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#Haussuchung
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8. Februar 1942

Seit gestern besonders deprimiert. Eva erschöpft; so war ich allein bei Neumanns. Die ganze Zeit wurde von der namenlosen Haussuchung bei ihnen (wie bei andern) gesprochen. »Rollkommando« von acht Mann.
»Da setzt euch auf die Bundeslade« (eine Truhe), gemeinste Beschimpfungen, Stöße, Schläge, Frau Neumann erhielt fünf Ohrfeigen. Alles durchwühlt, wahlloser Raub: Lichte, Seife, eine Heizsonne, ein Koffer, Bücher, ein halbes Pfund Margarine (legitim auf Marken gekauft), Schreibpapier, alle Art Tabak, Schirm, die Militärorden (»Du kannst sie ja doch nicht mehr brauchen«). - »Wo lässt du waschen?« - »Zu Haus.« - »Dass du dich nicht unterstehst, deine Wäsche außerhalb waschen zu lassen!« - »Warum werdet ihr alle so alt? - Hängt euch doch auf, macht doch den Gashahn auf« Leider auch Briefe, Adressen, Schriftstücke überhaupt mitgenommen.


English: 

February 8, 1942

Especially depressed since yesterday. Eva exhausted; so I was at the Neumanns' alone. The whole time they talked of nothing but the unspeakable house search they (and others likewise) had suffered. Eight-man squad. The vilest abuse, pushing, blows, Frau Neumann slapped five times. They rummaged through everything , stole indiscriminately: candles, soap, an electric fire, a suitcase, books, half a pound of margarine (legitimately bought with ration coupons), writing paper, all kinds of tobacco, umbrella, his military decorations ("You won't be needing them anymore"). - "Where do you have your laundry done?" - "It's done at home." - "Watch you don't have the cheek to have your laundry done outside!" - "Why do you all get so old? Go on and string yourselves up, turn on the gas." Unfortunately also letters, addresses, written matter in general taken away.

8. Februar 1942 Seit gestern besonders deprimiert. Eva erschöpft; so war ich allein bei Neumanns. Die ganze Zeit wurde von der namenlosen Haussuchung bei ihnen (wie bei andern) gesprochen. »Rollkommando« von acht Mann. »Da setzt euch auf die Bundeslade« (eine Truhe), gemeinste Beschimpfungen, Stöße, Schläge, Frau Neumann erhielt fünf Ohrfeigen. Alles durchwühlt, wahlloser Raub: Lichte, Seife, eine Heizsonne, ein Koffer, Bücher, ein halbes Pfund Margarine (legitim auf Marken gekauft), Schreibpapier, alle Art Tabak, Schirm, die Militärorden (»Du kannst sie ja doch nicht mehr brauchen«). - »Wo lässt du waschen?« - »Zu Haus.« - »Dass du dich nicht unterstehst, deine Wäsche außerhalb waschen zu lassen!« - »Warum werdet ihr alle so alt? - Hängt euch doch auf, macht doch den Gashahn auf« Leider auch Briefe, Adressen, Schriftstücke überhaupt mitgenommen. English: February 8, 1942 Especially depressed since yesterday. Eva exhausted; so I was at the Neumanns' alone. The whole time they talked of nothing but the unspeakable house search they (and others likewise) had suffered. Eight-man squad. The vilest abuse, pushing, blows, Frau Neumann slapped five times. They rummaged through everything , stole indiscriminately: candles, soap, an electric fire, a suitcase, books, half a pound of margarine (legitimately bought with ration coupons), writing paper, all kinds of tobacco, umbrella, his military decorations ("You won't be needing them anymore"). - "Where do you have your laundry done?" - "It's done at home." - "Watch you don't have the cheek to have your laundry done outside!" - "Why do you all get so old? Go on and string yourselves up, turn on the gas." Unfortunately also letters, addresses, written matter in general taken away.

