratischen Parteien) notwendig. Grundsätzlich gilt: Je stärker die Bedrohung von außen, desto wichtiger der innere Zusammenhalt.</li> <li>Das kriegsgesellschaftliche Dilemma stellt sich einer Zivilgesellschaft im Krieg nicht, <strong>wohl aber die Gefahr, dass der Konsens der demokratischen Parteien zur Unterstützung der angegriffenen Kriegsgesellschaft zerbricht</strong>. Denn die Unterstützung aufzugeben und sich mit dem Aggressor zu arrangieren ist eine attraktive Option. Aus diesem Hintergrund hat die Dimension von Ungleichheit und sozialer Ungerechtigkeit eine deutlich größere Sprengkraft als für eine reine Zivilgesellschaft<strong>. Die Zivilgesellschaft im Krieg muss daher dafür sorgen, dass der Lebensstandard einkommensschwacher Schichten gesichert bleibt</strong>. Andernfalls muss sie damit rechnen, dass die Akzeptanz zur Unterstützung der angegriffenen Kriegsgesellschaft schwindet und sich die Kräfte durchsetzen, die sich gegen Unterstützung und für ein Arrangement mit dem Aggressor aussprechen.</li> </ul> <p>Bei alledem geht es nicht um begrifflich-theoretische Spielereien, sondern um die Frage, wie eine Zivilgesellschaft mit kriegerischer Verwicklung und Bedrohung umgeht. Wir leben in einer Welt, in der drei imperiale Mächte erklärtermaßen Krieg als Mittel der Politik begreifen. In einer solchen Welt Politik zu machen, als lebe man noch in einer reinen Zivilgesellschaft, frei von Krieg und äußerer Bedrohung (Beispiel Schuldenbremse), ist fahrlässig. Deutschland und andere europäische Länder müssen im Modus einer Zivilgesellschaft im Krieg agieren.</p> <p><em>Der folgende, diesen Blog abschließende Beitrag „Zivilgesellschaft im Krieg III – Die Bundesrepublik Deutschland in der Zeitenwende“ wird u. a. zeigen, dass die „Ampel“-Regierung aus kriegsgesellschaftstheoretischer Sicht besser war als ihr Ruf – jedenfalls im ersten Jahr.</em></p> <div class="shariff shariff-align-flex-start shariff-widget-align-flex-start"><ul class="shariff-buttons theme-white orientation-horizontal buttonsize-medium"><li class="shariff-button bluesky shariff-nocustomcolor" style="background-color:#84c4ff"><a aria-label="Bei Bluesky teilen" class="shariff-link" href="https://bsky.app/intent/compose?text=Kriege%2C%20Kriegsgesellschaft%2C%20Zeitenwende https%3A%2F%2Fblog.soziologie.de%2F2025%2F02%2Fkriege-kriegsgesellschaft-zeitenwende-6%2F " rel="noopener nofollow" role="button" style="; background-color:#0085ff; color:#0085ff" target="_blank" title="Bei Bluesky teilen"><span class="shariff-icon" style="fill:#0085ff"><svg height="20" version="1.1" viewbox="0 0 20 20" width="20" xmlns="http://www.w3.org/2000/svg"><path class="st0" d="M4.89,3.12c2.07,1.55,4.3,4.71,5.11,6.4.82-1.69,3.04-4.84,5.11-6.4,1.49-1.12,3.91-1.99,3.91.77,0,.55-.32,4.63-.5,5.3-.64,2.3-2.99,2.89-5.08,2.54,3.65.62,4.58,2.68,2.57,4.74-3.81,3.91-5.48-.98-5.9-2.23-.08-.23-.11-.34-.12-.25,0-.09-.04.02-.12.25-.43,1.25-2.09,6.14-5.9,2.23-2.01-2.06-1.08-4.12,2.57-4.74-2.09.36-4.44-.23-5.08-2.54-.19-.66-.5-4.74-.5-5.3,0-2.76,2.42-1.89,3.91-.77h0Z"></path></svg></span><span class="shariff-text" style="color:#0085ff">teilen</span> </a></li><li class="shariff-button mastodon shariff-nocustomcolor" style="background-color:#563ACC"><a aria-label="Bei Mastodon teilen" class="shariff-link" href="https://s2f.kytta.dev/?text=Kriege%2C%20Kriegsgesellschaft%2C%20Zeitenwende https%3A%2F%2Fblog.soziologie.de%2F2025%2F02%2Fkriege-kriegsgesellschaft-zeitenwende-6%2F" rel="noopener nofollow" role="button" style="; 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Neu im #SozBlog: Kriege, Kriegsgesellschaft, Zeitenwende blog.soziologie.de/2025/02/kriege-kriegsges...

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Netzwerktreffen Soziologische Waldforschung <h3>Tagungsbericht zum zweiten Soziologischen Waldsymposium am 17.-18. Oktober 2024 an der FVA Freiburg</h3> <p>Wald ist in der Wahrnehmung der Menschen in Deutschland wie keine andere Landschaftsform ein Sehnsuchtsort, ein Inbegriff von Natur und Wildnis (Lehmann 1999, BfN 2014, Radkau 2011 und 2018, Knauf 2021) und ein Gegenbild zu Zivilisation und menschlicher Gestaltung (Ensinger et al. 2013). Zugleich ist Wald jahrhundertealte Kulturlandschaft, gemäß menschlichen Bedürfnissen und Vorstellungen geformte und gemanagte Natur. In dieser Mehrdeutigkeit ist Wald ein Forschungsgegenstand, an dem sich gesellschaftliche Konstruktionen von Natur paradigmatisch aufzeigen lassen. Für eine Soziologie der Nachhaltigkeit ist das Handlungsfeld Wald von besonderem Interesse. Die Forstwirtschaft gilt mit ihrer Gründungsschrift Silvicultura Oeconomica (Carlowitz 2009/1732) als wichtige, wenn auch umstrittene Referenz für die Erfindung der Nachhaltigkeit (Gottschlich/Friedrich 2013). 300 Jahre später und 40 Jahre nach dem Beginn der deutschen „Waldsterben“-Debatte stehen Wälder erneut im Mittelpunkt gesellschaftlicher Aushandlungen um unseren Umgang mit Natur, etwa beim Thema Klimaschutz, Klimaanpassung, Biodiversitätsschutz und naturnahes Wirtschaften. Wald ist in verschiedener Hinsicht ein Kristallisationspunkt gesellschaftlicher Naturverhältnisse – und für die Soziologie deshalb auch von systematischem Interesse.</p> <p><span id="more-6131"></span></p> <p>Lehrstühle für sozialwissenschaftliche Waldforschung sind in Deutschland disziplinär in die Forstwissenschaften eingebettet und politikwissenschaftlich ausgerichtet (Wiersum et al. 2013). In den letzten Jahren ist jedoch eine zunehmende Interdisziplinarisierung der Waldforschung zu beobachten (Koch/Tetley 2023). In diesem Zuge ist die Soziologie als Disziplin im Begriff, ihren Blick auf Wald zu schärfen und bündelt ihre Perspektiven seit 2023 im Netzwerk „Soziologische Waldforschung“. Im Oktober 2024 kamen 47 Wissenschaftler*innen aus ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz im Rahmen eines anderthalbtägigen Netzwerktreffens an der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) in Freiburg zusammen, um sich zu sozialwissenschaftlichen Forschungsperspektiven auf den Wald auszutauschen. Das Soziologische Waldsymposium fand in dieser Form zum zweiten Mal statt, nachdem die Auftaktveranstaltung 2023 in Jena auf große Resonanz gestoßen war.</p> <p>Das Waldsymposium in Freiburg deckte ein breites Themenspektrum ab. Es ging um Fragen der Nachhaltigkeit, wie die Nutzung natürlicher Ressourcen oder das zugrundeliegende Verhältnis von Mensch und Natur. In den Konflikten verschiedener Interessensgruppen im Wald und den sich verändernden Anforderungen an eine Reihe etablierter Berufsbilder und Forstpraktiken spiegeln sich auch größere kulturelle und soziale Transformationen und die damit verbundenen individuellen und gesellschaftlichen Spannungen. Eine thematisch und methodologisch breit aufgestellte Waldsoziologie trägt durch ihre Forschung dazu bei, diese gesellschaftlichen Entwicklungen am Wald und über den Wald hinaus besser zu verstehen. Weil ihre Forschungssettings oft von Inter- und Transdisziplinarität gekennzeichnet sind, profitiert sie dabei vom Austausch etwa mit der Umweltsoziologie, den Forstwissenschaften, den <em>Environmental Humanities</em> oder auch der Biodiversitäts- und Nachhaltigkeitsforschung.</p> <p>Anknüpfend an das erfolgreiche Treffen im vergangenen Jahr stand auch dieses Mal der Austausch über Theorien und Methoden der sozialwissenschaftlichen Waldforschung und die Zusammenarbeit zwischen den Teilnehmenden im Mittelpunkt. Im ersten Jahr seit der Gründung 2023 ist das Netzwerk bereits auf knapp 100 Mitglieder gewachsen, was den hohen Bedarf nach Vernetzung und Austausch bestätigt. Um dem gerecht zu werden gaben offene und interaktive Formate Raum, die gemeinsame Kultur der Zusammenarbeit neu zu denken und zu erfahren. So konnte das fachliche Gespräch beispielsweise bei einem „walk-and-talk“ Spaziergang auch außerhalb des klassischen Tagungssettings fortgeführt werden, und blitzlichtartige Frage-und-Austauschrunden gaben Gelegenheit, viele Perspektiven in kurzer Zeit zu teilen. Im Rahmen einer Fishbowl-Runde zu Beginn ließ sich nachvollziehen, wie vielfältig die akademischen Wege in die soziologische und soziologisch inspirierte Waldforschung sind. Diese unterschiedlichen disziplinären Hintergründe und persönlichen Werdegänge spiegelten sich dann auch in der inhaltlichen Breite, die sich in Form von fünf ganz unterschiedlichen Kurzpräsentationen zu Forschungsprojekten aus den Reihen der Teilnehmenden zeigte. Die Beiträge umfassten sowohl konzeptionelle und methodische Zugänge als auch empirische Ergebnisse:</p> <p><em>Sebastian Garbe</em> von der Hochschule Fulda eröffnete die Runde mit einer Vorstellung des Teilprojekts <em>PROTEST</em>, das sich mit Waldbesetzungen als Ausdruck ökologischer Solidarisierung mit und zwischen Wäldern im Kontext der Klimakrise befasst. Anschließend widmeten sich <em>Jana Holz</em> (Friedrich-Schiller-Universität Jena) und <em>Anna Saave</em> (Albert-Ludwigs-Universität Freiburg) in einer gemeinsamen Forschungsidee der Frage: <em>Werden wir uns um den Wald gekümmert haben (wollen)?