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Hashtag
#Rassegesetze
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23. Januar 1940
weitere Verbote für Juden

Juden in Deutschland wird der Bezug von Schuhen und Leder verboten.


English:

January 23, 1940

Jews in Germany are forbidden from purchasing shoes and leather.

23. Januar 1940 weitere Verbote für Juden Juden in Deutschland wird der Bezug von Schuhen und Leder verboten. English: January 23, 1940 Jews in Germany are forbidden from purchasing shoes and leather.

23. Januar 1940

#Nationalsozialismus #Rassegesetze #Verbote #Antisemitismus #Ausgrenzung

(See alt-text for English)

31 15 1 1
7. Dezember 1941

Die neue Verfügung, die unser bewegliches Vermögen fixiert - darin heißt es u. a., nicht gemeldet zu werden brauche der Gestapo, was bei Evakuierungen mitzunehmen erlaubt sei! -, dazu die Haussuchungen nach Lebensmitteln, schafft viel Unruhe. Kätchen überklebt Weinflaschen mit »Surol« und »Essig«.


English:

December 7, 1941

The new decree, which fixes our movable property - it states, inter alia, that what is permitted to be taken away on evacuation need not be notified! - furthermore the house searches for foodstuffs causing much anxiety. Kätchen is sticking "Pickling Vinegar" and "Vinegar" over winebottle labels.

7. Dezember 1941 Die neue Verfügung, die unser bewegliches Vermögen fixiert - darin heißt es u. a., nicht gemeldet zu werden brauche der Gestapo, was bei Evakuierungen mitzunehmen erlaubt sei! -, dazu die Haussuchungen nach Lebensmitteln, schafft viel Unruhe. Kätchen überklebt Weinflaschen mit »Surol« und »Essig«. English: December 7, 1941 The new decree, which fixes our movable property - it states, inter alia, that what is permitted to be taken away on evacuation need not be notified! - furthermore the house searches for foodstuffs causing much anxiety. Kätchen is sticking "Pickling Vinegar" and "Vinegar" over winebottle labels.

7. Dezember 1941

#VictorKlemperer #Tagebücher #NS #Nationalsozialismus #Faschismus #Antisemitismus #Shoah #Holocaust #Rassegesetze #Gestapo #Raub #Deportation

(See alt-text for English)

18 13 0 0
3. Dezember 1938
Fahrverbot für Juden

Polizeichef Heinrich Himmler entzieht allen Juden den Führerschein.


English:

December 3, 1938
Driving ban for Jews

Police chief Heinrich Himmler revokes the driver's licenses of all Jews.

3. Dezember 1938 Fahrverbot für Juden Polizeichef Heinrich Himmler entzieht allen Juden den Führerschein. English: December 3, 1938 Driving ban for Jews Police chief Heinrich Himmler revokes the driver's licenses of all Jews.

3. Dezember 1938

#Autofahren #Führerschein #Antisemitismu #Rassegesetze #Fahrverbot #Mobilität

(See alt-text for English)

19 10 1 0
2. Dezember 1934

Nie ist die Spannung zwischen menschlicher Macht und Ohnmacht, menschlichem Wissen und menschlicher Dummheit so überwältigend groß gewesen wie jetzt. Radio, Flugzeug - und der Führer und Reichskanzler, die Rassengesetze, der »Stürmer« usw. Auch die Ohnmacht, unserm schwarzen Nickelchen zu helfen, das langsam eingeht, ein apathisches dünnes Streifchen.


English:

December 2, 1934

Never has the tension between human power and powerlessness, human knowledge and human stupidity been so overwhelmingly great as now. Radio, airplane - and the Führer and Reich Chancellor, the racial laws, Der Stürmer, etc. Also our powerlessness to help our little black Nickelchen, who is slowly dying, an apathetic, thin little stick.

2. Dezember 1934 Nie ist die Spannung zwischen menschlicher Macht und Ohnmacht, menschlichem Wissen und menschlicher Dummheit so überwältigend groß gewesen wie jetzt. Radio, Flugzeug - und der Führer und Reichskanzler, die Rassengesetze, der »Stürmer« usw. Auch die Ohnmacht, unserm schwarzen Nickelchen zu helfen, das langsam eingeht, ein apathisches dünnes Streifchen. English: December 2, 1934 Never has the tension between human power and powerlessness, human knowledge and human stupidity been so overwhelmingly great as now. Radio, airplane - and the Führer and Reich Chancellor, the racial laws, Der Stürmer, etc. Also our powerlessness to help our little black Nickelchen, who is slowly dying, an apathetic, thin little stick.

2. Dezember 1934

#VictorKlemperer #Tagebücher #NS #Nationalsozialismus #Faschismus #Antisemitismus #Shoah #Holocaust #Spaltung #Polarisierung #Propaganda #Rassegesetze #Stürmer #Ohnmacht

(See alt-text for English)

32 14 1 1
15. November 1944

Zu Haus herrschte bedrückte Stimmung, weil nun Frau Cohn mit ernstem Fieber erkrankt ist und von ihrem Mann infiziert scheint. Eine Bedrohung für uns alle hier in der dreigeteilten Wohnung. Ein arischer Arzt ist wesentlich schwerer aufzutreiben als Katz, der seinerseits Frau Cohn nicht behandeln darf.


English:

November 15, 1944

There was a depressed mood at home, because now Frau Cohn has fallen ill with a high temperature and appears to have been infected by her husband. A threat to us all here in this apartment shared by three parties. An Aryan doctor is much harder to get hold of than Katz, who is not allowed to treat Frau Cohn.

15. November 1944 Zu Haus herrschte bedrückte Stimmung, weil nun Frau Cohn mit ernstem Fieber erkrankt ist und von ihrem Mann infiziert scheint. Eine Bedrohung für uns alle hier in der dreigeteilten Wohnung. Ein arischer Arzt ist wesentlich schwerer aufzutreiben als Katz, der seinerseits Frau Cohn nicht behandeln darf. English: November 15, 1944 There was a depressed mood at home, because now Frau Cohn has fallen ill with a high temperature and appears to have been infected by her husband. A threat to us all here in this apartment shared by three parties. An Aryan doctor is much harder to get hold of than Katz, who is not allowed to treat Frau Cohn.