8. Februar 1942

#VictorKlemperer #Tagebücher #NS #Nationalsozialismus #Faschismus #Antisemitismus #Gestapo #Haussuchung #Raub #Grausamkeit #Gewalt #Misshandlung #Diebstahl #Terror

(See alt-text for English)

40 18 0 3
27. November 1938

Am Vormittag des 11. zwei Gendarmen und ein »Dölzschener Einwohner«. Ob ich Waffen hätte? Bestimmt meinen Säbel, vielleicht noch das Seitengewehr als Kriegsandenken, ich wüßte aber nicht, wo. »Wir müssen Ihnen suchen helfen.« Stundenlange Haussuchung. Eva beging im Anfang den Fehler, dem einen Gendarm ganz harmlos zu sagen, er möge in den reinen Wäscheschrank nicht mit ungewaschenen Händen greifen. Der Mann schwer beleidigt, kaum zu beruhigen. Ein zweiter, jüngerer Gendarm benahm sich freundlicher, der Zivilist war der schlimmste. »Dreckstall« usw. Alles wurde durchwühlt, Kisten und von Eva gezimmerte Aufbauten wurden mit dem Beil aufgebrochen. Der Säbel wurde in einem Koffer auf dem Boden gefunden, das Seitengewehr nicht.


English:

November 27, 1938

On the morning of the eleventh two policemen accompanied by a "resident of Dölzschen." Did I have any weapons? Certainly my saber, perhaps even my bayonet as a war memento, but I wouldn't know where. We have to help you find it. The house was searched for hours. At the 
beginning Eva made the mistake of quite innocently telling one of the policemen he should not go through the clean linen cupboard without washing his hands. The man, considerably affronted, could hardly be calmed down. A second, younger policeman was more friendly, the civilian was the worst. "Pigsty", etc. They rummaged through everything, chests and wooden constructions Eva had made were broken open with an ax. The saber was found in a suitcase in the attic, the bayonet was not found.

27. November 1938 Am Vormittag des 11. zwei Gendarmen und ein »Dölzschener Einwohner«. Ob ich Waffen hätte? Bestimmt meinen Säbel, vielleicht noch das Seitengewehr als Kriegsandenken, ich wüßte aber nicht, wo. »Wir müssen Ihnen suchen helfen.« Stundenlange Haussuchung. Eva beging im Anfang den Fehler, dem einen Gendarm ganz harmlos zu sagen, er möge in den reinen Wäscheschrank nicht mit ungewaschenen Händen greifen. Der Mann schwer beleidigt, kaum zu beruhigen. Ein zweiter, jüngerer Gendarm benahm sich freundlicher, der Zivilist war der schlimmste. »Dreckstall« usw. Alles wurde durchwühlt, Kisten und von Eva gezimmerte Aufbauten wurden mit dem Beil aufgebrochen. Der Säbel wurde in einem Koffer auf dem Boden gefunden, das Seitengewehr nicht. English: November 27, 1938 On the morning of the eleventh two policemen accompanied by a "resident of Dölzschen." Did I have any weapons? Certainly my saber, perhaps even my bayonet as a war memento, but I wouldn't know where. We have to help you find it. The house was searched for hours. At the beginning Eva made the mistake of quite innocently telling one of the policemen he should not go through the clean linen cupboard without washing his hands. The man, considerably affronted, could hardly be calmed down. A second, younger policeman was more friendly, the civilian was the worst. "Pigsty", etc. They rummaged through everything, chests and wooden constructions Eva had made were broken open with an ax. The saber was found in a suitcase in the attic, the bayonet was not found.

27. November 1938

#VictorKlemperer #Tagebücher #NS #Nationalsozialismus
#Faschismus #Antisemitismus #Haussuchung #Willkür #Gängelei

(See alt-text for English)

16 7 0 1
25. Mai 1942

Frau Kreidl hat auf der Gestapo die schweren Koffer Stück um Stück drei Treppen hinaufschaffen müssen. Sie wurde dabei gehetzt: »Schneller, du Schwein!« Sie mußte dann noch einmal zur Gestapo: »Auf dem Schreibtisch liegen noch ein paar Kuvers.« Bei Friedheim hatten sie einen Wäscheschrank gefunden. Zwei Koffer wurden entleert und zurückgeschickt, mussten noch einmal mit Wäsche gefüllt und von Fräulein Ludwig, der Haushälterin (»Judenhure!«), wieder hingebracht werden.

