Die Werte, die sie meinen, sind nicht die ganze Wahrheit
Aufrufe der Bewunderung und zur Nachahmung des ermordeten radikal rechten Trumpisten lassen Zweifel an der Redlichkeit mancher
Intellektueller aufkommen.
Von Anneliese Rohrer
Es ist jetzt wieder ausnehmend viel von Werten die Rede. Es wird beim Parteitag der FPÖ heute, Samstag, nicht anders sein. Während und nachher. Die Frage ist nur, von welchen Werten geredet wird. Denn gerade in den vergangenen Tagen hat sich nach der Ermordung von Charlie Kirk, jenem Trumpisten mit großer Gefolgschaft bei Studenten und Jugendlichen, eine gewisse Verwirrung breit gemacht.
In dem bisher bekannten Leitantrag an den Parteitag der FPÖ ist noch von jenen Werten die Rede, die der ultrarechte Vizepräsident der USA, J.D.
Vance, beieiner Rede in München beschworen hat. Sollte sich Europa davon zurückziehen, werde es von inneren Feinden besiegt werden.Diese „inneren Feinde" sieht auch die FPÖ - und, wie sich jetzt zeigt, auch so mancher Konservativer in diesem Land.
Von der FPÖ ist es nicht anders zu erwarten. Aber was von anderer Seite
- auch von jener, der man bisher intellektuelle Redlichkeit zugestanden hat
- als Reaktion auf die Ermordung Kirks in den sozialen Medien auftaucht, ist nur mehr mit Fassungslosigkeit zu quittieren. Vor allem auch deshalb, weil selbst in den USA liberale Kommentatoren genau zwischen dem formalen Talent Kirks, in ungewöhnliche Dialoge mit Jungen einzutreten, und den zutiefst menschenverachtenden Botschaften, die er auch verbreitete, zu unterscheiden wussten. Sein Diskussionsfuror wird als Verteidigung der Meinungsfreiheit begrüßt und bewundert, nicht aber manche seiner Werte.
Wenn nun in Österreich offenbar in totaler Verblendung die konservativen Kräfte in den sozialen Medien aufgefordert werden, sich an Kirk ein Beispiel zu nehmen, ist es bis zur Verzweiflung nicht mehr weit. Es wird sein Eintreten für das Christentum gelobt und die Forderung nach der Todesstrafe für Homosexuelle verschwiegen; es wird Abtreibung mit der Vernichtung der Juden im Dritten Reich verglichen und gleichzeitig bei der Frage nach einer Schwangerschaft seiner zehnjährigen Tochter nach einer Vergewaltigung festgestellt: Sie würde das Kind bekommen. Wie christlich ist es, Schwangere eher sterben zu lassen, als durch einen Abbruch ihr Leben zu retten?Wie ist es mit dem christlichen Gebot „Du sollst nicht töten" für jemanden wie Kirk, der meint, es sei wert, „jedes Jahr einige Tote in Kauf zu nehmen", um das Recht auf Waffen zu verteidigen? Wie stark ist die Verteidigung der Familie, wenn Kinder dazu angehalten werden sollen,öffentliche Hinrichtungen im Fernsehen zu verfolgen? Wie christlich ist es, die Bürgerrechtsbewegung in den USA der 1960er-Jahre, die das Leben von Minderheiten drastisch verbessert hat, als „ganz großen Fehler" zu bezeichnen? All das sollte auch in Österreich als unterstützungswert gelten?
Man kann im Sinn der Meinungsfreiheit all die rassistischen, frauenfeindlichen, migrantenfeindlichen Äußerungen Kirks als das hinnehmen, was sie sind: Hetzreden. Man darf aber nicht in einem angeblich aufgeklärten Land wie Österreich der Heuchelei so eindeutig Vorschub leisten, indem man die anderen „Werte" eines Charlie Kirk einfach verschweigt.
Soweit bekannt, hat sich in Österreich kein Vertreter der Kirchen zu Wort gemeldet, um die Vereinnahmung des Christlichen durch Figuren wie Kirk und Donald Trump abzuwehren.Der Bischof von Passau, Stefan Oster, hingegen fand klare Worte und die Warnung: „Es gibt auch politische Kräfte bei uns, die - bisweilen auch im Namen des Glaubens - die Nähe zu Trump suchen oder seinen Politikstil imitieren wollen."
Was sagt es über Kirk, nein, was sagt es über österreichische Intellektuelle aus, wenn sie Trumps Politikstil bewundern? Dessen Umgang mit der Wahrheit, mit benachteiligten Menschen, mit Frauen und mit politischen Gegnern sei hinreichend bekannt, meint der Passauer Bischof.
Kirks Ermordung kann tatsächlich als Weckruf gesehen werden, aber anders, als die radikale Rechte ihn sieht. Als Weckruf, verstörende Werte nicht länger zu verschweigen.
#ARohrer #CKirk #(Christliche)Werte
Weil bei der Trauer-Show so viel von christlichen Werten die Rede war, vergisst man offenbar nur allzu gern, dass nicht überall Christentum drin ist, wo Christentum draufsteht, -im Gegenteil.