15. November 1944

#VictorKlemperer #Tagebücher #NS #Nationalsozialismus
#Faschismus #Antisemitismus #Shoah #Medizin #Berufsverbot #Ärzte #Rassegesetze #Schulmedizin

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18 7 1 1
13. November 1944
Letzte Verordnung gegen Jüdinnen und Juden

Den Jüdinnen und Juden im Deutschen Reich wird der Aufenthalt in Wärmehallen verboten.


English:

November 13, 1944

November 13, 1944
Final decree against Jews

Jews in the German Reich are banned from accessing heated halls.

13. November 1944 Letzte Verordnung gegen Jüdinnen und Juden Den Jüdinnen und Juden im Deutschen Reich wird der Aufenthalt in Wärmehallen verboten. English: November 13, 1944 November 13, 1944 Final decree against Jews Jews in the German Reich are banned from accessing heated halls.

13. November 1944

#Nationalsozialismus #NZ #Rassegesetze #Winter #Ausgrenzung

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13 8 1 0
8. November 1937
„Der ewige Jude“, Rassegesetze

Goebbels eröffnet in München die Propagandaausstellung "Der ewige Jude".

Ein neues Gesetz verbietet Ausgebürgerten die Annahme von Erbschaften und Schenkungen.


English:

November 8, 1937
"The Eternal Jew," racial laws

Goebbels opens the propaganda exhibition "The Eternal Jew" in Munich.

A new law prohibits expatriates from accepting inheritances and gifts.

8. November 1937 „Der ewige Jude“, Rassegesetze Goebbels eröffnet in München die Propagandaausstellung "Der ewige Jude". Ein neues Gesetz verbietet Ausgebürgerten die Annahme von Erbschaften und Schenkungen. English: November 8, 1937 "The Eternal Jew," racial laws Goebbels opens the propaganda exhibition "The Eternal Jew" in Munich. A new law prohibits expatriates from accepting inheritances and gifts.

8. November 1937

#Nationalsozialismus #NZ #Propaganda #Rassegesetze #Antisemitismus #Goebbels #München #Ausbürgerung

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11 6 1 0
4. November 1941
„Unbedenklichkeitszeugnis“

Für die Eheschließung wird in Deutschland ein "Unbedenklichkeitszeugnis" des Gesundheitsamts zur Pflicht.


English:

November 4, 1941
"Certificate of No Objection"

In Germany, a "certificate of no objection" from the public health office becomes mandatory for marriage.

4. November 1941 „Unbedenklichkeitszeugnis“ Für die Eheschließung wird in Deutschland ein "Unbedenklichkeitszeugnis" des Gesundheitsamts zur Pflicht. English: November 4, 1941 "Certificate of No Objection" In Germany, a "certificate of no objection" from the public health office becomes mandatory for marriage.

4. November 1941

#Nationalsozialismus #NZ #Rassegesetze #Eherecht #Gesundheitsamt

(See alt-text for English)

12 2 1 1
29. Oktober 1937

[Dlie Politik stagnierend und trostlos, die Zeitung täglich zum Kotzen - heute wieder ein Rasseschänderprozeß: zehn Jahre Zuchthaus für einen Hamburger Rechtsanwalt von 56 Jahren. Die Berichterstattung darüber
stinkt förmlich nach ekelerregender Lüge.


English:

October 29, 1937

[P]olitics stagnating and gloomy, news paper makes one want to throw up every day - today another race defilement trial: ten years in prison for a 56-year-old Hamburg lawyer. The report on it literally stinks of nauseating lies.

29. Oktober 1937 [Dlie Politik stagnierend und trostlos, die Zeitung täglich zum Kotzen - heute wieder ein Rasseschänderprozeß: zehn Jahre Zuchthaus für einen Hamburger Rechtsanwalt von 56 Jahren. Die Berichterstattung darüber stinkt förmlich nach ekelerregender Lüge. English: October 29, 1937 [P]olitics stagnating and gloomy, news paper makes one want to throw up every day - today another race defilement trial: ten years in prison for a 56-year-old Hamburg lawyer. The report on it literally stinks of nauseating lies.

29. Oktober 1937

#VictorKlemperer #Tagebücher #NS #Nationalsozialismus
#Faschismus #Antisemitismus #Shoah #Rassegesetze #Rassismus #Medien #Propaganda

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20 14 1 0
19. September 1942

Heute vor einem Jahr wurde der Judenstern aufgeheftet. Welch namenloses Elend ist in diesem Jahr über uns gekommen. Alles Vorherige scheint leicht demgegenüber. Und Stalingrad fällt eben, und im Oktober gibt es mehr Brot: Also kann sich die Regierung über den Winter halten; also hat sie Zeit zur gänzlichen Vernichtung der Juden. Ich bin tief deprimiert.


English:

September 19, 1942

The Jew's star was fastened on one year ago. What indescribable misery has descended upon us during this year. Everything that preceded it appears petty by comparison. And Stalingrad is about to fall, and in October there will be more bread: So the regime will last out the winter; so it has time for the complete annihilation of the Jews. I am deeply depressed.

19. September 1942 Heute vor einem Jahr wurde der Judenstern aufgeheftet. Welch namenloses Elend ist in diesem Jahr über uns gekommen. Alles Vorherige scheint leicht demgegenüber. Und Stalingrad fällt eben, und im Oktober gibt es mehr Brot: Also kann sich die Regierung über den Winter halten; also hat sie Zeit zur gänzlichen Vernichtung der Juden. Ich bin tief deprimiert. English: September 19, 1942 The Jew's star was fastened on one year ago. What indescribable misery has descended upon us during this year. Everything that preceded it appears petty by comparison. And Stalingrad is about to fall, and in October there will be more bread: So the regime will last out the winter; so it has time for the complete annihilation of the Jews. I am deeply depressed.