</em> Ausgehend von unterschiedlichen Vorstellungen von (Für)Sorge in Bezug auf Wald schloss der Beitrag mit der normativen Aussage, dass die gesellschaftliche Verantwortung darin liegt, dass wir uns um den Wald gekümmert haben werden müssen. <em>Florian Knutzen</em> (Climate Service Center Germany) stellte daraufhin Ergebnisse einer Befragung zu Klimaextremen im Wald vor. Dabei zeigte sich, dass die befragten Akteure ähnliche Herausforderungen identifizieren, ihre Lösungsansätze jedoch je nach ihrem individuellen Waldverständnis stark variieren. <em>Martina Perzl</em> von der BOKU Wien teilte methodologische Überlegungen aus ihrer Forschung zur Saatgutproduktion in österreichischen Wäldern. Für ein tiefergehendes Verständnis von Grenzelementen und Machtkonzentrationen kombiniert sie Inhaltsanalysen mit relationalen Situationsanalysen. Den Abschluss der „Pitches“ bildete <em>Tom Scheunemann</em> (HS Fulda) mit der Frage, ob der Wald selbst Konzepte „schreibt“ und somit, im Sinne Foucaults, unser Wissen regiert. Dies veranschaulichte er anhand eines Interviewbeispiels, in welchem seine Vorstellungen zu Wald mit denen eines Försters konfrontiert wurden.</p> <p>Diese inhaltlichen Impulse lieferten vielfältige Denkanstöße und zeigten eindrücklich, wie unterschiedlich und interdisziplinär die Themen der Waldforschung sind. Am zweiten Tag boten vier teils geplante, teils spontan organisierte Workshops die Möglichkeit, zu diesen und weiteren Themen in einem vertieften Austausch zu kommen. Ein erster Workshop widmete sich der Materialität des Waldes und griff die zuvor im Blitzlicht von Tom Scheunemann gestellte Frage „Wo ist der Wald in meinen Daten?“ auf. Die Diskussion drehte sich um verschiedene Perspektiven, welche zur Konzeptualisierung von Materialität und Handlungsmacht des Waldes in (soziologischer) Forschung beitragen könnten. Statt sich auf eine abschließende Antwort festzulegen, sammelte die Gruppe unterschiedliche methodologische und theoretische Ansätze. Die Bedeutung historischer Daten, die Einbindung verschiedener (auch naturwissenschaftlicher) Perspektiven auf den Wald, emotionale Zugänge sowie Ansätze des Neuen Materialismus wurden thematisiert und miteinander in Beziehung gesetzt.</p> <p>Eine weitere Gruppe, angeleitet von <em>Susanne Koch</em> (TU München), widmete sich der Positionalität in der waldsoziologischen Forschung. Zunächst wurden die Ambivalenzen der Positionalität anhand einiger Fragen thematisiert: Wie dynamisch ist die eigene Position? Wie stark hängt sie vom Kontext und Raum ab? Und wie eng ist sie mit Fragen der eigenen Identität verknüpft? Im Workshop wurden persönliche Werdegänge und disziplinäre Hintergründe geteilt, wodurch die Herausforderungen von Positionierung deutlich wurden. Besonders die Frage nach den Implikationen einer Nicht-Verortung stieß auf große Resonanz.</p> <p>Ein dritter Workshop unter der Leitung von <em>Andreas Gutmann</em> (Universität Kassel) stellte eine kritische Reflexion kolonial geprägter Waldverhältnisse an, welche häufig von einem menschenleeren Raum ausgehen, der durch strategische Planung und Bewirtschaftung erst in Wert gesetzt werden muss. In dieser maßgeblich durch die deutsche Forstwirtschaft und Forstwissenschaft geprägten Haltung zeigt sich eine klare Trennung zwischen „Natur“ und „Kultur“. (Selbst-)kritisch wurde diese angenommene „Menschenleere“ als Grund für eine lange vernachlässigte soziologische Waldforschung diskutiert, und der Wert einer solchen anhand von Fragen erörtert: Wie können koloniale Waldverhältnisse überwunden werden? Wie lassen sich nicht-westliche Waldbeziehungen (wieder) sichtbar machen?</p> <p>In einem vierten Workshop stellten <em>Nicole Weydmann</em>, <em>Christian Weidmann</em> und <em>Christina Weber</em> (Hochschule Furtwangen) die Frage, mit welchen methodischen Zugängen Emotionen rund um den Klimawandel sozialwissenschaftlich definiert, erhoben und abgebildet werden können. Die Möglichkeiten und Grenzen qualitativer, quantitativer und künstlerisch-experimenteller Herangehensweisen wurden anhand von aktuellen Forschungsprojekten der Hochschule Furtwangen diskutiert. Über das Methodische hinaus ging es auch um Grenzen zwischen therapeutischem Handeln und Forschungspraxis im Themenfeld Klimaemotionen und um die Frage, wie sich Forschende als gleichzeitig Betroffene in diesem Feld bewegen.</p> <p>Nach einem inspirierenden, austauschintensiven Tagungsprogramm fand am Nachmittag des zweiten Tages eine Strategieschmiede statt, bei der die Teilnehmenden sich über die aktuelle und zukünftige Kultur, Form und Struktur des Netzwerks austauschten. Besonders positiv hervorgehoben wurde hier der vertrauensvolle Austausch auf Augenhöhe, der hohe Wert interdisziplinärer Diskussionen und die gebotenen Möglichkeiten zu Kooperation und Vernetzung. Mehrere der Workshopthemen sind auf so großes Interesse gestoßen, dass sich Arbeitsgruppen zum weiteren Austausch gebildet haben oder in Planung sind.</p> <p>Den Abschluss bildete eine Waldexkursion am Freitagnachmittag. Diese lud die Teilnehmenden dazu ein, über ontologische und epistemologische Fragen rund um den Wald nachzudenken. Die Exkursion fand in der Nähe des Tagungsortes statt, im an die FVA angrenzenden Wald der Wonnhalde, der in den 1970er Jahren unter Mitwirken der FVA als Prototyp eines Erholungswaldes angelegt und seither weiterentwickelt wurde. An der ersten Station erklärte der Phytopathologe<em> Jörg Grüner</em> (FVA), wie ein Baum seinen Gesundheitszustand „kommuniziert“. Am Beispiel des Eschentriebsterbens zeigte er, wie die Krankheitssymptome gelesen werden können, um ein besseres Verständnis für den Zustand des Baumes zu entwickeln. An der zweiten Station führte <em>Manuel John</em> (FVA) die Gruppe zu einer Marteloskopfläche. Marteloskope sind kartierte Waldflächen, auf welchen forstwirtschaftliche Entscheidungen simuliert werden. Den Teilnehmer*innen wurden quantitative Daten zur Biodiversität und ökonomischer Ertrag auf einem Tablet zur Verfügung gestellt, um eine Entscheidung zu simulieren, welcher Baum gefällt und welcher auf Grund des ökologischen Wertes erhalten werden soll. Die dritte und letzte Station leitete <em>Bernd Nold</em> (Regierungspräsidium Freiburg), der die Gruppe dazu anregte, den Wald bewusst wahrzunehmen, mit allen Sinnen einzutauchen und eine persönliche Verbindung zum Wald aufzubauen. Diese drei unterschiedlichen Stationen boten Gelegenheit, dem Wald auf verschiedene Weise näherzukommen: durch das „lesen lernen“ von Krankheitssymptomen, durch datengestützte Planungsüberlegungen sowie auf emotionaler Ebene. Obwohl der Wald immer nur mittelbar erfahren werden kann, konnte die Exkursion so zu einem differenzierteren Verständnis der Materialität des Waldes beitragen.</p> <p>Der E-Mail-Verteiler <a href="mailto:soz-wald@listserv.dfn.de"><strong>soz-wald@listserv.dfn.de</strong></a>, der nach dem ersten Waldsymposium 2023 eingerichtet wurde, wird auch in Zukunft genutzt, um Informationen zu teilen, ebenso wie Veranstaltungshinweise, Calls for Papers, Publikationen oder Stellenausschreibungen. Diese Plattform soll weiter aktiv genutzt werden und ist offen für alle Interessierten, die sich unter dem folgenden Link anmelden können: <a href="https://www.listserv.dfn.de/sympa/subscribe/soz-wald?previous_action=info">https://www.listserv.dfn.de/sympa/subscribe/soz-wald?previous_action=info</a>.</p> <p>Das dritte Soziologische Waldsymposium findet am 09.-10. Oktober 2025 in Fulda statt. Weitere Informationen folgen über den soz-wald-Verteiler.</p> <p>Von diesem Netzwerktreffen bleiben positive Eindrücke von spannenden und anspruchsvollen Gesprächen, von der beeindruckenden Themenvielfalt in der soziologischen Waldforschung und von dem interdisziplinären Interesse an Forschung und Kooperation. Wir freuen uns auf weitere Gelegenheiten!</p> <h3>Literatur</h3> <p>BMUB/BfN (Hg.). 2014. Naturbewusstsein 2013. Bevölkerungsumfrage zu Natur und biologischer Vielfalt.</p> <p>Carlowitz, Hans Carl von. 2022. <em>Sylvicultura Oeconomica: Anweisung zur wilden Baumzucht</em>. Reprint. Remagen: Kessel.</p> <p>Ensinger, Kerstin, Matthias Wurster, Andy Selter, Marion Jenne, Stephanie Bethmann, and Kerstin Botsch. 2013. ‘“Eintauchen in eine andere Welt“– Untersuchung über Erholungskonzepte und Erholungsprozesse im Wald’. <em>Allgemeine Forst- Und Jagdzeitung</em> 184(3/4): 70–83.</p> <p>Gottschlich, Daniela und Beate Freidrich. 2014. Das Erbe der Silvicultura Oeconomica: Eine kritische Reflexion des Nachhaltigkeitsbegriffs. <em>GAIA Ecological Perspectives for Science and Society</em> 1/2014: 23-29.</p> <p>Knauf, Marcus. 2021. <em>Wildnis in Deutschland – gesellschaftliche Erwartungen und Akzeptanz eines kontrovers diskutierten Konzepts (WIND).</em> Bielefeld.</p> <p>Koch, Susanne, and Camilla Tetley. 2023. ‘What “Counts” in International Forest Policy Research? A Conference Ethnography of Valuation Practice and Habitus in an Interdisciplinary Social Science Field’. <em>Forest Policy and Economics</em> 154: 103034.</p> <p>Lehmann, Albrecht. 1999. <em>Von Menschen und Bäumen: die Deutschen und ihr Wald</em>. Reinbek: Rowohlt.</p> <p>Radkau, Joachim. 2011. <em>Die Ära Der Ökologie: Eine Weltgeschichte</em>. München: Beck.</p> <p>Radkau, Joachim. 2018. <em>Holz: wie ein Naturstoff Geschichte schreibt</em>. München: oekom verlag.</p> <p>Wiersum, K. Freerk, Bas Arts, und Jim van Laar. 2013. ‘From practical science to a practice based approach: A short history of forest policy studies’. S. 23-26 in <em>Forest and Nature Governance: A Practice Based Approach</em>, hg. von B. Arts, J. Behagel, S. van Bommel, J. Koning und E. Turnhout. Dordrecht: Springer.