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Widerstand heißt Leben! – Berxwedan Jiyan e! Während die Aufmerksamkeit der Welt woanders liegt, spielt sich im Norden und Osten Syriens erneut eine humanitäre Katastrophe ab. Die Frauenrevolution und die basisdemokratische Selbstverwaltung in Rojava sind der islamistischen Al-Jolani-Regierung ein Dorn im Auge. Islamistische Milizen der syrischen Übergangsregierung (HTS) und des türkischen Autokraten Erdoğan greifen momentan die Autonomieregion Nord- und Ostsyrien an. Der von der Regierung am 18. Januar 2026 angekündigte Waffenstillstand wurde von ihr nicht eingehalten. Die Islamisten haben am 20. Januar bereits 60 Prozent der kurdischen Selbstverwaltungsgebiete erobert und befinden sich weiter auf dem Vormarsch auf die kurdischen Städte Kobanê und Hêseke. Sie haben zehntausende inhaftierte IS-Kämpfer befreit und üben massive Gewalt an der kurdischen Bevölkerung und vor allem den Frauen aus. (GWR-Red.) Am 11. Januar 2026 versammeln sich die Menschen in den Städten von Nord- und Ostsyrien. Mit Fahnen und Bannern stellen sie sich am Rand der Ortsdurchfahrten auf und erwarten den Widerstandskonvoi, der mit den Verwundeten aus Aleppo zurückkehren soll. Wenige Tage zuvor waren hunderte Zivilist:innen in Richtung Aleppo aufgebrochen. Sie hatten sich auf den Weg gemacht, um den Widerstand der selbstverwalteten, kurdischen Viertel Scheich Maksud und Aschrafia gegen die Angriffe der Syrischen Armee zu unterstützen. „Wartet auf eure Leute, wir kommen, um euch zu unterstützen!“, hatte eine der Frauen, die sich aus Kobanê auf den Weg machte, gesagt. Der Konvoi hatte Aleppo nicht erreicht. Doch durch den entschlossenen Widerstand der Gesellschaft, konnte ein Waffenstillstand ausgehandelt werden, um die Verletzten, sowie die Körper der vom islamistischen, syrischen Regime Getöteten aus den kurdischen Vierteln zu evakuieren. Über Hundertausend Menschen haben innerhalb weniger Tage ihr Zuhause, ihre Gemeinschaft, Freundinnen und Verwandte verloren. Die meisten von ihnen erleben all das nicht zum ersten Mal. Viele sind ursprünglich aus der kurdischen Region Afrin, die bis zum Einmarsch der türkischen Armee und islamistischer Kombattanten 2018 zur selbstverwalteten, autonomen Region Rojava gehörte. Nun werden sie zum dritten oder vierten mal in ihrem Leben vertrieben. Dieser Artikel soll nicht von Krieg handeln, sondern von Frieden. Was bedeutet wahrhaftiger Frieden in diesen kriegerischen Zeiten und was hat das mit Heimat zu tun? In Palästina, Kurdistan, Venezuela, Sudan, Ukraine und Somalia wird Krieg geführt und Menschen werden vertrieben. Auch die europäischen Staaten befinden sich in einer Offensive der Aufrüstung, die von einer konstanten Faschisierung der Diskurse begleitet wird. Diese Kräfte haben ein großes Thema: Heimat. Ob in Syrien oder in Europa wird diskutiert, wem es erlaubt ist, beheimatet zu sein. Gleichzeitig werden Kriege unterstützt und Menschen zur Flucht gezwungen. **Diese Geschichte beginnt in Afrin** Afrin ist ein schmerzendes Wort für diejenigen, die dort zu Hause sind, denn sie waren schon lange nicht mehr dort. Seit der Besatzung durch die türkische Armee, 2018, lebten viele als Geflüchtete in einem Camp, das in Shehba, nicht weit von Afrin entfernt, aufgebaut worden war. Auch von dort wurden sie im letzten Winter durch den Krieg der islamistischen Söldner, die jetzt in die Syrische Armee eingegliedert wurden, vertrieben. Heute sind viele von ihnen in einem neuen Camp, in Tabqa. Wir besuchen sie dort, werden in ihre Zelte eingeladen, hören von den Schwierigkeiten, der Kälte im Winter, der Hitze im Sommer, aber auch ihrer Entschlossenheit zusammen zu bleiben und eines Tages nach Afrin zurück zu kehren. Im weitesten Nord-Westen von Syrien wurde die Region Afrin 2012 im Zuge der Rojava-Revolution vom Baath-Regime befreit. So wie im ganzen befreiten Gebiet, wurden von den Menschen selbstbestimmt Institutionen der Selbstverwaltung aufgebaut. Seitdem organisiert sich die Gesellschaft in Kommunen und Räten, in Kooperativen wurde eine gemeinschaftliche Wirtschaft etabliert und durch Bildung ein kommunales Bewusstsein entwickelt. „Das heißt, wenn eine Entscheidung gefällt wurde, war die Kommune involviert, und auch, wenn Probleme gelöst wurden. Die Kommune schafft die Organisation der Gesellschaft, wir geben ihr die größte Bedeutung, von allen Institutionen und Räten. Alle Menschen finden einen Platz in der Kommune“, erzählen Frauen aus Afrin, die nun in einem Camp für Binnengeflüchtete der Autonomen Selbstverwaltung Nord- und Ostsyriens leben. **Basisdemokratie** Das basisdemokratische System, in dem jedes Individuum Teil der Entscheidungsprozesse ist, sodass diese im Sinne des Gemeinwohls getroffen werden, ist die Perspektive eines freien, gesellschaftlichen Lebens der Menschen in Nord- und Ost-Syrien. Die Basis bilden demokratische und ökologische Werte, wobei die Notwendigkeit von Frauenbefreiung und die Gleichwertigkeit der Geschlechter im Vordergrund stehen. Vom Leben in Afrin erzählen die Frauen weiter: „Zu Beginn der Rojava-Revolution 2012/2013 lebte Afrin in einer selbstversorgenden Kreislaufwirtschaft. Die Menschen ernährten sich von dem Land, das sie umgab. […] In jedem Haus standen Bäume im Hof und Gärten wurden angelegt. […] Beim Anbau von Pflanzen für den Verkauf werden oft chemische Dünger genutzt, um den Gewinn zu steigern, doch in Afrin gab es so etwas nicht. Wenn die Frauen zu Hause anbauten, deckten sie die Bedürfnisse ihres Haushalts und vielleicht auch die ihrer Nachbar*innen und Freund*innen. Afrin war isoliert (belagert), und wir hätten weitere zehn Jahre so überleben können. Warum? Weil jedes Haus einen eigenen Garten hatte, der die Menschen selbst versorgen konnte. Maßgeblich dafür waren die Frauen, die das Land bestellten und bewässerten. Sie pflanzten hier Blumen und dort Tomaten. Hier eine zarte Rose und daneben Bohnen. Die Menschen in Afrin bauten alles selbst an. Außerdem hatte jedes Haus Schafe, für Joghurt, Milch und Käse. Und auch um diese kümmerten sich meist die Mütter. Es gab auch Hühner, sodass die Menschen keine Eier auf dem Markt kaufen mussten.“ > _**Tausende Binnenvertriebene aus Afrin entwickelten in den Geflüchtetencamps eine Perspektive eines freien, gemeinschaftlichen Lebens.**_ Die Frauen sprechen voller Stolz von der natürlichen Kreislaufwirtschaft und der Bedeutung der Selbstversorgung in Zeiten von Krieg und Belagerung. Die Rolle der Frauen und Mütter darin, als Trägerinnen dieses ge- meinschaftlichen Lebens, steht für sie im Vordergrund. Sie sprechen davon, wie grün Afrin ist, im Gegensatz zu der dürren Landschaft, in der sie nun von neuem versuchen ein Leben aufzubauen. Sie meinen das Grau-Grün von Olivenbäumen. Afrin ist berühmt für seine Olivenbäume und die Ölproduktion. Die Türkische Armee, die im Januar 2018 das kommunale Leben in Afrin gewaltvoll unterbrach, nannte ihre Militäroffensive „Operation Olivenzweig“. Mit der neu kreierten Söldnergruppe „Syrian National Army“ (SNA), die die türkischen Interessen in Syrien umsetzen soll, begann am 20. Januar 2018 ein Angriffskrieg gegen Afrin. „Im Afrin-Krieg waren auf einmal Kriegsflugzeuge über uns am Himmel. Das hatten wir in unserem Leben noch nicht gesehen. Wir hatten keine Erfahrungen mit Krieg“, erzählen die Frauen über diesen Tag. Die türkischen Interessen waren, einen Begriff von Heimat zu verteidigen, der nur einer ethnischen Gruppe, eine Sprache, einer Kultur und einer Religion erlaubt zu Hause zu sein. Um dieses Verständnis zu etablieren, wurde der türkische Staat auf der Grundlage der Negierung der kurdischen Gesellschaft, der bis 1991 in der Türkei offiziell verbotenen Sprache, Ethnie und Kultur aufgebaut. Das bunte gemeinschaftliche Leben, welches sich durch die Rojava-Revolution auf der anderen Seite der türkischen Staatsgrenze entwickelte, bedrohte diesen Begriff zu widerlegen, vor allem weil diese vor allem eine kurdische Initiative war. Die Frauen aus Afrin erzählen, wie durch den Widerstand der Frauen, ethnische Spaltungen überwunden wurden und darin eine Leitungsrolle für die gesamte Gesellschaft einnahmen. „Die Wahrheit ist, dass Frauen das Leben über tausende Jahre angeführt haben. Aber wir, in der Mitte all dessen, hatten viele Schwierigkeiten. Ob wir es mögen oder nicht, in Kultur, Religion, überall gibt es Sitten und Traditionen. Die Frauenbewegung wurde ein Vorbild und eine Kraft für uns. Innerhalb der Gesellschaft, als Frauen, Autonomie unter Frauen aufzubauen, sich dadurch selbst kennenzulernen und zu befreien… und damit Vorreiterinnen zu werden für Frauen weltweit… In Afrin lebten vor allem kurdische und arabische Frauen, ein paar wenige turkmenische Familien gab es auch. Wenn wir miteinander über den Aufbau von Frauenkommunen sprachen, hat es sich angefühlt, als würde sich die ganze Gesellschaft auf eine Korrekturlinie zu bewegen. Die Gesellschaft konnte einen tiefen Atemzug nehmen und leichter atmen. Wir machten Bildungen zur Verteidigung von Frauenrechten. Frauenbefreiung bedeutet, Frauen müssen sich selbst kennen lernen. Wir brauchten Frauenkommunen, denn darin konnten Frauen ihren Schmerz und ihr Leiden durch unterdrückerische Traditionen, Väter, Brüder oder Ehemänner miteinander teilen.