19. September 1942

#VictorKlemperer #Tagebücher #NS #Nationalsozialismus
#Faschismus #Antisemitismus #Shoah #Rassegesetze #Judenstern #Stigmatisierung #Ausgrenzung #Stalingrad

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20 11 0 0
18. September 1941

Der »Judenstern« schwarz auf gelbem Stoff, darin mit hebraisierenden Buchstaben »Jude«, auf der linken Brust zu tragen, handtellergroß, gegen 10 Pf uns gestern ausgefolgt, von morgen, 19.9., ab zu tragen.
Der Omnibus darf nicht mehr, die Tram nur auf dem Vorderperron benutzt werden. Eva wird, wenigstens vorläufig, alles Besorgen übernehmen, ich will nur im Schutz der Dunkelheit ein bisschen Luft schöpfen. Heute unser letztes gemeinsames Bei-Tage-draussen-Sein.


English:

September 18, 1941

The "Jewish star," black on yellow cloth, at the center in Hebrew-like lettering "Jew," to be worn on the left breast, large as the palm of a hand, issued to us yesterday for 10 pfennigs, to be worn from tomorrow. The omnibus may no longer be used, only the front platform of the tram. For the time being at least Eva will take over all the shopping, I shall breathe in a little fresh air only under shelter of darkness. Today we were outside together in daylight for the last time.

18. September 1941 Der »Judenstern« schwarz auf gelbem Stoff, darin mit hebraisierenden Buchstaben »Jude«, auf der linken Brust zu tragen, handtellergroß, gegen 10 Pf uns gestern ausgefolgt, von morgen, 19.9., ab zu tragen. Der Omnibus darf nicht mehr, die Tram nur auf dem Vorderperron benutzt werden. Eva wird, wenigstens vorläufig, alles Besorgen übernehmen, ich will nur im Schutz der Dunkelheit ein bisschen Luft schöpfen. Heute unser letztes gemeinsames Bei-Tage-draussen-Sein. English: September 18, 1941 The "Jewish star," black on yellow cloth, at the center in Hebrew-like lettering "Jew," to be worn on the left breast, large as the palm of a hand, issued to us yesterday for 10 pfennigs, to be worn from tomorrow. The omnibus may no longer be used, only the front platform of the tram. For the time being at least Eva will take over all the shopping, I shall breathe in a little fresh air only under shelter of darkness. Today we were outside together in daylight for the last time.

18. September 1941

#VictorKlemperer #Tagebücher #NS #Nationalsozialismus
#Faschismus #Antisemitismus #Shoah #Rassegesetze #Judenstern #Stigmatisierung #Ausgrenzung #Verbote

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39 16 0 0
13. September 1942
Die Familie Kreidl war verschwägert mit einer Familie Arndt. Der Vater
war Reservemann des letzten und ist also sicherer Anwärter des kommenden (Schluss-)Transports nach Theresienstadt. Der Sohn ist dieser Tage verhaftet worden. Die Gestapo hat einen Brief gefunden, in
dem er seine Freundin, eine Angestellte im Reka, bittet, ihm ein Essgeschirr zu besorgen. Selbst wenn nicht Rassenschande konstruiert wird, genügt diese Beziehung und dieses Ansinnen zum KZ oder zum
früheren Ableben. Auch die Arierin wird ins Verderben gerissen.


English:

September 13, 1942

The Kreidl family was related by marriage to a family called Arndt. The father was a reserve for the last transport to Theresienstadt and is therefore a certain candidate for the next and final one. The son has been arrested during the past few days. The Gestapo found a letter in which he asks a woman friend, employed at the Reka department store, to obtain a table service for him. Even if they don't make a case of race defilement out of it, this relationship and this request are enough for a concentration camp or an even earlier demise. The Aryan woman will also be ruined.

13. September 1942 Die Familie Kreidl war verschwägert mit einer Familie Arndt. Der Vater war Reservemann des letzten und ist also sicherer Anwärter des kommenden (Schluss-)Transports nach Theresienstadt. Der Sohn ist dieser Tage verhaftet worden. Die Gestapo hat einen Brief gefunden, in dem er seine Freundin, eine Angestellte im Reka, bittet, ihm ein Essgeschirr zu besorgen. Selbst wenn nicht Rassenschande konstruiert wird, genügt diese Beziehung und dieses Ansinnen zum KZ oder zum früheren Ableben. Auch die Arierin wird ins Verderben gerissen. English: September 13, 1942 The Kreidl family was related by marriage to a family called Arndt. The father was a reserve for the last transport to Theresienstadt and is therefore a certain candidate for the next and final one. The son has been arrested during the past few days. The Gestapo found a letter in which he asks a woman friend, employed at the Reka department store, to obtain a table service for him. Even if they don't make a case of race defilement out of it, this relationship and this request are enough for a concentration camp or an even earlier demise. The Aryan woman will also be ruined.

13. September 1942

#VictorKlemperer #Tagebücher #NS #Nationalsozialismus
#Faschismus #Antisemitismus #Shoah #Propaganda #Rassegesetze #Rassismus #Theresienstadt #Terrorstaat #Gestapo

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32 14 0 1
11. September 1942

Neue Bestimmungen für Juden: Verbot, arische Wäschereien zu benutzen.


English:

September 11, 1942

New decree for Jews: Ban on using Aryan laundries.

11. September 1942 Neue Bestimmungen für Juden: Verbot, arische Wäschereien zu benutzen. English: September 11, 1942 New decree for Jews: Ban on using Aryan laundries.