</p> <h3>Autor*innen</h3> <p><strong>Charlotte Pfahler</strong> ist Soziologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Stabsstelle Gesellschaftlicher Wandel der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg. Sie befasst sich im Rahmen einer Beteiligungsplattform mit den vielfältigen Interessen und Ansprüchen, die an den Wald gestellt werden. Darüber hinaus beschäftigt sie sich mit sozialwissenschaftlicher Forschung zu Klimaemotionen.</p> <p><strong>Dr. Mareike Zobel </strong>ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Stabsstelle Gesellschaftlicher Wandel der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg sowie Research Affiliate am Department of Sociology der University of Cambridge. Sie interessiert sich für Zukunft und Subjektivierung, soziale Naturbeziehungen und Klimaemotionen, u.a. in Dokumentarfilmen. Als Prozessberaterin beschäftigt sie außerdem, wie sich gesellschaftliche Transformationen in Hinblick auf neue Arbeitsweisen, Kollaboration und Beteiligung in Organisationen auswirken.</p> <p><strong>Sabeth Häublein</strong> ist seit 2021 Doktorandin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Forst- und Umweltpolitik, an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Sie ist in zwei Forschungsprojekten involviert, die sich mit integriertem Wasser- und Waldmanagement und der Handlungsmacht von Kleinprivatwaldbesitzer*innen beschäftigen. Zudem lehrt sie am University College Freiburg einen Grundlagenkurs zu Science &amp; Technology Studies. In ihrer Doktorarbeit beschäftigt sie sich mit narrativen Ansätzen im Kontext des Wasser-Wald-Nexus.</p> <p><strong>Philipp Mack</strong> hat Geographie studiert und ist seit 2019 Promovend und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Graduiertenkolleg ConFoBi (Conservation of Forest Biodiversity in Multiple-Use Landscapes of Central Europe) sowie am Lehrstuhl für Forst- und Umweltpolitik an der Universität Freiburg. Zurzeit forscht er zu klimabezogenen Waldschadensdiskursen, der Vielfalt von Kleinprivatwaldbesitzer*innen sowie zur Klimawandelanpassung von Wäldern.</p> <p><strong>PD Dr. Stephanie Bethmann </strong>ist Soziologin, Privatdozentin am Institut für Soziologie der Uni Freiburg und Leiterin der Stabsstelle Gesellschaftlicher Wandel der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA). Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Methodologien qualitativer Sozialforschung, Transdisziplinarität, Arbeits- und Umweltsoziologie und natürlich die Soziologie des Waldes.</p> <div class="shariff shariff-align-flex-start shariff-widget-align-flex-start"><ul class="shariff-buttons theme-white orientation-horizontal buttonsize-medium"><li class="shariff-button bluesky shariff-nocustomcolor" style="background-color:#84c4ff"><a aria-label="Bei Bluesky teilen" class="shariff-link" href="https://bsky.app/intent/compose?text=Netzwerktreffen%20Soziologische%20Waldforschung https%3A%2F%2Fblog.soziologie.de%2F2025%2F01%2Fnetzwerktreffen-soziologische-waldforschung%2F " rel="noopener nofollow" role="button" style="; background-color:#0085ff; color:#0085ff" target="_blank" title="Bei Bluesky teilen"><span class="shariff-icon" style="fill:#0085ff"><svg height="20" version="1.1" viewbox="0 0 20 20" width="20" xmlns="http://www.w3.org/2000/svg"><path class="st0" d="M4.89,3.12c2.07,1.55,4.3,4.71,5.11,6.4.82-1.69,3.04-4.84,5.11-6.4,1.49-1.12,3.91-1.99,3.91.77,0,.55-.32,4.63-.5,5.3-.64,2.3-2.99,2.89-5.08,2.54,3.65.62,4.58,2.68,2.57,4.74-3.81,3.91-5.48-.98-5.9-2.23-.08-.23-.11-.34-.12-.25,0-.09-.04.02-.12.25-.43,1.25-2.09,6.14-5.9,2.23-2.01-2.06-1.08-4.12,2.57-4.74-2.09.36-4.44-.23-5.08-2.54-.19-.66-.5-4.74-.5-5.3,0-2.76,2.42-1.89,3.91-.77h0Z"></path></svg></span><span class="shariff-text" style="color:#0085ff">teilen</span> </a></li><li class="shariff-button mastodon shariff-nocustomcolor" style="background-color:#563ACC"><a aria-label="Bei Mastodon teilen" class="shariff-link" href="https://s2f.kytta.dev/?text=Netzwerktreffen%20Soziologische%20Waldforschung https%3A%2F%2Fblog.soziologie.de%2F2025%2F01%2Fnetzwerktreffen-soziologische-waldforschung%2F" rel="noopener nofollow" role="button" style="; 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Kriege, Kriegsgesellschaft, Zeitenwende <h3>Beitrag 11: Zivilgesellschaft im Krieg (I) – Die USA 1940/41</h3> <p><em>„Zivilgesellschaft im Krieg“ beschreibt eine Konstellation, bei der eine (demokratische) Zivilgesellschaft eine (kämpfende) Kriegsgesellschaft unterstützt (in der Regel bei der Abwehr einer Aggression). Diesen Typus finden wir im 20. Jahrhundert in Europa kaum vor. Eine Ausnahme war Schwedens Unterstützung im russisch-finnischen Winterkrieg vom 30. 11. 1939 bis 13. 03. 1940, mit Waffen und Munition und auch Freiwilligen, die auf der Seite Finnlands kämpften. Seit den 1950er Jahren waren die meisten europäischen Staaten in die Militärblöcke der NATO oder des Warschauer Pakts integriert. Die neutralen Staaten beteiligten sich nicht in irgendeiner Weise militärisch an Kriegen und fühlten sich nicht von außen bedroht. Anders die USA: In der Zwischenkriegszeit isolationistisch und strikt neutral, unterstützten sie seit August 1940 das von Hitler-Deutschland bedrängte Großbritannien mit Waffen und Munition, ähnlich wie gegenwärtig Deutschland und andere demokratische Staaten die Ukraine gegen die russische Aggression unterstützen. Sie bilden somit einen interessanten Vergleichsfall zu aktuellen Ereignissen und Entwicklungen in Europa.</em></p> <ol> <li><strong>Isolationismus und Neutralität – Die USA in der Zwischenkriegszeit als „reine Zivilgesellschaft“</strong></li> <li><strong>5. Mai 1940: Churchill bittet Roosevelt um Waffenhilfe gegen Hitler</strong></li> <li><strong>Roosevelt: „Wir müssen das große Arsenal der Demokratie sein“</strong></li> <li><strong>7. bis 11. Dezember 1941: Japans Überfall auf Pearl Harbour, Deutschlands Kriegserklärung an die USA</strong></li> <li><strong>Die USA als Zivilgesellschaft im Krieg – Fazit </strong></li> </ol> <h3>1.      Isolationismus und Neutralität – Die USA in der Zwischenkriegszeit als „reine Zivilgesellschaft“</h3> <p>Die USA traten 1917 auf der Seite der Entente in den Ersten Weltkrieg ein. Präsident Woodrow Wilson wirkte maßgeblich auf der Versailler Friedenskonferenz von 1919 mit. Doch der US-Kongress lehnte die Ratifizierung des Versailler Vertrags und der Nachfolgeverträge für Österreich, Ungarn und die Türkei ab. Die USA verzichteten sogar auf den Beitritt zum Völkerbund, der auf Initiative ihres Präsidenten zustande gekommen war und für die Zukunft eine friedliche Welt garantieren sollte. Sie entschieden sich stattdessen in der Zwischenkriegszeit für eine isolationistische Politik, um sich aus europäischen Angelegenheiten möglichst herauszuhalten.</p> <p>Am 31. August 1935 trat ein Gesetz in Kraft, das die Vereinigten Staaten in jedem künftigen Krieg zur Neutralität verpflichtete. Das schloss ein Waffenembargo gegen beteiligte, Krieg führende Staaten ungeachtet amerikanischer Sympathien ein. Bis 1937 wurden weitere vier Neutralitätsgesetze erlassen. Damit sollte einem erneuten amerikanischen Kriegseintritt wie 1917 vorgebeugt werden. Trotz der dramatischen Ereignisse in Ostasien (japanisch-chinesischer Krieg seit 1937) und in Europa beschlossen Repräsentantenhaus und Senat im Juni/Juli 1939, das Waffenembargo gegen alle beteiligten Parteien aufrechtzuerhalten – gegen den Willen der Regierung von Präsident Franklin D. Roosevelt.</p> <p><span id="more-6125"></span></p> <p>1917/18 hatten die USA im Krieg ein Millionenheer gegen die Mittelmächte mobilisiert. 1940 zählte das amerikanische Heer nur 275.000 Soldaten und stand damit an 20. Stelle in der Welt, noch hinter den Niederlanden. Sie verfügten nur über fünf voll ausgerüstete Divisionen (Deutschland im Weltfeldzug Mai/Juni 1940: 141 Divisionen), deren Waffen größtenteils noch aus dem Ersten Weltkrieg stammten.</p> <p>Die USA in den 1920er und 1930er Jahren können also geradezu als Musterfall einer „reinen Zivilgesellschaft“ gelten, ohne direkte oder indirekte kriegerische Verstrickungen und, schon aufgrund ihrer geographischen Lage, ohne äußere Bedrohung. Doch 1940/41 verwandeln sich die USA zu einer Zivilgesellschaft im Krieg – und nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbour am 07. Dezember 1941 in eine Kriegsgesellschaft, so wie die fünf europäischen Großmächte im Ersten Weltkrieg.</p> <h3>2.      15. Mai 1940: Churchill bittet Roosevelt um Waffenhilfe gegen Hitler</h3> <p>Am 15. Mai 1940 wendet sich der britische Premierminister Winston Churchill, erst seit dem 10. Mai im Amt, in einem Brief hilfesuchend an den amerikanischen Präsidenten. Am Tag seiner Amtsübernahme hat die deutsche Offensive gegen die französischen und englischen Streitkräfte an der Westfront begonnen. Für Churchill und andere Beobachter zeichnet sich nach fünf Tagen die bevorstehende militärische Katastrophe bereits ab. Der neue britische Premier bittet darum, 40 bis 50 ältere amerikanische Zerstörer auszuleihen, um Engpässe zu überbrücken, bis eigene neugebaute Zerstörer zur Verfügung stehen. Außerdem ersucht er um einige Hundert Flugzeuge sowie Flugabwehrwaffen samt Munition. Am 25. Mai erklären überdies britische Militärführer, dass im Fall eines Zusammenbruchs des französischen Bündnispartners ohne die wirtschaftliche und finanzielle Unterstützung der Vereinigten Staaten der Krieg nicht mit Aussicht auf Erfolg fortgesetzt werden könne.