25. Mai 1942 Frau Kreidl hat auf der Gestapo die schweren Koffer Stück um Stück drei Treppen hinaufschaffen müssen. Sie wurde dabei gehetzt: »Schneller, du Schwein!« Sie mußte dann noch einmal zur Gestapo: »Auf dem Schreibtisch liegen noch ein paar Kuvers.« Bei Friedheim hatten sie einen Wäscheschrank gefunden. Zwei Koffer wurden entleert und zurückgeschickt, mussten noch einmal mit Wäsche gefüllt und von Fräulein Ludwig, der Haushälterin (»Judenhure!«), wieder hingebracht werden.

25. Mai 1942

#VictorKlemperer #Tagebücher #NS #Nationalsozialismus
#Faschismus #Antisemitismus #Shoah #Holocaust #Gestapo #Grausamkeit #Haussuchung #Diebstahl

22 10 0 0
19. Mai 1942

Ich schleppte mit schweren Schlundschmerzen 30 Pfund Kartoffeln von unserm Wagenhändler am Wasaplatz her. Als dort der Mann meine Karte schon in der Hand hatte, trat von hinten ein junges Weibsbild, blondgefärbt, mit gefährlich borniertem Gesicht, heran, etwa die Frau
eines Kramhändlers: »Ich war eher hier - der Jude soll warten.« Jentzsch bediente sie gehorsam, und der Jude wartete. Jetzt ist es gegen sieben Uhr, und die nächsten zwei Stunden wartet der Jude wieder auf die (meist am Abend stattfindende) Haussuchung.

19. Mai 1942 Ich schleppte mit schweren Schlundschmerzen 30 Pfund Kartoffeln von unserm Wagenhändler am Wasaplatz her. Als dort der Mann meine Karte schon in der Hand hatte, trat von hinten ein junges Weibsbild, blondgefärbt, mit gefährlich borniertem Gesicht, heran, etwa die Frau eines Kramhändlers: »Ich war eher hier - der Jude soll warten.« Jentzsch bediente sie gehorsam, und der Jude wartete. Jetzt ist es gegen sieben Uhr, und die nächsten zwei Stunden wartet der Jude wieder auf die (meist am Abend stattfindende) Haussuchung.

19. Mai 1942

#VictorKlemperer #Tagebücher #NS #Nationalsozialismus
#Faschismus #Antisemitismus #Shoah #Holocaust #Rassegesetze #Ausgrenzung #Mangel #Kriegswirtschaft #Hunger #Haussuchung

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11. Mai 1942

Haussuchung im Altersheim Güntzstraße. Frauen von 70 bis 85 Jahren bespuckt, mit dem Gesicht an die Wand gestellt und von hinten mit kaltem Wasser übergossen, ihnen die Lebensmittel fortgenommen, die sie auf ihren Marken als Wochenration gekauft, unflätigste Schimpfworte.

11. Mai 1942 Haussuchung im Altersheim Güntzstraße. Frauen von 70 bis 85 Jahren bespuckt, mit dem Gesicht an die Wand gestellt und von hinten mit kaltem Wasser übergossen, ihnen die Lebensmittel fortgenommen, die sie auf ihren Marken als Wochenration gekauft, unflätigste Schimpfworte.

11. Mai 1942

#VictorKlemperer #Tagebücher #NS #Nationalsozialismus
#Faschismus #Antisemitismus #Shoah #Holocaust #Haussuchung #Grausamkeit #Gestapo #Terrorstaat

35 18 1 1
10. Mai 1938

[A]uch in diesen Notizen bin ich fatalistisch, man wird ja wohl nicht Haussuchung halten - und wenn, nicht alle Manuskripte lesen[.]

10. Mai 1938 [A]uch in diesen Notizen bin ich fatalistisch, man wird ja wohl nicht Haussuchung halten - und wenn, nicht alle Manuskripte lesen[.]