“ Zwei Monate nach dem Beginn des Angriffskrieges, am 18. März 2018, beginnt die Besatzung Afrins durch die türkisch unterstütze SNA. Diese plündern die Dörfer, vergewaltigen, morden, entführen, foltern und verüben zahlreiche menschenrechtswidrige Massaker an der Zivilbevölkerung. Das Sprechen der kurdischen Sprache wird verboten und die geschichtstragenden Olivenhaine werden abgebrannt. Tausende sind gezwungen ihre Heimat zu verlassen. Da Afrin ein Zufluchtsort für viele Menschen geworden war, die vor Kriegen fliehen mussten, wie zum Beispiel durch die Angriffe des IS auf die Jesid*innen in Shengal, war diese Vertreibung für Viele bereits die zweite in ihrem Leben. Die Menschen aus Afrin gaben das Ziel nicht auf, zurückzukehren. Viele entfernten sich daher nur so weit wie nötig, gingen nach Aleppo oder nach Shehba. Auch in Shehba waren die Angriffe der SNA präsent und viele Menschen hatten die Region verlassen. Shehba war von der türkischen Besatzung und dem totalitären syrischen Assad-Regime umzingelt, einem wirtschaftlichen Embargo und ständigen Angriffen ausgeliefert. Tausende Binnenvertriebene aus Afrin entwickelten in den Geflüchtetencamps eine Perspektive eines freien, gemeinschaftlichen Lebens. „Nach unserer Ankunft [in Shehba] haben wir zunächst drei Monate lang die Familien in den Zelten besucht. Wir sind von Haus zu Haus gegangen und haben miteinander darüber gesprochen, wie Frauen ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten, Probleme frühzeitig erkennen und ihre Kinder und die Umgebung sauber halten können. Denn wenn Frauen gut vorbereitet und gestärkt sind, können sie die ganze Familie versorgen. Anschließend haben wir uns im Gemeinderat getroffen. Wir besprachen unsere Situation, die Kriegslage, wie es zu unserer Vertreibung gekommen war und wie wir uns künftig organisieren wollten.“ In den Geflüchtetencamps wurde auch die Selbstverteidigung selbst organisiert. „Wer auch immer ins Camp kam, in die Kommune, wenn ein Fremder kam, hat jemand aus dem Selbstverteidigungskomitee direkt nachgesehen, wer es ist. Es ging ihnen darum, das alltägliche Leben gut zu organisieren und eine Zukunft zu gestalten, die die Kriegssituation überwinden kann. „Wir hatten in Shehba eine Kita eingerichtet. Für den ersten Tag der Kinder war alles vorbereitet. Aber wir mussten den Kindergarten aufgeben und Shehba verlassen.“ Sieben Jahre lang hatten die Menschen aus Afrin in Shehba gelebt und sich dort in den Camps weiterhin selbstverwaltet gegen die Angriffe der Türkischen Armee verteidigt. „Wenn deine Hände in der Erde etwas anpflanzen, baust du Wissen und Energie auf. Du kannst Frauen aus Afrin nicht von der Natur trennen. Man denkt, in den Camps würde gar nichts wachsen. Doch wir haben alles angepflanzt. Davon getrennt zu sein, ist wie von der eigenen Schönheit, der Liebe des Lebens, des Geistes getrennt zu sein.“ Als im Herbst 2024 das Assad-Regime gestürzt wurde, nutzte die Türkei diesen Moment und griff die Region mit Luft- und Bodenangriffen durch SNA und das türkische Militär an. Am 2. Dezember 2024 wurden die Geflüchtetencamps evakuiert und die Menschen mussten erneut fliehen. Das „hat einen Einfluss auf die Menschen. Frauen sind am meisten beeinflusst. Weil sie oft ans Haus gebunden sind. Sie versorgen den Haushalt, ziehen die Kinder groß. Ob alles lebensnotwendige verfügbar ist oder nicht, ob es Arbeit gibt oder nicht, ob alles läuft oder nicht, es beeinflusst sie. Einige Probleme werden erlebt und Schwierigkeiten, durch dieses Fliehen“, erzählt eine der Frauen. Eine andere Frau fügt hinzu: „Als wir von Shehba fliehen mussten und hierher kamen, war Winter. Wir waren in der Kälte in Zelten. Aber die Frauen haben Widerstand geleistet und sich selbst in den Camps verteidigt, denn eine Frau, die nicht organisiert ist und sich nicht verteidigen kann, kann unter solchen Bedingungen nicht leben. […] Die Frauen ermutigen sich gegenseitig, um den Bedingungen zu trotzen.“ Manche Familien sind in die Städte gegangen, haben Arbeit aufgenommen, andere sind in andere Geflüchtetencamps gezogen, wie die Frauen dieses Interviews und wieder andere sind nach Aleppo gezogen. In Aleppo wurden sie in den selbstverwalteten Stadtteilen Shehmesud und Ashafriye in die dortige Nachbarschaftskommunen integriert und engagierten sich in den Komitees. Die restlichen Teile der Stadt Aleppo unterstehen der neuen Syrischen Übergangsregierung, die sich nach der Machtübernahme der islamistischen Miliz Hay’at Tahrir al-Sham (HTS) im Herbst 2024 bildete. Damit haben die zwei selbstverwalteten Stadtteile durch ihre Lage eine bedeutende Rolle und waren immer wieder Ort von Auseinandersetzungen. Die Übergangsregierung schürte Spaltungen und Hetze, vor allem gegen religiöse und ethnische Minderheiten in den selbstverwalteten Vierteln. In einem Verhandlungsprozess zur Integration der Selbstverteidigungseinheiten der Autonomen Selbstverwaltung, der Demokratischen Kräfte Syriens (QSD), in die Übergangsregierung wurde sich am 10. März 2024 auf ein Abkommen geeinigt. Das Ziel einer Demokratisierung sollte ein Syrien schaffen, in der alle dort ansässigen Menschen gemeinsam Heimat finden können. So lautet Punkt 7 des Abkommens: „Ablehnung von Aufrufen zur Spaltung, Hassreden und Versuchen, Zwietracht zwischen den Bevölkerungsgruppen Syriens zu säen.“ Und Punkt 5: „Gewährleistung der Rückkehr aller vertriebenen Syrerinnen und Syrer in ihre Städte und Dörfer und Gewährleistung ihres Schutzes durch den syrischen Staat.“In der Umsetzung des Abkommens und einer Dezentralisierung Syriens hatte Aleppo eine besondere Rolle. Die Demokratischen Kräfte Syriens übergaben die Wahrung der Sicherheit der selbstverwalteten Stadtviertel an interne Sicherheitskräfte, welche in den Selbstverteidigungskomitees der Kommunen wurzeln. Im April 2024 unterzeichnete der zivile Rat der Stadtviertel ein Abkommen mit der Syrischen Übergangsregierung. Darin wird bestätigt, dass die beiden Stadtteile selbstverwaltet bleiben und dennoch als Teil von Aleppo anerkannt werden, wobei die soziale und kulturelle Identität des Gebiets respektiert wird. Die Straßen in den restlichen Teil Aleppos sollten geöffnet werden und die Verantwortung über die Sicherheit der Viertel gemeinsam getragen werden. Gegen Ende des Jahres wurde immer klarer, dass die Prozesse der Demokratisierung und Dezentralisierung Syriens blockiert werden. Die daraus folgenden Spannungen zeigten sich vor allem in den Vierteln in Aleppo. Im Dezember wurden die Zufahrtsstraßen in die Viertel von den Regierungstruppen blockiert, sodass die Versorgung erschwert wurde. Es folgten militärische Auseinandersetzungen zwischen Regierung und internen Sicherheitskräften auf Angriffe auf Demonstrationen der Bevölkerung. Am 6. Januar 2026 griffen die Söldnermilizen der Syrischen Übergangsregierung und der Türkei mit schweren Waffen gezielt Zivilist*innen und Infrastruktur an. Sie mordeten und zerstörten. Das Şehid-Xalid-Fecir-Kranken-haus wurde von der Regierung zu einem militärischen Ziel erklärt und zerstört, wodurch die medizinische Versorgung von hunderten Verletzen verhindert wurde. Viele verließen die Viertel und begaben sich ins Ungewisse. Andere folgten dem Aufruf der Kommunen und Räte und beschlossen, in ihren Vierteln zu bleiben und Widerstand zu leisten. Die internen Sicherheitskräfte der Selbstverwaltung verteidigten die Viertel und leisteten Widerstand, während die islamistischen Söldnergruppen mit menschenverachtenden Methoden angriffen. Dabei filmten sie ihre Taten und stellten sie ins Internet, so dass die ganze Welt sehen konnte, wie sie gefangene Zivilist*innen demütigten und die Leichen der Ermordeten verstümmelten und schändeten. Den Körper einer ermordeten kurdischen Kämpferin warfen sie unter dem Gejohle von Islamisten aus dem dritten Stock auf die Straße. Gerade die Frauen erfahren besondere Gewalt durch die faschistisch-islamistischen Angreifer. Der Widerstandswille der Gesellschaft in Nord-und Ostsyrien ist groß. Die Herausforderungen, mit denen sie konfrontiert ist, auch. Mit ihrem Widerstand zeigt sie der Welt, dass Revolution, Selbstbestimmung und Frauenbefreiung möglich sind. Der 11. Januar 2026 war ein Tag von Verlust. Eine weitere Heimat wurde genommen. Der Widerstandskonvoi aus Aleppo wurde mit einer Stimmung voller Schmerz und Wut empfangen. Die Menschen riefen „Bijî Berxwedana Şêxmeqsûd, Bijî Berxwedana Eşrefiye!“ (Hoch lebe der Widerstand in Scheich Maksud und Aschrafia). Sie sangen: „Berxwedan Jiyan e!“ (Widerstand ist Leben). Sie schwenkten Fahnen und, trotz der Tränen in den Augen, des Schmerzes, den jeder Krieg bringt, steht eines für sie fest: nur ein widerständiges Leben kann Frieden bringen. Auch nach acht Jahren Besatzung Afrins sind die Menschen fest entschlossen zurückzukehren. „Alle sagen, die Milizen haben Afrin eingenommen, die Bäume gefällt, sie töten, besetzen und zerstören alles. Aber wir wollen auf unser Land zurückkehren. Wir werden Afrin wieder grün machen, so wie es vorher war. Wir Frauen haben diesen Glauben.“ So beendet eine der Frauen das Gespräch. Eine andere fügt hinzu: „Ich sage, wenn ich nach Afrin zurückkehre, werde ich auf die Spitze eines Berges gehen, ein Lehmhaus bauen und dort leben. Wir werden uns selbst versorgen. Wir werden zu unserer Kultur und Lebensweise zurückkehren, so dass wir die Jahre, die wir Afrin verlassen mussten, hinter uns lassen können.“ **Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es _hier._** ###### **Wir freuen uns auch über Spenden auf unserSpendenkonto.** Maria Blauwig, Nord-/Ost-Syrien, 15. Januar 2026 Leitartikel

