Als antisemitismuskritische Gruppe sehen wir uns – wie viele andere, die Antisemitismus benennen und kritisieren, unabhängig von seiner Erscheinungsform – immer wieder mit der gleichen Frage konfrontiert:
„Nach welcher Antisemitismus-Definition arbeitet ihr?“
Diese Frage wirkt auf den ersten Blick legitim. Doch in der überwältigenden Mehrheit der Fälle geht es dabei nicht um echtes Interesse an einer inhaltlichen Auseinandersetzung, sondern um Abgrenzung, Schuldabwehr oder Diskreditierung.
Kaum ist die Frage gestellt, folgt prompt der zweite Satz:
„Aber Israel...“ oder „Dann seid ihr also pro-Genozid.“
Was hier betrieben wird, ist selten Diskurs – sondern zumeist der Versuch, politische Frontlinien zu ziehen. Entweder, um sich selbst vom Vorwurf des Antisemitismus reinzuwaschen oder um uns in eine bestimmte Ecke zu stellen.
In diesen Dynamiken wird auch gern auf einzelne jüdische Stimmen verwiesen, die als vermeintliche „Beweise“ dienen sollen – als Schutzschilde gegen jede Kritik.
Wir kennen diese Muster aus anderen Kontexten: Wer Rassismus kritisiert, wird misstrauisch, wenn als Rechtfertigung plötzlich „schwarze Freund*innen“ bemüht werden. Doch wenn es um Antisemitismus geht, scheint diese Sensibilität plötzlich zu verschwinden.
Es fällt auf, dass über Antisemitismus fast ausschließlich dann diskutiert wird, wenn Israel im Fokus steht – meist im Zuge der nächsten Eskalation im Nahen Osten. Dann wird wieder gestritten: Gibt es israelbezogenen Antisemitismus überhaupt? Oder ist jede Kritik an Israel automatisch antisemitisch?
Was dabei verloren geht: ein sachlicher, historisch informierter und politisch reflektierter Umgang mit einer komplexen Form der Diskriminierung.
„Ich bin doch links – ich kann gar antisemitisch sein.“
Dieser Satz wirkt mittlerweile fast wie ein Reflex. Doch genau darin liegt das Problem: Wer sich über „die richtige Definition“ streiten will, geht meist nicht der Frage nach, was Antisemitismus ist – sondern wem man den Vorwurf machen darf.
Diese Form der Auseinandersetzung infantilisiert den Diskurs. Es geht nicht um Analyse, sondern um eindeutige Lager – Unterdrückte hier, Unterdrücker dort. Alles soll wieder einfach werden.
Doch emanzipatorische Bewegungen leben von ihrer Fähigkeit zur Selbstreflexion und zur kritischen Weiterentwicklung. Wer diese Fähigkeit aufgibt, verspielt eine ihrer größten Stärken.
Bezeichnend ist auch: Als es um die Querdenken-Proteste ging, stellte kaum jemand die Frage nach einer „Definition von Antisemitismus“. Schnell war man sich einig: Diese Bewegung ist antisemitisch – wegen ihrer Verschwörungserzählungen, ihres Feindbildes „Eliten“, ihrer Symbolik.
Dabei hätten viele kaum erklären können, warum genau das antisemitisch ist. Auch hier hätte eine vertiefte Debatte gutgetan.
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