12. April 1933
Nachmittags - schöner Spaziergang, aber mit Herzbeschwerden - allein auf dem Gemeindeamt Dölzschen. Daß man mir die Schleusenkosten (340 M) in Raten zerlegt. Sechs Raten bewilligt. Dort oben hat man den sozialdemokratischen Bürgermeister beurlaubt. Mich empfingen der Kommissar (Hüne, Germane mit Spitzbart) und der kugelrunde Bauinspektor in SA-Uniformen. Das erste Mal, daß ich mit solchen Leuten verhandelte. Beide sehr höflich, der Kommissar ein bißchen zurückhaltend, sichtlich auf Würde ängstlich bedacht, der Dicke ein gemütlichster Sachse, gleich über Hochschule und
Pädagogisches Institut mit mir plaudernd - ich muß noch einmal betonen: beide ungemein höflich. Aber hier wurde mir zum erstenmal ad oculos demonstriert, daß wir nun wirklich ganz der Parteidiktatur, dem »Dritten Reich« ausgeliefert sind, daß die Partei aus ihrer absoluten Herrschaft gar kein Hehl mehr macht.
Und jeden Tag neue Gräßlichkeiten. Ein jüdischer Anwalt in Chemnitz entführt und erschossen. »Provokateure in SA-Uniformen, gemeine Verbrecher.« Ausführungsbestimmungen zum Beamtengesetz. Jude,
wo ein Teil der Großeltern jüdisch. »Im Zweifelsfall entscheidet der Sachverständige für Rassenforschung im Reichsinnenministerium.« Jeder nicht national gesinnte Arbeiter und Angestellte darf in allen Betrieben entlassen, muß durch einen national gesinnten ersetzt werden. Die NS-Betriebszellen sind zu hören. Usw.
Im Augenblick bin ich noch in Sicherheit. Aber wie einer am Galgen in Sicherheit ist, der den Strick um den Hals hat. In jedem Augenblick kann ein neues »Gesetz« den Tritt, auf dem ich stehe, fortstoßen, und dann hänge ich.
12. April 1933
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