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Zur Flucht gezwungen Ewa Michalska und Adrian Sekura arbeiten gerade an dem Buch „Die Grenze des Leidens. Zeugnisse aus dem weißrussisch-polnischen Grenzgebiet”, einer Sammlung von Interviews mit Geflüchteten, die die grüne polnisch-belarussische Grenze überquert haben. Die Protagonist*innen sprechen über die traumatischen Erfahrungen, die sie auf ihrem Weg nach Europa gemacht haben, über Angst, Leid und Verlust, aber auch über ihre Hoffnung auf ein besseres Leben. Die Geschichten stammen von Menschen aus allen Teilen der Welt, die gezwungen waren, ihre Heimat zu verlassen und sich dem Unbekannten zu stellen. Das Buch offenbart die Komplexität der gegenwärtigen Migrationskrise und lädt uns ein, über das Schicksal derer nachzudenken, die zur Flucht gezwungen wurden. In dieser GWR veröffentlichen wir Auszüge aus einem Interview mit Anna, einer Geflüchteten aus Äthiopien. (GWR-Red.) **Ewa und Adrian: Kannst du uns bitte ein wenig über dein Leben erzählen bevor du nach Polen kamst? Was hat dich dazu gebracht, diesen Weg einzuschlagen?** **Anna:** Nach meinem Bachelor-Abschluss ging ich nach Russland, um meinen Master-Abschluss zu machen. Davor lebte ich in Äthiopien. Dort begann die Situation kompliziert zu werden. Die Regierung übte immer mehr Druck auf die Menschen aus, die mit Personen in Verbindung standen oder die verdächtigt wurden, mit der Opposition zusammenzuarbeiten. Mein Vater war Pilot bei der Luftwaffe. Irgendwann geriet er in Verdacht, Verrat begangen zu haben und Verbindungen zu Regierungsgegnern zu unterhalten. Er wurde verhaftet. Später, nachdem er aus dem Gefängnis entlassen worden war, konnte er kein normales Leben mehr führen, denn die Regierung verlangte ständig etwas von ihm: Dokumente, Informationen, Gehorsam. Am Ende musste er untertauchen. Ich war zu dieser Zeit bereits mit einem Stipendium in Russland. Mein Vater ist untergetaucht, meine Mutter, meine Schwester und mein Bruder sind in Äthiopien geblieben. Sie konnten nicht umziehen, denn wenn die Regierung herausgefunden hätte, wo sich mein Vater aufhielt, wären wir alle in Gefahr gewesen. Erschwerend kam hinzu, dass mein Vater eritreischer Herkunft war. Dadurch wurde das Misstrauen gegen ihn und uns alle nur noch größer. **Musste dein Vater fliehen?** Ja. Nach dem, was er im Gefängnis durchgemacht hat, hatte er keine andere Wahl. Wenn er wieder erwischt worden wäre, hätte die Situation noch schlimmer werden können. Nicht nur für ihn, sondern für unsere ganze Familie. Wir wussten alle, dass sie, wenn sie ihn nicht finden, Druck auf uns ausüben würden, auf meine Mutter, auf mich, auf meine Geschwister. Meine Mutter wusste nicht, wo sich mein Vater aufhielt. Er konnte es ihr nicht sagen. Es war zu riskant. Eines Tages kamen Polizeibeamte zu uns nach Hause. Sie fragten sie, wo er sich aufhält. Sie sagte, sie wisse es nicht. Ich glaube, sie glaubten ihr nicht, denn sie drohten ihr, in einer Woche wiederzukommen. Sie sagten ihr, sie solle sich auf die Konsequenzen gefasst machen, wenn sie keine Antwort für sie hätte. Diese Worte … klangen wie ein Urteil. Sie musste fliehen. Es gab keinen anderen Ausweg. Sie packte ein paar Sachen und nahm meine Schwester und meinen Bruder mit. Sie hatten nur wenig Zeit, das Haus zu verlassen. **Es muss furchtbar gewesen sein.** Ja, und es war noch nicht das Ende. In der Zwischenzeit nahmen sie uns alles, was wir hatten. Mein Geschäft, mein Bankkonto, mein Haus. Alles, was unserer Familie gehörte, wurde beschlagnahmt. Die Behörden nahmen uns alles weg, was wir je besessen hatten. **All das geschah in Äthiopien?** Ja. Alles begann damit, dass mein Vater zum Feind der Regierung erklärt wurde. Das war die Rache dafür, dass er es gewagt hatte, seinen Werten und nicht dem System gegenüber loyal zu sein. Es war wie die Hölle. Ich sah schwangere Frauen, die vergewaltigt wurden, weil sie mit „Verrätern“ verheiratet waren. In den Krankenhäusern, in denen ich gearbeitet habe, habe ich ihre Schreie gehört und ihre Tränen gesehen. Familien verloren ihre Angehörigen, einige verschwanden spurlos, andere kehrten als Schatten ihrer selbst zurück, geistig und körperlich völlig zerstört. Ich selbst habe viele Familienmitglieder verloren. Es ist furchtbar. Es tut uns sehr leid, dass du das erleben musstest. Es war unvorstellbar. Die Frauen, die Kinder… niemand war sicher. Die Behörden hatten einen Plan, sie wollten Menschen wie meinen Vater systematisch vernichten. Es war wie ein Todesurteil für ganze Familien. **Warst du zu dieser Zeit in Russland?** Ja, ich war an der Uni. Aber ich hatte lange Zeit keine Nachricht von meiner Familie. Die Ungewissheit war das Schlimmste. Schließlich habe ich meinen Bruder gefunden. Er hat mir gesagt: „Geh nicht zurück. Es ist zu gefährlich.“ **Das muss sehr schwierig gewesen sein.** Ja. Ich habe versucht, mich auf mein Studium zu konzentrieren, aber die Dinge wurden kompliziert. Unsere Bankkonten waren gesperrt, also hatte ich kein Geld, um meine Ausbildung fortzusetzen. Jeden Tag fragte ich mich, was ich tun sollte. Ich musste einen Weg zur Flucht finden. **Zu dieser Zeit begann der Krieg zwischen Russland und der Ukraine, richtig?** Ja. Ich erinnere mich an einen Tag, als ich in Moskau war. Ich saß in einem Zimmer, als ich plötzlich von dem Krieg hörte. Ich zitterte am ganzen Körper. In diesem Moment wusste ich, dass ich nicht dort bleiben konnte. **Wir verstehen. Du hast dich also entschieden, nach Belarus zu gehen?** Ja. Ich hatte gehört, dass es ein einfacher Weg sein würde. Es hieß, es sei ein schneller Weg nach Europa, aber erst später wurde mir klar, wie falsch ich lag. Ich landete im Dschungel, wo ich zwei Tage verbrachte, bevor die wahre Hölle begann. **Wie hast du es geschafft, dorthin zu gelangen? Kannst du uns erzählen, was du in dem Wald erlebt hast? Wie lange warst du dort? Hat dir jemand geholfen? Habt ihr Essen oder Wasser bekommen?** Wir waren im Wald. Wir schliefen auf dem Boden, im Gras. Es war niemand da, der uns geholfen hat. Keine Organisationen, niemand… **Wir wissen, dass auf der belarussischen Seite niemand geholfen hat.