#GWR506
Widerstand heißt Leben! – Berxwedan Jiyan e!

Die Angriffe in Aleppo und Nord-/Ost-Syrien aus Sicht von Kurd*innen, die nun erneut vertrieben werden
#Syrien
www.graswurzel.net/gwr/2026/01/widerstand-h...

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„Die Lösung ist die Dezentralisierung der Macht“ Sevînaz Evdikê (*1992 in Serêkaniyê, Rojava) hat in Nordkurdistan Film studiert. Sie war Mitbegründerin der Komîna Fîlma a Rojava, einem Filmkollektiv aus dem Westen Kurdistans. Die Filmemacherin war an vielen der Kollektivprojekte beteiligt und engagiert sich für die Darstellung der kurdischen Kultur und weiblichen Perspektiven im Film. Bekannt wurde sie durch die Filme „Home“ (2018) und „The Return: Life After ISIS“ (2021), die einen Fokus auf das Leben und die Erfahrungen von Frauen in den selbstverwalteten kurdischen Gebieten Syriens legen. Ihr Film „The Wedding Parade“ (2023) drückt Hoffnung inmitten von Krieg und Vertreibung aus. Aktuell arbeitet sie als Dozentin für Film an der Kunstakademie für Frauen in Hesekê. Im Rahmen des Kurdischen Filmfestival in Rojava im November 2025 bot sich GWR-Autor Robert Krieg die Gelegenheit zum Interview. (GWR-Red.) **Robert Krieg: Du hast mir gesagt, dass das Projekt Rojava nicht nur von außen, sondern auch von innen bedroht ist. Wirtschaftliche Interessen dominieren zunehmend das gesellschaftliche Leben und den gesellschaftlichen Diskurs. Kannst du diesen Prozess etwas näher beschreiben?** **Sevînaz Evdikê:** Das soziale Leben in Rojava basiert auf dem geselligen Beisammensein der Menschen und ihrer gegenseitigen Hilfe. Ich kenne viele Familien wie meine eigene, die in Armut lebte, aber wir hatten nie Probleme, uns zu ernähren. Wir hatten Nachbarn, die uns alle unterstützten. Aber jetzt hat sich die Situation aufgrund vieler Umstände stark verändert. Durch den Krieg ist die soziale Struktur zunehmend zerbrochen, und wir leben nicht mehr in unseren Herkunftsstädten. Ein großer Teil der Bevölkerung Rojavas ist vertrieben worden. Sie lebt nicht mehr in ihrer eigenen Community, und die soziale Unterstützung von früher existiert nicht mehr. Es gibt sie zwar noch, aber man muss seine Gemeinschaft neu aufbauen. Das ist etwas, was sich geändert hat, und wirtschaftlich haben die Menschen als Vertriebene zu kämpfen. Nach all den Bombardierungen 2023 spricht man nicht mehr über die Zerstörung der Infrastruktur, der Gas- und Ölversorgung, der Elektrizitätswerke. Aber sie hatte enorme Auswirkungen auf die Menschen in Rojava. Jetzt gibt es überhaupt keinen Strom mehr, es fehlt an Diesel, um im Winter für Wärme zu sorgen. Viele Menschen haben ihren Arbeitsplatz verloren, weil viele Einrichtungen zerstört wurden. Hinzu kommen die Handelsbeschränkungen, die die USA gegen Syrien verhängt hatten. Ende 2023 wurde alles sehr teuer. Das Embargo hat dazu wesentlich beigetragen. Das Gehalt eines Arbeitnehmers reicht nicht aus. Die Menschen müssen zwei oder drei Jobs ausüben, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass die Existenz vieler Nichtregierungsorganisationen (NGOs) in Rojava unser Sozialleben zerstört. Sie zahlen ihren Mitarbeiter und Mitarbeiter:innen mehr als 1000 Dollar, während die Mitarbeiter:innen der Selbstverwaltung weniger als 110 Dollar im Monat verdienen. Es gibt Geschäfte, in denen man 30, 40 Dollar für ein T-Shirt bezahlt, weil die Mitarbeiter der NGOs dort einkaufen. All dies bringt die Menschen in große Schwierigkeiten. Früher waren die Menschen bereit, Rojava zu verteidigen, aber jetzt kämpfen sie um ihr persönliches Überleben, es geht nicht mehr nur um die Bombardierungen. Wir verteidigen Rojava, aber es gibt so viele Probleme im Inneren, für die man eine Lösung finden muss. **Robert: Kann man sagen, dass das einen Einfluss darauf hat, dass die Menschen nicht mehr so sehr für die Revolution kämpfen wie früher? Dass sie viel mehr daran interessiert sind, private Dinge zu tun, um ihr wirtschaftliches Auskommen zu sichern?** **Sevînaz** : Ja, genau so ist es. Jetzt kämpfen die Menschen um ihr tägliches Überleben. Eine Familie mit Kindern kann nicht jeden Tag etwas für die größere Sache, für unsere Revolution, tun. Die Menschen müssen für ihre eigene Familie sorgen, was zu einem enormen Kampf wird. Im Jahr 2024 griff die türkische Armee den Tişrîn-Damm an. (1) Jeden Tag, wenn ich nach Heseke fuhr, sah ich an der Kreuzung am Rande der Stadt Hunderte von Menschen, die auf dem Weg dorthin waren, obwohl es sehr gefährlich war, weil die türkische Armee weiter bombardierte und keinen Unterschied zwischen Zivilist:innen und Kämpfer:innen machte. Sie töteten einfach Menschen. Aber die Menschen gingen dorthin. Viele unserer Freundinnen und Freunde gingen dorthin, und wir verloren viele von ihnen, sogar Künstler:innen. Ich würde also nicht sagen, dass die Menschen nicht bereit sind, Rojava zu verteidigen. Aber in Zeiten ohne Angriffe kämpfen die Menschen in ihrem Privatleben um ihre wirtschaftliche Existenz. > _**Das soziale Leben in Rojava basiert auf dem geselligen Beisammensein der Menschen und ihrer gegenseitigen Hilfe**_ **Robert: Die wirtschaftlichen Bedingungen, insbesondere im Alltag von Künstler:innen, wie wirkt sich das auf die Kreativität, auf die Ästhetik, den filmischen Erzählstil der kurdischen Filmemacher:innen aus?** **Sevînaz** : Ich habe keine allgemeingültige Antwort auf diese Frage. Ich kann nur von meinen persönlichen Erfahrungen berichten. **Robert: Ja, bitte.** **Sevînaz** : In meinem Leben gibt es zwei Dinge, die mir am wichtigsten sind. Ich könnte sehr erfolgreich sein, wenn ich sie miteinander verbinden könnte. Das eine ist das Kino, das andere die Revolution, um Rojava aufzubauen. Ich sage immer, wenn ich diese beiden Dinge in meinem Leben vereinen könnte, würde ich sagen, dass ich ein erfülltes Leben als Künstlerin und als Mensch aus Rojava geführt habe. Ich habe das in den letzten zehn Jahren seit 2015 versucht. Jetzt unterrichte ich an der Akademie 25 Studentinnen. Ich denke, ich kann immer noch etwas (zum Kino) beitragen, aber meine persönliche Erfahrung als Filmemacherin zeigt, dass es sehr anstrengend ist, da ich drei verschiedene Aufgaben gleichzeitig bewältigen muss. Zwei davon betreffen die Revolution im künstlerischen Bereich, die Förderung und Ausbildung von Künstlerinnen, aber die dritte ist rein wirtschaftlicher Natur. Das nimmt viel Zeit in Anspruch. Und im Moment kann ich nichts Kreatives erschaffen. Ich leiste zwar meinen Beitrag zum kreativen Leben in Rojava, aber persönlich schaffe ich nichts. Das macht mich traurig, aber ich denke, das ist eine Phase, die immer wieder vorkommt. Man muss eben das tun, was gerade nötig ist. **Robert: Die kurdischen Filme auf dem Festival werden, soweit ich das beurteilen kann, von Geschichten über militärische Kämpfe dominiert. Ich denke, das beeinflusst und beschränkt die Sicht auf die gesellschaftliche Entwicklung. Gesellschaftliche Entwicklung ist viel vielfältiger, sie besteht nicht nur aus Kampfhandlungen.** **Sevînaz** : Genau. **Robert: Ich spüre darin die Gefahr einer Militarisierung der Gesellschaft. Ich denke, das steht im Widerspruch zum Aufbau einer grundlegenden demokratischen Gesellschaft mit friedlichen Mitteln. Vielleicht kannst du dazu etwas sagen.** **Sevînaz** : Diese Frage habe ich mir auch schon oft gestellt. Genau deshalb ist es wichtig, junge Menschen darin zu schulen, sich so auszudrücken, wie sie es möchten. All diese Filme, die sich mit dem Militär und dem bewaffneten Kampf befassen, gehen darauf zurück, dass man die Verantwortung hat, über die Ereignisse hier zu berichten. Und leider drehte sich unser Leben zumindest in den letzten zehn Jahren ausschließlich um die militärische Verteidigung von Rojava. Ich denke, was fehlt, sind Filme über die soziale Struktur, den Wiederaufbau des sozialen Lebens und die Fokussierung darauf. Es geht jetzt darum, dafür mehr Möglichkeiten zu schaffen. Denn es gibt Menschen, die gern mehr über soziale Strukturen und ihren Aufbau informieren würden. Die derzeitigen Möglichkeiten beschränken sich darauf, über Rojavas Selbstverteidigung zu berichten. Ich wünsche mir, dass wir in Zukunft genügend Möglichkeiten für Menschen haben werden, sich auszudrücken – in Experimentalfilmen, in Filmen, die die sozialen Strukturen thematisieren, in Filmen, die auch kritisch mit unseren eigenen Problemen umgehen. Doch momentan sind unsere Möglichkeiten sehr begrenzt, und das liegt an dem Verantwortungsgefühl, über die aktuellen Geschehnisse in Rojava sprechen zu müssen. **Robert: Auf dem Festival laufen viele Filme über Frauen, aber nur wenige haben Regie geführt. Woran liegt das? Rojava kämpft für die Gleichberechtigung der Frauen. Könnte eine Quote helfen?