10. Mai 1938

#VictorKlemperer #Tagebücher #NS #Nationalsozialismus
#Faschismus #Antisemitismus #Shoah #Holocaust #Haussuchung

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27. November 1938

Am Vormittag des 11. zwei Gendarmen und ein »Dölzschener Einwohner«. Ob ich Waffen hätte? - Bestimmt meinen Säbel, vielleicht noch das Seitengewehr als Kriegsandenken, ich wüßte aber nicht, wo. -»Wir müssen Ihnen suchen helfen.« Stundenlange Haussuchung. Eva beging im Anfang den Fehler, dem einen Gendarm ganz harmlos zu sagen, er möge in den reinen Wäscheschrank nicht mit ungewaschenen Händen greifen. Der Mann schwer beleidigt, kaum zu beruhigen. Ein zweiter, jüngerer Gendarm benahm sich freundlicher, der Zivilist war der schlimmste. »Dreckstall« usw. Wir sagten, wir seien seit Monaten ohne Hilfe, es stünde vieles verstaubt und verpackt herum. Alles wurde
durchwühlt, Kisten und von Eva gezimmerte Aufbauten wurden mit dem Beil aufgebrochen. Der Säbel wurde in einem Koffer auf dem Boden gefunden, das Seitengewehr nicht.

27. November 1938 Am Vormittag des 11. zwei Gendarmen und ein »Dölzschener Einwohner«. Ob ich Waffen hätte? - Bestimmt meinen Säbel, vielleicht noch das Seitengewehr als Kriegsandenken, ich wüßte aber nicht, wo. -»Wir müssen Ihnen suchen helfen.« Stundenlange Haussuchung. Eva beging im Anfang den Fehler, dem einen Gendarm ganz harmlos zu sagen, er möge in den reinen Wäscheschrank nicht mit ungewaschenen Händen greifen. Der Mann schwer beleidigt, kaum zu beruhigen. Ein zweiter, jüngerer Gendarm benahm sich freundlicher, der Zivilist war der schlimmste. »Dreckstall« usw. Wir sagten, wir seien seit Monaten ohne Hilfe, es stünde vieles verstaubt und verpackt herum. Alles wurde durchwühlt, Kisten und von Eva gezimmerte Aufbauten wurden mit dem Beil aufgebrochen. Der Säbel wurde in einem Koffer auf dem Boden gefunden, das Seitengewehr nicht.

Unter den Büchern fand man ein Exemplar der »Sozialistischen Monatshefte«, darin, zum Glück angestrichen, der Artikel eines Berliner Studienrats: »Französisch muss erste Fremdsprache sein!« Auch dies Heft wurde beschlagnahmt. Als Eva einmal ein Handwerkszeug holen wollte, lief der junge Gendarm hinter ihr her; der ältere rief: »Sie machen uns misstrauisch, Sie verschlechtern Ihre Lage.« Um eins etwa zogen Zivilist und älterer Gendarm ab, der junge blieb und nahm ein Protokoll auf. Er war gutmütig und höflich, ich hatte das Gefühl, die Sache sei ihm selber peinlich. Übrigens klagte er über Magenbeschwerden, und wir boten ihm einen Schnaps an, den er ablehnte. Dann schien im Garten eine Konferenz der drei zu sein. Der junge erschien wieder: Sie müssen sich anziehen und zum Gericht am Münchner Platz mitkommen. Es wird nicht schlimm werden,
wahrscheinlich (!) sind Sie am Abend zurück. Ich fragte, ob ich verhaftet sei.

Unter den Büchern fand man ein Exemplar der »Sozialistischen Monatshefte«, darin, zum Glück angestrichen, der Artikel eines Berliner Studienrats: »Französisch muss erste Fremdsprache sein!« Auch dies Heft wurde beschlagnahmt. Als Eva einmal ein Handwerkszeug holen wollte, lief der junge Gendarm hinter ihr her; der ältere rief: »Sie machen uns misstrauisch, Sie verschlechtern Ihre Lage.« Um eins etwa zogen Zivilist und älterer Gendarm ab, der junge blieb und nahm ein Protokoll auf. Er war gutmütig und höflich, ich hatte das Gefühl, die Sache sei ihm selber peinlich. Übrigens klagte er über Magenbeschwerden, und wir boten ihm einen Schnaps an, den er ablehnte. Dann schien im Garten eine Konferenz der drei zu sein. Der junge erschien wieder: Sie müssen sich anziehen und zum Gericht am Münchner Platz mitkommen. Es wird nicht schlimm werden, wahrscheinlich (!) sind Sie am Abend zurück. Ich fragte, ob ich verhaftet sei.