** Ja, es gab überhaupt keine Hilfe. Wir haben 50 Tage dort verbracht. Wir hatten nur sehr wenig Essen und Wasser. Als nichts mehr da war, tranken wir Wasser aus dem Fluss, das schmutzig und stinkend war. Wir hatten keine Wahl, wir mussten irgendwie überleben. Wir wussten, dass die Soldaten uns verhaften oder Schlimmeres tun konnten, wenn sie uns fanden. **Selbst unter diesen Bedingungen hat dir niemand geholfen? Selbst als du gehungert hast?** Ich erinnere mich an das Gesicht eines Soldaten. Er fand mich, als ich versuchte, die Grenze zu überqueren. Er packte mich und stieß mich gewaltsam über die Mauer. Er hat auch mein Telefon zerstört. **Haben sich polnische oder belarussische Soldaten so verhalten?** Beide haben das getan. Die polnischen Soldaten schickten mich zurück auf die belarussische Seite. Als sie mich weggeschoben haben, bin ich im Wasser gelandet. Sie sagten mir, ich solle zurückgehen, und als ich versuchte, den Fluss zu überqueren, fiel ich ins tiefe Wasser. Ich dachte, ich würde ertrinken. **Wie hast du es geschafft zu überleben?** Ich habe versucht, irgendwie herauszukommen, obwohl das Wasser tief war. Schließlich gelang es mir, mich an einigen Ästen festzuhalten. Es war schrecklich. **Und mit wem warst du im Wald? Warst du mit einer größeren Gruppe unterwegs?** Ja, ich war mit anderen zusammen. Ich habe fünfmal versucht, die Grenze zu überqueren. Jedes Mal haben sie mich zurückgeschickt. **Fünfmal? Das muss unvorstellbar schwierig gewesen sein. Waren die Soldaten dir gegenüber aggressiv? Waren sie gewalttätig?** Ja, sie waren aggressiv. Sie haben meine Sachen zerstört, sie haben mir nicht zugehört, wenn ich versucht habe, etwas zu erklären. Alles, was sie wollten, war, uns loszuwerden. **Wie bist du in einer so schwierigen Situation zurechtgekommen? In einem früheren Gespräch hast du uns von einer schwangeren Frau erzählt, die mit dir in der Gruppe war. Kannst du uns mehr über ihre Geschichte erzählen?** Ja, es war eine schwangere Frau bei uns. Stell dir vor, du musst im Wald überleben, und sie ist in einem solchen Zustand. Wir hatten keine Hilfe. Es gab kein Essen, kein Wasser, keine Medizin. Sie war schwach, sie konnte kaum laufen, aber sie hatte keine Wahl. Sie musste weitergehen, denn hierzubleiben bedeutete den Tod. Schwangeren Frauen sollte besondere Aufmerksamkeit zuteil werden, und hier gab es nicht einmal die grundlegenden Dinge. Ich habe Geschichten von anderen Frauen gehört, die aufgrund der Bedingungen und der Erschöpfung im Wald eine Fehlgeburt erlitten haben. Ich glaube, sie hat wie durch ein Wunder überlebt. Schließlich schaffte sie es, aus dem Dschungel herauszukommen, aber ich weiß nicht, was danach mit ihr geschah. Ich habe den Kontakt zu ihr verloren. **Du hast zwei Monate in diesem Wald verbracht. Wie sahen die Bedingungen damals aus?** Das Wetter war schrecklich. Es hat fast jeden Tag geregnet. Die Feuchtigkeit drang in alles ein, in Kleidung, Schuhe, Haut. Wir hatten keinen Platz zum Verstecken. Mücken und andere Insekten haben uns ständig gestochen. Mein Körper ist noch heute mit Narben von ihren Stichen übersät. Nachts konnten wir nicht schlafen – die Insekten, die Kälte, die Feuchtigkeit und die Angst vor den Soldaten ließen uns nicht zur Ruhe kommen. **Haben die Soldaten dir in irgendeiner Weise geholfen? Haben sie auch nur ein Minimum an Unterstützung, Wasser oder Essen angeboten?** Nein, keiner von ihnen hat uns geholfen. Im Gegenteil, sie setzten viele Male Gas gegen uns ein. Ich erinnere mich, dass sie uns mit etwas besprühten, das unsere Haut verbrannte und uns das Atmen unmöglich machte. Es war wie eine zusätzliche Strafe, als ob unser Leiden im Dschungel nicht schon genug wäre. Meine Haut brannte, meine Augen tränten und ich spürte das Feuer in meiner Lunge. Es war unmöglich zu entkommen, weil sie überall waren. **Wie hast du es geschafft, aus dieser Hölle zu entkommen?** Mit Hilfe einiger Leute, die ich im Wald traf, gelang es mir, die Grenze zu überqueren. Ich war erschöpft, hungrig und hatte nicht die Kraft zu laufen, aber ich musste es versuchen. Ich hatte Angst, dass sie mich erwischen und wieder auf die weißrussische Seite zurückschicken würden. Ich hatte schon einmal gesehen, wie sie die Menschen behandeln – wie Tiere. **Ich verstehe, dass es für dich schwierig war, dem Land zu vertrauen, in dem du dich nach all dieser Zeit wiedergefunden hast. Wie könntest du dich in Polen sicher fühlen, das dich von Anfang an eingeschüchtert hat?** Nach dem, was ich gesehen und erlebt habe, konnte ich niemandem mehr trauen. Dieses Gefühl der ständigen Bedrohung bleibt einem lange Zeit erhalten. **Du lebst jetzt im Vereinigten Königreich und arbeitest als Krankenschwester in einem Krankenhaus. Es ist erstaunlich, dass du es geschafft hast, dein Leben trotz allem, was dir passiert ist, wieder aufzubauen.** Ja, ich arbeite in einem Krankenhaus. Aber die Anfänge waren sehr schwierig. Als ich hierher kam, hatte ich große Schwierigkeiten, meine medizinische Ausbildung nachzuweisen. In Polen und Weißrussland wurden alle Dokumente, die ich hatte, entweder zerstört oder beschlagnahmt. Das Haus meiner Familie wurde beschlagnahmt und mit ihm alles, was meine Vergangenheit belegen konnte – Diplome, Zeugnisse, alles war weg. Ich musste bei Null anfangen. Niemand schaute darauf, wer ich war oder was ich tun konnte. Für sie war ich nur eine weitere Person, die sie loswerden wollten. **Hat dich jemand medizinisch versorgt, nachdem du den Wald verlassen hattest? Du musst nach zwei Monaten unter solchen Bedingungen erschöpft gewesen sein.** Als ich im Krankenhaus in Polen ankam, war ich in einem schrecklichen Zustand. Mein Körper war mit Narben übersät. Die Soldaten setzten Gas ein, das meine Haut verbrannte und mir schwere Atemprobleme bereitete. Im Krankenhaus sagte man mir, dass ich die Medikamente für die Narben selbst kaufen müsse. > _**Es ist wichtig, dass die Menschen wissen, was an diesen Grenzen passiert. Vielleicht werden sich die Dinge eines Tages ändern, wenn sie nur unsere Geschichten hören.