** **Sevînaz** : Ich glaube nicht, dass das das Problem ist. Vielleicht ändert sich das in Zukunft, ähnlich wie das gesellschaftliche Leben. Im wörtlichen Sinn ist man künstlerisch gleichberechtigt. Aber die gesellschaftliche Situation von Frauen hier ist wirklich schwierig. Es ist ein Kampf, der leider schon seit über zehn Jahren andauert. Es ist nicht so, dass wir einfach entscheiden und das Kunstleben hier gemeinsam gestalten. Wir haben unsere eigenen Institutionen als Frauen. Ich gehöre einer reinen Fraueninstitution an. Und wir versuchen, etwas zu schaffen. Aber es gab viele Männer, die sofort nach Beginn der Revolution loslegen konnten, während die Frauen erst einmal kämpfen mussten, um überhaupt rauszugehen, um zu lernen und dann erst einmal kreativ werden zu können. Deshalb sind wir etwas unterrepräsentiert, aber hoffentlich ändert sich das in Zukunft. Wir haben dazu eine Statistik erstellt. In Frauenkollektiven haben wir die Anzahl der Frauen erfasst, die in Rojava an Filmen mitwirken. Und es gibt mehr Frauen als Männer, die im Filmbereich tätig sind. In allen Bereichen. Als Schauspielerinnen, hinter der Kamera und als Produktionsassistentinnen, insbesondere in Produktionsteams. Aber als Regisseurinnen sind wir unterrepräsentiert. Das liegt daran, dass die Männer, die in der Filmbranche begonnen haben, bereits ausgebildet waren und die Kamera bedienen konnten. Sie konnten früher Filme machen, auch wenn es noch wenig war. Wir hingegen mussten uns abmühen, überhaupt das Haus zu verlassen, Ausreden finden und dafür kämpfen, zwei Monate am Set zu sein. Es ist also nur eine Frage der Zeit, aber meiner Meinung nach keine Frage der Qualität. Denn die Qualität von Männern und Frauen ist gleich, insbesondere im Filmbereich. Das ist meine eigene Erfahrung. **Robert: Du arbeitest als Dozentin an der kürzlich gegründeten Kunstakademie für Frauen in Hesekê. Es gibt aber auch eine kürzlich gegründete Kunstakademie in Derik. Was ist der Unterschied? Warum ist es Dir wichtig, an dieser Kunstakademie für Frauen zu arbeiten und generell eine solche Kunstakademie speziell für Frauen zu gründen?** **Sevînaz** : Aus meiner eigenen Erfahrung und der vieler Frauen hier, die im Kunstbereich arbeiten, weiß ich, dass wir zwar in jeder Institution ein System der Koexistenz und unsere eigenen Entscheidungsprozesse haben. Wir haben aber mit Männern zusammengearbeitet, die – ich würde sagen – seit Jahrhunderten dachten, sie seien die Anführer. Es war sehr schwierig, ein Gleichgewicht zu finden zwischen einem Mann, der sich als Anführer sieht, kreativ ist und versucht, sich im Zuge der Revolution zu verändern, aber es eigentlich nicht wirklich versucht, weil er bereits die bessere Position hat. Es ging darum, ein Gleichgewicht zwischen solch einem Mann und den unerfahrenen Frauen zu finden, deren allergrößter Traum es sein würde, ein Universitätsstudium abzuschließen und einen Angestellten-Job zu finden, ohne an irgendeinem kreativen Leben teilzuhaben. Obwohl das System also nach dem Prinzip der Gleichberechtigung geschaffen wurde, war die Situation von Männern und Frauen alles andere als gleichberechtigt. Deshalb dachten wir, wir schaffen einen Raum nur für Frauen, in dem sie sich frei, authentisch und wohlfühlen können. Die Frauen hier fühlen sich unter Männern nicht wirklich wohl. An unserer Akademie können sie beginnen, sich frei ausdrücken. Und genau aus diesem Grund wurde diese Institution gegründet. Von der Frauenbewegung, die sich seit jeher dafür einsetzt, dass Frauen ihren eigenen Weg gehen und ihren eigenen Raum haben. Auch wenn sie mit Männern gleichberechtigt zusammen arbeiten. Das System ist so eingerichtet, dass es ihre Rechte respektiert. Trotzdem brauchen sie ihren eigenen Raum, und ich sehe bereits die Ergebnisse. Die Frauen an unserer Akademie sind jetzt sehr unabhängig und stark; sie sagen, was sie denken. Das habe ich in all den Jahren, in denen ich in den Institutionen von Rojava gearbeitet habe, trotz der Revolution nicht erlebt. **Robert: Meine nächste Frage ist viel allgemeiner. Es gibt eine neue Regierung in Damaskus, und ich denke, sie bedroht alle Errungenschaften der Frauenrevolution hier in Rojava. Wie kann man sie verteidigen? Was ist der richtige Weg? Meine Idee war immer die Einführung eines föderalen Systems. Ich weiß nicht, wie Du darüber denkst, was ein guter Weg sein könnte, um die Frauenrevolution in Rojava so fortzusetzen, wie Ihr es bisher getan habt.** **Sevînaz** : Die neue Regierung in Damaskus ist furchterregend, ein Grauen. Wir haben Videos, die zeigen, wie diese neuen Machthaber in Damaskus Zivilist:innen in Kobanê und Rakka töten und Frauen abschlachten. Es ist schwer, sich ein Zusammenleben mit ihnen vorzustellen, obwohl unser System der autonomen Verwaltung ja gerade auf Koexistenz besteht. Dafür haben wir all die Jahre gekämpft. Ich persönlich kann mir ein Zusammenleben mit der neuen Macht in Damaskus nicht vorstellen. Für uns steht immer die Dezentralisierung der Regierung im Vordergrund. Denn es geht nicht nur um die Selbstverwaltung. Es gibt außerdem die Alawiten im Land, die verängstigt sind, die alawitischen Frauen, die immer für ihre Offenheit und ihren freien Willen bekannt waren. Ich habe Kontakt mit ihnen und weiß, wie verängstigt sie sind. Sie weigern sich, ihre Häuser zu verlassen. Und dann sind da noch die Drusen im Süden. Es geht nicht nur um die Selbstverwaltung, die in den letzten zehn Jahren daran gearbeitet hat, eine Form der Koexistenz zu entwickeln. Sowohl zwischen allen ethnischen Gruppen, als auch zwischen Männern und Frauen. Die Lösung ist die Dezentralisierung der Macht. Es gibt keinen anderen Weg. Vor allem jetzt werden neue Regeln eingeführt, und für mich sind sie zuallererst gegen Frauen gerichtet. Ich kann mir nicht vorstellen, in solch einem Land zu leben. Deshalb hoffe ich, dass wir eine dezentralisierte Regierung bekommen werden. Ich weiß nicht, wie genau, aber ich wünsche mir einfach, dass wir das Recht haben, selbst über uns zu entscheiden. **Robert: Vielleicht kannst du noch etwas Positives, Hoffnungsvolles für die Zukunft hinzufügen?** **Sevînaz** : Weißt du, ich komme aus Rojava, ich bin hier aufgewachsen, es ist mein Land, und ich kann mir nicht vorstellen, woanders auf der Welt zu leben. Ich fühle mich mit meiner Familie und meiner Gemeinschaft sehr verbunden. Gemeinschaft im Sinne von den Menschen, mit denen ich aufgewachsen bin, aber auch Gemeinschaft im Sinne der Menschen, mit denen ich das kreative Leben in Rojava geteilt habe. Es wäre nicht möglich gewesen, all das zu tun, was ich jetzt tue, wenn ich nicht aus einer so aufgeschlossenen Familie käme. Es gibt so viele kleine Dinge, für die ich jeden Tag dankbar bin. Und das sehe ich jeden Tag in den Augen vieler Frauen und Menschen, wenn ich durch die Straßen gehe. Ich wünsche mir sehr, dass das so weitergeht, dass wir Erfolg haben, besser werden, wachsen und sogar die bestehenden Programme verbessern. (1) Türkische Drohnen bombardierten ab dem 10. Dezember 2024 den Tişrîn-Damm am Euphrat, der unbeschädigt und wenn es die Wasserblockade der Türkei nicht gäbe, große Teile der Region Nord- und Ostsyrien mit Strom versorgen kann. Hunderte Menschen aus Nord- und Ostsyrien fuhren zum Staudamm, um gegen die Bombardierung zu protestieren und ihn gemeinsam unter Einsatz ihres Lebens zu schützen. Unter den Schwerverletzten gab es die Menschenrechts- und Klimaaktivistin Lea Bunse aus Baden-Württemberg und den Physiotherapeuten und humanitären Helfer Jakob Rihn aus Brandenburg. Dr. phil. Robert Krieg ist Filmemacher und Soziologe. Im November 2025 erschien in der GWR 503 sein Interview mit der italienischen Sozialistin Luciana Castellina: „Wer Krieg führt, wird immer von imperialen Interessen genährt“. Für seinen aktuellen Dokumentarfilm „Tevî her tiştî – Trotz alledem“ (2025) ist er in den Norden Syriens gereist und hat Frauen in ihrem Alltag begleitet. Inmitten des bewaffneten Konflikts gestalten die Frauen dort ihre eigene Zukunft: selbstverwaltet, solidarisch, gleichberechtigt – jenseits von Fremd- bestimmung und Unterdrückung. **Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es _hier._** ###### **Wir freuen uns auch über Spenden auf unserSpendenkonto.** Leitartikel