</p> <p>Die Situation, in die Roosevelt mit dem Ersuchen Churchills versetzt wird, ist heikel. Kein Zweifel, der Präsident möchte das demokratische Großbritannien unterstützen, welches sich einem übermächtigen Feind, dem nationalsozialistischen Deutschland und dem faschistischen Italien gegenübersieht. Aber ihm sind aufgrund der Neutralitätsgesetze die Hände gebunden. Ein Großteil der Amerikaner denkt isolationistisch und ist gegen jede Kriegsbeteiligung eingestellt. Besonders heikel: Für den 05. November stehen Präsidentschaftswahlen an.</p> <p>In seiner Antwort auf Churchills Bitte lehnt Roosevelt, über dessen Kandidatur für die Präsidentschaftswahl noch nicht entschieden ist, die erbetene Lieferung der Zerstörer ab. Es gäbe sowohl rechtliche wie auch politische Hindernisse. Um Zerstörer liefern zu können, sei die Einwilligung des Kongresses notwendig. Damit könne man derzeit nicht rechnen. Außerdem argumentiert das Marineministerium, nicht eines der von Churchill gewünschten Schiffe entbehren zu können. Die nationale Sicherheit der USA müsse Vorrang haben.</p> <p>Churchill erklärt in seinem folgenden Schreiben an den amerikanischen Präsidenten, dass im Falle einer militärischen Niederlage oder Kapitulation von Großbritannien die britische Flotte vermutlich in deutsche Hände übergehen würde. Damit deutet er an, dass eine mangelnde Unterstützung Großbritanniens auch die Sicherheit der USA bedrohe. Mit anderen Worten: Die Lieferung von Zerstörern liege im ureigensten nationalen Sicherheitsinteresse der USA. Denn die britische Flotte ist die stärkste der Welt.</p> <p>Dieses Argument leuchtet Roosevelt ein. Seine Absage an den Zerstörerhandel bleibt nicht das letzte Wort. Die Ereignisse in und um Frankreich überschlagen sich. Die militärische Katastrophe der Westmächte, die Churchill schon am 15. Mai vorhergesehen hat, nimmt ihren Lauf. Das fünfköpfige britische Kriegskabinett (drei Konservative, zwei Labour) ringt Ende Mai vier Tage mit sich, ob es, eventuell gemeinsam mit Frankreich, Verhandlungen mit Italien und Deutschland aufnehmen solle. Am 06. Juni erklärt Churchill, die britische Regierung werde unter keinen Umständen Waffenstillstands- oder Friedensverhandlungen aufnehmen.  Frankreich kapituliert am 22. Juni. Großbritannien setzt den Krieg gegen Deutschland und Italien (in Nordafrika) allein fort. Die britische Führung unterstreicht ihre Entschlossenheit, indem sie am 03. Juli die französische Kriegsflotte versenken lässt, um sie nicht in deutsche Hände fallen zu lassen. 1297 Seeleute des bisherigen Bündnispartners verlieren ihr Leben.</p> <p>Der hartnäckige britische Widerstand beeindruckt Roosevelt und die amerikanische Öffentlichkeit. Die Stimmung der amerikanischen Bevölkerung beginnt sich allmählich zu wandeln. Im Mai 1940 bildet sich das Komitee zur Verteidigung Amerikas durch Unterstützung der Verbündeten („Committee to Defend America by Aiding the Allies“), das eine wirkungsvolle Agitationskampagne zur Unterstützung Großbritanniens per Waffenlieferungen organisiert.</p> <p>Schließlich erteilt Roosevelt am 30. August 1940 doch noch seine Zustimmung zum Zerstörerhandel – Lieferung der Zerstörer gegen die Errichtung amerikanischer Stützpunkte in der Karibik. Die Isolationisten, auf strikter Nichteinmischung bestehend, reagieren im September 1940 mit der Gründung des „America First Committee“. („America First“ ist die Parole der Isolationisten). Sie weisen darauf hin, dass der Verkauf der Kriegsschiffe an ein im Krieg befindliches Land ein kriegerischer Akt sei.</p> <p>Der praktische Nutzen des Zerstörer-Deals für Großbritannien hält sich in engen Grenzen. Bis Ende des Jahres stellt die Royal Navy nur neun der Zerstörer in den Dienst, deren Kampfwert bescheiden bleibt. Dass Großbritannien sich dennoch gegen die überlegene deutsche Militärmacht behaupten kann, ist der erfolgreichen Luftschlacht über England seit dem 13. August 1940 zuzurechnen, die sich bis Mai 1941 hinzieht, und der baldigen Hinwendung der NS-Führung zu einem Feldzug gegen die Sowjetunion.</p> <p>Aber der symbolische Wert des Zerstörer-Deals ist enorm. Im streng formalen Sinn immer noch neutral, stellen sich die USA kraft ihrer Waffenlieferungen an die Seite des bedrängten Großbritannien. Sie sind insofern de facto nunmehr ein nicht (mehr) neutraler, aber nicht Krieg führender Staat. Kriegsgesellschaftstheoretisch gesehen vollziehen die USA mit der Lieferung der Zerstörer den Schritt von der reinen Zivilgesellschaft zur Zivilgesellschaft im Krieg.</p> <h3>3.      Roosevelt: „Wir müssen das große Arsenal der Demokratie sein“</h3> <p>Über die Zerstörer-Frage hinaus sind die USA mit der grundsätzlichen Frage konfrontiert: Wie kann eine effektive, dauerhafte Unterstützung von Großbritannien aussehen? Und wie sollen Unterstützungsgüter verrechnet werden? Die amerikanische Öffentlichkeit erwartet eine Gegenleistung Großbritanniens. Aber die finanziellen Möglichkeiten Großbritanniens, das allein Nazi-Deutschland und Italien im Krieg gegenübersteht, sind begrenzt. Großbritannien geht das Geld für den Ankauf von Schiffen und Flugzeugen bei den Vereinigten Staaten aus.</p> <p>Die Lösung der amerikanischen Administration ist schließlich das <em>Leih- und Pachtgesetz</em> („Lend-Lease-Act“). Dessen Sinn hat Roosevelt im Dezember 1940 in einem volkstümlichen Vergleich beschrieben. Wenn das Haus eines Nachbarn in Flammen stehe, sage man zu ihm nicht: Nachbar, ich verfüge über einen Gartenschlauch. Er hat mich 15 Dollar gekostet. Sie müssen 15 Dollar dafür bezahlen. Sondern man leihe seinem Nachbarn den Gartenschlauch und erhalte ihn später wieder zurück. Genau so solle man mit Waffen- und Munitionslieferungen an Großbritannien oder andere demokratische Länder verfahren.</p> <p>Am 29. Dezember 1940 prägt Roosevelt in einem „Kamingespräch“ im Rundfunk – einer informellen Diskussionsveranstaltung, welche die Politik der Regierung kommunizieren soll (s.u.) – einen wegweisenden Satz: „Wir müssen das große Arsenal der Demokratie sein“. Mit anderen Worten: Roosevelt möchte die eigenen Soldaten aus dem Krieg herauszuhalten. Wohl aber will er massiv in puncto Rüstungsgüter die Mobilisierung der demokratischen Welt unterstützen – so massiv, dass der Krieg zugunsten der demokratischen Welt entschieden wird.</p> <p>Der Politik Roosevelts liegt ein dualistisches Bild von demokratischer Welt einerseits und totalitären Tyranneien andererseits zugrunde. Zur demokratischen Welt im Winter 1940/41 wird auch Finnland gezählt, das sich gegen die sowjetische Invasion unerwartet erfolgreich zur Wehr setzt, und Griechenland, das Deutschlands Bündnispartner Italien ebenfalls unerwartete militärische Niederlagen beibringt.</p> <p><em>Das Leih- und Pachtgesetz beschließt der Kongress am 18. Februar 1941, es tritt am 11. März in Kraft</em>. Es ermächtigt den Präsidenten, jegliche Art von Rüstungsgütern produzieren zu lassen und jeder Nation zur Verfügung zu stellen, deren Verteidigung er für die Verteidigung der Vereinigten Staaten für lebenswichtig erachtet.  Die NS-Führung betrachtet das Leih- und Pachtgesetz als eine Art Kriegserklärung der USA an das Deutsche Reich, begnügt sich aber vorerst damit, das deutsche Operationsgebiet im Nordatlantik bis zu den isländischen Inseln auszuweiten.</p> <p>Das Leih- und Pachtprogramm besorgte 1941 nur ein Prozent des britischen Kriegsmaterials. Das änderte sich im weiteren Verlauf des Krieges. Ein erheblicher Teil des Kriegsmaterials Großbritanniens und der Sowjetunion wurde durch das Leih- und Pachtgesetz gedeckt.  Zwischen 1939 bis 1941, von einem niedrigen Ausgangsniveau ausgehend, verzehnfachte sich der Anteil des amerikanischen Verteidigungshaushalts am Bruttosozialprodukt. Die Mehrausgaben wurden überwiegend durch Kreditaufnahmen finanziert.</p> <h3>4.      07. bis 11. Dezember 1941: Japans Überfall auf Pearl Harbour, Deutschlands Kriegserklärung an die USA</h3> <p>Am 22. Juni 1941 hat das Deutsche Reich die Sowjetunion überfallen. Vom 09. bis 12. August treffen sich Roosevelt und Churchill unter strenger Geheimhaltung auf dem Schweren Kreuzer Augusta und dem Schlachtschiff Prince of Wales im Nordatlantik, um die aktuelle Lage zu besprechen. Churchill hofft, den amerikanischen Präsidenten zu bewegen, dem Kongress eine Kriegserklärung vorzuschlagen. Doch der amerikanische Präsident hält an seinem „Short of War“-Kurs fest; die USA bleiben also Zivilgesellschaft im Krieg. Stattdessen entwerfen Roosevelt und Churchill in einer gemeinsamen Erklärung den Grundriss einer Nachkriegsordnung nach der Zerstörung der nationalsozialistischen Tyrannei: Freier Handel, Selbstbestimmung der Nationen, internationale Sicherheit, Rüstungskontrolle, wirtschaftliche Gerechtigkeit und Menschenrechte, aber auch einen gehobenen Arbeitsstandard, wirtschaftlichen Fortschritt und soziale Sicherheit, die am 14. August 1941 veröffentlicht wird. Die USA sind bereit, als „großes Arsenal der Demokratie“ zu fungieren, militärisch sollen die Europäer ihren Krieg allein ausfechten.