**_ Sie sagten, sie hätten nicht alles und ich müsse es mir selbst besorgen. Sie machten einige grundlegende Tests und gaben mir einige Medikamente gegen Infektionen, aber für den Rest musste ich das Geld selbst auftreiben. Meine Beine waren in einem so schlechten Zustand, dass ich kaum laufen konnte. **Wie solltest du nach zwei Monaten im Wald Geld für Medikamente auftreiben?** Das haben wir nicht. Niemand hat mich gefragt, ob ich es mir leisten kann oder nicht. Im Krankenhaus sagten sie, sie würden nur in Notfällen helfen und alles andere müsse ich selbst organisieren. In diesem Moment fühlte ich mich nicht wie ein Mensch. Mein Körper war ausgezehrt und meine Seele war gebrochen. Ich wollte einfach nur überleben, aber selbst das schien mir nicht möglich zu sein. **Wie hast du es geschafft, dich von all dem zu erholen?** Ich habe es geschafft, nach Großbritannien zu kommen. Es war ein schwieriger Weg, aber als ich dort ankam, fing ich langsam an, mein Leben wieder aufzubauen. Mehrere Menschen haben mir dabei geholfen, aber die Angst und das Trauma blieben lange Zeit in mir. Selbst jetzt, wo ich in einem Krankenhaus arbeite, habe ich immer noch Angst vor Menschen in Uniform, und ich kann immer noch spüren, wie mein Körper auf die Erinnerungen an diese Ereignisse reagiert. Es ist wichtig, dass die Menschen wissen, was an diesen Grenzen passiert. Vielleicht werden sich die Dinge eines Tages ändern, wenn sie nur unsere Geschichten hören. **Wie lange warst du in Polen, nachdem du den Wald verlassen hast? Warst du nur im Krankenhaus, oder bist du auch in einer Art Flüchtlingszentrum gelandet?** Ich habe etwa zwei Monate in Polen verbracht. Zuerst wurde ich in ein Krankenhaus gebracht, aber dort hat man mir nur vorübergehend geholfen. Dann wurde ich in ein Flüchtlingslager gebracht. Die Bedingungen im Lager waren schwierig, beengt, keine Privatsphäre, kalt. Jeden Tag hatte ich das Gefühl, dass ich dort nicht willkommen war. Obwohl ich mich an einem Ort befand, an dem man mir theoretisch helfen sollte, fühlte ich mich wie ein Eindringling, wie jemand, den man loswerden sollte. **Wie sah dein Leben im Lager aus?** Ich konnte mich in dem Lager nicht sicher fühlen. Die Menschen um mich herum waren von ihren eigenen Problemen überwältigt, und ich spürte immer noch die Auswirkungen dessen, was ich im Wald erlebt hatte. Mein Körper war in einem schrecklichen Zustand und meine Psyche noch schlimmer. Ich hatte immer noch Angst – vor den Soldaten, vor den Menschen, vor jedem neuen Tag. Schließlich begann ich nach einem Weg zu suchen, um von dort wegzukommen. **Was war dein größter Beweggrund, Polen zu verlassen?** Meine Familie. Meine Mutter und mein Bruder waren noch in Äthiopien. Ich wusste, dass ich einen Weg finden musste, um sie finanziell zu unterstützen. Das war einer der Gründe, warum ich nicht in Polen bleiben konnte. Der zweite Grund war Angst. Nach der Art und Weise, wie ich von den Soldaten und den Behörden behandelt wurde, wusste ich, dass dieser Ort niemals sicher für mich sein würde. **Hast du heute noch Kontakt zu deiner Familie?** Ja, es ist mir endlich gelungen, mit meiner Familie Kontakt aufzunehmen. Nach einer langen Zeit, fast ein Jahr nach meiner Ankunft im Vereinigten Königreich, habe ich meinen Vater gefunden. Jeden Tag hatte ich darüber nachgedacht, ob er überhaupt noch am Leben ist. Es stellte sich heraus, dass er sich im Sudan versteckt hielt. Er konnte keinen Kontakt zu uns aufnehmen, weil er Angst hatte, dass sein Aufenthaltsort verraten würde. **Wie ist die politische Lage in Äthiopien? Ist deine Familie jetzt sicher?** Die Lage hat sich ein wenig beruhigt, zumindest nach außen hin. In den Medien wird behauptet, es sei besser, aber in Wirklichkeit gibt es immer noch viele Spannungen. Es ist kein Ort, an dem man ohne Angst leben kann. Die Menschen haben immer noch das Gefühl, dass sich alles im Handumdrehen ändern kann. **Wie kommst du mit deinem neuen Leben im Vereinigten Königreich zurecht? Wie hat die Gesellschaft dich aufgenommen?** Nachdem ich im Vereinigten Königreich angekommen war, fühlte ich mich endlich sicher. Das Asylverfahren war langwierig, aber ich konnte endlich anfangen, meine Zukunft zu planen. Ich möchte mein Studium wieder aufnehmen, das ich abbrechen musste und eine Karriere in der Medizin anstreben. Ich habe hier Menschen getroffen, die mir wirklich geholfen haben. Maria, die ich getroffen habe, war einer dieser Engel. Sie war wie eine Mutter – voller Wärme, Fürsorge und Verständnis. Ich weiß nicht, wie ich ohne Maria und andere Menschen aus humanitären Organisationen zurechtgekommen wäre. Dank ihnen habe ich angefangen zu glauben, dass ich mir ein neues Leben aufbauen kann. **Was hat dich im Vereinigten Königreich am meisten überrascht?** Wie viele Menschen wirklich helfen wollen. Ich hatte das Gefühl, dass man mich hier als Person ansieht und nicht als ein Problem, das gelöst werden muss. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte ich mich mit Re-spekt behandelt. **Deine Geschichte ist sehr bewegend. Vielen Dank, dass du sie mit uns teilst.** Ich danke euch. Ich hoffe, dieses Buch wird den Menschen helfen zu verstehen, was an den Grenzen geschieht und warum es so wichtig ist, dass wir uns gegenseitig unterstützen. Übersetzung: mku POPH Das Podlaskie Freiwillige Humanitäre Hilfsteam (POPH) ist eine Organisation, die gegründet wurde, um auf die humanitäre Krise an der polnisch-belarussischen Grenze zu reagieren. Wir bestehen aus engagierten Freiwilligen, die professionelle Hilfe für Migrant*innen und Geflüchtete in einer der herausforderndsten Regionen Europas leisten. Unser Fokus liegt auf Rettungseinsätzen, der Bereitstellung humanitärer Hilfe, der Dokumentation der Krise und der Unterstützung von Geflüchteten vor Ort. Neutralität und Unparteilichkeit stehen im Zentrum unserer Arbeit. Unsere Hilfe richtet sich an alle Menschen, unabhängig von Herkunft, Religion oder Status. Wie können Sie helfen? Unterstützen Sie uns durch Spenden (IBAN: 24 2530 0008 2012 1080 9012 0002, SWIFT: NESBPLPW), Sachspenden oder freiwillige Mitarbeit. Jede Geste der Solidarität hilft, Leben zu retten und Hoffnung zu schenken.Weitere Infos: https://poph.org.pl/ https://www.facebook.com/podlaskieOPH/