#GWR506
„Die Lösung ist die Dezentralisierung der Macht“

Robert Krieg im Gespräch mit der kurdischen Filmemacherin Sevînaz Evdikê über die Situation von Frauen in Rojava und das islamistische Regime in Damaskus

www.graswurzel.net/gwr/2026/01/die-loesung-...

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Debanking Das Trump-Regime hat die „Antifa-Ost“ und den Antifaschismus allgemein als terroristisch eingestuft. Agieren die Postbank, die Sparkassen, aber auch die sozial-ökologische Gemeinschaftsbank GLS nun als verlängerte Arme des Trump-Regimes? Offensichtlich. Der antifaschistischen Hilfsorganisation Rote Hilfe, der DKP und dem Anarchist Black Cross wurden die Konten gekündigt. Auch die GWR ist vom Debanking betroffen. So wurden zwei Konten von Buchverlag und Zeitschrift Graswurzelrevolu- tion schon im Juli 2025 von der Postbank ohne Angabe von Gründen gekündigt. (GWR-Red.) In der Weimarer Republik wurden von der Gefangenenhilfsorganisation „Rote Hilfe“ bei Hausbesuchen „Mitgliedsmarken verkauft und die Spenden vor allem im Arbeitermilieu noch von aktiven Mitgliedern gesammelt“. (1) Als die Rote Hilfe ihre Finanzangelegenheiten von Banken erledigen ließ, warnten sogar ältere Mitglieder mit Erinnerung an ihre physisch durchgeführten Sammelaktionen davor, doch sie konnten nicht aufhalten, was dann als „Fortschritt“ gewertet wurde. Damals stand die Rote Hilfe der KPD nahe, heute ist sie eine parteiunabhängige, strömungsübergreifende linke Schutz- und Solidaritätsorganisation. **Zeitsprung** Ende 2025 ging durch die Presse von zivilgesellschaftlichen Organisationen und linker Parteien, dass die Sparkasse Göttingen und die GLS-Bank der DKP zum Jahresende 2025 die Konten gekündigt hat. Diese Tendenz des so genannten „Debanking“ hatte ihre zeitgenössischen, aktuellen Anfänge im Jahr 2020, noch unter der Biden-Regierung in den USA. Besonders für die Schweiz, das europäische Bankenzentrum, wurde damals gemeldet: „Immer mehr Banken führen keine Inlandszahlungen mehr durch, die einen Bezug zu Kuba haben. Konkret: Mitgliederbeiträge und Spenden an Solidaritätsorganisationen werden verweigert. Es ist die Umsetzung der Verschärfungen der US-Blockade gegen Kuba hier bei uns.“ (2) Unter der faschistischen Trump-Regierung hat sich dieses Debanking qualitativ verschärft, auch nachdem die US-Regierung Antifaschismus generell als Terrorismus eingestuft hat und im Hinblick darauf, dass der nächste „Hinterhof-Krieg“ des FIFA-Friedenspreisträgers Trump – neben Dänemark/Grönland – auch gegen Kuba gerichtet sein könnte. Dass die staatssozialistischen, militaristischen Regierungen von Ländern wie Kuba und Venezuela längst den einst von Hugo Chávez verkündeten „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ verraten und ihre Bevölkerung in die flächendeckende Armut gestürzt haben, mit rund acht Millionen Geflüchteten z. B. aus Venezuela, entschuldigt keineswegs imperialistische Angriffskriege, bei denen es ausschließlich um die kapitalistische Ausbeutung und Aneignung von Öl und anderen Bodenschätzen geht. **Wie der Verlag Graswurzelrevolution vom Debanking durch die Postbank betroffen war** Seit 2020 gibt es eine Reihe von neuen Fällen des so genannten Debanking, durchgeführt von vielen Banken: Gemeint ist darunter „die politisch gelenkte Aufkündigung geschäftlicher und privater Bankkonten“. (3) Denn im Kapitalismus sind die sich als „neutral“ darstellenden Banken alles andere als politisch neutral. Sie entwickeln sogar faktisch eine Haltung des vorauseilenden Gehorsams, die nach Étienne de la Boëties Schrift von 1550 als klassischer Fall von „freiwilliger Knechtschaft“ gelten kann. (4) Ende Dezember 2025 meldete der Bundesvorstand der Roten Hilfe, dass innerhalb weniger Tage zunächst die Sparkasse Göttingen, dann die GLS-Gemeinschaftsbank der als Verein eingetragenen Organisation ihre Geschäftskonten gekündigt haben. Die Kündigungen werden zum 9. Februar 2026 wirksam; die Rote Hilfe klagt dagegen und führt eine Kampagne der kritischen Öffentlichkeitsarbeit durch. Dabei sind die hier kündigenden Banken geradezu exemplarisch unterschiedlich strukturiert: „Die Sparkassen sind per Gesetz einem öffentlichen Versorgungsauftrag verpflichtet. Die GLS-Bank ist nicht nur ein sozial-ökologisch ausgerichtetes Bankinstitut, sie steht als Genossenschaftsbank in direkter Verantwortung gegenüber ihren Mitgliedern. Umso gravierender ist es in diesem Fall, eine über viele Jahre bestehende Kundenbeziehung mit einem Genossenschaftsmitglied abrupt zu beenden.“ (5) In diesem Zusammenhang waren auch wir vom Verlag Graswurzelrevolution (Zeitung & Buchverlag) vom Debanking betroffen: Zwei unserer drei Konten bei der Postbank wurden von Letzterer Anfang Juli 2025 ohne Angabe von Gründen gekündigt. Die Rote Hilfe, die mit 19.000 Mitgliedern ein Vermögen von rund zwei Millionen Euro verwaltet, hatte sogar Konten bei mehreren Banken angelegt, vergeblich: Schon vor einem Jahr erhielt sie, wie später auch die Zeitschrift Graswurzelrevolution und der Buchverlag Graswurzelrevolution, die Kündigung ihrer Geschäftskonten bei der Postbank. Wie üblich wurden die Kündigungen durch die Postbank mit Verweis auf die Geschäftsordnung nicht begründet und müssen angeblich auch nicht begründet werden. Uns vom Verlag Graswurzelrevolution gelang es mit Mühe, viel bürokratischer Hartnäckigkeit und auch mit anwaltlicher Hilfe, die Gelder von den gekündigten Konten loszueisen und nach einem längeren Suchprozess neue Konten einzurichten. Gerade weil die Postbank keinerlei Gründe angab, überschlugen sich bei uns meist unbelegte Gerüchte und Vermutungen über die Gründe der Kündigung, bis hin zur These, dass dahinter die jahrelange Benennung der Graswurzelrevolution im Verfassungsschutzbericht als offiziell „verfassungsfeindliche“ Organisation stehe. Das ist nicht ausgeschlossen. Hartmut Brückner vom Vorstand der Roten Hilfe meinte jedoch auf unsere Nachfrage, wie er unsere Kündigungen bei der Postbank bewerte, dass das hauptsächlich geschäftspolitische Ursachen habe, die mit der ökonomischen Restrukturierung der Postbank und ihrer monetären Abhängigkeit von der Deutschen Bank und deren ökonomischen Rationalisierungsvorgaben zusammenhänge. (6) Als die Graswurzelrevolution bereits 1981 ihre Geschäftskonten bei der Postbank eröffnet hat, war diese noch eine Anstalt öffentlichen Rechts. Und viele Jahre spielte dabei keine Rolle, dass die Graswurzelrevolution zum Teil prominent im Verfassungsschutzbericht als „verfassungsfeindlich“ eingestuft wurde. 2008/2009 wurde die Postbank von der Deutschen Bank übernommen und gehorcht nun mindestens deren ökonomischen Vorgaben. Bei der Suche nach alternativen Banken spielten Tipps und Erfahrungen, zum Teil mit Privatkonten, aus unseren eigenen Reihen eine Rolle. Durch das gleichzeitig betriebene Debanking der Postbank gegen die Rote Hilfe erfuhren wir, dass die Rote Hilfe seit vielen Jahren bereits Konten bei der GLS-Bank hatte. Weil es im August 2025 nur Empfehlungen aus unseren Reihen und keine Verdachtsmomente gab, haben wir also unsere Geschäftskonten für Zeitung und Buchverlag neu bei der GLS-Bank eingerichtet, die uns auch angenommen hat. Dass sich nun gerade die GLS-Bank an aktuellen Debanking-Praktiken beteiligt, ist für uns neu und erschütternd. Woran liegt das? **Der SWIFT-Druck wegen Antifa-Ost und weitere Varianten des Debanking** Nach Einschätzung der Roten Hilfe stehen die Kündigungen so unterschiedlich strukturierter Banken wie der Sparkasse Göttingen und der GLS-Genossenschaftsbank in direktem Zusammenhang mit der Listung durch die US-Trump-Regierung der so genannten „Antifa Ost“ als ausländische Terrororganisation. Auf die Frage der nd-Redakteurin Jule Meier, ob die Rote Hilfe die „Antifa Ost“ finanziert, antwortete Alex Schneider von der Roten-Hilfe-Ortsgruppe Berlin im nd vom 23.12.2025: „Das ist Quatsch! Schon deshalb, weil die ‚Antifa Ost‘ nur ein von der deutschen Justiz mithilfe eines fragwürdigen Kronzeugen ersponnenes Konstrukt ist. Es gibt keine Organisation ‚Antifa Ost‘.“ Obwohl die Bundesregierung meint, dass von dem Konstrukt „Antifa Ost“ keine Gefährdung ausgehe, entfaltet die US-Einstufung globale Wirkung, vor allem über eine monetäre Druckausübung auf das internationale Zahlungssystem SWIFT, in das heute jede Bank eingebunden ist, um national und international Überweisungen durchführen zu können. Die Rote Hilfe schreibt in ihrer Presseerklärung zum Debanking durch Sparkasse und GLS-Bank im Zusammenhang mit dem über SWIFT ausgeübten Druck: „Diese Infrastruktur (SWIFT; d. A.) gilt als technisch neutral und unterliegt EU-Recht, folgt aber aufgrund der Dominanz des US-Dollars in der Praxis außenpolitischen Vorgaben der USA. Dieser Druck trifft auch die deutsche Gesellschaft. Jetzt ist es eine deutsche linke Solidaritätsorganisation – und zwei Banken beugen sich ohne erkennbare rechtliche Notwendigkeit.“ (7) > _**Unter der faschistischen Trump-Regierung hat sich dieses Debanking qualitativ verschärft, auch nachdem die US-Regierung Antifaschismus generell als Terrorismus eingestuft hat und im Hinblick darauf, dass der nächste „Hinterhof-Krieg“ des FIFA-Friedenspreisträgers Trump – neben Dänemark/Grönland – auch gegen Kuba gerichtet sein könnte.**_ Wie schon bei der politischen Kategorie der „Technologieoffenheit“, die in Wirklichkeit für die Propaganda der Atomenergie eingesetzt wurde und jetzt für die Revidierung des Verbrenner-Aus, sowie für alle Arten der KI, erweist sich auch die angebliche politische „Neutralität der Banken“ als Mythos. Sie verdeckt die faschistisch-imperialistische Dominanz der Trump-Politik sowie die knechtische Haltung der Banken, die dem Geschleime der Tech-Milliardäre Zuckerberg, Bill Gates und Konsorten gleicht. Die Rote Hilfe meint, dass „autoritäre Politik zunehmend über technische und wirtschaftliche Infrastrukturen durchgesetzt wird“. Sie beklagt insbesondere, dass sich „eine genossenschaftlich organisierte Bank wie die GLS (…) diesem Mechanismus anschließt, linken Organisationen kündigt, und die Opposition schwächt“. (8) Neben den Konten von Rote Hilfe und DKP wurden auch Konten von Gruppen der Klimagerechtigkeitsbewegung und der Dresdener Gruppe „Anarchist Black Cross“ gekündigt. In Nordrhein-Westfalen hat die Postbank im Oktober 2025 rund 300 regionalen Ortsgruppen der Gewerkschaft ver.di die Konten gekündigt, in der Folge ihrer Proteste gegen die geplanten Schließungen von 250 Postbank-Landesfilialen; ganz nach rationalisierungspolitischer Maßgabe der Deutschen Bank. (10) **Der Protest organisiert sich: Nicht klein beigeben!** Aufgrund der SWIFT-Abhängigkeiten laufen Überweisungen mit explizit angegebenem Verwendungszweck für die „Antifa Ost“ nun generell Gefahr, vom Debanking betroffen zu werden. Auch in Dresden vor Gericht gestellte Mitglieder der so genannten „Hammerbande“ stehen auf den SWIFT-Listen der von Trump diffamierten „terroristischen“ Antifa-Gruppen. Selbst wenn diese Gruppen keine bestehende formal-organisatorische Struktur aufweisen, könnten fortan Banken, die „Konten linker Organisationen und Vereine führen“, kalte Füße bekommen (11) und in vorauseilendem Gehorsam handeln. Hartmut Brückner vom Vorstand der Roten Hilfe hat uns dahingehend ein wenig beruhigt, dass er meinte, die Nennung im Verfassungsschutzbericht sei keine hinreichende Bedingung für eine Kontokündigung, da müssten schon explizit im Überweisungsträger Kuba oder die Antifa-Ost benannt werden, um in Gefahr zu geraten. (12) Keine Panik also und bitte auch nicht ohne Protest klein beigeben! Auch der Protest gegen die GLS-Bank beginnt, sich zu organisieren. Mittlerweile gibt es Protest-Webseiten gegen das Debanking. (13) Auf dem letzten bundesweiten Kongress des „Chaos Computer Club“ am 27.12.2025 in Hamburg fand eine Veranstaltung „Debanking und die Folgen für die Rote Hilfe“ statt (14). Zudem gibt es Planungen, auf der nächsten Jahreshauptversammlung der GLS-Bank im Juni 2026 öffentlich zu protestieren. (15) Und es gibt inzwischen einen von vielen Organisationen unterzeichneten Offenen Brief als Protest gegen die Debanking-Praktiken der GLS-Bank. (16) **Gericht verpflichtet Sparkasse Göttingen zur Fortführung des Kontos der Roten Hilfe** Am 16. Januar 2026 hat das Landgericht Göttingen die Sparkasse verpflichtet, das Konto der Roten Hilfe weiterzuführen. (17) Die Kündigung sei rechtswidrig gewesen, weder erhöhter Prüfaufwand noch Reputationsbedenken rechtfertigten diesen Schritt. Das Urteil macht Mut und setzt ein klares Zeichen gegen politisch motivierte Kontokündigungen. (1) Peter Nowak: Debanking als politische Waffe, in: overton-magazin, 30.12.2025, siehe: https://overton-magazin.de/top-story/debanking-als-politische-waffe/ (2) Nowak, ebenda. (3) LCM-Redaktion: Von der unkonventionellen Kriegsführung gegen die Linke, 29. Dezember 2025, siehe: https://lowerclassmag.com/2025/12/29/von-der-unkonventionellen-kriegsfuehrung-gegen-die-linke/ (4) Siehe: https://www.projekt-gutenberg.org/boetie/knechtsc/knechtsc.html (5) Vgl. Pressemitteilung der Roten Hilfe, 23.12.2025, siehe: https://rote-hilfe.de/meldungen/kontokuendigung-wegen-antifa-banken-vollstrecken-us-politik-deutschland (6) Telefonat des Autors mit Hartmut Brückner, Vorstand der Roten Hilfe, vom 26.12.2025. (7) Pressemitteilung der Roten Hilfe, 23.12.2025, siehe Anm. 5. (8) Zit. nach: Ebenda. (10) Pressemitteilung von ver.di, 20.11.2023. Filialschließungen bei der Postbank: ver.di ruft auch in NRW zu weiteren Protestaktionen auf; ver.di Landesbezirk Nordrhein-Westfalen, siehe: https://nrw.verdi.de/presse/pressemitteilungen/++co++6fb5639a- 87b0-11ee-85af-b715ea6eb7d7 ; der Autor dieses Artikels erhielt interne Informationen dazu von ver.di-Mitgliedern aus NRW. (11) LCM-Redaktion, 29. Dezember 2025, a.a.O., siehe Anm 3. (12) Telefonat des Autors mit Hartmut Brückner, siehe Anm. 6. (13) Etwa im Aufbau: vernetzung.gls/debankingstoppen.de; siehe auch Telegram: https://t.me/debankingstoppen ; Mastodon: https: climatejustice.social/@debankingstoppen ; sowie Petition gegen GLS-Bank: https://www.change.org/p/fordern-sie-die-r%C3%BCcknahme-der-kontok%C3%BCndigungen-der-gls-bank (14) Vgl.: https://rote-hilfe.de/meldungen/debanking-und-die-folgen-fuer-die-rote-hilfe-ev; siehe auch: Peter Nowak: Debanking als politische Waffe, siehe Anm. 1. (15) LCM-Redaktion, 29. Dezember 2025, a.a.O., siehe Anm. 3. (16) Siehe: https://debankingstoppen.de/offener-brief (17) Pressemitteilung der Roten Hilfe vom 16. Januar 2026: https://rote-hilfe.de/meldungen/gericht-verpflichtet-sparkasse-goettingen-zur-fortfuehrung-des-kontos-der-roten-hilfe In einer früheren Version des Artikels wird über die Berliner FAU berichtet und davon, dass auch diese betroffen (gewesen) sei. Diese Darstellung ist falsch, wir haben die betreffenden Passagen aus dem Text entfernt und bitten um Entschuldigung für den Fehler. **Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es _hier._** ###### **Wir freuen uns auch über Spenden auf unserSpendenkonto.**

