Was ich bis zum Wahlsonntag Terror nannte, war mildes Prélude. Erstaunlich, wie wehrlos alles zusammenbricht. Wo ist Bayern, wo ist das Reichsbanner? Acht Tage vor der Wahl die plumpe Sache des Reichstagsbrandes - ich kann mir nicht denken, daß irgend jemand wirklich an kommunistische Täter glaubt statt an bezahlte Nazi-Arbeit. Dann die wilden Verbote und Gewaltsamkeiten. Und dazu durch Straße, Radio die grenzenlose Propaganda. Am Samstag hörte ich ein Stück der Hitlerrede aus Königsberg. Eine Hotelfront am Bahnhof, erleuchtet, Fackelzug davor, Fackelträger und Hakenkreuz-Fahnen auf den Balkons und Lautsprecher. Ich verstand nur einzelne Worte. Aber der Ton! Das salbungsvolle Gebrüll eines Geistlichen. Dann der ungeheure Wahlsieg der Nationalsozialisten. Die Verdoppelung in Bayern. Entrüstete Zurückweisung, loyalen Juden werde nichts geschehen. gleich darauf Verbot des Zentralvereins jüdischer Bürger in Thüringen, weil er die Regierung "talmudisch" kritisiert und herabgesetzt habe.
Seitdem Tag um Tag Kommissare, zertretene Regierungen, gehißte Hakenkreuz-Fahnen, besetzte Häuser, erschossene Leute, Verbote. Gestern »im Auftrag der NS-Partei« - nicht einmal mehr dem Namen nach im Regierungsauftrag - der Dramaturg Karl Wollf entlassen, heute das ganze sächsische Ministerium usw. usw. Vollkommene Revolution und Parteidiktatur. Und alle Gegenkräfte wie vom Erdboden verschwunden. Dieser völlige Zusammenbruch einer eben noch vorhandenen Macht, nein, ihr gänzliches Fortsein ist mir so erschütternd. Am Montagabend bei Frau Schaps zusammen mit Gerstles. Niemand wagt mehr, etwas zu sagen, alles ist in Angst. Nur
ganz unter uns sagte Gerstle: »Der Brandstifter im Reichstag war nur mit Hose und kommunistischem Parteibuch bekleidet und hat nachweislich bei einem NS-Mann gewohnt.«
10. März 1933
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