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LEITARTIKEL „Gefährlicher Mythos“ VON RUDOLF GRUBER, WIEN
Mittwoch, 6. März 2024
Als „erstes Opfer des Nationalsozialismus" entzog sich Öster-
reich einer Aufarbeitung seiner NS-Vergangenheit. Das hat
Folgen bis heute. Bei den Nationalratswahlen könnte die FPÖ
stärkste Partei werden.
In Österreich ist der Rechtsextremismus erstarkt. Derzeit ist
die FPÖ stärkste politische Kraft - auf Kosten der demokrati-
schen Parteien, die ratlos nach Rezepten dagegen suchen.
Denn im Herbst stehen Nationalratswahlen an. Wieso war
und ist in Österreich rechtsextremes Gedankengut weitaus
hoffähiger als in Deutschland?
Eine umfassende Aufarbeitung der nationalsozialistischen
Vergangenheit mit nahezu allgemein akzeptiertem
Schuldbekenntnis, wie es Deutschland vorgemacht hat, kam
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in Österreich nie zustande. Die öffentlichen Debatten verlau-
fen hier zyklisch und anlassbedingt, meist hitzig, wirr bis
bizarr, um dann immer wieder einzuschlafen.
Grund hierfür, da sind sich Zeitgeschichtler ziemlich einig, ist
der Opfermythos, dessen Ursprung im Jahr 1943 liegt. In der
„Moskauer Deklaration" (V)erklärte die Sowjetunion Öster-
reich zum „ersten Opfer des Nationalsozialismus", um es auf
Dauer von Deutschland zu entfernen. Nach 1945 erhob die
erste Nachkriegsregierung dankbar die Opferthese zur
Staatsräson: Es war bequem, sich als der kleine Mittäter hin-
ter dem deutschen Haupttäter zu verstecken. Damit wurde
Aufklärungsarbeit blockiert.
Dass Millionen von Österreichern Adolf Hitler und den
„Anschluss" an das Deutsche Reich bejubelten, dass 1,5 Mil-
lionen ihrer Landsleute in der deutschen Wehrmacht dienten
und eine überproportionale Anzahl an NS-Verbrechern
stellten, dass rund 65.000 österreichische Juden ermordet
wurden und über 30.000 Widerständler dem NS-Justizterror
zum Opfer fielen - an all diese Abscheulichkeiten wollte man
nicht länger erinnert werden. Im Vordergrund standen nach
1945 der Wiederaufbau und die Überlebensfähigkeit des
Kleinstaates. ÖVP und SPÖ buhlten um das Stimmenpotenzi-
al einer halben Million ehemaliger NSDAP-Mitglieder, wes-
halb Kriegsverbrecherprozesse selten waren. Sogar eine eige-
ne Partei wurde den Altnazis gestattet - der Verband der Un-
abhängigen (VdU), aus dem die rechte FPÖ hervorging, die
bis heute mit üblen Nazi-Sprüchen auffallt.
Wichtiger als die Aufarbeitung der unrühmlichen Vergangen-
heit war damals die Frage, wann die Truppen der vier Sieger-
mächte wieder abziehen würden. Die Österreicher sahen in
Amerikanern, Briten, Franzosen und Sowjets weniger die Be-
Fortsetzung in Bild 3
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freier als vielmehr Besatzer, die ihnen die Unabhängigkeit
vorenthielten. 1955 wurde Österreich wieder ein souveränes
Land.
Etliche Affären rüttelten immer wieder am Opfermythos.
Dessen Zertrümmerung gelang aber erst Mitte der 1980er
Jahre, als US-Medien die Waldheim-Affäre aufdeckten. Kurt
Waldheim, einst UN-Generalsekretär und dann Österreichs
Bundespräsident, hatte in seiner Biografie seine NS-
Vergangenheit in Jugoslawien verschwiegen. Aktive Beteili-
gung an Kriegsverbrechen konnte man ihm nicht nachweisen,
jedoch hatte er als Stabsoffizier Kenntnis von Exekutionen.
Bis zuletzt zeigte Waldheim nicht die geringste Spur von
Schuldbewusstsein, stattdessen rechtfertigte er sich mit: „Ich
habe nur meine Pflicht erfüllt. " Es blieb dem sozialdemokra-
tischen Kanzler Franz Vranitzky vorbehalten, 1991 im Wiener
Parlament und danach in der israelischen Knesset erstmals
einzugestehen, dass Österreicher nicht nur Opfer, sondern
auch NS-Verbrecher waren.
Heute glauben einer Umfrage zufolge noch ein Viertel der
stimmberechtigten Österreicher an den Opfermythos. Im Ge-
gensatz zu den Deutschen, die größtenteils die kollektive
Verantwortung akzeptiert haben, wurde sie von den Österrei-
chern an offizielle Stellen delegiert - frei nach dem Motto:
Dafür ist die Regierung zuständig.
So habe ich den Geschichtsunterricht in #Österreich 🇦🇹 auch in Erinnerung. Das werden ca. 30% m. Landsleute nicht gerne lesen.
🇩🇪 besseres Schuldbewusstsein, trotzdem #AfD 🤷🏽
Lesenswerter Artikel von Rudolf Gruber
#Geschichtsbewusstsein
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#FPÖ