#GWR506 Debanking

Deutsche Banken und die Anti-Antifa-Politik des Trump-Regimes

https://www.graswurzel.net/gwr/2026/01/debanking/

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Geborgenheit und Frauenpower „Geborgenheit spielt eine wichtige Rolle in emanzipatorischen sozialen Bewegungen und trägt dazu bei, dass Menschen langfristig aktiv und widerständig sein können“, schreibt Clara Tempel in ihrem im Oktober 2025 im Verlag Graswurzelrevolution erschienenen Buch „Politische Geborgenheit. vor*ankommen in sozialen Bewegungen“ (1). Die Autorin wurde 1995 in eine anarchistisch-widerständige Familie im Wendland geboren und ist mit der Anti-Atomkraft-Sonne aufgewachsen. Die Hebamme und Sozialpädagogin Katja Tempel (* 1963) ist Claras Mutter und seit den 1980er Jahren aktiv in der Graswurzelbewegung. Neben X-tausendmal quer hat sie büchel65 und gorleben365 mitinitiiert. Momentan koordiniert sie das Seenotrettungsprojekt CompassCollective (2) im Mittelmeer. Die Pädagogin und Pazifistin Helga Tempel (* 1932) ist Katjas Mutter und Claras Oma. Sie ist als gewaltfreie Aktivistin eine prägende Person der Ostermarsch- und Friedensbewegung und seit 1962 mit Konrad Tempel verheiratet. (GWR-Red.) **Graswurzelrevolution (GWR): Liebe Helga, liebe Katja, liebe Clara. Ihr alle seid ein Leben lang aktiv in den Sozialen Bewegungen. Was waren prägende Erlebnisse, die Euch inspiriert haben?** Katja Tempel: Es gab für mich gar kein prägendes Ereignis. Es war die Stimmung in der ich aufgewachsen bin. Es gehörte so alltäglich mit zu meinem Lebensalltag als Jugendliche in unserem Elternhaus. Nachdem ich mich schon längst für Gewaltfreien Widerstand entschieden hatte und an Blockaden beteiligt war, war ein einschneidendes Erlebnis der Beschuss aus Wasserwerfern. Bei einer Blockade eines Atomwaffenlagers wurden diese mit Hochdruck gegen uns eingesetzt. Ich bekam den vollen Strahl gegen meinen oberen Rücken, so dass ich nicht mehr atmen konnte. In diesem Moment hätte ich mich für Wut und Aggression gegen die Aggressoren entscheiden können, aber beides kam nicht. Stattdessen eine tiefe innere Ruhe, dass das genau so sein soll. Das die Polizei sich total deligitimiert, wenn sie gegen Menschen, die einfach nur auf der Straße hocken, so gewaltsam vorgeht. Eine Idee von: Das ist richtig, was du machst. Du bist am richtigen Ort. Das, was ich später als Ahimsa kennengelernt habe, als ich die Bewegung in Indien vor Ort studierte, war deutlich spürbar. Eine transformierende Kraft, die den Gegner mit hineinnimmt in die Idee einer Gesellschaft, die sich auch transformieren kann – zusammen mit allen, die jetzt noch Gewalt anwenden, aber später auf unserer Seite sitzen werden. Clara Tempel: Für mich war das Aufwachsen im Wendland prägend. Ich bin in den Widerstand gegen die Atommülltransporte hineingewachsen und habe von Anfang an gelernt, wie wichtig es ist, sich einzumischen. Aber auch, dass es manchmal einen langen Atem braucht, bis der Erfolg einer Sozialen Bewegung sichtbar wird. Der Atomausstieg 2023 war ein sehr besonderer Moment, in dem deutlich geworden ist, welche Kraft unsere politische Arbeit entfalten kann. Helga Tempel: Ich habe den Zweiten Weltkrieg in meiner Kindheit hautnah erlebt, die Nächte im Luftschutzkeller, die Angst um meine Eltern in Hamburg, während ich in der Kinderlandverschickung war, einige Bombennächte beim „Heimaturlaub“ in Hamburg und kurz vor Kriegsende dann direkten Tieffliegerbeschuss bei Aufenthalten im Freien. Ich war entschlossen, alles zu versuchen, dass andere Menschen so etwas nie erleben müssen. Schon bei sehr frühen Protestaktionen spürte ich, dass es mir gut tat, zusammen mit anderen aktiv zu sein und mich für den Frieden auf verschiedenen Ebenen einzusetzen. **GWR: Helga, 1960 hast Du zusammen mit Konrad und anderen antimilitaristischen Aktivist*innen die Ostermarschbewegung mit ins Leben gerufen. Wie kam es dazu? Was hat Dich motiviert? Wie blickst Du heute auf die Friedens- und Ostermarschbewegungen?** Helga: Ich war als Heranwachsende sehr beeinträchtigt vom Kriegsgeschehen meiner Kindheit und von dem, was ich unter dem Faschismus selbst erlebt hatte und vor allem aber später erfuhr. In mir wuchs die Gewissheit: So etwas darf sich nie wiederholen. Seit 1954 engagierte ich mich gemeinsam mit Konrad, meinen Partner und späteren Ehemann, für Kriegsdienstverweigerung und Alternativen zur Gewalt, auch in internationalem Rahmen. Wir haben die ersten deutschen Kriegsdienstverweigerer bei ihren sog. „Gewissensprüfungen“ vertreten. Die Nachricht von Atomwaffen, die bei Bergen in der Nordheide, also ganz nahe am ehemaligen KZ Bergen-Belsen, gelagert seien, um ihren Einsatz zu üben, machte uns wütend und brachte uns auf die Idee eines norddeutschen Sternmarsches zu dieser „Stätte der Vernichtung“. So organisierten wir 1960 den ersten viertägigen „Ostermarsch gegen Atomwaffen in Ost und West“ mit vier Marschsäulen aus Hamburg, Bremen, Hannover und Braunschweig. Dass sich zur Abschlusskundgebung in Bergen-Hohne dann mehr als 1000 Menschen versammelten – eine für die damalige Zeit sehr hohe Zahl – hatten wir nicht erwartet. Anfangs waren wir bei allen folgenden Ostermärschen dabei und arbeiteten aktiv im bundesweiten Zentralen Ausschuss mit. Später dann konzentrierten wir uns stärker auf die Arbeit für zivilen Widerstand und Gewaltfreiheit. Wir empfanden die späteren Folgeveranstaltungen insgesamt durch die zeitlich begrenzte Form eher als einen „Osterspaziergang“; die breite Palette der Forderungen – auch wenn wir diese eigentlich unterstützten – schwächte unseres Erachtens die ehemalige Stoßkraft mit der Fokussierung auf atomare Waffen beider Seiten. Die heutige Friedensbewegung, wenn es sie denn in dieser klaren Form wie etwa in den achtziger Jahren überhaupt noch gibt, enttäuscht mich eher. So sehr ich die vielfachen Ansätze von „Sicherheit neu denken“ bis zur Versöhnungsarbeit im Blick habe und zu schätzen weiß: Ich wünschte mir mehr kraftvolle Proteste mit deutlicherem Engagement und langem Atem – und auch in überzeugender Größe. **GWR: Helga, Du wurdest als gewaltfreie Aktivistin Mitte der 1950er Jahre Mitglied der Internationale der Kriegsdienstgegner (IdK) und warst engagiert in der Beratung für Kriegsdienstverweigerer. Wie blickst Du auf die momentanen Bestrebungen von Regierung und Rüstungslobby, massiv aufzurüsten und die seit 2011 ausgesetzte „Wehrpflicht“ wieder einzuführen?** Helga Tempel: Ich bin entsetzt über die gegenwärtige Entwicklung und hätte das so nicht erwartet. Wir waren doch eigentlich auf einem Weg in ein friedlicheres Zusammenleben, besonders auch in Europa, und dies trotz aller Probleme. Die eingeengte Blickrichtung auf Militär und Aufrüstung erbost mich. Sie ist so engstirnig und geschichtslos und gefährdet den Frieden massiv. Dazu gehört auch die Wehrpflicht, die ich als Ausbildung zum Töten verstehe. Es ist gut, dass sich gerade auch an dieser Stelle deutlich Widerstand regt, während insgesamt die Militarisierung dank der konzertierten Aktionen von Politik und Medien weitgehend akzeptiert wird. Ich vermisse hier deutlich eine breite Diskussion von gewaltfreien Gegenbildern. **GWR: Katja, Du bist seit Jahrzehnten im Gorleben-Widerstand aktiv und hast viele Gewaltfreie Aktionen zum Beispiel vor dem Atomwaffenstützpunkt Büchel mit-organisiert. Wo liegen deine momentanen Arbeits- und Aktionsschwerpunkte?** Katja Tempel: Leider bin ich seit drei Jahren sehr eingebunden in unser 2022 gegründetes aktivistisches Seenotrettungsprojekt. Zum ersten Mal in meinem Leben muss ich die Augen vor allen anderen Brennpunkten verschließen, in denen ich mich liebend gerne einmischen würde. Im Moment ist das insbesondere die zunehmende Militarisierung der staatlichen und zivilen Strukturen und Organisationszusammenhänge. Die neue Wehrpflicht, das Werben für den Krieg, der Rüstungsetat, Rüstungsproduktion und insbesondere die Vereinnahmung des Gesundheitswesens für militärische Planungen fordern von mir störende Aktionen Zivilen Ungehorsams. Rheinmetall produziert fast direkt vor meiner Haustür in Unterlüß Panzer am Fließband und ich sitze in Sizilien und bereite eine neue Crew auf ihren Einsatz im Mittelmeer vor. Das zerreißt mich. Gleichzeitig weiß ich, dass wir in der Bewegung arbeitsteilig arbeiten müssen. Aber wo bleibt der Aufschrei? Wo bleibt das sich Verweigern? Das etwas Riskieren gegen Aufrüstung, Krieg und Unterdrückung von Menschen. Mein Platz wäre auch auf der Straße gewesen mit Palli-Tuch, um für jede in Deutschland zusammengeprügelte Aktivist:in zu zeigen: Alle Menschen haben die selben Rechte. Sie sind frei geboren. Egal ob sie einen israelischen Pass oder keinen haben. Aber ich versuche meinen Frieden damit zu machen, dass meine Kräfte begrenzt sind und es auch eine Zeit nach der Seenotrettung geben wird. **GWR: Könnt Ihr etwas über das CompassCollective erzählen? Wie können die GWR-Leser*innen die Arbeit des CompassCollectives unterstützen?