27. November 1938

#VictorKlemperer #Tagebücher #NS #Nationalsozialismus #Faschismus #Antisemitismus #Shoah #Holocaust #Haussuchung #Haft #Teaser

18 8 1 1
13. September 1939

Am Montag, 11.9., wieder Haussuchung. Liebenswürdiges Kinderspiel von 30 Minuten, aber doch Haussuchung. Ein dicker Gendarmerie-
Leutnant aus Gittersee und unser Gendarm. Freundliche, anteilnehmende Leute. »Warum sind Sie eigentlich noch nicht im Ausland?«! - Heute Anforderung neuer Vermögensaufstellung. Das
bedeutet?

13. September 1939 Am Montag, 11.9., wieder Haussuchung. Liebenswürdiges Kinderspiel von 30 Minuten, aber doch Haussuchung. Ein dicker Gendarmerie- Leutnant aus Gittersee und unser Gendarm. Freundliche, anteilnehmende Leute. »Warum sind Sie eigentlich noch nicht im Ausland?«! - Heute Anforderung neuer Vermögensaufstellung. Das bedeutet?

13. September 1939

#VictorKlemperer #Tagebücher #NS #Nationalsozialismus #Faschismus #Antisemitismus #Shoah #Haussuchung

17 3 0 0
2. Juli 1944

Während ich Bernhard Stühler unterrichtete, stürmisches Klingeln, lebhaftes, nicht feindseliges Sprechen draußen. Ein kleiner Feldwebel, mehr russisch als deutsch aussehend, Khaki: »Bitte, öffnen Sie die Schränke, nehmen Sie die Kleider auseinander - Danke.« (Hinterher Eva: »Hat er die Decke hinter dem Schreibtisch entfernt? Nein ?!! In
der Nische dort - es geht zu Cohns Zimmer hinüber - hätten drei Russen Platz.«) Zwei von den Schuhrussen, den Kriegsgefangenen, sind entflohen. In Verbindung mit der Frischmann-Affäre kann das für alle Judenbewohner des Hauses katastrophal werden. Alle müssen wir mit Verhör und Verhaftung rechnen.

2. Juli 1944 Während ich Bernhard Stühler unterrichtete, stürmisches Klingeln, lebhaftes, nicht feindseliges Sprechen draußen. Ein kleiner Feldwebel, mehr russisch als deutsch aussehend, Khaki: »Bitte, öffnen Sie die Schränke, nehmen Sie die Kleider auseinander - Danke.« (Hinterher Eva: »Hat er die Decke hinter dem Schreibtisch entfernt? Nein ?!! In der Nische dort - es geht zu Cohns Zimmer hinüber - hätten drei Russen Platz.«) Zwei von den Schuhrussen, den Kriegsgefangenen, sind entflohen. In Verbindung mit der Frischmann-Affäre kann das für alle Judenbewohner des Hauses katastrophal werden. Alle müssen wir mit Verhör und Verhaftung rechnen.

2. Juli 1944

#VictorKlemperer #Tagebücher #NS #Nationalsozialismus #Antisemitismus #Shoah #Haussuchung #Schikane #Kriegsgefangene

14 4 0 0
11. Juni 1942

Nach einem gipfelhaft furchtbaren Tag eine dauernde weitere Verschlimmerung der Situation. Gestern mittag gegen halb zwei - ich hatte die Kartoffeln auf dem Feuer - wieder Gestapo, das vierte Mal in vierzehn Tagen. Erst schien hier oben alles sich über Kätchen zu entladen, die im Bade saß und als Monna Vanna im Schlafrock erschien. Sie hatte am Morgen von ihrem Schwager Voß einen langen
Maschinenschriftbericht über den Bomberangriff auf Köln und die großen Zerstörungen erhalten. An sich nichts Strafbares, da der Angriff in den Zeitungen geschildert worden und da Ludwig Voß durchaus patriotisch schreibt. Aber an eine Jüdin. »Ihr freut euch darüber! Ihr hetzt damit!« Auf Kätchens Tisch lag das Kuvert neben einer Postkarte ihrer Mutter, die ihr Speiseöl von ihrer Karte versprach (auch das ein Verbrechen).