#GWR497
Zur #Flucht gezwungen
Interview mit Anna, Geflüchtete aus Äthiopien
#KeinMenschIstIllegal !
www.graswurzel.net/gwr/2025/03/zur-flucht-g...

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Geschlechtsspezifische Repression: Die Situation für Frauen in Belarus ist verheerend und kann nicht verstanden werden, ohne den breiteren politischen Kontext von Repression, Gewalt und autoritärer Kontrolle zu berücksichtigen. Der systematische Missbrauch von Frauen ist tief in der patriarchalischen Struktur der belarussischen Gesellschaft verankert, die die Geschlechterungleichheit aufrechterhält und spezifische Formen der Unterdrückung von Frauen durchsetzt. Dieser Artikel zielt darauf ab, die facettenreiche Repression zu beleuchten, der Frauen in Belarus ausgesetzt sind. Sie reicht von körperlicher Misshandlung und Erniedrigung in Gefängnissen bis hin zu gesellschaftlichen Strukturen, die die Rechte und Teilnahme der Frauen marginalisieren. **Patriarchalische Gesellschaft und geschlechtsspezifische Repression** Die Wurzel der Unterdrückung von Frauen in Belarus liegt in der tief patriarchalischen Gesellschaft. Diese gesellschaftliche Struktur entwertet Frauen und positioniert sie sowohl im öffentlichen als auch im privaten Bereich als minderwertig im Vergleich zu Männern. Die Regierung nutzt diese tief verwurzelte Geschlechtervoreingenommenheit aus, die sich in verschiedenen Formen von Gewalt, Erniedrigung und staatlich sanktionierter Repression manifestiert. Frauen sind besonders anfällig für diese geschlechtsspezifischen Praktiken, die oft weniger sichtbar sind als die Repression, der Männer ausgesetzt sind. Der Einsatz von Geschlechterstereotypen durch den Staat, kombiniert mit einer völligen Missachtung der Autonomie und Würde von Frauen, ermöglicht es dem Regime, Aktivistinnen, Menschenrechtsverteidigerinnen und andere Frauen gleichermaßen effektiv zu kon-trollieren, zu zum Schweigen zu bringen und zu neutralisieren. **Geschlechtsspezifische Repression in Gefängnissen** Ein besonders verstörender Aspekt der Repression in Belarus ist die Behandlung von Frauen in Gefängnissen. Frauen, die inhaftiert sind, sind einer Reihe von geschlechtsspezifischen Misshandlungen ausgesetzt, die nicht nur bestrafen, sondern auch erniedrigen und demütigen sollen. Ein Beispiel für diese Praktiken ist die Verweigerung grundlegender Hygieneprodukte, insbesondere während der Menstruation. Frauen in Haft wird oft der Zugang zu Duschen oder die Möglichkeit, ihre Kleidung zu wechseln, verweigert. Manchmal wird ihre Kleidung absichtlich von den Wächtern ruiniert, wie im Fall einer politischen Gefangenen, deren Kleidung mit Chlor übergossen wurde, unter dem Vorwand, COVID-19 zu verhindern. Diese Art der Entbehrung ist eine Form der Folter, die Frauen zwingt, in unsauberen und erniedrigenden Bedingungen zu leben. Darüber hinaus sind Frauen in Gefängnissen gezwungen, sich nackt durchsuchen zu lassen und erniedrigenden medizinischen Untersuchungen zu unterziehen. Ein Beispiel hierfür ist eine Frau, die während ihrer Menstruation einer medizinischen Untersuchung unterzogen wurde, ohne jegliche Unterstützung, was sie in eine demütigende Situation versetzte. Diese Misshandlungen sollen nicht nur bestrafen, sondern den Widerstandswillen dieser Frauen brechen. Eine besonders grausame Form der Repression ist das Rasieren von Frauenköpfen in Gefängnissen. Im Gegensatz zu Männern, bei denen Haar keine gleiche kulturelle oder soziale Bedeutung hat, ist das Haar von Frauen eng mit ihrer Identität und Weiblichkeit verbunden. Das Rasieren des Kopfes einer Frau in belarussischen Gefängnissen ist also nicht nur eine physische Kontrolle; es ist eine geschlechtsspezifische Form der Demütigung, die der Frau ein wichtiges Element ihres Selbstbildes entzieht und das Stigma verstärkt, das mit weiblichen Gefangenen verbunden ist. **Verlassen und Isolation von Frauen in Gefängnissen** Ein wesentlicher Aspekt der geschlechtsspezifischen Repression ist das Verlassen und die Isolation, die viele Frauen während ihrer Haft erfahren. Dies ist besonders ausgeprägt bei politischen Gefangenen, die zusätzlich die psychische Belastung erleben, von ihren Familien verlassen zu werden. Ehemänner weigern sich häufig, ihre Frauen während ihrer Inhaftierung zu unterstützen, insbesondere in Fällen politischen Widerstands. Dadurch werden Frauen gezwungen, die Brutalität des Gefängnissystems allein zu ertragen. Diese soziale und familiäre Isolation macht es für Frauen noch schwieriger, unter den vom Regime auferlegten Bedingungen zu überleben. Der Mangel an Unterstützung für weibliche Gefangene ist besonders schwerwiegend bei jungen Mädchen. Ein Beispiel dafür ist die Kampagne „Girls 328“, die von der Organisation „Our House“ durchgeführt wurde und das Leid junger Mädchen aufzeigt, die wegen geringfügiger, nicht gewalttätiger Drogendelikte verhaftet wurden. Diese Mädchen werden häufig zu langen Haftstrafen verurteilt und stehen ohne familiäre Unterstützung da. Während männliche Gefangene oft familiäre Unterstützung während der rechtlichen Verfahren erhalten, werden Mädchen in Belarus häufig verlassen, selbst wenn ihre Anklagen politisch motiviert oder erfunden