** Katja: Das CompassCollective (3) ist mit einem 13 Meter langen Segelboot seit August 2023 in bisher 21 drei- bis vierwöchigen Einsätzen auf dem Mittelmeer unterwegs, um Menschen auf der Flucht nach Europa zu unterstützen und sie vor dem Ertrinken zu bewahren. Unsere Arbeit besteht darin, nach dem Auffinden eines seeuntüchtigen Fluchtboots die staatlichen Rettungsstrukturen aus Lampedusa (Italien) dazu zu bringen, die Menschen zu retten. So lange wir alleine vor Ort sind, verteilen wir Rettungswesten, Trinkwasser, manchmal Rettungsdecken gegen die gleißende Sonne und versorgen kleinere Verletzungen. Jede Stunde erhöhen wir den Druck auf die italienische Küstenwache, rauszufahren. Das kann manchmal mehr als zwölf Stunden dauern. Wenn aber die Verhältnisse auf dem Wasser kritischer werden, entscheiden wir uns, die Menschen direkt an Bord der TROTAMAR III aufzunehmen. Eigentlich sind wir kein Rettungsboot im Sinne der Anforderungen an professionelle Seenotrettung, aber wir sind ein Boot, das rettet. Unsere Crew versorgt dann die Menschen mit Tee, einer einfachen Mahlzeit und bietet medizinische Hilfe an, bis wir Lampedusa als Sicheren Hafen zugewiesen bekommen und die Menschen dann an staatliche Strukturen übergeben. Leider ist es so, dass das Spendenaufkommen sich stark auf die großen zivilen Seenotrettungsorganisationen konzen-triert und wir kleineren Projekte immer wieder Schwierigkeiten haben, genügend finanzielle Mittel aufzutreiben. Insofern suchen wir einerseits nach Menschen, die uns punktuell mit einer größeren Geldsumme Rückenwind geben, aber auch nach Förder:innen, die monatlich einen Betrag verbindlich zur Verfügung stellen. Clara: Für mich ist das Besondere am CompassCollective, dass die Crews sich überwiegend aus Menschen zusammensetzen, die keine oder noch nicht viel Seenotrettungserfahrung haben. Da sind dann Professorinnen, ehemalige Soldaten, Studierende, chronisch kranke Frührentner*innen oder Kunstschaffende dabei. Sie bringen alle ihre ganz eigene Motivation aus ihrem Alltag für die Arbeit auf dem Mittelmeer mit und tragen ihre Erfahrungen dann auch wieder zurück. Dadurch sind wir auf dem Wasser keine hochprofessionalisierten, supercoolen Seenotretter*innen. Wir sind Menschen, die sich für den Einsatz drei Wochen Urlaub nehmen, weil sie nicht mit ansehen können, was an den Rändern Europas passiert. Genauso sind wir aber auch angewiesen, auf Menschen, die sich nicht vorstellen können, mit in den Einsatz zu fahren, sondern unsere Arbeit finanziell zu unterstützen. > _**Meine Utopie lebe ich jetzt schon: Ich handele im Hier und Jetzt und verlasse immer wieder meine Komfortzone. Ich würde mir wünschen, dass noch viel mehr Menschen aktiv werden, dass der Satz: „Die da oben machen doch, was sie wollen“ nicht mehr so häufig zu hören ist.**_ **GWR: Was bedeuten für Euch Selbstorganisation, Solidarität und ziviler Ungehorsam?** Clara Tempel: Ziviler Ungehorsam ist für mich das bewusste Übertreten von Gesetzen, um auf ein größeres Unrecht aufmerksam zu machen oder es zu verhindern. Seit meiner Kindheit ist das eines der wichtigsten Konzepte, um das sich mein Leben dreht. Es kommt mir selber ein wenig seltsam vor, das so zu schreiben, aber die Beschäftigung mit Zivilem Ungehorsam war prägend für meinen ganzen dreißigjährigen Lebensweg. Zuerst aus aktivistischer Perspektive, dann aus wissenschaftlicher. Ich habe die Schwerpunkte Protest- und Bewegungsforschung studiert und eine Menge dazu gelesen, warum Ziviler Ungehorsam ein wichtiges Element demokratischer Gesellschaften ist. In den letzten Jahren habe ich allerdings auch gelernt, dass Ziviler Ungehorsam nicht das perfekte Mittel für jeden gesellschaftlichen Kontext ist. Ich glaube, dass es wichtig ist, immer wieder zu prüfen, welche Aktionsform für welche politische Situation angemessen und erfolgversprechend ist. Helga: Für mich sind das recht unterschiedliche Aspekte. Selbstorganisation heißt für mich, verantwortliches Handeln nach eigener Gewissensentscheidung. Die Ausführung muss dann gemeinsam mit anderen organisiert werden, ohne darauf zu warten, dass andere die Initiative ergreifen. Solidarität ist für mich ein wichtiges Wort, das leider heute etwas in den Hintergrund getreten ist. Sie ist für mich wichtiges Motiv zum Handeln aus dem Gefühl der Nähe zu den Benachteiligten, zu den Opfern. Ziviler Ungehorsam ist der Kern des gewaltfreien Widerstands. Henry David Thoreau hat es vor fast 200 Jahren so formuliert: Wenn der Staat den Boden des Rechts verlassen hat, wird Ziviler Ungehorsam zur Pflicht. Niemals leichtfertig, aber doch auch ohne größere Skrupel habe ich an verschiedenen Stellen, auch im beruflichen Bereich zivilen Ungehorsam gewagt. Dabei war ich als Lehrerin immer in Gefahr, wegen einer Verurteilung meinen Beruf, der mir so am Herzen lag, nicht weiter ausüben zu dürfen. So musste ich manche Aktion unmittelbar vor einer drohenden Festnahme abbrechen. Der Grundgedanke „Wehrt Euch, wo Unrecht geschieht“ ist mir aber bis heute unverzichtbar – und ich wünschte, mehr Menschen würden sich für einen solchen Weg des Widerstands entscheiden. Ich bin froh und dankbar, dass meine Tochter und meine Enkelin mir, wie auch Konrad, in diesem Punkt so nahe sind. Katja: Auch ich halte Zivilen Ungehorsam, wie Clara beschrieben hat, nicht für das Allheilmittel, aber für ein sehr wichtiges Instrument, um den Finger in die Wunde zu legen, das Unrecht zu einem begrenzten Zeitraum zum Stillstand zu bringen und später auch vor Gericht die Rechtsauslegung zu beeinflussen. Dieser Aspekt des ZU beißt sich immer ein wenig mit meinem Verständnis von Anarchismus. Aber Ambivalenzen in politischen Haltungen sind für mich gut auszuhalten, als lebendige gelebte Aktionspraxis. Selbstorganisation ist das, was ich mein Leben lang mit anderen praktiziere. Es bedeutet für mich, aktiv werden, mutig sein, etwas wagen. Auch wenn es eigentlich verrückt erscheint. Dass wir nach einem Treffen am Küchentisch im Dezember 2023 bei mir zuhause in Meußließen jetzt seit mehr als 2,5 Jahren mit dem Segelboot Menschen auf ihrem Weg unterstützen (2793 Menschen) und manchmal sogar retten (544 Menschen) ist eigentlich unvorstellbar. Aber es ist möglich. Mit viel Netzwerken, viel Zeit, viel Knowhow, viel Lernbereitschaft geht so vieles, das sollten wir uns immer wieder bewusstmachen. **GWR: Wie sieht Eure Utopie aus?** Helga: Meine Utopie wäre eine Gesellschaft, in der Selbstbestimmung und verantwortliche Teilhabe in einem ausgewogenen Verhältnis steht, eine Gesellschaft, in der Solidarität und Teilen der Ressourcen Vorrang hat vor Wettbewerb und egozentrischer Gier. Zwang und notfalls nicht-verletzende Gewalt sollte es nur unter breiter Kontrolle und nur zum Schutz von Schwachen und Randständigen geben. Meine utopische Gesellschaft versteht sich als Teil einer globalen werteorientierten Gemeinschaft, die bewusst auf Waffen und Militär verzichtet, um andere lebenswichtige Aufgaben angehen zu können. Sie bietet von der Allgemeinheit geschützten Raum für die verschiedenen Gruppen und achtet, ja, unterstützt die Unterschiedlichkeit auf verschiedenen Ebenen. Wir haben unsere drei Kinder erzogen mit dem Motto: Findet heraus, was für Euch wichtig und richtig ist. Daraus entstand bei zwei von ihnen der Wunsch, stärker auf der persönlichen Ebene tätig zu werden und anderen auf diesem Weg behilflich zu sein, auch unter Einbeziehung spiritueller Elemente, mit denen sie wiederum uns als Quäker*innen nahe sind. In ihrer grundlegenden Haltung entsprechen alle drei Kinder der von uns Eltern, aber eben bei zweien mit anderen Schwerpunkten und eher unpolitisch. Katja und Clara, die ja auch ihrem Vater folgte, haben sich für den politischen Weg entschieden, auch wenn sie an manchen Stellen andere Akzente setzen als ich. Katja: Meine Utopie lebe ich jetzt schon: Ich handele im Hier und Jetzt und verlasse immer wieder meine Komfortzone. Ich würde mir wünschen, dass noch viel mehr Menschen aktiv werden, dass der Satz: „Die da oben machen doch, was sie wollen“ nicht mehr so häufig zu hören ist. Dass allen klar wird, wenn die Lebensbedingungen nicht für alle Menschen ausreichend sind, dann kann auch der Rest der Menschen kein erfülltes Leben leben. Satt reicht nicht, sondern es braucht „Brot und Rosen“, Raum zur individuellen und kollektiven Verwirklichung, zum Organisieren, zum Anpacken. Auf der Basis, dass alle Menschen einen sicheren Ort zum Leben haben, Zugang zu Wasser, Energie und Bildung und sich verbunden mit einer Gemeinschaft fühlen. Clara: Ich habe diese Frage schon so oft gestellt bekommen und ich habe immer noch keine gute Antwort darauf gefunden. Ich suche weiter… **GWR: Oft ist es ja so, dass Kinder von sozialen Bewe-gungsaktivist*innen eher unpolitisch sind oder politisch einen anderen Weg einschlagen als ihre Eltern. Bei Euch ist das anders. Wie erklärt Ihr euch das?** Clara: Für mich war der Aktivismus in meiner Kindheit ein leuchtender Raum der Geborgenheit. Ich wurde mit zwei Jahren bei Demos auf Schultern getragen, habe mit vier Jahren bei nächtlichen Krisentreffen auf Bannerstoff geschlafen, und habe mit fünfzehn meine Mathehausaufgaben in Blockaden gemacht. Ich habe das natürlich auch irgendwann hinterfragt und mir Gedanken darüber gemacht, ob das überhaupt mein eigener Weg ist. Dann habe ich mich aber sehr bewusst dafür entschieden und meinen eigenen Platz in den Bewegungen gesucht. Für mich persönlich war dabei entscheidend, dass ich das Gefühl habe, dass von meinen Eltern wenig Druck kam. Mein Vater hat immer gesagt: „Meine Töchter dürfen alles sein, was sie wollen. Auch Atomkraftwerk-betreiber*innen.