</p> <p>Doch dabei bleibt es nicht. Am 07. Dezember 1941 attackiert eine japanische Luftflotte den amerikanischen Marinestützpunkt Pearl Harbour auf Hawaii. Darauf erklären die USA am 09. Dezember dem Aggressor den Krieg. Am 11. Dezember erklärt das Deutsche Reich den USA den Krieg (obwohl es durch den Drei-Mächte-Pakt mit Italien und Japan dazu nicht verpflichtet gewesen wäre, da dieser nur für einen Angriff auf Japan galt). Damit stehen die USA im Krieg und mutieren rasch zu einer Kriegsgesellschaft. Da die USA als die eindeutig angegriffene Partei dastehen, formiert sich ungeachtet der Spaltung zwischen Isolationisten und Befürwortern für die Unterstützung Großbritanniens und der Sowjetunion eine <em>patriotische Vergemeinschaftung.</em> Das im September 1940 gegründete „America First Committee“ der Isolationisten löst sich drei Tage nach dem Angriff auf Pearl Harbour selbst auf.</p> <p>Auch sonst transformieren die USA rasch in eine Kriegsgesellschaft. Der Kongress verabschiedet wenige Tage nach Pearl Harbour den <em>War Powers Act</em>, welcher der Exekutive besondere Vollmachten für die Kriegführung gewährt. Die Machtbefugnisse der Bundesregierung werden erweitert. 1939 waren weniger als zwei Prozent der Wirtschaftsleistung der USA für Kriegszwecke bestimmt, 1944 lag der Anteil bei 40 %. Das Budget der Bundesregierung vergrößert sich von neun Mrd. Dollar 1939 auf 100 Mrd. Dollar 1945. 10 Mio. Männer werden zu den Streitkräften eingezogen. Zum Kriegsende 1945 leisten 12 Mio. Amerikaner Dienst in den Streitkräften. 1939 waren es nur 300.000. Die Zahl der berufstätigen Frauen verdoppelt sich. Die besten Wissenschaftler des Landes ließen sich in den Dienst des Krieges stellen, z. B. für den Bau der Atombombe. Der Krieg wurde durch eine hohe Verschuldung sowie Steuererhöhungen, vor allem eine starke Progression der Einkommenssteuer finanziert. Kurz gesagt: die USA vollzogen ab Ende 1941 eine kriegsgesellschaftliche Transformation in der Art, wie sie in den kriegführenden Staaten des Ersten Weltkriegs abgelaufen waren. Dazu gehörte auch die Exklusion feindlicher Ausländer. 112.000 Japaner, unter ihnen 79.000 amerikanische Staatsbürger wurden in Internierungslager in Arizona, Kalifornien, Oregon und Washington gesperrt.</p> <h3>5.      Die USA als Zivilgesellschaft im Krieg – Fazit</h3> <ol> <li>Die Isolations- und Neutralitätspolitik der USA in der Zwischenkriegszeit („America First“) hatte maßgeblich dazu beigetragen, dass sich seit 1931 (Überfall Japans auf die Mandschurei) die durch den Versailler Vertrag begründete liberale Weltordnung auflöste. Großbritannien und Frankreich, beide durch den Ersten Weltkrieg schwer angeschlagen, waren zu schwach, um allein der Aggressionspolitik Japans, Italiens und Deutschlands in den 1930er Jahren entgegenzutreten.</li> <li>Indem die USA sich für die Unterstützung Großbritanniens mit Waffen und Munition entschieden, transformierten sie sich aus der „reinen Zivilgesellschaft“ in eine „Zivilgesellschaft im Krieg“. Die deutlichste semantische Manifestation dafür ist Roosevelts Rede von den USA als „großem Arsenal der Demokratie“. D. h., die USA lieferten Waffen und Munition, ohne sich mit eigenen Soldaten am Krieg zu beteiligen. Das änderte sich erst mit dem Überfall Japans auf die amerikanische Marinebasis Pearl Harbour und der Kriegserklärung des Deutschen Reiches.</li> <li>Die Strategie der amerikanischen Administration bestand darin, das überragende wirtschaftliche Potential der USA für eine effektive Mobilisierung der Gegner der Achsenmächte (Deutschland, Italien, Japan) einzusetzen und dabei auf eine wirtschaftliche Gegenleistung, also Bezahlung, weitgehend zu verzichten (<em>Leih- und Pachtgesetz</em>).</li> <li>Ausgehend von einem niedrigen Ausgangsniveau verzehnfachte sich von 1939 bis 1941 der Anteil der Rüstungsausgaben am Bruttosozialprodukt 1939 bis 1941. Die gestiegenen Ausgaben wurden vor allem durch Kreditaufnahmen finanziert.</li> <li>Roosevelt erwies sich nicht nur als kluger geopolitischer Stratege, sondern auch als erfolgreicher Kommunikator. Ein wesentliches Element dabei bildeten die sogenannten Kamingespräche („Fireside Chats“), von denen etwa 30 in Roosevelts Amtszeit von 1933-1945 im Rundfunk übertragen wurden. Dabei handelte es sich um ein informelles Gespräch mit drei oder vier handverlesenen Journalisten über ein bestimmtes aktuelles politisches Problem von fundamentaler Relevanz. In diesen Gesprächen analysierte der Präsident in einfacher und verständlicher Sprache das Problem und beschrieb dann, wie er es zu lösen gedachte. Manche der Kamingespräche wurden von über der Hälfte der amerikanischen Erwachsenen gehört.</li> <li>Roosevelt propagierte seit 1933 eine gerechte soziale Ordnung und einen neuen Gemeinschaftsgeist, was eine <em>patriotische Vergemeinschaftung</em> begünstigte. Seine staatsinterventionistisch ausgerichtete „New Deal“-Politik, die u. a. Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, sozialpolitische Reformen und eine Stärkung der Rechte der Arbeiter und der Gewerkschaften einschloss, half den von der Weltwirtschaftskrise schwer getroffenen unteren und mittleren Schichten. Die Popularität Roosevelts aufgrund seiner „New Deal“-Politik förderte das Vertrauen auch in die außenpolitische Kompetenz des Präsidenten in heiklen Fragen.</li> <li>Es bildete sich während der Phase der „Zivilgesellschaft im Krieg“ in Ansätzen eine <em>patriotische Vergemeinschaftung</em> auch in dem Sinn heraus, dass Regierung und Opposition näher zusammenrückten. Bei den Präsidentschaftswahlen 1940 verzichtete der republikanische Kandidat Wendell Willkie darauf, einen konfrontativen Wahlkampf zu führen und unpopuläre Maßnahme wie die Einführung der Allgemeinen Wehrpflicht für Männer im Alter von 18 bis 45 anzuprangern. Nach dem Wahlsieg Roosevelts unterstützte Willkie das Leih- und Pachtgesetz des Präsidenten. Zu den wichtigsten Mitarbeitern und Beratern des (demokratischen) Präsidenten gehörten auch Republikaner.</li> <li>Die Phase der „Zivilgesellschaft im Krieg“ endete für die USA am 07. 12. 1941 mit dem Überfall Japans auf den US-Militärstützpunkt Pearl Harbour. Dieser Schlag war die Antwort auf ein Ölembargo, welches die USA gegen Japan verhängt hatten. (Auch nicht-militärische Entscheidungen können also einen Krieg ausbrechen oder eskalieren lassen). Die überlegene Wirtschaftskraft der USA und die professionelle Organisation ihrer Kriegsgesellschaft sorgten entscheidend dafür, dass die Alliierten den Achsenmächten im Mobilisierungswettlauf weit überlegen waren und folglich den Zweiten Weltkrieg gewannen.</li> </ol> <p><strong> </strong>Generalisierend kann man, Roosevelt paraphrasierend, sagen: Die Zivilgesellschaft im Krieg ist das Arsenal der (angegriffenen) Kriegsgesellschaft. Oder: Die Zivilgesellschaft im Krieg unterstützt die Kriegsgesellschaft bei der Mobilisierung von Waffen und Munition.</p> <p><em>Der folgende Beitrag 12 wird sich mit der Frage beschäftigen, was, kriegsgesellschaftstheoretisch betrachtet, eine professionelle Politik in einer „Zivilgesellschaft im Krieg“ zu beachten hat.</em></p> <h3>Literatur</h3> <p>Ian Kershaw: Wendepunkte. Schlüsselentscheidungen im Zweiten Weltkrieg, 3. Auflage. Deutsche Verlags-Anstalt: München 2009 (zuerst engl. 2007).</p> <p>Jill Lepore: Diese Wahrheiten. Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika, 5. Aufl. C. H. Beck: München 2020 (zuerst amerik. 2017).</p> <div class="shariff shariff-align-flex-start shariff-widget-align-flex-start"><ul class="shariff-buttons theme-white orientation-horizontal buttonsize-medium"><li class="shariff-button mastodon shariff-nocustomcolor" style="background-color:#563ACC"><a aria-label="Bei Mastodon teilen" class="shariff-link" href="https://s2f.kytta.dev/?text=Kriege%2C%20Kriegsgesellschaft%2C%20Zeitenwende https%3A%2F%2Fblog.soziologie.de%2F2024%2F12%2Fkriege-kriegsgesellschaft-zeitenwende-5%2F" rel="noopener nofollow" role="button" style="; background-color:#6364FF; color:#6364FF" target="_blank" title="Bei Mastodon teilen"><span class="shariff-icon" style="fill:#6364FF"><svg fill="none" height="79" viewbox="0 0 75 79" width="75" xmlns="http://www.w3.org/2000/svg"><path d="M37.813-.025C32.462-.058 27.114.13 21.79.598c-8.544.621-17.214 5.58-20.203 13.931C-1.12 23.318.408 32.622.465 41.65c.375 7.316.943 14.78 3.392 21.73 4.365 9.465 14.781 14.537 24.782 15.385 7.64.698 15.761-.213 22.517-4.026a54.1 54.1 0 0 0 .01-6.232c-6.855 1.316-14.101 2.609-21.049 1.074-3.883-.88-6.876-4.237-7.25-8.215-1.53-3.988 3.78-.43 5.584-.883 9.048 1.224 18.282.776 27.303-.462 7.044-.837 14.26-4.788 16.65-11.833 2.263-6.135 1.215-12.79 1.698-19.177.06-3.84.09-7.692-.262-11.52C72.596 7.844 63.223.981 53.834.684a219.453 219.453 0 0 0-16.022-.71zm11.294 12.882c5.5-.067 10.801 4.143 11.67 9.653.338 1.48.471 3 .471 4.515v21.088h-8.357c-.07-7.588.153-15.182-.131-22.765-.587-4.368-7.04-5.747-9.672-2.397-2.422 3.04-1.47 7.155-1.67 10.735v6.392h-8.307c-.146-4.996.359-10.045-.404-15.002-1.108-4.218-7.809-5.565-10.094-1.666-1.685 3.046-.712 6.634-.976 9.936v14.767h-8.354c.109-8.165-.238-16.344.215-24.5.674-5.346 5.095-10.389 10.676-10.627 4.902-.739 10.103 2.038 12.053 6.631.375 1.435 1.76 1.932 1.994.084 1.844-3.704 5.501-6.739 9.785-6.771.367-.044.735-.068 1.101-.073z"></path><defs><lineargradient gradientunits="userSpaceOnUse" id="paint0_linear_549_34" x1="37.0692" x2="37.0692" y1="0" y2="79"><stop stop-color="#6364FF"></stop><stop offset="1" stop-color="#563ACC"></stop></lineargradient></defs></svg></span><span class="shariff-text" style="color:#6364FF">teilen</span> </a></li><li class="shariff-button facebook shariff-nocustomcolor" style="background-color:#4273c8"><a aria-label="Bei Facebook teilen" class="shariff-link" href="https://www.facebook.com/sharer/sharer.php?u=https%3A%2F%2Fblog.soziologie.de%2F2024%2F12%2Fkriege-kriegsgesellschaft-zeitenwende-5%2F" rel="nofollow" role="button" style="; 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Neu im #SozBlog: Kriege, Kriegsgesellschaft, Zeitenwende blog.soziologie.de/2024/12/kriege-kriegsges...