sind. **Geschlechtsspezifische Repression: Zwangsweise Kindesentnahmen und Strafpsychiatrie** Eine besonders perfide Form der geschlechtsspezifischen Repression in Belarus ist der Entzug von Kindern aus den Familien von Frauen, die Menschenrechtsverteidigerinnen, politische Dissidentinnen oder Journalistinnen sind. Im Zeitraum von August 2020 bis Januar 2021 waren über 1.200 Kinder gefährdet, ihren Müttern aufgrund des politischen Engagements oder Widerstandes gegen das Regime weggenommen zu werden. Diese Praxis war Teil der umfassenderen Strategie, Frauen für ihr politisches Engagement zum Schweigen zu bringen und zu bestrafen. Auch meine eigene Familie wurde 2013 ins Visier genommen, als das Regime versuchte, meinen Sohn Sviatoslav von uns zu nehmen, mit der Begründung, ich sei aufgrund meines Aktivismus eine ungeeignete Mutter. > _**Diese soziale und familiäre Isolation macht es für Frauen noch schwieriger, unter den vom Regime auferlegten Bedingungen zu überleben**_ Darüber hinaus ist die Verwendung von Strafpsychiatrie eine weitere Methode, mit der Frauen speziell ins Visier genommen werden. Frauen, insbesondere aus ländlichen Gebieten, die gegen lokale Korruption vorgehen oder sich gegen die Politik des Regimes stellen, riskieren die zwangsweise Einweisung in psychiatrische Kliniken. Diese Frauen werden oft mit Medikamenten vollgestopft und isoliert, ohne jeglichen rechtlichen oder sozialen Rückhalt. Diese Praxis betrifft überproportional Frauen und setzt sie sowohl physischer als auch psychischer Gewalt aus. **Wirtschaftlicher Druck und sexuelle Belästigung** Wirtschaftlicher Druck ist ein weiteres Werkzeug, mit dem das Regime die Aktivistinnen unterdrückt. Frauen, die sich gegen die belarussische Autokratie stellen, verlieren oft ihre Arbeitsplätze und müssen finanzielle Strafen zahlen. Sie leiden unter der „Schuld“, ihre Familien wegen ihrer politischen Überzeugungen leiden zu sehen. Diese Form der Nötigung ist besonders wirksam, da sie enormen Druck auf Frauen ausübt, ihre Aktivität aufzugeben, um ihre Familien zu schützen. Außerdem sind viele Frauen in Belarus, insbesondere Aktivistinnen, sexueller Belästigung und Gewalt ausgesetzt, darunter auch Grabscherei und sexuelle Gewaltandrohungen durch Sicherheitskräfte. Diese Vorfälle werden häufig nicht gemeldet, da sexuelle Belästigung mit Stigmatisierung behaftet ist und es an Unterstützung für die Opfer mangelt. **Die Notlage der Ehefrauen politischer Gefangener** Die Ehefrauen politischer Gefangener erleben eine einzigartige Form der geschlechtsspezifischen Repression. Diese Frauen tragen oft die wirtschaftliche Last der Unterstützung ihrer Familien, während ihre Ehemänner im Gefängnis schmachten. Sie sind dafür verantwortlich, ihren Ehemännern Pakete zu schicken, Miete, Versorgungsleistungen und sogar Kredite zu zahlen, während sie gleichzeitig aufgrund politischer Diskriminierung keine Anstellung finden. Das belarussische Regime sorgt dafür, dass diese Frauen in Armut leben, was sie weiter von der Gesellschaft isoliert und ihr Überleben noch schwieriger macht. Die breitere belarussische Zivilgesellschaft zeigt diesen Frauen oft wenig Solidarität, sodass sie ihre Kämpfe alleine bewältigen müssen. **Häusliche Gewalt und das Versagen des Staates, Frauen zu schützen** Häusliche Gewalt ist ein weiteres Thema, das in Belarus weitgehend unsichtbar bleibt. Der Staat versagt darin, Frauen vor Missbrauch zu schützen. In einigen Fällen verschärft er die Situation noch. Wenn Frauen während gewalttätiger Vorfälle Hilfe bei der Polizei suchen, erfahren sie oft eine weitere Viktimisierung. Anstatt sie zu schützen, nimmt die Polizei häufig die Kinder aus der Familie und bestraft die Mutter dafür, dass sie Hilfe gesucht hat. Dieser grausame Kreislauf verstärkt die Kontrolle des Staates über die Körper und Leben von Frauen und zwingt sie dazu, in missbräuchlichen Situationen ohne jede Hoffnung auf Gerechtigkeit oder Schutz zu verharren. **Staatlich kontrollierte reproduktive Rechte und öffentliche Teilnahme** Die Kontrolle des belarussischen Staates über Frauen erstreckt sich über private Bereiche hinaus auch auf öffentliche und reproduktive Sphären. So müssen Frauen beispielsweise ein gynäkologisches Zertifikat vorlegen, um einen Führerschein zu bekommen, eine Anforderung, die Männern nicht auferlegt wird. Dies ist ein klarer Versuch des Staates, die Körper von Frauen selbst in den einfachsten Aspekten ihres Lebens zu kontrollieren. Darüber hinaus setzt das Regime weiterhin Beschränkungen für Frauen in der Berufswelt durch, wobei eine Liste von Berufen existiert, die für Frauen verboten sind. Obwohl die Zahl der verbotenen Berufe gesenkt wurde, existiert diese Liste. Die belarussische GWR-Autorin und Feministin Olga Karach ((45)) lebt im Exil in Litauen und ist Leiterin von „Unser Haus“ (Nash Dom). Die belarussische Organisation unterstützt Menschenrechtsaktivist*innen, Deserteure und Kriegsdienstverweigerer. Im Februar 2025 erschien in der GWR 496 Olgas Artikel „Frauen und Gerechtigkeit in Kriegszeiten“. **Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es _hier._** ###### **Wir freuen uns auch über Spenden auf unserSpendenkonto.** Leitartikel