“ Vielleicht war das wichtig. Aber bei uns in der Familie wird eigentlich ganz gut sichtbar, dass es unterschiedliche Wege geben kann. Auch, wenn bei uns viele Menschen politisch aktiv sind, sind wir (in jeder Generation) keine reine Aktivist*innenfa-milie. Das ist auch Teil unserer Geschichte: Dass es eben kein Automatismus ist, sich auf diese Art und Weise zu engagieren, nur weil man in so eine Familie hineinwächst. Katja: Genau, es gibt verschiedene Wege politisch aktiv zu sein. Clara hat einen ähnlichen Weg wie Helga, Konrad und ich gewählt. Aber es gibt ja noch tausend andere Möglichkeiten, die nicht weniger wertvoll sind, als das direkte Engagement auf der Straße, auf dem Wasser oder auf den (Gen-)Feldern. Und es gab und gibt auch immer wieder Aushandlungsprozesse, wie viel Raum politische Arbeit im Familienalltag einnehmen soll. Wie gehen wir damit um, wenn das Zuhause der Kinder auf einmal zum Ort einer Hausdurchsuchung wird? Wenn sich bei Strategietreffen die sachliche und die familiäre Ebene mischen, obwohl wir uns bemühen, das zu trennen? Wenn an Weihnachten die ganze Zeit das Handy klingelt, weil es Neuigkeiten vom Seenotrettungs-Segelboot auf dem Mittelmeer gibt? Das ist schön und schwer gleichzeitig. **GWR: Clara, in Deinem Buch „Politische Geborgenheit“ findet sich auf Seite 307 ein schönes Foto, das Dich 1996 mit Deinem Vater Jochen Stay(4) an der Schreibmaschine zeigt. Jochen war von 1990 bis 1995 Koordinationsredakteur der Graswurzelrevolution, ab 1996 langjähriger Sprecher der Initiative X-tausendmal quer und von 2008 bis zu seinem Tod 2022 Sprecher der Anti-Atom-Organisation .ausgestrahlt. Er wäre sicher glücklich, zu sehen wie Du dich engagierst. Ich habe ihn nur als langjährigen GWR-Autor und Aktivisten erlebt. Wie war Jochen als Vater?** Clara: Er war in vielen Punkten der beste Vater, den ich mir vorstellen kann. Er hat mich getragen und getröstet. Ich durfte auf der Arbeitsplatte in der Küche sitzen, während er Pfannkuchen gemacht hat. Er war schon sehr früh interessiert an meiner Meinung und hat mich bei wichtigen politischen Entscheidungen um meinen Rat gefragt. Ich habe so unendlich viel von ihm gelernt. Wie man ein politisches Gelegenheitsfenster nutzt und wie man eine Mehlschwitze macht. Gleichzeitig war er – wie so viele andere Väter auch – oft ein abwesender Vater. Die politische Arbeit war immer so dringend, so laut, dass sie manchmal wichtiger erschien, als alles andere. Ich weiß, dass er immer wieder mit sich gerungen hat. So hat er sich zum Beispiel entschieden, im historischen Moment nach dem Super-GAU von Fukushima nicht zur (gefühlt) alles entscheidenden Menschenkette zu fahren, die er mit .ausgestrahlt organisiert hat und sich stattdessen um mich zu kümmern – denn ich lag krank im Bett. Für mich bleibt das eine offene Frage: Wie können wir politische Arbeit und Aktivismus in unserem Leben verankern und trotzdem präsent sein für die Menschen, mit denen wir dieses Leben teilen? **GWR: Clara, in Deinem Buch schreibst Du, dass Geborgenheit kritisch hinterfragt werden muss, „weil sie in Machtverhältnisse eingebettet ist und nicht selten auf Grenzziehungen und Ausschlüssen beruht“. Wie können wir das transformative Potenzial von Geborgenheit im Aktivismus stärken, ohne bestehende Machtverhältnisse zu reproduzieren?** Clara: Ich finde es wichtig, dass wir Geborgenheit nicht als etwas rein Privates verstehen, das vorm Kamin und unter Kuscheldecken stattfindet. Geborgenheit ist politisch! Wir können sie mitnehmen, zwischen die Polizeiketten, in die Kohlegruben und aufs Mittelmeer. Wir können unsere politischen Gruppen zu einem Zuhause machen. Dabei müssen wir aber aufpassen, dass wir uns nicht einen schönen, warmen, geborgenen Raum basteln, der dann jedoch für weniger privilegierte Menschen nicht zugänglich ist. Wir sollten uns immer wieder die Fragen stellen: Wer darf hinein, wer muss draußen bleiben? Wer hat welchen Zugang zu geborgenen Räumen? Wer übernimmt Verantwortung für die Herstellung von Geborgenheit? Außerdem kann Geborgenheit auch lähmen. Wenn wir viel Zeit damit verbringen, unsere politischen Gruppen zu Räumen der Geborgenheit zu machen, kann das auch dazu führen, dass wir die großen Probleme da draußen in der Welt unangetastet lassen. Deshalb denke ich, dass unser Ziel immer auch sein sollte, Geborgenheit auszuweiten und sie für viele Menschen erlebbar zu machen. Dafür sorgen, dass Menschen überall ein würdevolles Leben haben und gehen und bleiben dürfen, wenn sie wollen. Das sind die minimalen Voraussetzungen für Geborgenheit, und wir sollten dafür kämpfen, dass sie überall gegeben sind. Wir brauchen also Geborgenheiten, die politisches Handeln nicht verhindern, sondern ermöglichen. **GWR: Angesichts von Militarisierung, Rechtsruck, Klimawandel und Artensterben, welche Perspektiven für eine solidarische Gesellschaft jenseits von Patriarchat, Herrschaft und Gewalt seht Ihr? Was tun?** Helga: Diese Frage führt mich an meine Grenzen. Ich teile nicht die Hoffnung, dass die Abschaffung von nationalen Grenzen und bestehenden Regierungsformen wirklich möglich sind und zu einem positiven Wandel beitragen würden. Ich bekenne mich nicht zur Anarchie. Ich hoffe darauf, dass sich die demokratische Regierungsform von unten her aktiv gewaltfrei gestalten lässt durch mehr basisorientierte Strukturen (Räte??) und mitverantwortliche Teilhabe diverser gesellschaftlicher Gruppen. Ich vertraue also letztlich darauf, dass sich unser jetziges System mit all seinen Unvollkommenheiten und Gefährdungen transformieren ließe, wenn wir uns nur anderen Formen öffnen und entschieden massenhaft dafür eintreten würden. Ich sehe hier eine wichtige Aufgabe für Frauen in unserer Gesellschaft. Es gibt Ansätze für solche Art Transformation – aber sie sind zu wenig bekannt. Clara: Ich bin fest davon überzeugt, dass die Abschaffung von Grenzen ein wichtiger Baustein für ein gutes Leben für alle ist. Genauso wie die Überwindung des Patriarchats, der Aufbau von gewaltfreien Strukturen und das Ende des fossilen Kapitalismus. Aber mir ist schon bewusst, dass das alles riesengroße, sperrige Konzepte sind, die im Alltag abstrakt erscheinen. Als Transformationsforscherin sehe ich unterschiedliche Strategien, um mit kleinen und großen Schritten auf einen Wandel hinzuarbeiten. Aus meiner Perspektive braucht es einerseits Brüche mit dem bisherigen System, die zum Beispiel durch Aktionen Zivilen Ungehorsams herbeigeführt werden können. Andererseits braucht es aber auch gelebte Alternativen, die in gesellschaftlichen Zwischenräumen vorbereitet und ausprobiert werden. Wenn soziale Bewegungen in der Lage sind, Brüche im ungerechten System zu produzieren, und die entstandenen Löcher mit den eingeübten alternativen Handlungsweisen aus den Nischen zu füllen, dann gibt es das Potenzial, dass der Wandel erfolgreich ist. Bin ich eine Träumerin, wenn ich daran glaube, dass das möglich ist? Ist mir egal, irgendwie müssen wir ja anfangen, weitermachen, in Bewegung bleiben. **GWR: Was fehlt Euch? Was möchtet Ihr den GWR-Leser*innen mit auf den Weg geben?** Helga: Ich denke, dass wir, die wir in Organisationen mitarbeiten, oft einen Tunnelblick entwickeln, der unsere eigenen Ansätze im Denken und Handeln absolut setzt und uns hindert, „über den Tellerrand“ zu blicken. Was wollen andere, die eigentlich mit uns in der Analyse der Situation übereinstimmen und „am selben Strang“ ziehen? Was meint „Sicherheit neu denken“, was will Soziale Verteidigung, wie steht Ihr zum Zivilen Friedensdienst (ZFD)? Wer nur die „reine Lehre“ will und Maximalforderungen absolut setzt, verpasst entscheidende Chancen. Warum nicht ganz neu über Sicherheit nachdenken, ohne gleich alles über Bord zu werfen, was oft zu Recht Anstoß erregt? Warum nicht das Bestehende gewaltfrei verteidigen, auch wenn das Gegenwärtige keineswegs allen unseren Idealen entspricht? Warum blicken manche kritisch auf zivile Konfliktbearbeitung mit solidarischer Begleitung von Fachkräften, nur weil der ZFD auch von staatlichen Stellen finanziert wird? Lasst uns in vielfältiger, achtungsvoller Zusammenarbeit, wenn auch auf verschiedenen Wegen, das gemeinsame Ziel ansteuern: eine möglichst herrschaftsfreie gewaltarme Politik in transparenten Strukturen und unter wirksamer Kontrolle von unten. (1) https://www.graswurzel.net/gwr/ produkt/politische-geborgenheit/ (2) Vgl.: BoatSpotting im Mittelmeer. Es ist keine Rettungsschlacht – Segeln gegen die Festung Europa, Artikel von Katja (CompassCollective), in: GWR 482, Oktober 2023, https://www.graswurzel.net/gwr/2023/10/boatspotting-im-mittelmeer/ (3) Kontakt/Infos: https://compass-collective.org/ (4) Siehe: Mensch, Vater, Anti-Atom-Aktivist, Autor, Anarchist. Ein Nachruf von Bernd Drücke auf den ehemaligen GWR-Redakteur Jochen Stay (22.8.1965 – 15.1.2022), in: GWR 467, März 2022, https://www.graswurzel.net/gwr/2022/02/mensch-vater-anti-atom-aktivist-autor-anarchist/ **Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es _hier._** ###### **Wir freuen uns auch über Spenden auf unserSpendenkonto.**

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Geborgenheit und Frauenpower

Ein Interview mit Helga, Katja und Clara Tempel über generationsübergreifende Solidarität, Utopien und Gewaltfreien Widerstand

www.graswurzel.net/gwr/2026/01/geborgenheit...

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Inhaltsverzeichnis #GWR506

Geborgenheit und Frauenpower
Ein Interview mit Helga, Katja und Clara Tempel über generationsübergreifende Solidarität, Utopien und Gewaltfreien Widerstand

Debanking
Deutsche Banken und die Anti-Antifa-Politik des Trump-Regimes

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Zeichnung an einer Wand mit Jin Jîyan Azadi Parole und Zeichnung einer kurdischen Frau

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