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Kriege, Kriegsgesellschaft, Zeitenwende <h3>Beitrag 10: Der Erste Weltkrieg als paradigmatischer Fall kriegsgesellschaftlicher Transformation (IV) – Kriegsgesellschaftliches Dilemma</h3> <ol> <li><strong>Kriegsgesellschaftliches Dilemma, theoretisch betrachtet</strong></li> <li><strong>Die russische Februar-Revolution ist eine Manifestation des kriegsgesellschaftlichen Dilemmas</strong></li> <li><strong>Das Hindenburg-Programm stärkt das Deutsche Reich zeitweise militärisch, führt aber letztendlich zum Zusammenbruch der Heimatfront</strong></li> <li><strong>Am kriegsgesellschaftlichen Dilemma zerbricht auch das multiethnische Habsburgerreich</strong></li> <li><strong>Das kriegsgesellschaftliche Dilemma im Ersten Weltkrieg – Fazit</strong></li> </ol> <p><em>Große Kriege können eine gewaltige Inklusionsdynamik freisetzen. Das Gefühl der äußeren Bedrohung erzeugt ein affektuelles Gemeinschaftserlebnis, so dass wir von Vergemeinschaftungen im Sinne Max Webers sprechen können. Ein kriegführendes Land stellt sich als patriotische Vergemeinschaftung dar, quasi als (wahrgenommene) Schicksalsgemeinschaft gegen eine Bedrohung von außen, gegen eine „Welt von Feinden“ (Kaiser Wilhelm II). Dieses Vergemeinschaftungserlebnis führt dazu, dass sich interne politisch, soziale und ökonomische Konflikte weitgehend verflüchtigen. Vor allem in den ersten Monaten finden wir in den kriegführenden Ländern eine unvergleichliche Konfliktabstinenz vor (vgl. Beitrag 9). Aber das bleibt nicht so. Die historischen Befunde zeigen, dass in den ersten beiden Jahren des Ersten Weltkriegs innere Konflikte wie Arbeitskämpfe selten sind. In der zweiten Kriegshälfte hingegen nehmen interne soziale Konflikte dramatisch zu. Für alle kriegführenden Länder beobachten wir einen Anstieg an sozialen Protesten und Rebellionen bis hin zu offenen Revolutionen gegen Ende des Ersten Weltkriegs. Die Härte, mit der die Konflikte ausgetragen werden, nimmt gegen Kriegsende zu. Die für den Kriegsbeginn so prägenden patriotischen Vergemeinschaftungen zerbrechen. Warum ist das so? Kriegsgesellschaftstheoretisch betrachtet macht sich hier der Effekt einer Strukturkonstellation bemerkbar, die man als „kriegsgesellschaftliches Dilemma“ bezeichnen kann. </em></p> <p><span id="more-6123"></span></p> <h3>1.      Kriegsgesellschaftliches Dilemma, theoretisch betrachtet</h3> <p>Als treibende Kraft kriegsgesellschaftlicher Transformation kann der <em>Mobilisierungswettlauf </em>gelten. Um einen Krieg zu gewinnen, müssen die Kriegsgegner, jedenfalls bei annähernd ausgewogenen Kräfteverhältnissen, bestrebt sein, ein Maximum an Soldaten und Material in größtmöglicher Qualität für den Krieg zu organisieren. Doch im Imperativ der maximalen Mobilisierung für den Krieg steckt ein vertracktes Problem. Die Mobilisierung von Soldaten und Waffen für den Krieg geht zu Lasten der Versorgung vor allem der nichtkämpfenden Bevölkerung. Je mehr Soldaten, Waffen und Ausrüstung mobilisiert werden, desto weniger verbleibt für die Versorgung der nichtkämpfenden Bevölkerung. Der Mobilisierungswettlauf droht daher auf die Dauer die physische und psychische Basis der Kriegsführung zu untergraben. Je stärker an der Mobilisierungsschraube gedreht wird, desto wahrscheinlicher sind ceteris paribus Desertationen, soziale Proteste und Revolutionen. Ich bezeichne dies als <em>kriegsgesellschaftliches Dilemma. </em>Das Dilemma besteht darin, entweder die militärische Kraft nicht voll zu entfalten und somit eine militärische Niederlage zu begünstigen oder elementare Grundbedürfnisse zu vernachlässigen und damit Desertationen, Rebellionen und Revolutionen der erschöpften, hungernden Soldaten und Zivilisten zu riskieren.</p> <p>Das kriegsgesellschaftliche Dilemma führt im Ersten Weltkrieg zum inneren Zusammenbruch Russlands, Österreich-Ungarns und Deutschlands. Die Revolutionen in Mittel- und Osteuropa gegen Ende des Ersten Weltkriegs und danach lassen sich besser als Folgen des kriegsgesellschaftlichen Dilemmas verstehen denn als sozialistische Revolutionen im orthodox-marxistischen Sinn. Kriegsgesellschaften sind parasitäre Systeme, welche die physische, psychische und materielle Substanz sukzessive zerstören, deren sie zu ihrer Existenz bedürfen, und das mündet in Desertationen, soziale Proteste und soziale Revolutionen.</p> <h3>2.      Die russische Februarrevolution ist eine Manifestation des kriegsgesellschaftlichen Dilemmas</h3> <p>Die beiden russischen Revolutionen 1917 sind im marxistischen Kontext als „bürgerliche“ und als „proletarische Revolution“ begriffen worden. Es erscheint plausibler, sowohl die Februarrevolution wie die Oktoberrevolution als Konsequenz des kriegsgesellschaftlichen Dilemmas zu verstehen.</p> <p>Wie die anderen kriegführenden Länder unterliegt auch Russland dem Imperativ des Mobilisierungswettlaufs. Es ist für diesen aufgrund seiner wirtschaftlichen Rückständigkeit nicht gut aufgestellt. Hinzu kommt, dass das Zarenreich – wie Großbritannien – zunächst nach dem Prinzip „business as usual“ verfährt und es versäumt, seine Strukturen den Bedingungen eines großen Krieges anzupassen (vgl. Beitrag 8). Das führt 1914 und vor allem im Sommer 1915 zu herben Niederlagen gegen die Mittelmächte. Die russischen Streitkräfte müssen sich aus Russisch-Polen und einem Großteil des Baltikums zurückziehen. Erst danach stellt Russland auf eine Kriegswirtschaft um.</p> <p>Tatsächlich gelingt es dem Zarenreich, seine Kriegsproduktion rasch zu steigern, allerdings zu Lasten der Konsumgüterproduktion. Der militärische Erfolg bleibt nicht aus. Eine russische Offensive im Sommer 1916 bringt Österreich-Ungarn an den Rand des Zusammenbruchs. Nur knapp kann sich die Armee der Doppelmonarchie mit deutscher Hilfe unter großen Geländeverlusten gegen die Brussilov-Offensive (benannt nach dem kommandierenden russischen General) behaupten. Doch die Mobilisierungsanstrengungen haben ihren Preis: „1917 stellte Russland alle benötigten Haubitzen und drei Viertel der schweren Artillerie selbst her … Die Kehrseite dieser überwältigenden Erfolge war jedoch die Zerstörung der Konsumgüterproduktion und der Zusammenbruch der Lebensmittelversorgung in den Städten …“.<a href="https://blog.soziologie.de/2024/12/kriege-kriegsgesellschaft-zeitenwende-4/#_ftn1" name="_ftnref1">[1]</a></p> <p>Zur Achillesferse der russischen Kriegsgesellschaft wird die Eisenbahn, deren Ausbau noch weit hinter den anderen europäischen Großmächten zurückgeblieben ist. Kriegsgesellschaftliches Dilemma bedeutet hier: Entweder liefert die Eisenbahn Soldaten, Waffen und Munition an die Front, dann wird die Versorgung der großen Städte, insbesondere St. Petersburg und Moskau vernachlässigt. In dem Fall droht eine soziale Revolution (Hungerrevolution). Oder die großen Städte werden halbwegs ausreichend versorgt, dann droht der Zusammenbruch der Front. Die russische Führung gibt dem Transport von Kriegsgütern und Soldaten den Vorrang. Russland gehört zu den größten getreideexportierenden Ländern der Erde, aber es fehlen die Transportkapazitäten, um die Front zu beliefern <em>und zugleich</em> die Industriezentren des Reichs zu versorgen. So kann das vorhandene Getreide nur unzureichend in die Städte geliefert werden. Von 1914 bis 1916 sinken die Getreidelieferungen nach St. Petersburg um 44%. „It was in fact shortage of food in St Petersburg which finally broke the back of the Russian Empire”.<a href="https://blog.soziologie.de/2024/12/kriege-kriegsgesellschaft-zeitenwende-4/#_ftn2" name="_ftnref2">[2]</a> Die Februar-Revolution in St. Petersburg ist also als eine Revolution der erschöpften, hungernden, kriegsmüden Bevölkerung zu verstehen.</p> <p>Nach dem Sturz des Zaren versäumt es die neue Provisorische Regierung, seit Anfang Juli 1917 unter Alexander Kerenski, den Krieg zu beenden. So verliert die Regierung Kerenski den Rückhalt in der Bevölkerung. Die von Lenin geführte Partei der Bolschewiki erstarkt, weil sie konsequent eine Beendigung des Krieges ohne Annexionen und Kontributionen fordert. Sie putscht sich am 07. November (25. Oktober im damaligen russischen Kalender) an die Macht. Die neue Sowjetregierung muss im März 1918 dem Frieden von Brest-Litowsk mit extrem hohen Gebietsverlusten zustimmen, weil sie dem deutschen Vormarsch nichts entgegenzusetzen hat. Denn die zaristische Armee hat sich inzwischen aufgelöst.</p> <h3>3.      