#GWR497 #Feminismus
Geschlechtsspezifische #Repression:

Die harte Realität für Frauen in Belarus
Olga Karach
www.graswurzel.net/gwr/2025/03/geschlechtss...

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Neoaristokratischer Antifeminismus Rund 100 weitgehend verwandte "Adelige" dominieren im deutschsprachigen Raum den familienbezogenen Antifeminismus Unter „familienbezogenen Antifeminismus“ oder kürzer: „Familismus“ wird hier die Agitation für stärkere Bestrafung von Schwangerschaftsabbrüchen, gegen die Gleichstellung von Schwulen, Lesben und Transpersonen, Sexualaufklärung an Schulen, aber auch die Reform der Katholischen Kirche, die sie gerne, wie die Gesamtgesellschaft noch patriarchaler hätten, verstanden. Und dass die verschwägerten „Adelsfamilien“ diesen Antifeminismus dominieren, meint: Sie haben die Schlüsselpositionen (Hohenberg/ Beverfoerde), das Geld (Finck/ Castell/ Liechtenstein), die Veranstaltungsorte, sie denken sich Narrative (Cornides), Petitionen und Kampagnen (Gersdorff/ Storch) aus und lassen sie durchführen, manchmal auch bewusst illegal (Tschugguell), ihre Organisationen sind an Gesetzesentwürfen beteiligt (Oldenburg), sie organisieren Symposien (Beverfoerde), sind Uni-Rektoren (Lobkovicz) oder gründen selber Institute (Finck) oder Akademien (Stockhausen/ Waldstein), sie stellen ihre Schlösser temporär (Löwenstein/ Lobkovicz) zur Verfügung oder verschenken (Galen/ Gutman) sie an antifeministische Organisationen, sie betreiben Internetportale (Noe), sie haben exellente Kontakte zu Medien oder sind selber BILD-Journalisten (Schönburg-Glauchau), sind in Bundesvorständen von extrem rechten Parteien (Storch), haben Kontakt zu Oligarchen nach Russland (Thurn und Taxis) oder zum Obersten Gericht der USA (Thurn und Taxis), beeinflussen Päpste (Waldstein), Vizepräsidenten (Waldstein) oder sind sogar qua Geburt Regierungschefs (Liechtenstein). > _**Die Vertreter des Integralismus und des Postliberalismus sehen Trump eher als Übergang. Relevant sei die Zeit mit Vance als US-Präsidenten, mit dem dann die US-Gesellschaft in ein katholisches (und aristokratisches) System integriert werden soll**_ Natürlich stellen sie alleine schon auf Grund ihrer relativ geringen Anzahl nicht die Mehrheit der aktiven Personen im Antifeminismus. Aber beim elitär-reaktionären Adel galt schon immer Qualität statt Quantität, oder treffender: Klasse statt Masse. Hinzu kommt: Sie sind fast alle mehr oder weniger untereinander verwandt, verheiratet, verschwägert. Eine „ihrer“ Organisationen, die u. a. zur Eheanbahnung ihrer Nachfolger*innen dient, ist der katholische Malteserorden. Erstaunlicherweise heiraten sie noch immer, auch in den 2020er Jahren, ständisch (Beverfoerde-Habsburg). Durch die Zerschlagung des eher evangelisch geprägten Adels im Nordosten des Deutschen Reiches spielt der Johanniterorden eine weniger relevante politische Rolle. Der Malteserorden ist kein einfacher Verein, sondern ein eigener Staat ohne Land, aber mit eigener Währung (Scudo/ Tari/ Grani), eigenem Autokennzeichnen (S.M.O.M) und wichtiger: eigenen Botschafter*innen, die dieselben diplomatischen Vorrechte haben wie „normale“ Botschafter. Aktuelle deutsche Botschafterin des Malteserordens in Deutschland ist seit 2023 Vinciane Gräfin von Westphalen, eine Cousine 3. Grades von Johanna Gräfin von Westphalen, die die Anti-Abtreibungsgruppe „Christdemokraten für das Leben“ und die „Stiftung Ja zum Leben“ gründete, welche bereits 2017 stolz mitteilte, erstmals mehr als eine Million Euro an „Lebensrechts“gruppen verteilt zu haben. Es gibt politische Kämpfe im Malteserorden, auch inwiefern die Öffnung für den Nichtadel akzeptiert werden sollte. Ein Wunschkabinett des Wilderich Freiherr von Ketteler Tinnen, in dem Alice Weidel als Kanzlerin und der Faschist Björn Höcke propagiert wird, ließ mich dann aber doch anfragen, ob dieser „Freiherr“ noch immer der Regionalleiter des Malterserordens im Münsterland sei. „Nein“, wurde mir von höchster Stelle von einem anderen Freiherrn geantwortet, auch mache man sich mit seinen politischen Ansichten nicht gemein. Aber er sei ein kompromissloser Verfechter in allen Lebensfragen und so wie der Malteserorden auch strikt gegen Abtreibung. Die neue Regionalleiterin des Malteserordens im Münsterland ist Gabrielle von Schierstadt (eine Cousine 3. Grades von Johanna von Westphalen). Von Schierstadt: Auch wenn der Malteserorden für Bürgerliche geöffnet sei, sei er dennoch fest in der Hand des Adels. Dies erleichtere die Arbeit, Probleme ließen sich auf kurzem Dienstweg mit einem Telefonanruf bei einem Vetter erledigen, der Leiter des Malteserordens in Deutschland gewesen sei. Hierbei handelt es sich um einen Löwenstein-Wertheim-Rosenberg. Zur Familie der Löwenstein-Wertheim-Rosenbergs habe ich ein umfangreiches Kapitel in meinem Manuskript zur „Aristokratie des Antifeminismus“, ich verweise auf einen Artikel im Campact-Blog, den ich 2024 pünktlich zu Halloween herausgegeben hatte: „Die sieben verwunschenen Kinder des Prinzen zu Löwenstein“. Von Schierstadt sei sicher: Als Adelige übernimmt man selbstverständlich Verantwortung, schon als Schulsprecherin, im Pfarrgemeinderat oder in der Schulpflegschaft. Unreflektiert bleibt hier anscheinend die Frage, dass auch Menschen mit weniger sozialem, kulturellem, symbolischem und vor allem finanziellem Kapital auch Verantwortung übernehmen können. Dass sie aber einen anderen, realistischeren Blick auf die Welt haben. Paul Herzog von Oldenburg, Cousin von Beatrix von Storch und verheiratet mit einer Enkelin der Löwenstein-Wertheim-Rosenbergs teilte in einer Anekdote mit, wie der Adel auch Verantwortung in Abtreibungsfragen übernehme. Ihm sei noch in Erinnerung, dass seine Großmutter die Hausangestellten von Abtreibung abhielt, in dem ihnen Säuglingskleidung schenkte. Geht doch. Gleichzeitig sprach er sich in Polen gegen den Sozialstaat aus, denn die Bauernbefreiung sei bereits ein Fehler gewesen. Er lobte die Verschärfung des Abtreibungsrechts in Polen unter der rechten PIS-Regierung, dies sei ein Erfolg seiner Organisation, der Gesellschaft zum Schutz von Tradition, Familie und Privateigentum. Wie gesagt: Es sind nicht einfach