11. Juni 1942 Nach einem gipfelhaft furchtbaren Tag eine dauernde weitere Verschlimmerung der Situation. Gestern mittag gegen halb zwei - ich hatte die Kartoffeln auf dem Feuer - wieder Gestapo, das vierte Mal in vierzehn Tagen. Erst schien hier oben alles sich über Kätchen zu entladen, die im Bade saß und als Monna Vanna im Schlafrock erschien. Sie hatte am Morgen von ihrem Schwager Voß einen langen Maschinenschriftbericht über den Bomberangriff auf Köln und die großen Zerstörungen erhalten. An sich nichts Strafbares, da der Angriff in den Zeitungen geschildert worden und da Ludwig Voß durchaus patriotisch schreibt. Aber an eine Jüdin. »Ihr freut euch darüber! Ihr hetzt damit!« Auf Kätchens Tisch lag das Kuvert neben einer Postkarte ihrer Mutter, die ihr Speiseöl von ihrer Karte versprach (auch das ein Verbrechen).

Der Brief wurde in ein Fauteuil geknautscht (»versteckt«!) gefunden. Alles durchstöbert, Kätchen mußte den Teppich aufrollen, erhielt Fußtritte dabei, jammerte, wurde bedroht, mußte die Adresse des
Schwagers aufschreiben. In ihren Zimmern entstand das gleiche Chaos wie beim ersten Überfall. Die Reihe der unflätigen Schimpfworte war eigentlich eng. Immer wieder »Schwein«, »Judenschwein«, »Judenhure«, »Sau«, »Miststück« - mehr fallt ihnen nicht ein. Ich war auf einen Stuhl in der Diele gezwungen worden, mußte alles mitansehen und -hören und zitterte immer um mein Tagebuch.

Der Brief wurde in ein Fauteuil geknautscht (»versteckt«!) gefunden. Alles durchstöbert, Kätchen mußte den Teppich aufrollen, erhielt Fußtritte dabei, jammerte, wurde bedroht, mußte die Adresse des Schwagers aufschreiben. In ihren Zimmern entstand das gleiche Chaos wie beim ersten Überfall. Die Reihe der unflätigen Schimpfworte war eigentlich eng. Immer wieder »Schwein«, »Judenschwein«, »Judenhure«, »Sau«, »Miststück« - mehr fallt ihnen nicht ein. Ich war auf einen Stuhl in der Diele gezwungen worden, mußte alles mitansehen und -hören und zitterte immer um mein Tagebuch.

11. Juni 1942

#VictorKlemperer #Tagebücher #NS #Nationalsozialismus #Antisemitismus #Shoah #Gestapo #Haussuchung #Ausgrenzung #Misshandlung

13 10 0 0
5. Juni 1942

Der gestrige Nachmittag, die Nacht zum Heute vollkommen verstört, weil das Haus endgültig verloren schien. Daran hängt Eva mit äußerster Leidenschaft, sie ist auch immer der Meinung, ich hätte es beizeiten sichern müssen (durch Überschreibung an sie), ich hätte
fahrlässig gehandelt, ich sei widerwillig dem ganzen Hausproblem gegenübergestanden. (Darin hat sie recht, ich habe mich der Sache nie gewachsen gefühlt.) Die letzten Tage waren auch besonders hart, zweimal Gestapo, der tote Kater, nun das Haus. Es war sehr bitter.

5. Juni 1942 Der gestrige Nachmittag, die Nacht zum Heute vollkommen verstört, weil das Haus endgültig verloren schien. Daran hängt Eva mit äußerster Leidenschaft, sie ist auch immer der Meinung, ich hätte es beizeiten sichern müssen (durch Überschreibung an sie), ich hätte fahrlässig gehandelt, ich sei widerwillig dem ganzen Hausproblem gegenübergestanden. (Darin hat sie recht, ich habe mich der Sache nie gewachsen gefühlt.) Die letzten Tage waren auch besonders hart, zweimal Gestapo, der tote Kater, nun das Haus. Es war sehr bitter.

5. Juni 1942

#VictorKlemperer #Tagebücher #NS #Nationalsozialismus #Antisemitismus #Shoah #Muschel #Terrorherrschaft #Enteignung #Gestapo #Haussuchung

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Für #Mappus' Kinder zeigen Politiker Mitgefühl. Bezweifle, dass das auch bei @annalist galt. #Haussuchung #Radio

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