Das Hindenburg-Programm stärkt das Deutsche Reich zeitweise militärisch, führt aber letztendlich zu einem Zusammenbruch der Heimatfront</h3> <p>Die berühmteste Erscheinung im Mobilisierungswettlauf des Ersten Weltkriegs ist das sogenannte <em>Hindenburg-Programm </em>von 1916. Unter dem Eindruck einer schweren militärischen Krise entlässt der Kaiser im August den Chef der Obersten Heeresleitung, General von Falkenhayn, und setzt stattdessen die „Helden von Tannenberg“, Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff, an die Spitze. Sie stabilisieren nicht nur die militärische Lage, sie legen auch einen Plan vor, der die Mobilisierung noch weit über das bisher erreichte Maß hinaustreibt: das Hindenburg-Programm. Es enthält folgende Elemente:</p> <ul> <li>Ausdehnung der Pflichtzeit für den Militärdienst bis zum 50. Lebensjahr</li> <li>Militärische Ausbildung von männlichen Jugendlichen vom 16. Lebensjahr an.</li> <li>Allgemeine Dienstpflicht für alle Frauen</li> <li>Umleitung von Arbeitern aus kriegsunwichtigen Produktionszweigen in die Rüstungsbetriebe</li> <li>Verbot vom Wechsel des Arbeitsplatzes</li> <li>Schließung aller Universitäten und Technischer Hochschulen</li> <li>Bildung eines Obersten Kriegsamtes zur Koordination der Rüstungswirtschaft</li> </ul> <p>Ziel ist es, die Rüstungsproduktion des Deutschen Reichs innerhalb eines Jahres zu verdoppeln.</p> <p>Kriegsgesellschaftstheoretisch interessant ist, dass die Militärführung ganz selbstverständlich Aufgaben übernimmt, für welche eigentlich die politische Führung zuständig ist. Man hat daher auch von einer Militärdiktatur gesprochen. Es gibt jedoch Gegenkräfte, z. B. die Reichstagsparteien. Das Hindenburgprogramm – umgesetzt im <em>Vaterländischen Hilfsdienstgesetz </em>Dezember 1916 – wird nicht voll realisiert. So werden längst nicht alle Frauen zum Arbeitsdienst eingezogen, und die Universitäten bleiben geöffnet. Dennoch bedeutet es auch so eine gewaltige Kraftanstrengung, weit über das bereits erreichte Maß hinaus. Doch schon bald tritt der Effekt in Kraft, den ich „kriegsgesellschaftliches Dilemma“ genannt habe. Die Mobilisierungskurve steigt, und gleichzeitig sinkt das Versorgungsniveau. Im Winter 1916/17 sterben in Deutschland Hunderttausende an den Folgen von Unterernährung. Die Gründe dafür liegen in der Hungerblockade durch die britische Flotte, aber auch an den extremen Mobilisierungsanstrengungen in der Kriegswirtschaft. Die Lebensmittelrationen betragen nur noch 1.000 kcal pro Kopf gegenüber einem durchschnittlichen Tagesverbrauch von 3.400 kcal vor dem Krieg. Das kriegsgesellschaftliche Dilemma – steigende Mobilisierung für den Krieg, sinkende Versorgung der Bevölkerung in der Heimat – zeitigt bald massive politische und militärische Konsequenzen.</p> <p>Im Januar/Februar 1918 brechen in den deutschen Rüstungsfabriken Streiks aus, die noch einmal unterdrückt werden können. Doch die Klassenkonflikte nehmen zu; die Wahrnehmung sozialer Ungleichheit wird in den letzten beiden Kriegsjahren immer ausgeprägter.</p> <p>Als die deutsche Militärführung nach dem Friedensschluss von Brest-Litowsk mit Sowjetrussland am 21. März 1918 zur Großoffensive in Frankreich ansetzt, um auch an der Westfront die Kriegsentscheidung zu erzwingen, gelingt den deutschen Streitkräften nach Jahren des Stellungskrieges ein großer Durchbruch. Aber die hungrigen Soldaten plündern zunächst die erbeuteten englischen Vorratslager, anstatt dem geschlagenen Gegner nachzusetzen und auf das 60 km entfernte Paris zu marschieren. Nach und nach laufen sich die deutschen Frühjahrsoffensiven fest, die Kampfmoral sinkt rapide. Sogenannte „Drückebergerei“ nimmt zu, die bald in massenhafte Desertationen übergeht. Der Historiker Werner Deist spricht von einem „verdeckten Militärstreik“. Anfang November werden von der militärischen Führung nur noch zwölf Divisionen als kampfkräftig eingestuft.  Ende Oktober soll die deutsche Hochseeflotte zu einer Schlacht gegen die überlegene britische Armada auslaufen, was einem Himmelfahrtskommando gleichkommt. Eine Meuterei der Matrosen bricht aus, die rasch zu einer Revolution eskaliert („Novemberrevolution“). Als der Kaiser an der Spitze seiner Soldaten ins revolutionäre Berlin marschieren will, um die alte Ordnung wiederherzustellen, müssen ihm seine Generäle mitteilen, dass keine loyalen Truppen mehr zur Verfügung stehen. Dem Kaiser bleibt nichts anderes übrig, als ins holländische Exil zu gehen. Ein Millionenheer hat sich innerhalb von Monaten weitgehend aufgelöst.</p> <h3>4.      Am kriegsgesellschaftlichen Dilemma zerbricht auch das multiethnische Habsburgerreich</h3> <p>In Österreich-Ungarn, dessen Führung unter Kaiser Franz-Joseph nach dem Attentat auf das Thronfolger-Paar in Sarajewo mit seinem Angriff auf Serbien den Weltkrieg auslöste, war die Industrialisierung nicht so weit verbreitet wie im Deutschen Reich, aber weiter als in Russland.</p> <p>Auch der Doppelmonarchie gelingt es, in den ersten Jahren des Krieges ihre Rüstungsproduktion enorm zu steigern (vgl. Daten in Beitrag 7).  Doch die Arbeitsleistung in der Schwerindustrie geht 1917 und 1918 durch die Abnahme von Facharbeitern und durch Unterernährung deutlich zurück. Die Durchschnittsleistung eines Arbeiters in den Hochofenwerken fällt von 365 t 1916 auf 225 t 1917. Im letzten Kriegsjahr bringen Rohstoffknappheit und Transportprobleme viele Fabriken zum Stillstand.</p> <p>Ab 1916 verschlechtert sich die Ernährungslage dramatisch. Die Vorräte sind aufgebraucht. Das zur Kampfzone geratene, zeitweise russisch besetzte Galizien, das in den Friedensjahren ein Viertel der Getreideernte des österreichischen Reichsteils beigesteuert hatte, fällt als Getreidelieferant 1915 und 1916 so gut wie aus. Die Ernte im österreichischen Reichsteil beträgt 1916 gegenüber dem letzten Friedensjahr 1913 weniger als die Hälfte. Ein Großteil der noch verfügbaren Pferde wird geschlachtet, Saatgutvorräte werden angegriffen. Die Vorräte in Armeemagazinen sinken von 14 auf zwei Tagessätze.</p> <p>Bis 1916 hat es aufgrund der noch nicht katastrophalen Versorgungslage, der autoritären Kontrolle der Arbeit und einer noch verbreiteten Loyalität nur wenige Streiks gegeben. In den letzten beiden Kriegsjahren durchziehen hingegen Streikwellen das Land, vor allem im Mai 1917, im Januar 1918 und im Juni 1918. Selbst den Soldaten geht es nicht viel besser; sie erhalten durchschnittlich nur ein bis zwei normale Essenportionen am Tag. An der italienischen Front bitten Soldaten ihre Kommandanten, Stoßtruppunternehmen führen zu dürfen, um sich bei den Italienern etwas Nahrung zu beschaffen. Bezeichnenderweise versprechen die Alliierten österreich-ungarischen Fahnenflüchtigen, erst einmal ausgiebig essen zu dürfen.</p> <p>Am 15. Juni 1918 tritt die kaiserlich-königliche Armee zu ihrer letzten Offensive gegen Italien an. Nie hat die Militärführung des Habsburgerreichs ein größeres Truppenaufgebot für eine Angriffsoperation mobilisiert, aber die Soldaten sind unterernährt und entkräftet. Um sie zu motivieren, wird es zur Pflicht erklärt, im Falle des Gelingens der Offensive möglichst große Kriegsbeute zu machen und nach Hause zu schicken. Doch die Offensive scheitert und führt zur restlosen Demoralisierung der Soldaten und zur Selbstauflösung des Heeres. Damit ist das Ende der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie besiegelt, die in eine Vielzahl kleiner Nationalstaaten zerfällt. In Deutschland zerbrechen unter dem Druck des kriegsgesellschaftlichen Dilemmas das Heer und die politische Ordnung, in Österreich-Ungarn das komplette Staatswesen.</p> <p>Besonders deutlich wird das kriegsgesellschaftliche Dilemma im Spätherbst 1917. In der Schlacht bei Caporetto erringen österreichisch-ungarische und deutsche Einheiten einen großen Sieg über die italienische Armee und bringen etwa 250.000 Gefangene ein (entspricht etwa den deutschen Verlusten im Kessel von Stalingrad 1942/43). Doch diese militärische Kraftanstrengung hat ihre Kehrseite:</p> <p>„Da die Eisenbahnen der Monarchie wochen- und schließlich monatelang fast nur Truppen und Kriegsmaterial transportiert hatten, was es nicht möglich gewesen, das für den Winter wichtige Brennmaterial und kälteempfindliche Lebensmittel zu transportieren. Von daher war der Sieg über die Italiener gleichzeitig der Grund für eine Hungerkatastrophe in Österreich und den Ausbruch von Revolutionen. Die Doppelmonarchie hatte einen klassischen Pyrrhussieg errungen“.<a href="https://blog.soziologie.de/2024/12/kriege-kriegsgesellschaft-zeitenwende-4/#_ftn3" name="_ftnref3">[3]</a> Auch hier also wieder das kriegsgesellschaftliche Dilemma.</p> <h3>5.      Das kriegsgesellschaftliche Dilemma – Fazit</h3> <ul> <li>Das kriegsgesellschaftliche Dilemma besteht darin, dass in einem großen, langdauernden, tendenziell totalen Krieg die Regierungen in einem Mobilisierungswettlauf stehen, dabei aber Gefahr laufen, die Versorgung der „Heimatfront“ zu vernachlässigen, was früher oder später in soziale Proteste und Revolutionen mündet. Im umgekehrten Fall riskiert die Führung den Zusammenbruch der Front.</li> <li>Im Ersten Weltkrieg sinkt als Kehrseite der exorbitanten Mobilisierungsanstrengungen die Produktion gewerblich-industrieller Konsumgüter, vor allem aber die landwirtschaftliche Produktion. Folglich breiten sich Mangelerscheinungen und Hunger aus.</li> <li>Der Krieg beeinträchtigt die Landwirtschaft auf unterschiedliche Weise. Die Bauern im körperlich leistungsfähigsten Alter müssen in den Krieg ziehen. Pferde werden für militärische Zwecke requiriert. Dünger steht nur in bescheidenem Maß zur Verfügung, weil Stickstoff vor allem zum Zweck der Sprengstoffherstellung genutzt wird. So sinkt in Deutschland die Getreideproduktion zwischen 1913 und 1918 um etwa 30%. Dazu kommen Transportprobleme aufgrund von Überlastung der Verkehrsmittel, insbesondere der Eisenbahn. Darunter leidet vor allem die Versorgung der Großstädte mit Lebensmitteln.