11. September 1942

#VictorKlemperer #Tagebücher #NS #Nationalsozialismus
#Faschismus #Antisemitismus #Shoah #Rassegesetze #Ausgrenzung

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15 4 0 0
16. August 1942

Vor zwanzig Jahren etwa, als Walter Jelski bei uns wohnte, sah Eva einen jüngeren Tänzer auftreten, für den sich Walter interessierte: Harald Kreutzberg. Jetzt war der Mann hier wieder einmal angezeigt, für heute nachmittag im »Theater des Volkes«. Eva sprach davon, ich bewog sie hinzugehen, und so hat sie eben jetzt, wie sie es nannte, »arischen Ausgang«. Wirklich ein Ereignis, das mir, das uns auf die Seele fällt. Ich musste ihr lange zureden. Seit bald vier Jahren von allen öffentlichen Veranstaltungen, Theater, Kino usw. ganz abgeschnitten. Die unendliche Armut unseres Zustandes! Eva muss ihre Exkursion geheimhalten, sonst
erregt sie zu heftigen Neid. Bin ich neidisch? Bestimmt nicht. Es hätte mich bedrückt, wenn sie nicht hingegangen wäre. Es fällt mir alles ein, was ich entbehre und vielleicht nie wieder haben werde.


English:

August 16, 1942

About twenty years ago, when Walter Jelski was living with us, Eva saw a young dancer, Harald Kreutzberg, perform, whom Walter found interesting. Now the man was announced here again, for this afternoon in the "Theater des Volkes" [Theater of the People]. Eva mentioned it, I persuaded her to go, and so she has just left, "on an Aryan pass," as she put it. Truly an event that weighs heavily on me, on us. It took me a long time to persuade her. Completely cut off from all public performances, theater, cinema, etc. The infinite poverty of our condition! Eva must keep her excursion secret, otherwise she will excite acute envy. Am I envious? Definitely not. I would have felt depressed, if she had not gone. All the things that I lack and perhaps shall never have again come to mind.

16. August 1942 Vor zwanzig Jahren etwa, als Walter Jelski bei uns wohnte, sah Eva einen jüngeren Tänzer auftreten, für den sich Walter interessierte: Harald Kreutzberg. Jetzt war der Mann hier wieder einmal angezeigt, für heute nachmittag im »Theater des Volkes«. Eva sprach davon, ich bewog sie hinzugehen, und so hat sie eben jetzt, wie sie es nannte, »arischen Ausgang«. Wirklich ein Ereignis, das mir, das uns auf die Seele fällt. Ich musste ihr lange zureden. Seit bald vier Jahren von allen öffentlichen Veranstaltungen, Theater, Kino usw. ganz abgeschnitten. Die unendliche Armut unseres Zustandes! Eva muss ihre Exkursion geheimhalten, sonst erregt sie zu heftigen Neid. Bin ich neidisch? Bestimmt nicht. Es hätte mich bedrückt, wenn sie nicht hingegangen wäre. Es fällt mir alles ein, was ich entbehre und vielleicht nie wieder haben werde. English: August 16, 1942 About twenty years ago, when Walter Jelski was living with us, Eva saw a young dancer, Harald Kreutzberg, perform, whom Walter found interesting. Now the man was announced here again, for this afternoon in the "Theater des Volkes" [Theater of the People]. Eva mentioned it, I persuaded her to go, and so she has just left, "on an Aryan pass," as she put it. Truly an event that weighs heavily on me, on us. It took me a long time to persuade her. Completely cut off from all public performances, theater, cinema, etc. The infinite poverty of our condition! Eva must keep her excursion secret, otherwise she will excite acute envy. Am I envious? Definitely not. I would have felt depressed, if she had not gone. All the things that I lack and perhaps shall never have again come to mind.

16. August 1942

#VictorKlemperer #Tagebücher #NS #Nationalsozialismus
#Faschismus #Antisemitismus #Shoah #Holocaust #Rassegesetze #Ausgrenzung #Kultur #EvaKlemperer

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14 5 1 0
6. Juli 1940

Neues Verbot für Juden, den Großen Garten und andere Parks zu betreten. 


English

July 6, 1940

New prohibition for Jews: Not allowed to enter the Great Garden and other parks.

6. Juli 1940 Neues Verbot für Juden, den Großen Garten und andere Parks zu betreten. English July 6, 1940 New prohibition for Jews: Not allowed to enter the Great Garden and other parks.

6. Juli 1940

#VictorKlemperer #Tagebücher #NS #Nationalsozialismus
#Faschismus #Antisemitismus #Shoah #Holocaust #Rassegesetze #Ausgrenzung #Dresden

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43 18 1 0
27. Juni 1942

Die beiden ersten dominierenden Tageseindrücke: 1) Ich krieche jämmerlich am Boden herum, um an das Regal hinter dem Flügel heranzukommen; ganz unten ist dort das Brot versteckt. 2) Ich friere am
offenen Fenster - Wärme ist bisher seltenste Ausnahme, ein einziger Tag war beinahe heiß - und denke im Frieren sofort: »Gut, denn es hemmt die Ernte, gut, denn ich kann im Mantel ausgehen und kann also den Anzug
unbesternt lassen.«


English:

June 27, 1942

The first dominant impressions of the day: 1) I crawl pitifully around on the floor to get at the shelves behind the piano; the bread is hidden right at the bottom. 2) I shiver at the open window - heat is a rare exception so far, a single day was almost hot — and as I shiver immediately think: "Good, because it harms the harvest, good, because I can go out in my coat and do not have to put the star on my suit."

27. Juni 1942 Die beiden ersten dominierenden Tageseindrücke: 1) Ich krieche jämmerlich am Boden herum, um an das Regal hinter dem Flügel heranzukommen; ganz unten ist dort das Brot versteckt. 2) Ich friere am offenen Fenster - Wärme ist bisher seltenste Ausnahme, ein einziger Tag war beinahe heiß - und denke im Frieren sofort: »Gut, denn es hemmt die Ernte, gut, denn ich kann im Mantel ausgehen und kann also den Anzug unbesternt lassen.« English: June 27, 1942 The first dominant impressions of the day: 1) I crawl pitifully around on the floor to get at the shelves behind the piano; the bread is hidden right at the bottom. 2) I shiver at the open window - heat is a rare exception so far, a single day was almost hot — and as I shiver immediately think: "Good, because it harms the harvest, good, because I can go out in my coat and do not have to put the star on my suit."