vereinzelte Adelige in den zentralen Positionen des familienbezogenen Antifeminismus. Sie sind allein schon durch die Verwandtschaft miteinander vernetzt. Beatrix von Storch, eine geborene Herzogin von Oldenburg, ist bereits Mitte der 1990er Jahre zusammen mit ihrem Cousin Paul von Oldenburg in die Politik gegangen. Die Adelserben wollten die Großgrundbesitztümer aus dem Osten zurück. Vor ein paar Tagen bin ich über ein Bild gestolpert, welches Beatrix Herzogin von Oldenburg in der TFP-Zentrale in Washington zeigt. TFP (Tradition Familie Privateigentum) ist eine extrem rechts-katholische Organisation. Anscheinend hatte Beatrix Herzogin von Oldenburg schon vor ihrem Cousin enge Kontakte zu dieser konterrevolutionären Vereinigung, die allein zwischen 2009 und 2018 über 100 Millionen Euro nach Europa transferierte, um hier den Feminismus zu bekämpfen. Es sei falsch, die Unterwerfung der Frau in der Familie pauschal zu verurteilen, weiß Paul von Oldenburg für die TFP zu referieren. Beatrix von Oldenburg traf in Washington mit einem Großherzog Orleans-Braganza zusammen. Jahrzehnte später reiste sie als Beatrix von Storch als Bundestagsabgeordnete nach ihrem Besuch beim extrem rechten, queerfeindlichen brasilianischen Ex-Präsidenten Jair Messias Bolsonaro ins zentrale Institut der TFP und traf sich ebenfalls mit dem Fürstengeschlecht der Orleans-Braganza, die mit den Löwenstein-Wertheim-Rosenberg verwandt sind. Die Mission der „Konterrevolution“ der TFP bezieht sich nicht nur auf die Rücknahme der Französischen Revolution, der Werte von Freiheit, Gleichheit und Solidarität, das auch – wer Ungleichheit bekämpfe, bekämpfe Gott, sagt die TFP –, sondern es soll bereits die Reformation von Luther, Calvin etc. rückgängig gemacht werden. Die TFP strebt ein Gesellschaftssystem an, in dem Adel und Katholische Kirche das Sagen haben. Mit dieser Position sind sie nicht mehr allein. Eine aktuellere entsprechende Ideologie nennt sich „Integralismus“ oder „Postliberalismus“. Auch hier ist der Adel wieder federführend. Wenn wir an den Faschismus denken, haben wir zumeist den Nationalsozialismus vor Augen. Aber 1933 entstand in Österreich ein anderer Faschismus, der von Rüdiger Ernst von Starhemberg so benannte „Austrofaschismus“. Ideologisches Kampfblatt dieser Form von klerikalfaschistischem Ständestaat war das Magazin „Der christliche Ständestaat“ von Dietrich von Hildebrand. Hildebrand war ein Nazigegner, aber auch ein Gegner der Demokratie und insbesondere der Frauenemanzipation. Seine Frau Alice von Hildebrand schrieb Jahre später gegen Simone de Beauvoir. Zu den Freunden der Familie Hildebrand gehörte die Adelsfamilie der Waldsteins. Zusammen entwickelten sie gegen die Menschenrechte das gottgegebene Naturrecht, dessen Werte sich Menschenrechte unterzuordnen haben. Die „Theologie des Leibes“ von Papst Johannes Paul II. wurde von einem Waldstein ins Englische übersetzt, mit dieser katholischen Ideologie im Rücken wurde das Narrativ der „Gender-Ideologie“ angegriffen. Der jüngste Spross der Waldsteins ist ein Mönch und verwahrt sich gegen eine Verwässerung der Ideologie von Dietrich von Hildebrand, dem Freund seines Großvaters. Natürlich sei Hildebrand gegen die Demokratie gewesen, weiß Edmund (von) Waldstein zu berichten, als Vordenker des Integralismus, von dem sich James David „JD“ Vance, der neue Vizepräsident der Vereinigten Staaten, inspirieren lässt. Die Vertreter des Integralismus und des Postliberalismus sehen Trump eher als Übergang. Relevant sei die Zeit mit Vance als US-Präsidenten, mit dem dann die US-Gesellschaft in ein katholisches (und aristokratisches) System integriert werden soll. Wir müssen zum einen zur Kenntnis nehmen, dass diese antifeministischen Adelsnetzwerke existieren, zum anderen ist die Frage, warum überhaupt noch der Adel als politisch wirkmächtiges Netzwerk existiert. Hier geht es um den Zusammenhang von Vermögensverteilungen und politischer Macht und Adelsfamilien als Sonderform von Familiendynastien. Vor allem in den Vereinigten Staaten, denen wir eigentlich eher keinen Aristokratismus unterstellen, werden diese Familiendynastien immer mächtiger. Zu nennen wäre hier die Familie Prince, die mit deren Tochter Betsy (ehem. Bildungsministerin unter Trump) mit der Familie DeVos verschwägert ist. Sie gehören beispielsweise zu den Unterstützer*innen der antifeministisch wirkmächtigen Alliance Defending Freedom. Eric Prince, der Bruder von Betsy DeVos, ist einigen vielleicht bekannt, weil er Blackwater, die damals größte Privatarmee, gegründet hat. Während ich die letzten Sätze dieses Artikels herunterschreibe, befindet sich Prince gerade bei einer Tagung in London, wo auch Peter Thiel, der das Wahlrecht von Frauen und Sozialhilfebezieher*innen kritisierte, als er Millionen für die erste Privatstadtprojekte locker machte, teilnimmt. Wie Thiel sieht sich auch Prince als Wirtschafts„libertärer“, also als Anhänger des Proprietarismus, der jede Staatlichkeit komplett durch Privatunternehmen ersetzen will – allerdings als erzkatholischer Proprietarist. Bei der Tagung handelt es sich um eine internationale 4000köpfige Versammlung der „Alliance for Responsible Citizenship“ (ARC) von Jordan Peterson. Eine kleinere Tagung fand letztes Jahr in Bayern im Schloss des Maltesers Prinz von Lobkowicz statt. Dort hatte Peterson sein neues Buch vorgestellt: „Gott. Das Ringen mit einem, der über allem steht“. Das vertikale Hoch- bzw. Runterblicken war zentraler Bestandteil seiner Rede. Es soll anscheinend patriarchaler Moralkodex der neoaristokratischen Zukunftsplanung werden. Andreas Kemper ist regelmäßiger GWR-Autor und freischaffender Soziologe mit den Themen Klassismus, Faschismus, Antifeminismus und Proprietarismus (Rechts„libertarismus“). Im Februar 2024 erschien in der GWR 486 sein Artikel „Madagaskarplan 2024 – Faschistische Deportationsstädte. Das AfD-Geheimtreffen mit Neonazis in Potsdam und der ‚Masterplan‘ von Martin Sellner“, https://www.graswurzel.net/gwr/2024/02/madagaskarplan-2024-faschistische-deportationsstaedte/ **Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es _hier._** ###### **Wir freuen uns auch über Spenden auf unserSpendenkonto.** Leitartikel