</li> <li>An der „Heimatfront“ der Kriegsgesellschaften mehren sich seit 1915, vor allem seit 1917 Streiks und soziale Proteste in der hungernden Bevölkerung. Es sind vor allem Frauen, welche die Protestaktionen auf die Straße tragen. Die Mobilisierungsanstrengungen für die Front gehen zu Lasten des Konsums in der Heimat. Für Frauen der Großstädte bedeutet dies Unterernährung und stundenlanges Anstehen in Warteschlangen um Brot. Sie unterliegen nicht wie Männer dem militärischen Disziplinarrecht, und die Hemmschwelle der Sicherheitskräfte, auf protestierende Frauen zu schließen, liegt höher als bei Männern. Die Proteste münden in Revolutionen, die dann verstärkt auch von Arbeitern und Soldaten getragen werden (vgl. Februarrevolution 1917 in Russland, Novemberrevolution 1918 in Deutschland).</li> <li>An der Front manifestiert sich das kriegsgesellschaftliche Dilemma in „Drückebergerei“ (so der Militärjargon) und Desertationen. „Drückebergerei“ bedeutet, dass Soldaten versuchen, sich der Gefahr an vorderster Front zu entziehen und in rückwärtige Zonen auszuweichen. Bei Desertationen entziehen sich Soldaten komplett dem Militärdienst. 1917 in Russland, in den letzten Kriegsmonaten 1918 in Deutschland, Österreich-Ungarn nehmen Desertationen rapide zu. In Italien desertieren Hunderttausende Soldaten nach der Niederlage bei Carporetto im November 1917. Man kann zuspitzend sagen, dass der Erste Krieg durch Selbstauflösung der Armeen Russlands, Deutschlands und Österreich-Ungarns endet.</li> <li>Den militärischen Zusammenbruch beschleunigen großangelegte Offensiven, die mit sehnsüchtigen Hoffnungen auf den endgültigen Sieg oder wenigstens ein Ende des Krieges begleitet werden. Die Kerenski-Offensive der russischen Provisorischen Regierung im Juli 1917, die Revolution und Nation nach dem großen französischen Vorbild von 1792 verschmelzen soll, läuft sich nach Anfangserfolgen fest, und nun beginnt sich die Armee aufzulösen. Als die deutsche Michael-Offensive im März 1918 trotz bedeutender Geländegewinne nicht zum Erfolg führt, nehmen „Drückebergerei“ und Desertationen mehr und mehr zu. Nach der erfolglosen Offensive am Piave im Juli 1918 setzt der Zerfall des österreichisch-ungarischen Heeres ein.</li> <li>Auch in den kriegführenden Staaten der Entente macht sich das kriegsgesellschaftliche Dilemma bemerkbar. In Frankreich führte eine mit großen Hoffnungen begonnene Offensive im Frühjahr 1917 zu ausgedehnten Meutereien von Soldaten. In Turin, dem Zentrum der italienischen Rüstungsindustrie, bricht im August 1917 ein Aufstand aus, der unter Einsatz von Maschinengewehren und gepanzerten Fahrzeugen niedergeschlagen wird. Die gesunkene Moral macht sich auch bei der erwähnten Schlacht bei Carporetto im November 1917 bemerkbar, bei der das italienische Heer ein Drittel seiner Mannschaften verliert. Mit Unterstützung der Verbündeten, durch drakonische disziplinarische Maßnahmen und durch Verzicht auf weitere Offensiven kann die Lage stabilisiert werden.</li> </ul> <p>Am Ende des Ersten Weltkriegs sind Besiegte wie Sieger physisch und psychisch total erschöpft – eine Folge des kriegsgesellschaftlichen Dilemmas. Nach dem Ersten Weltkrieg kommt es zu einer <em>zivilgesellschaftlichen Re-Transformation</em>. Demokratisch-rechtsstaatliche und marktwirtschaftliche Strukturen bilden sich in Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Österreich wieder heraus. Allerdings oft mit im Vergleich zur Vorkriegszeit veränderten institutionellen Arrangements. So wird z. B. das Wahlrecht verändert bzw. erweitert (Frauenwahlrecht). Aber es überdauern in der zivilgesellschaftlichen Re-Transformation auch Institutionen, die eigentlich nur provisorisch für die Zeit des Krieges gedacht waren. So wurden in Deutschland im Ersten Weltkrieg auf Initiative der Militärführung auf lokaler und regionaler Ebene Kriegsausschüsse gebildet, die paritätisch von Unternehmervertretern und Gewerkschaftern besetzt waren. Ihre Aufgabe war, Streitfragen zwischen Kapital und Arbeit einvernehmlich durch Kompromisse zu lösen, um den „Burgfrieden“ nicht zu gefährden (vgl. Beitrag 9). Daraus entsteht unter dem Eindruck der Novemberrevolution 1918 das Tarifvertragssystem der Weimarer Republik, welches nach einer Unterbrechung 1933-1945 in der Bundesrepublik erneuert wird.</p> <p><em>In den folgenden Beiträgen geht es um die eigentliche Thematik dieses Blogs, die „Zivilgesellschaft im Krieg“. Eine solche nimmt nicht mit eigenen Streitkräften an Kriegshandlungen teil, aber unterstützt eine Kriegspartei mit Waffen, Munition und anderen kriegswichtigen Gütern. In diesem Sinne ist die Bundesrepublik Deutschland seit Februar 2022 eine „Zivilgesellschaft im Krieg“ und nicht mehr, wie zuvor, eine „reine Zivilgesellschaft“ ohne Kriegsbeteiligung und ohne äußere Bedrohung. Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die politische Praxis? – Ein interessantes Vergleichsobjekt sind die USA, die 1940/41 vom Status einer „reinen Zivilgesellschaft“ zu einer „Zivilgesellschaft im Krieg“ wechselten.</em></p> <h3>Literatur</h3> <p>Gerhard Hirschfeld/ Gerd Krumeich/ Irina Renz (Hg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg, 3. Auflage, Schöningh: Paderborn 2014.</p> <p>Volker Kruse: Mobilisierung und kriegsgesellschaftliches Dilemma. Beobachtungen zur kriegsgesellschaftlichen Moderne, in: Zeitschrift für Soziologie 38 (2009), S. 198-2014.</p> <p>Volker Kruse: Kriegsgesellschaftliche Moderne. Zur strukturbildenden Dynamik großer Kriege. UVK: Konstanz 2015.</p> <p>Manfred Rauchensteiner: Der Erste Weltkrieg und das Ende der Habsburgermonarchie 1914-1918. Böhlau: Wien 2013.</p> <p>Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1914-1949. Beck: München 2003.</p> <p><a href="https://blog.soziologie.de/2024/12/kriege-kriegsgesellschaft-zeitenwende-4/#_ftnref1" name="_ftn1">[1]</a> Oliver Janz, Der Große Krieg, Campus: Ffm 2013, S. 261.</p> <p><a href="https://blog.soziologie.de/2024/12/kriege-kriegsgesellschaft-zeitenwende-4/#_ftnref2" name="_ftn2">[2]</a> Alec Nove, An Economic History of the USSR 1917-1991, New and Final Edition, Penguin, London 1992, S. 22.</p> <p><a href="https://blog.soziologie.de/2024/12/kriege-kriegsgesellschaft-zeitenwende-4/#_ftnref3" name="_ftn3">[3]</a> Manfred Rauchensteiner: Österreich-Ungarn, in: Enzyklopädie Erster Weltkrieg, hg. von G. Hirschfeld, G. Krumeich, I. Renz, S. 79.</p> <div class="shariff shariff-align-flex-start shariff-widget-align-flex-start"><ul class="shariff-buttons theme-white orientation-horizontal buttonsize-medium"><li class="shariff-button mastodon shariff-nocustomcolor" style="background-color:#563ACC"><a aria-label="Bei Mastodon teilen" class="shariff-link" href="https://s2f.kytta.dev/?text=Kriege%2C%20Kriegsgesellschaft%2C%20Zeitenwende https%3A%2F%2Fblog.soziologie.de%2F2024%2F12%2Fkriege-kriegsgesellschaft-zeitenwende-4%2F" rel="noopener nofollow" role="button" style="; background-color:#6364FF; color:#6364FF" target="_blank" title="Bei Mastodon teilen"><span class="shariff-icon" style="fill:#6364FF"><svg fill="none" height="79" viewbox="0 0 75 79" width="75" xmlns="http://www.w3.org/2000/svg"><path d="M37.813-.025C32.462-.058 27.114.13 21.79.598c-8.544.621-17.214 5.58-20.203 13.931C-1.12 23.318.408 32.622.465 41.65c.375 7.316.943 14.78 3.392 21.73 4.365 9.465 14.781 14.537 24.782 15.385 7.64.698 15.761-.213 22.517-4.026a54.1 54.1 0 0 0 .01-6.232c-6.855 1.316-14.101 2.609-21.049 1.074-3.883-.88-6.876-4.237-7.25-8.215-1.53-3.988 3.78-.43 5.584-.883 9.048 1.224 18.282.776 27.303-.462 7.044-.837 14.26-4.788 16.65-11.833 2.263-6.135 1.215-12.79 1.698-19.177.06-3.84.09-7.692-.262-11.52C72.596 7.844 63.223.981 53.834.684a219.453 219.453 0 0 0-16.022-.71zm11.294 12.882c5.5-.067 10.801 4.143 11.67 9.653.338 1.48.471 3 .471 4.515v21.088h-8.357c-.07-7.588.153-15.182-.131-22.765-.587-4.368-7.04-5.747-9.672-2.397-2.422 3.04-1.47 7.155-1.67 10.735v6.392h-8.307c-.146-4.996.359-10.045-.404-15.002-1.108-4.218-7.809-5.565-10.094-1.666-1.685 3.046-.712 6.634-.976 9.936v14.767h-8.354c.109-8.165-.238-16.344.215-24.5.674-5.346 5.095-10.389 10.676-10.627 4.902-.739 10.103 2.038 12.053 6.631.375 1.435 1.76 1.932 1.994.084 1.844-3.704 5.501-6.739 9.785-6.771.367-.044.735-.068 1.101-.073z"></path><defs><lineargradient gradientunits="userSpaceOnUse" id="paint0_linear_549_34" x1="37.0692" x2="37.0692" y1="0" y2="79"><stop stop-color="#6364FF"></stop><stop offset="1" stop-color="#563ACC"></stop></lineargradient></defs></svg></span><span class="shariff-text" style="color:#6364FF">teilen</span> </a></li><li class="shariff-button facebook shariff-nocustomcolor" style="background-color:#4273c8"><a aria-label="Bei Facebook teilen" class="shariff-link" href="https://www.facebook.com/sharer/sharer.php?u=https%3A%2F%2Fblog.soziologie.de%2F2024%2F12%2Fkriege-kriegsgesellschaft-zeitenwende-4%2F" rel="nofollow" role="button" style="; 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@r33ntry @der_kron gute guete, was ist denn auf dem #sozblog los! und @r33ntry heizt die stimmung auch noch an! ich behalte das im auge.

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