27. Juni 1942

#VictorKlemperer #Tagebücher #NS #Nationalsozialismus
#Faschismus #Antisemitismus #Shoah #Holocaust #Rassegesetze #Ausgrenzung #Repressalien

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13 4 1 0
26. Juni 1942

Bisher durften Juden im Arbeitseinsatz ihre Fahrräder behalten. Neueste Verordnung: Fahrräder sind nur zu behalten, wenn der Arbeiter einen längeren Weg als 7 km hat. Gleichzeitig: Wer noch die Tram benutzen darf (Arbeiter jenseits der 7 km-Grenze), darf nicht mehr Zwölferkarten oder Umsteigehefte lösen, sondern nur noch die teuren Einzelbillette.


English:

June 26, 1942

Until now Jews on labor service were allowed to keep their bicycles. Latest decree: Bicycles can be kept only if the worker has to travel more than 7 km. Simultaneously: Those still allowed to use the tram (workers beyond the 7 km limit) are no longer allowed to buy twelve-journey tickets or transfer tickets, but only the expensive single-journey tickets.

26. Juni 1942 Bisher durften Juden im Arbeitseinsatz ihre Fahrräder behalten. Neueste Verordnung: Fahrräder sind nur zu behalten, wenn der Arbeiter einen längeren Weg als 7 km hat. Gleichzeitig: Wer noch die Tram benutzen darf (Arbeiter jenseits der 7 km-Grenze), darf nicht mehr Zwölferkarten oder Umsteigehefte lösen, sondern nur noch die teuren Einzelbillette. English: June 26, 1942 Until now Jews on labor service were allowed to keep their bicycles. Latest decree: Bicycles can be kept only if the worker has to travel more than 7 km. Simultaneously: Those still allowed to use the tram (workers beyond the 7 km limit) are no longer allowed to buy twelve-journey tickets or transfer tickets, but only the expensive single-journey tickets.

26. Juni 1942

#VictorKlemperer #Tagebücher #NS #Nationalsozialismus
#Faschismus #Antisemitismus #Shoah #Holocaust #Rassegesetze #Ausgrenzung #Repressalien

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15 8 1 0
17. Juni 1943

Die von der Firma ausgestellten Arbeitsausweise, auf denen die Sondereinkaufszeit angegeben war, wurden neulich zurückverlangt. Man hat die Sonderzeit gestrichen, die arischen Frauen sollen einkaufen, die jüdischen Männer noch isolierter sein als vorher.


English:

June 17, 1943

The work passes issued by the company, which stated our special shopping hours, have recently been reclaimed. The special times have been cancelled; the Aryan wives should do the shopping, the Jewish men be even more isolated than before.

17. Juni 1943 Die von der Firma ausgestellten Arbeitsausweise, auf denen die Sondereinkaufszeit angegeben war, wurden neulich zurückverlangt. Man hat die Sonderzeit gestrichen, die arischen Frauen sollen einkaufen, die jüdischen Männer noch isolierter sein als vorher. English: June 17, 1943 The work passes issued by the company, which stated our special shopping hours, have recently been reclaimed. The special times have been cancelled; the Aryan wives should do the shopping, the Jewish men be even more isolated than before.

17. Juni 1943

#VictorKlemperer #Tagebücher #NS #Nationalsozialismus
#Faschismus #Antisemitismus #Shoah #Holocaust #Rassegesetze #Diskriminierung #Isolierung #Ausgrenzung

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12 3 0 0
19. Mai 1942

Ich schleppte mit schweren Schlundschmerzen 30 Pfund Kartoffeln von unserm Wagenhändler am Wasaplatz her. Als dort der Mann meine Karte schon in der Hand hatte, trat von hinten ein junges Weibsbild, blondgefärbt, mit gefährlich borniertem Gesicht, heran, etwa die Frau
eines Kramhändlers: »Ich war eher hier - der Jude soll warten.« Jentzsch bediente sie gehorsam, und der Jude wartete. Jetzt ist es gegen sieben Uhr, und die nächsten zwei Stunden wartet der Jude wieder auf die (meist am Abend stattfindende) Haussuchung.

19. Mai 1942 Ich schleppte mit schweren Schlundschmerzen 30 Pfund Kartoffeln von unserm Wagenhändler am Wasaplatz her. Als dort der Mann meine Karte schon in der Hand hatte, trat von hinten ein junges Weibsbild, blondgefärbt, mit gefährlich borniertem Gesicht, heran, etwa die Frau eines Kramhändlers: »Ich war eher hier - der Jude soll warten.« Jentzsch bediente sie gehorsam, und der Jude wartete. Jetzt ist es gegen sieben Uhr, und die nächsten zwei Stunden wartet der Jude wieder auf die (meist am Abend stattfindende) Haussuchung.

19. Mai 1942

#VictorKlemperer #Tagebücher #NS #Nationalsozialismus
#Faschismus #Antisemitismus #Shoah #Holocaust #Rassegesetze #Ausgrenzung #Mangel #Kriegswirtschaft #Hunger #Haussuchung

44 14 0 1
18. Mai 1942

Wir brachten Seliksohns, von denen wir Kartoffeln erhofften - diesmal leider vergeblich -, Spargel mit, 175 Gramm. Eva trug sie, denn es ist rein arisches Gemüse und brächte einen jüdischen Träger auf die Gestapo und ins Gefängnis.

18. Mai 1942 Wir brachten Seliksohns, von denen wir Kartoffeln erhofften - diesmal leider vergeblich -, Spargel mit, 175 Gramm. Eva trug sie, denn es ist rein arisches Gemüse und brächte einen jüdischen Träger auf die Gestapo und ins Gefängnis.