#GWR497
Neoaristokratischer #Antifeminismus

Ungefähr einhundert weitgehend verwandte „Adelige“ dominieren im deutschsprachigen Raum den familienbezogenen Antifeminismus.
Andreas Kemper

www.graswurzel.net/gwr/2025/03/neoaristokra...

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Anarchie und Ballerei Bruno Loth, Corentin Loth Viva l’Anarchie! 1. Buenaventura Durruti und Nestor Machno bahoe books, Wien 2024: Aus dem Französischen von Maria Rossi, 23 x 30cm, Hardcover mit Fadenheftung, 84 Seiten, 22 Euro, ISBN 978-3-903478-33-6 Ich mag Pathos. Und so ist mir im Schaufenster des Rosta-Buchladens das Titelbild von „Viva l’Anarchie!“ sofort ins Auge gefallen. Eine kämpferische Demonstration von Arbeiter*innen mit schwarzen Fahnen. Sie tragen Blaukittel, Latzhosen, schwarz-rote Halstücher, Baskenmützen, Hüte oder Kopftücher. Sie strecken die Fäuste hoch und ein „Huelga General“-Schild, mit dem zum Generalstreik aufgerufen wird. Wunderbar! Das erste Durchblättern dieser liebevoll gestalteten 84 DIN-A4-seitigen Graphic Novel erzeugte bei mir ein feierliches Ergriffensein. Der Zeichenstil ist offensichtlich von dem von mir verehrten französischen Anarchozeichner Tardi inspiriert und erinnert mich zudem an Golos Graphic Novel „B. Traven“ und „Der König der Vagabunden“ von Bea Davies und Patrick Spät, die beide im avant-verlag erschienen sind und in der Graswurzelrevolution zu Recht gefeiert wurden. Voller Vorfreude auf den Lesegenuss wanderten die 22 Euro also guten Gewissens über die Ladentheke und in die Kasse des linken Buchladens. Die durchweg bunten Zeichnungen des 1960 in Frankreich geborenen Comiczeichners Bruno Loth und seines Sohnes Corentin Loth zeugen von Leidenschaft und wecken kämpferische Gefühle. Der Text auf dem Backcover macht neugierig: „Paris, 1927. Nach einem Jahr Haft wird der spanische Anarchist Buenaventura Durruti mit der Auflage entlassen, Frankreich innerhalb von zehn Tagen zu verlassen. Im Untergrund lernt er Nestor Machno kennen, die Galionsfigur des ukrainischen Anarchismus, ein libertärer Kommunist und Begründer der revolutionären Aufstandsarmee Machnowschtschina. Diese Begegnung wird für beide zur Gelegenheit, ihre Erfahrungen und Ideale miteinander zu besprechen.“ Nach Angaben des Verlags zeichnen und erzählen Bruno und Corentin Loth „die wichtigsten Ereignisse im Leben von Buenaventura Durruti und Nestor Machno, jene beiden großen Anarchisten des 20. Jahrhunderts, denen es gelungen ist, den Anarchismus in Katalonien und der Ukraine in die Praxis umzusetzen“. Dies ist gleich in vielfacher Hinsicht falsch. Buenaventura Durruti war ein Mitglied der anarchosyndikalistischen, spanischen Gewerkschaft CNT und der anarchistischen Föderation FAI. Er war eine bedeutende Person des Anarchosyndikalismus in Spanien, aber die Verwirklichung des kurzen Sommers der Anarchie in großen Teilen Spaniens 1936 ist vor allem den damals etwa zwei Millionen Mitgliedern der CNT zu verdanken, nicht der Einzelperson Durruti. Nestor Machno (1888–1934) war eine Führungsperson der anarchistischen Bauern-Guerilla in der Freien Ukraine. Die Machno-Bewegung ist nach ihm benannt, aber ohne sie wäre er auch nur einer von vielen Revolutionären gewesen. Machno wird von heutigen Anarchismus-Forscher*innen und Gewaltfreien Anarchist*innen zu Recht als problematische Figur gesehen. Er war als Guerilla-Führer verantwortlich für zahlreiche Exekutionen. Auch Durruti (1896–1936), der einstige Bankräuber und spätere Kolonnen-Führer im Spanischen Bürgerkrieg, ist aus gewaltfrei-anarchistischer Sicht keineswegs der Held, als den ihn die beiden Zeichner darstellen. Das Versprechen, „die wichtigsten Ereignisse im Leben von Buenaventura Durruti und Nestor Machno“ darzustellen, wird von diesem Buch nicht eingelöst. Die zunehmend brutalere Kriegsführung von Machnos Bauernarmee (vgl. GWR 492) wird nicht kritisch reflektiert. Stattdessen verklärt der Band den bewaffneten Kampf und karikiert Pazifist*innen als naive Träumer. Dabei begann Durrutis eigene Politisierung mit seiner Desertion. In „Viva l’Anarchie“ wirken die Dialoge zwischen Durruti, anderen Anarchist*innen, Machno und seiner Lebensgefährtin „Galina“ Agafja Andrejewna Kusmenko zum großen Teil hölzern und frei erfunden. Das ist schade. Die Genialität der Zeichnungen verblasst angesichts von Dialogen, die nur sehr selten in die Tiefe gehen und mich bisweilen an WG-Küchentischgespräche von spätpubertären Jungautonomen erinnern. Die Kritik, die Michael Halfbrodt im Oktober 2024 in den Libertären Buchseiten der GWR 492 an der ebenfalls bei bahoe books in Wien erschienenen Graphic Novel „Marius Jacob – Die Arbeiter der Nacht“ geäußert hat, trifft leider auch auf diesen Band zu. Die hier dargestellten Anarchist*innen laufen Gefahr, zu folkloristischen Gestalten zu werden, „zu einer Art Räuber Hotzenplotz der Anarchie“. **Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es _hier._** ###### **Wir freuen uns auch über Spenden auf unserSpendenkonto.**

ibertäre buchseiten
Anarchie und Ballerei

Ein Prachtband über Durruti und Machno zwischen Pathos und Banalität
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www.graswurzel.net/gwr/2025/03/anarchie-und...

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Scrennshot GWR Homepage Buchvorstellung libertäre Buchseiten
Erich Mühsam in Oranienburg
Wichtige Impulse für die Anarchismus-Forschung

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Screenshot Auszug  Buchvorstellung in den libertären Buchseiten
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Keine Zeit
Simon Nagy hat einen schönen Essay über den Kampf gegen die Zumutungen der Zeit und für eine bessere Welt geschrieben

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Skarepic mit Hervorhebung einer Rezension aus den Libertären Buchseiten
" Erst wo Herrascht nicht mehr wahr ist, gibt es keine Knechtschaft" Hereimspaziert Herr Gsella!

Skarepic mit Hervorhebung einer Rezension aus den Libertären Buchseiten " Erst wo Herrascht nicht mehr wahr ist, gibt es keine Knechtschaft" Hereimspaziert Herr Gsella!

Rezension aus den libertären buchseiten: „Erst wo Herrschaft nicht mehr wahr ist, gibt es keine Knechtschaft“
Hereimspaziert, Herr Gsella!
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Titelseite der GWR mit Comic "Curse the patriarchy" Gegen Patriarchat und Repression,  Überschrift kein AKW in Whyl!, Neoaritokratischer Antifeminismus

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#Graswurzelrevolution #GWR497. Schwerpunkt gegen #Patriarchat und #Repression

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Hurra! Die neue GWR ist da!

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