18. Mai 1942

#VictorKlemperer #Tagebücher #NS #Nationalsozialismus
#Faschismus #Antisemitismus #Shoah #Holocaust #Rassegesetze

31 8 0 1
4. Mai 1943

Die erste feiertagslose Vollwoche der Tagesschicht hat begonnen. Der Saal ist leerer geworden - zwei Leute tot, einer abkommandiert, sonst
alles wie vor der Nachtwoche. Ganz doch nicht. Das Radio wird nicht eingestellt - man erwartet Betriebsbesichtigung durch Gestapo, da wäre
Radio im Judensaal Todsunde. Erst nach neun Uhr abends bringt es der arische Meister in Gang. Der darf.

4. Mai 1943 Die erste feiertagslose Vollwoche der Tagesschicht hat begonnen. Der Saal ist leerer geworden - zwei Leute tot, einer abkommandiert, sonst alles wie vor der Nachtwoche. Ganz doch nicht. Das Radio wird nicht eingestellt - man erwartet Betriebsbesichtigung durch Gestapo, da wäre Radio im Judensaal Todsunde. Erst nach neun Uhr abends bringt es der arische Meister in Gang. Der darf.

4. Mai 1943

#VictorKlemperer #Tagebücher #NS #Nationalsozialismus
#Faschismus #Antisemitismus #Shoah #Holocaust #Rassegesetze #Rundfunk

22 8 0 0
11. April 1942

Neue Bestimmungen in judaeos: 1) Vom 15. April ab wird jede Wohnung durch einen Judenstern an der Außentür kenntlich gemacht. 2) Auch auf dem Weg zur Arbeit dürfen Juden die Tram nur dann noch benutzen, wenn die Entfernung von Wohnung zur Arbeitsstätte in Dresden mehr als fünf, in Berlin mehr als sieben Kilometer beträgt.

11. April 1942 Neue Bestimmungen in judaeos: 1) Vom 15. April ab wird jede Wohnung durch einen Judenstern an der Außentür kenntlich gemacht. 2) Auch auf dem Weg zur Arbeit dürfen Juden die Tram nur dann noch benutzen, wenn die Entfernung von Wohnung zur Arbeitsstätte in Dresden mehr als fünf, in Berlin mehr als sieben Kilometer beträgt.

11. April 1942

#VictorKlemperer #Tagebücher #NS #Nationalsozialismus
#Faschismus #Antisemitismus #Shoah #Holocaust #Rassegesetze #Ausgrenzung #Diskriminierung #Stigma

22 10 0 0
2. April 1942

Verbot für Juden, den Bahnhof zu betreten; Verbot, arische Handwerker »zu persönlichem Bedarf« in Anspruch zu nehmen. (Der Schuster in der jüdischen Kleiderkammer soll aber evakuiert sein. Wohin also mit dem zerrissenen Schuhzeug? Es gibt mehr solcher Fragezeichen. Unsere Wäsche türmt sich hier seit Dezember auf. Unser Staubsauger ist entzwei.)

2. April 1942 Verbot für Juden, den Bahnhof zu betreten; Verbot, arische Handwerker »zu persönlichem Bedarf« in Anspruch zu nehmen. (Der Schuster in der jüdischen Kleiderkammer soll aber evakuiert sein. Wohin also mit dem zerrissenen Schuhzeug? Es gibt mehr solcher Fragezeichen. Unsere Wäsche türmt sich hier seit Dezember auf. Unser Staubsauger ist entzwei.)

2. April 1942

#VictorKlemperer #Tagebücher #NS #Nationalsozialismus
#Faschismus #Antisemitismus #Shoah #Holocaust #Verbote #Rassegesetze #Diskriminierung #Ausgrenzung

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9. Februar 1935

Heute hat man Blumenfeld ohne Begründung die Venia [anm.: Lehrerlaubnis] entzogen. Heut ist Max Liebermann gestorben und erhält als Leichenrede einen Fußtritt. Überschätzte rationalistische und französische Kunst. Der Nationalsozialismus hat damit aufgeräumt. Heute ist Göring zu »Staatsbesuch« in Dresden. Anordnung: Alle Dienstgebäude flaggen drei (!) Tage, bis Montagabend; die Bevölkerung wird aufgefordert. In den Straßen sehe ich viele, hier wenige Fahnen. Wenn morgen die ganze Straße flaggt, muss ich es auch tun.

9. Februar 1935 Heute hat man Blumenfeld ohne Begründung die Venia [anm.: Lehrerlaubnis] entzogen. Heut ist Max Liebermann gestorben und erhält als Leichenrede einen Fußtritt. Überschätzte rationalistische und französische Kunst. Der Nationalsozialismus hat damit aufgeräumt. Heute ist Göring zu »Staatsbesuch« in Dresden. Anordnung: Alle Dienstgebäude flaggen drei (!) Tage, bis Montagabend; die Bevölkerung wird aufgefordert. In den Straßen sehe ich viele, hier wenige Fahnen. Wenn morgen die ganze Straße flaggt, muss ich es auch tun.

9. Februar 1935

#VictorKlemperer #Tagebücher #NS #Nationalsozialismus
#Faschismus #Antisemitismus #Shoah #Holocaust #Goering #Rassegesetze #Berufsverbot #Antiintellektualismus

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22. Dezember 1941

Gestern Verfügungen - Paul Kreidl bringt sie herauf, Rundschreiben der Gemeinde, Unterschrift nötig: 1) Verbot, von öffentlichen Fernsprechstellen zu telefonieren. (Privates Telefon ist uns längst genommen.) 2) Ausgehverbot für alle Juden am Morgen des 24. Dezember bis zum 1. Januar, »da ein herausforderndes Verhalten eines Juden in der Öffentlichkeit Empörung hervorgerufen hat.« Freigegeben ist nur die Einkaufsstunde drei bis vier (Sonnabend zwölf bis eins); vier von den acht Tagen (die Weihnachtstage, Neujahr und
Sonntag) sind also vollkommene Hafttage. - Der »empörende« eine Fall soll dieser gewesen sein (Berichte übereinstimmend und einwandfrei). Einem älteren Herrn wird von einer Nazicke zugerufen: »Gehen Sie vom Trottoir herunter, Jude!« Er lehnt das ab, er habe
Anrecht auf den Bürgersteig. Er wird »zur Befragung« auf die Gestapo bestellt und in Haft gesetzt.

22. Dezember 1941 Gestern Verfügungen - Paul Kreidl bringt sie herauf, Rundschreiben der Gemeinde, Unterschrift nötig: 1) Verbot, von öffentlichen Fernsprechstellen zu telefonieren. (Privates Telefon ist uns längst genommen.) 2) Ausgehverbot für alle Juden am Morgen des 24. Dezember bis zum 1. Januar, »da ein herausforderndes Verhalten eines Juden in der Öffentlichkeit Empörung hervorgerufen hat.« Freigegeben ist nur die Einkaufsstunde drei bis vier (Sonnabend zwölf bis eins); vier von den acht Tagen (die Weihnachtstage, Neujahr und Sonntag) sind also vollkommene Hafttage. - Der »empörende« eine Fall soll dieser gewesen sein (Berichte übereinstimmend und einwandfrei). Einem älteren Herrn wird von einer Nazicke zugerufen: »Gehen Sie vom Trottoir herunter, Jude!« Er lehnt das ab, er habe Anrecht auf den Bürgersteig. Er wird »zur Befragung« auf die Gestapo bestellt und in Haft gesetzt.

22. Dezember 1941

#VictorKlemperer #Tagebücher #NS #Nationalsozialismus #Faschismus #Antisemitismus #Shoah #Holocaust #Rassegesetze #Gestapo #Weihnachten

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21. Dezember 1943

Neue Talmudfrage, aber lebensgefährliche. Es ist Vorschrift für Juden, nur den Vorderperron der Elektrischen zu benutzen, das Innere des
Wagens nicht zu betreten. Seit vorgestern tragen die Bahnen große Aufschrift neuer Verkehrsregelung: Nur vorn Aufstieg. Nur hinten Ausstieg. Welchem Gebot soll der Jude nun beim Absteigen folgen? Jede Gebotsüberschreitung kostet ihn, via Gefängnis und Lager, das Leben. Die Frage wird leidenschaftlich erörtert; ihre Entscheidung werde ich notieren.

21. Dezember 1943 Neue Talmudfrage, aber lebensgefährliche. Es ist Vorschrift für Juden, nur den Vorderperron der Elektrischen zu benutzen, das Innere des Wagens nicht zu betreten. Seit vorgestern tragen die Bahnen große Aufschrift neuer Verkehrsregelung: Nur vorn Aufstieg. Nur hinten Ausstieg. Welchem Gebot soll der Jude nun beim Absteigen folgen? Jede Gebotsüberschreitung kostet ihn, via Gefängnis und Lager, das Leben. Die Frage wird leidenschaftlich erörtert; ihre Entscheidung werde ich notieren.

21. Dezember 1943

#VictorKlemperer #Tagebücher #NS #Nationalsozialismus #Faschismus #Antisemitismus #Shoah #Holocaust #Rassegesetze #Willkür

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19.12.42

Eva unterrichtet jetzt manchmal Herbert Eisenmann, und er ist oft - so eben jetzt - zum Üben hier oben. Dann erzählt er. Er und sein Vater arbeiten bei Zeiss-Ikon. Der Vater als »Einsteller« hat festen Stundenlohn, kommt auf etwa 150 Mark im Monat. Herbert arbeitet im Akkord im »Kindergarten«, der Jugendlichen-Abteilung (16-24 Jahre). Präzisionsarbeit an winzigen Teilchen, die nur mit der Lupe deutlich werden, schärfstes Sehen erforderlich. Partikeln für Messapparate der Marineflak. Herbert Eisenmann hat es im Akkord bei acht Stunden schon auf 320 Mark gebracht. Jetzt hat man dem jüdischen Akkord eine Höchstgrenze gesetzt. Man treibt die Leute zu maximalen Leistungen - wenn sie sich nicht bewähren, droht Polen - und bezahlt sie geringer als die Arier. »Irgendein Verkürzungsfaktor wird eingesetzt. Man rechnet mir 320 Mark als Ergebnis vor und zahlt 220 aus.« Welche vielfache Unsittlichkeit in dem ganzen Zustand!

19.12.42 Eva unterrichtet jetzt manchmal Herbert Eisenmann, und er ist oft - so eben jetzt - zum Üben hier oben. Dann erzählt er. Er und sein Vater arbeiten bei Zeiss-Ikon. Der Vater als »Einsteller« hat festen Stundenlohn, kommt auf etwa 150 Mark im Monat. Herbert arbeitet im Akkord im »Kindergarten«, der Jugendlichen-Abteilung (16-24 Jahre). Präzisionsarbeit an winzigen Teilchen, die nur mit der Lupe deutlich werden, schärfstes Sehen erforderlich. Partikeln für Messapparate der Marineflak. Herbert Eisenmann hat es im Akkord bei acht Stunden schon auf 320 Mark gebracht. Jetzt hat man dem jüdischen Akkord eine Höchstgrenze gesetzt. Man treibt die Leute zu maximalen Leistungen - wenn sie sich nicht bewähren, droht Polen - und bezahlt sie geringer als die Arier. »Irgendein Verkürzungsfaktor wird eingesetzt. Man rechnet mir 320 Mark als Ergebnis vor und zahlt 220 aus.« Welche vielfache Unsittlichkeit in dem ganzen Zustand!

19. Dezember 1942

#VictorKlemperer #Tagebücher #NS #Nationalsozialismus #Faschismus #Antisemitismus #Shoah #Holocaust #Zeiss #Zwangsarbeit #Arbeitsdienst #Rassegesetze #Ausbeutung

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13. Dezember 1943

Ich reinigte die Brettchen meines Aktenschrankes für eigene Drucksachen. Wie stolz war ich in den Jahren 1905-1912, als er sich
füllte. Ich glaubte, diese Aufsätze enthielten meine Dauer. Makulatur! Mir selbst entfallen. Ist es anders mit den Büchern, die ich danach
schrieb? Der »berühmte« Romanist ist jetzt Fabrikarbeiter, nein »Hilfsarbeiter« auf der Steuerkarte. - In meinem Exemplar von Vosslers »Lafontaine« steht: »zum 13.12.1919. Tag meiner Berufung nach Dresden.« Am 13.12.1943 werde ich ins jüdische Gemeindehaus »umgesiedelt«.

Drittes Judenhaus: Zeughausstraße 1!!

13. Dezember 1943 Ich reinigte die Brettchen meines Aktenschrankes für eigene Drucksachen. Wie stolz war ich in den Jahren 1905-1912, als er sich füllte. Ich glaubte, diese Aufsätze enthielten meine Dauer. Makulatur! Mir selbst entfallen. Ist es anders mit den Büchern, die ich danach schrieb? Der »berühmte« Romanist ist jetzt Fabrikarbeiter, nein »Hilfsarbeiter« auf der Steuerkarte. - In meinem Exemplar von Vosslers »Lafontaine« steht: »zum 13.12.1919. Tag meiner Berufung nach Dresden.« Am 13.12.1943 werde ich ins jüdische Gemeindehaus »umgesiedelt«. Drittes Judenhaus: Zeughausstraße 1!!

13. Dezember 1943

#VictorKlemperer #Tagebücher #NS #Nationalsozialismus #Faschismus #Antisemitismus #Shoah #Holocaust #Ghetto #Judenhaus #Ausgrenzung #Rassegesetze #Zwangsumsiedelung #Enteignung #Dresden

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11. Dezember 1943

Häufiges Gesprächs- und Zwistthema beim Essen in der Fabrik: dass die Privilegierten sich ängstlich von den Besternten absondern. Ich kann es ihnen nicht verdenken. Habe ich den Fall Garnmann notiert? Seine arische Frau brach auf der Straße zusammen und starb im
Krankenhaus. Er hatte Mühe, Erlaubnis zu bekommen, dass er bei der Beerdigung den Friedhof betreten durfte. Er ist jetzt nach Theresienstadt abgeschoben worden.

11. Dezember 1943 Häufiges Gesprächs- und Zwistthema beim Essen in der Fabrik: dass die Privilegierten sich ängstlich von den Besternten absondern. Ich kann es ihnen nicht verdenken. Habe ich den Fall Garnmann notiert? Seine arische Frau brach auf der Straße zusammen und starb im Krankenhaus. Er hatte Mühe, Erlaubnis zu bekommen, dass er bei der Beerdigung den Friedhof betreten durfte. Er ist jetzt nach Theresienstadt abgeschoben worden.

11. Dezember 1943

#VictorKlemperer #Tagebücher #NS #Nationalsozialismus #Faschismus #Antisemitismus #Shoah #Holocaust #Rassegesetze #Thersienstadt #Deportation #KZ #Konzentrationslager

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9. Dezember 1939

Ich war am Montag im jüdischen Gemeindehaus, Zeughausstraße 3, neben der abgebrannten und abgetragenen Synagoge, um meine Steuer und Winterhilfe zu zahlen. Großes Treiben: Von den Lebensmittelkarten wurden die Marken für Pfefferkuchen und Schokolade abgeschnitten: »zugunsten derer, die Angehörige im Felde haben«. Auch mussten die Kleiderkarten abgegeben werden: Juden erhalten Kleidung nur auf Sonderantrag bei der Gemeinde. Das waren so die kleinen Unannehmlichkeiten, die nicht mehr zählen. Dann wollte mich der anwesende Parteibeamte sprechen: »Wir hätten Sie sowieso dieser Tage benachrichtigt, bis zum 1. April müssen Sie Ihr Haus verlassen; Sie können es verkaufen, vermieten, leerstehen lassen: Ihre Sache, nur müssen Sie heraus; es steht Ihnen ein Zimmer zu. Da Ihre Frau arisch ist, wird man Ihnen nach Möglichkeit zwei Zimmer zuweisen.« Der Mann war gar nicht unhöflich, er sah auch durchaus ein, in welche Not wir gebracht werden, ohne dass irgendeiner einen Vorteil davon hat - die sadistische Maschine geht eben über uns weg.

9. Dezember 1939 Ich war am Montag im jüdischen Gemeindehaus, Zeughausstraße 3, neben der abgebrannten und abgetragenen Synagoge, um meine Steuer und Winterhilfe zu zahlen. Großes Treiben: Von den Lebensmittelkarten wurden die Marken für Pfefferkuchen und Schokolade abgeschnitten: »zugunsten derer, die Angehörige im Felde haben«. Auch mussten die Kleiderkarten abgegeben werden: Juden erhalten Kleidung nur auf Sonderantrag bei der Gemeinde. Das waren so die kleinen Unannehmlichkeiten, die nicht mehr zählen. Dann wollte mich der anwesende Parteibeamte sprechen: »Wir hätten Sie sowieso dieser Tage benachrichtigt, bis zum 1. April müssen Sie Ihr Haus verlassen; Sie können es verkaufen, vermieten, leerstehen lassen: Ihre Sache, nur müssen Sie heraus; es steht Ihnen ein Zimmer zu. Da Ihre Frau arisch ist, wird man Ihnen nach Möglichkeit zwei Zimmer zuweisen.« Der Mann war gar nicht unhöflich, er sah auch durchaus ein, in welche Not wir gebracht werden, ohne dass irgendeiner einen Vorteil davon hat - die sadistische Maschine geht eben über uns weg.

9. Dezember 1939

#VictorKlemperer #Tagebücher #NS #Nationalsozialismus #Faschismus #Antisemitismus #Shoah #Holocaust #Rationierung #Rassegesetze #Enteignung #Vertreibung

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